BMW Vision Neue Klasse X: Der Einstieg in die elektrische Zukunft

Setzt man sich ins Showcar des Vision X, fällt der erste Blick auf die Projektion im unteren Bereich der Windschutzscheibe, die über die volle Breite geht. Panoramic Vision nennt BMW die Anzeigeleiste am Übergang vom Armaturenbrett zur Windschutzscheibe. Dabei ist dieser Bereich ein Stück unterhalb der Motorhaube platziert, so dass man auch bei Tageslicht die Anzeigen gut erkennen kann.
Die Türen des Show Cars öffnet man über rechtwinkelig herausstehende Türgriffe. Der Innenraum wirkt aufgrund der Stoffauswahl wie ein Wohnzimmer. Auf der Rückbank liegen zwei Kissen. Das große Glas-Panoramadach sorgt für eine Wohlfühlatmosphäre. Der Eindruck wird noch verstärkt, da dem Show Car etliche Elemente eines Autos fehlen.
Es fehlen Sicherheitsgurte und Scheibenwischer. Im Inneren gibt es kaum Staufächer. Die Knöpfe für die Fenster und zum Verstellen der Außenspiegel fehlen. Der Vision X hat Kameras statt Spiegel. Doch im Gespräch mit einem Interieur-Designer wird deutlich, die Serienfahrzeuge haben mit hoher Wahrscheinlichkeit klassische Spiegel. Die Halterung des Rückspiegels auf der Frontscheibe wirkt wie ein Klebehandtuchhalter aus dem Baumarkt.
Sechs Elemente in der Panoramic Vision
Das wesentliche Steuerungselement neben den Knöpfen am Lenkrad ist der Bildschirm in der Mitte des Armaturenbretts. Fahrer und Beifahrer erreichen aus ihrer Sitzposition das Touch-Display, ohne sich vorbeugen zu müssen. Von hier wischt man Elemente nach oben, so dass sie in der Panoramic Vision erscheinen. Die Projektion über die volle Breite ist in sechs Bereiche unterteilt. Die Insassen bestimmen, was sie dort sehen möchten: Tempo, Reichweite, Navigation oder Titelanzeige der Musik. Der Fahrer hat zusätzlich die Angaben eines 3D-Head-up-Displays im Blick.


















Das Layout des Bildschirms orientiert sich am OS 9 von BMW, wie es bereits im iX2 zum Einsatz kommt. Die dargestellten Farben eines Fahrmodus auf dem Bildschirm werden vom Ambient-Licht als auch den hinterleuchteten Textiloberflächen übernommen. Mit dem sogenannten Hypersonx-Wheel wählen Insassen ihren Wunschsound, der beim Fahren im Innenraum zu hören ist.
Nachhaltigkeit im Autobau
Das BMW-Logo ist beim Show Car nicht aufgeklebt, sondern direkt ins Metall gefräst. An den Radkästen gibt es keine Kunststoffeinfassungen. Auch bei der Türinnenverkleidung erkennt man eine Reduktion bei der Materialauswahl. Je weniger unterschiedliche Materialien in einem Bauteil kombiniert werden, desto besser lässt es sich recyceln. BMW spricht bei der Neuen Klasse vom Dreiklang aus elektrisch, digital und zirkulär. So betont BMW-Chef Oliver Zipse den Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft der Rohstoffe. "Nur so lasse sich der CO2-Fussabdruck eines Fahrzeugs nachhaltig senken" , sagt Zipse.
Doch viele andere Neuheiten sind bei der Neuen Klasse unsichtbar.
Erste reine Elektroplattform von BMW
Mit der Neuen Klasse führt BMW erstmals eine Plattform ein, die ausschließlich auf Elektroantrieb ausgelegt ist. Auch die elektrisch-elektronische Architektur wurde komplett überarbeitet und entspricht dem Ansatz eines Software Defined Vehicles. Statt vieler einzelner Steuergeräte mit eigener Firmware übernimmt ein zentraler Rechner die Steuerung von Motor, Bremsen, Fahrwerkseinstellungen und Fahrassistenten.
Bei der Neuen Klasse wagt BMW noch nicht den Schritt zu einem einzelnen Hochleistungsrechner. Die Aufgaben werden auf vier Domain Controller verteilt, die BMW-Chef Zipse Superhirne nennt. Einer dieser Rechner ist eine BMW-Eigenentwicklung. Er kombiniert die Steuerung der Antriebs- und Fahrdynamik. Dabei sind alle Funktionen von Beschleunigung, Lenkung, Bremse und Rekuperation in einem Software-Stack gebündelt.
Geringere Latenzen
Der Vorteil ist eine geringe Latenz, da die Daten nicht mehr über ein Bus-System von Steuergerät zu Steuergerät geschickt werden. "Unser Superhirn verarbeitet Daten zehnmal schneller, als es bislang der Fall ist" , sagt Entwicklungschef Frank Weber. Zudem spart man rund 30 Prozent beim Gewicht im Vergleich zu bisherigen Kabelbäumen. BMW-Chef Zipse spricht beim Domain Controller vom Heart of Joy.
Es ist eine Anspielung auf den Claim "Freude am Fahren" . Auch mit dem Vision X soll der Kunde Fahrspaß erleben. Die X-Serie feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Es ist eine der volumenstärksten Modellreihen im Fahrzeugprogramm. In diesem Jahr wird es eine Aktualisierung des X3 geben. Weil das Modell so wichtig für den Hersteller ist, dient es vermutlich als Vorlage für das Show Car Vision X.
Parken mit Level 4
Ein weiterer Domain Controller wird in Kooperation mit dem französischen Zulieferer Valeo entwickelt. Er übernimmt die Steuerung der Fahrassistenzsysteme (ADAS) und arbeitet mit einem Qualcomm Snapdragon-Chip. Der Rechner unterstützt Level 3-Fahrfunktionen oberhalb von 60 km/h.
Gleichzeitig entwickelt BMW zusammen mit Valeo eine Level 4-Parkfunktion. Damit kann das Fahrzeug vollständig ohne Fahrer eine Parklücke ansteuern. Welche Aufgaben die beiden übrigen Domain Controller übernehmen, verrät BMW noch nicht. Mit der neuen Architektur ließen sich bis zu vier E-Motoren separat steuern. Die könnten an der Achse oder in der Radnabe sitzen. Mit diesen Optionen stelle man sich zukunftssicher auf, heißt es bei BMW. Ebenfalls unsichtbar für die Kunden bleibt ein Wechsel des Batterieformats.
Bidirektionales Laden wird Standard
In der Neuen Klasse setzt BMW erstmals auf Rundzellen in zwei Größen mit 46 Millimetern Durchmesser. Damit erreicht man eine 20 Prozent höhere volumetrische Energiedichte. Bei dem 800-Volt-Batteriesystem werden 300 km Reichweite in zehn Minuten nachgeladen. Genaue Ladeleistungen kommuniziert der Hersteller nicht. Sie dürften jedoch im Bereich von 270 kW liegen.
Mit der Neuen Klasse hält auch bidirektionales Laden Einzug bei BMW(öffnet im neuen Fenster) . Die Fahrzeuge können Strom an den Haushalt, das öffentliche Stromnetz oder externe Geräte, beispielsweise das E-Bike (V2L) abgeben. Details zur Umsetzung bleibt BMW schuldig. Vermutlich wird die Stromabgabe ins Haus über eine Wechselstrom-Wallbox realisiert. Bei der V2L-Funktion erfolgt es zwingend über einen AC-Adapter.
2027 Ende der Verbrennerproduktion
Die Zellchemie in den Rundzellen entwickelt BMW in seinem eigenen Kompetenzzentrum, beauftragt jedoch Zellproduzenten mit der Fertigung. Die Montage der Zellen zu einem Batteriepaket erfolgt für die deutschen Werke im niederbayrischen Irlbach-Straßkirchen.
Die Produktion der Neuen Klasse startet im Münchner Stammwerk 2026 mit der bereits vorgestellten Limousine (interne Bezeichnung NA0). Schon ein Jahr später sollen in München nur noch E-Autos produziert werden. Dann endet für BMW eine 75-jährige Ära der Verbrennungsfahrzeuge. 1952 lief der "Barockengel" BMW 501 als erstes Auto hier vom Band. Zuvor wurden Motorräder und Flugzeugmotoren produziert.
Das zeigt, eine Automarke muss nicht in alle Ewigkeit bei einem Produkt oder einer Antriebstechnik verharren. Schon heute ist jedes zweite in München produzierte Fahrzeug ein E-Auto. Noch vor 2030 will BMW-Chef Zipse die Marke von 50 Prozent beim Gesamtabsatz erreichen. Gleichzeitig sprach Zipse bei der Präsentation des Jahresergebnisses für 2023 davon, dass Wasserstoff im Pkw mittel- bis langfristig eine Option bleibe.
Neue Produktion in Ungarn
Aktuell ist BMW unter den Premium-Marken der erfolgreichste deutsche E-Autohersteller mit 376.000 verkauften Fahrzeugen im Jahr 2023 (15 Prozent Anteil). Bei Mercedes-Benz waren es 222.000 (11 Prozent) und bei Audi 178.000 (9 Prozent).
Um bei der Neuen Klasse auf große Stückzahlen zu kommen, hat BMW im ungarischen Debrecen ein neues Werk errichtet. Hier läuft bereits seit März 2023 die Fertigung des Vision X – zumindest digital. Die gesamte Produktionsanlage wird als digitaler Zwilling betrieben und optimiert. In der zweiten Jahreshälfte 2025 startet die physische Fertigung des SUV, den BMW SAV (Sports Activity Vehicle) nennt. Der Vision X nutzt den X3 als Vorlage, doch ob das Modell später iX3 heißt, ist unklar. BMW-intern wird das SAV als NA5 bezeichnet.
Sechs Modelle vorgesehen
BMW plant mit insgesamt sechs Modellen der Neuen Klasse, die spätestens 24 Monate nach Produktionsstart in Debrecen verfügbar sein werden. Die Limousine wird später auch in Mexiko sowie China gefertigt. Für den chinesischen Markt ist eine Version des iX3 mit längerem Radstand eingeplant.
Vom iX3 dürfte es auch eine Coupé-Version geben (NA7), doch der Produktionsstandort ist noch offen. In München könnte eine Kombi-Version (NA1) der Limousine vom Band laufen. Für das Werk in Regensburg, wo derzeit X1 und X2 produziert werden, soll eine Kompaktversion als Pendant zum heutigen iX1 kommen (NB5). Für die Oberklassemodelle der 5er und 7er-Reihe gibt es bislang keine Pendants in der Neuen Klasse.
Neue Klasse sicherte BMW das Überleben
Auch bei der ersten Auflage der Neuen Klasse standen Mittelklasse-Autos im Fokus. Ende der 1950er Jahre geriet BMW in finanziell schwierige Zeiten, da die Modellpalette vor allem aus Kleinwagen wie der Isetta sowie den Baureihen 600 / 700 bestand. Am anderen Ende standen die Baureihen 501, 502 und 503. Doch wirkten die großen Limousinen 501 und 502 mit dem Beinamen "Barockengel" ein wenig aus der Zeit gefallen.
Zum Glück für BMW wurde auf der IAA 1961 in Frankfurt der 1500 ein großer Erfolg. Presse und Besucher waren vom viertürigen Auto mit Haifischschnauze angetan. Die runden Scheinwerfer sowie die senkrecht stehende Doppelniere als weiterer Lufteinlass neben den waagerechten Einlässen trafen den Geschmack der Zeit. Gleiches gilt für den Übergang der C-Säule in die Karosserie. Sie wurde aus Stabilitätsgründen nicht rund ausgeführt, sondern als Knick.


















Der Hofmeisterknick, benannt nach dem Fahrzeugdesigner Wilhelm Hofmeister, ist bis heute charakteristisch für BMW-Modelle. Das Auto bot mit 1.500 Kubikzentimetern Hubraum eine ordentliche Motorleistung und so hatte man auch gleich eine Modellbezeichnung. BMW baute eine neue Fertigungshalle in München und stellte 3.000 Mitarbeiter ein. In den zehn Jahren von 1962 bis 1972 stieg der Umsatz mit Fahrzeugen um mehr als das Siebenfache. In dieser Zeit wurden knapp 340.000 Autos der Modellreihen 1500 bis 1800 verkauft. Die Neue Klasse holte BMW aus den wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
Wohnzimmer-Look
Die heutige Limousine der Neuen Klasse ist eine Neuinterpretation des BMW 1500. Während man bei ihr auf die typische Niere verzichtet, ist sie beim Vision X Teil des Tagfahrlichtes. Licht statt Chrom lautet die Devise. Die senkrecht stehende Doppelniere wirkt groß. Sie soll die "aufrechte Erscheinung" des SAV verdeutlichen, so Designer Adrian van Hooydonk.
Als traditionsbewusstes Unternehmen verzichten die Bayern beim Vision X nicht auf den typischen Hofmeisterknick. Doch statt einer Chromeinfassung ist der Knick als Druck auf der hinteren Scheibe angebracht. Je nach Blickwinkel wirkt er transparent oder reflektierend.
Offenlegung: Die Reisekosten nach Lissabon und die Übernachtung wurden vom Hersteller übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter .