BMW: Ein Parkplatz als virtuelle Rennstrecke

Der sogenannte Vierzylinder, die BMW-Zentrale in München, fällt in der virtuellen Welt deutlich höher aus. Doch ich muss meinen Blick von dem Gebäude auf die Straße lenken, um alle Münzen entlang der Rennstrecke zu erwischen und durch die richtigen Tore zu fahren.
Was sich wie ein Spiel anhört, ist eigentlich Realität. Ich sitze in der Neuauflage des BMW M2 Coupé und fahre über einen abgesperrten Parkplatz mit Blick auf den Fluss Tejo in Lissabon. Doch die Aussicht kann ich gar nicht genießen. Auf meinem Kopf sitzt eine VR-Brille, die mich auf eine virtuelle Rennstrecke versetzt. Zum Websummit zeigt BMW M eine Mixed-Reality-Anwendung.
Seekrank mit VR-Brille
"Die größte Herausforderung ist, dass der Fahrer keine Übelkeit verspürt," sagt Alexander Kuttner, Project Lead Digital Driving bei BMW M. Viele Menschen werden in der virtuellen Welt seekrank. Sobald das Innenohr eine körperliche Bewegung ans Gehirn meldet, die die Augen nicht nachvollziehen, wird vielen schlecht. Man spricht auch von Motion Sickness.
Diesen Effekt will man bei VR-Anwendungen verhindern, ansonsten ist ein Durchbruch in den Massenmarkt eher unwahrscheinlich. Holoride, ein aus Audi hervorgegangenes Unternehmen, arbeitet mit Bewegungsdaten des Fahrzeugs und bindet sie ins VR-Spielgeschehen ein . Allerdings ist diese Anwendung in erster Linie für Mitfahrer gedacht.
Bei BMW hat der Fahrer eine Varjo-Brille auf. Kameralinsen auf der Front der Brille erfassen das Armaturenbrett. So sieht man während der Fahrt durch virtuelle Welten das Lenkrad und damit auch Lenkbewegungen. Sensoren im Fahrzeug übermitteln Position und Bewegungen des Autos auf drei Achsen an einen Gaming-PC im Kofferraum. Er kombiniert die echten Fahrdaten mit der virtuellen Rennstrecke.











Beschleunigung oder eine Kurve werden ohne spürbare Verzögerung in der Brille dargestellt. So entsteht keine Differenz zwischen optischem und körperlichem Eindruck der Fahrt. Die virtuelle Rennstrecke entsteht mithilfe der Unreal Engine von Epic Games. Mehr technische Details mag Kuttner nicht verraten: "Ein Magier verrät auch keine Tricks."
Keine Angst vor Kollisionen
Spätestens bei der dritten Runde überwiegt der Ehrgeiz, die Rundenzeit zu verbessern. Die Angst, mit dem Wagen irgendwo gegenzufahren, ist komplett gewichen. Doch zur Sicherheit hat der Begleiter auf dem Beifahrersitz ein eigenes Bremspedal. Schließlich ist der 338 kW (460 PS) starke Sportwagen in 4,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Selbst nach sportlich gefahrenen 180-Grad-Kehren verspüre ich keine Übelkeit.
Auch leichte Bodenwellen auf dem Parkplatz, die ich während der Fahrt spüre, aber auf der virtuellen Rennstrecke nicht sehe, führen nicht zu Schwindelgefühlen. Als Brillenträger ist lediglich das Tragen einer VR-Brille für längere Zeit anstrengend. "Die Technik wird besser werden, in Form leichterer, komfortablerer Brillen. Vielleicht wird es morgen keine Brille mehr sein," sagt Kuttner.
Der Zweck findet sich
Den Teilnehmern der Testrunden ist die Begeisterung für die Mixed-Reality-Anwendung ins Gesicht geschrieben. Nach dem Vergleich der Rundenzeiten kommt schnell die Frage auf: Wie will BMW das kommerziell nutzen? "Unsere Anwendung ist die Antwort auf eine Frage, die noch nicht gestellt wurde," sagt Franciscus van Meel, Geschäftsführer von BMW M, im Gespräch mit Golem.de: "Der Zweck wird sich finden."
Erste Ideen sind Fahrtrainings, bei denen niemand mehr eine Strecke mit orangefarbenen Hütchen aufstellen muss. Ein Rennfahrer, der Schwierigkeiten mit dem perfekten Brems- und Einlenkpunkt in einer bestimmten Kurve hat, kann diese in einem echten Auto immer wieder trainieren, ohne eine volle Runde fahren zu müssen.
Wer schon immer mal den Highway 1 in Kalifornien erleben wollte oder für seinen kommenden England-Aufenthalt das Linksfahren üben möchte, kann das mit Mixed Reality tun. Mehrere Fahrer könnten auf derselben virtuellen Strecke gegeneinander antreten, obwohl sie an verschiedenen Orten der Welt fahren.
Gamer auf Asphalt
Damit ist man bei Gamern. An die denkt auch BMW und hat einige E-Sports-Profis nach Lissabon eingeladen. Die dänische Spielerin Cailee (G2 Esports) zeigt sich von ihrer Erfahrung im Auto begeistert: "Es ist die verrückteste Erfahrung, die ich jemals gemacht habe." Neben der Begeisterung entwickle jeder Tester eigene Vorstellungen zu möglichen Anwendungen, berichtet van Meel: "Ich habe in Lissabon so viele neue Anregungen bekommen."











Ob die Mixed Reality mit einem Verbrenner oder einem E-Auto gefahren werde, spielt in seinen Augen keine Rolle. "Das Auto muss sich fahren wie ein BMW M3 und besser sein als sein Vorgänger," fasst es van Meel zusammen. Langfristig bewege sich alles in Richtung Elektromotor, aber die unterschiedlichen Antriebsformen werden noch eine ganze Weile parallel existieren. BMW M feiert in diesem Jahr sein 50. Jubiläum.











Mir hätte ein E-Auto für die Mixed-Reality-Runde besser gefallen. Nach der Testrunde darf ich einen BMW i4 M50 auf dem Parkplatz ausprobieren. Die direkte Umsetzung des Drucks auf das Fahrpedal in Beschleunigung ist beeindruckend. Bei der Verbrennerversion des M2 hat das einen Sekundenbruchteil länger gedauert. Meine Rundenzeit hätte ich mit dem elektrischen i4 sicher noch verbessern können, schließlich beschleunigt der in 3,9 Sekunden auf 100 km/h. Offenlegung: Golem.de hat auf Einladung von BMW an der Veranstaltung in Portugal teilgenommen. Die Kosten für die Anreise und Übernachtung wurden zur Gänze von BMW übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.



