BMW: Die Neue chinesische Klasse

Auf der Straße vor dem BMW R&D Center in Peking fährt ein autonomes Lieferfahrzeug vorbei. Das Blinklicht auf dem Dach und sein ungewöhnliches Design machen deutlich: Hier fährt die Zukunft. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum des deutschen Autoherstellers dagegen steckt in einem gewöhnlichen Bürokomplex.
Hier deutet von außen nichts auf automobile Zukunft hin. Die Gegend unweit vom Flughafen im Nordosten der chinesischen Hauptstadt wirkt wie eine westliche Mischung aus Wohn- und Büroviertel.
BMW ist bereits seit 20 Jahren im Land präsent. "Zuhause in China" lautet der Claim bei der Präsentation des Standortleiters. Inzwischen arbeiten mehr als 3.000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung (R&D) an den Standorten Peking, Schanghai, der BMW-Fabrik in Shenyang sowie in Nanjing. "Es gibt 16 Universitäten in Nanjing. Hier finden wir viele talentierte Leute," sagt Robert Kahlenberg. Er leitet seit eineinhalb Jahren die R&D-Arbeiten in China. Der Manager ist seit 25 Jahren im Forschungsbereich von BMW tätig.
China als Absatzmarkt
Wie wichtig der chinesische Automarkt für den bayrischen Hersteller ist, zeigt ein Blick auf die Verkaufszahlen des vergangenen Jahres: Insgesamt 32 Prozent der 2,5 Millionen verkauften Fahrzeuge entfallen auf China. Wird in Deutschland ein BMW oder Mini verkauft, sind es in China knapp drei (281.986 vs. 824.932 im Jahr 2023). Die Kunden sind hier deutlich jünger (36,1 statt 56,8 Jahre).
Das stellt unter anderem andere Anforderungen an die Digitalangebote. "In unserem i5 sind 70 Prozent der Software für das Land angepasst oder originär für China programmiert," sagt Kahlenberg.
Skaleneffekte durch einheitliche Plattform
Aktuell steht die Neue Klasse im Fokus. Die Fahrzeuge kommen zwar erst 2026 nach China, doch in Europa hat die erste X-Version im kommenden Jahr Premiere. Mit der Vereinheitlichung von Plattform und elektrisch-elektronischer Architektur setzt BMW alles auf eine Karte.
"Nach dem ersten X werden mittelfristig auch andere Modelle unserer Marken die Technik nutzen. Das gibt uns die Möglichkeit zur Skalierung innerhalb unseres Portfolios," sagt Bernd Körber, Senior Vice President BMW Brand and Product Management sowie Connected Company.





Wenn BMW, Mini und Rolls-Royce die Technologie nutzen, verteilen sich die Kosten für Softwareentwicklung sowie Updates auf eine größere Zahl an Fahrzeugen. Zudem beschleunigt eine Vereinheitlichung Fehlerbehebung sowie Update-Zyklen.
Kurze Wege zu den Zellen
In den Büros und Laboren in Peking wird auch an Assistenzsystemen, dem Bedienkonzept sowie der Batterie für die Neue Klasse gearbeitet. Während viele der mitgereisten Manager Männer sind, führen vor allem Frauen durch die Workshops.
Beispielsweise Layla Ge. Die Ingenieurin ist in Deutschland aufgewachsen und hält jetzt in Peking Kontakt zu den Zelllieferanten. BMW betreibt zwar ein Kompetenzzentrum für Batteriezellfertigung im bayrischen Parsdorf, doch die Wege zu den Zellfertigern wie Eve, CATL und Envision AESC sind hier kürzer, und alle sprechen die gleiche Sprache.
"Wir definieren die Spezifikationen für unsere Zellen und geben sie bei Zellfertigern in Auftrag," erklärt Ge. Tests und Validierung vor Ort sparen Zeit, wenn nicht jede Probe zuerst nach Deutschland geschickt wird.
Mit der Neuen Klasse führt BMW die sechste Generation seiner Batterie ein. Die Zellen haben eine andere Zusammensetzung der Aktivmaterialien sowie ein anderes Format. Ge lässt zwei Rundzellen in Stahlhüllen mit 95 und 120 mm Höhe sowie einem Durchmesser von 46 mm herumgehen.
Die Arbeiten in China haben dazu geführt, dass die Produktionskosten im Vergleich zu den prismatischen Zellen um bis zu 50 Prozent gesunken sind. Die Trägerfolie aus Kupfer ist dünner, was Gewicht reduziert. Ein geringerer Innenwiderstand ermöglicht eine höhere Ladeleistung. Die höhere Energiedichte sorgt für 30 Prozent mehr Reichweite.
Dazu setzen die Ingenieure mehr Nickel und weniger Kobalt in der Kathode ein. An der Anode wurde der Graphitanteil zugunsten von Silizium um 20 Prozent reduziert. Silizium-Atome nehmen mehr Lithium-Ionen auf als Kohlenstoffatome.
Doch Ge hat nicht nur die Fertigung der Zellen im Blick. Sie kümmert sich auch um die Wiederverwertung der Materialien. Zusammen mit dem Recycling-Spezialisten Huayou plant sie den hydrometallurgischen Prozess, bei dem Zellen zunächst geschreddert und das entstehende schwarze Pulver (Black Mass) chemisch in seine Bestandteile zerlegt werden.
Schneller Spurwechsel
Im Straßenverkehr in Peking wird jede Lücke genutzt. Spontane Spurwechsel sind die Regel. Motorroller kreuzen oder überholen laufend. Wer hier das Thema automatisiertes beziehungsweise autonomes Fahren meistert, dürfte in sämtlichen Regionen der Welt die Technik beherrschen.
BMW erhielt Ende 2023 eine Level-3-Testlizenz auf öffentlichen Straßen in Schanghai. Erste Ergebnisse aus mehr als 5.400 km Fahrtests sind bereits Teil des BMW Personal Pilots in der 7er-Serie. Der bietet hochautomatisiertes Fahren im Level 3 bis 60 km/h.
"In China freuen wir uns auf die Möglichkeit mit dieser Funktion unterwegs zu sein, denn oft bin ich hier auf der Autobahn mit dem Tempo unterwegs und könnte die Zeit dann anders nutzen," sagt Mihiar Ayoubi, Senior Vice President Driving Experience BMW Group, und verweist auf den neuen Autobahnassistenten, der selbstständig die Spur wechselt . "Natürlich haben wir als Ziel, das in absehbarer Zeit in Deutschland mit einer höheren Geschwindigkeit anzubieten."
Mit der Neuen Klasse soll eine Parkfunktion im Level 4 kommen
Grundsätzlich gilt: Je geringer die Geschwindigkeit, desto einfacher lassen sich automatisierte Fahrfunktionen umsetzen. Mit der Neuen Klasse soll eine Parkfunktion im Level 4 Einzug halten. "Ich kann mir das gut vorstellen, wenn ich spät dran bin für eine Theateraufführung, dass der Wagen selbstständig im Parkhaus oder auf dem Parkplatz eine Lücke ansteuert," sagt Ayoubi.





Man habe "die BMW-DNA" in dem Domain Controller namens "Heart of Joy" gebündelt. Ein E-Auto der Neuen Klasse solle sich wie ein typischer BMW verhalten, sagt Ayoubi.
Projektion statt Drehrad
Mit der Neuen Klasse müssen sich BMW-Kunden allerdings von der bisherigen Drehradsteuerung des Infotainments verabschieden. Das neue iDrive-Konzept setzt in erster Linie auf eine so genannte Panoramic Vision, ein Head-up-Display über die gesamte Breite im unteren Bereich der Windschutzscheibe.
Die sechs Anzeigeelemente füllen die Fahrer nach ihren Wünschen mit einem Schaltfeld am Lenkrad oder über ein Touch-Display in der Mitte des Armaturenbretts. Viele Befehle lassen sich über einen Sprachassistenten umsetzen.
"Wir haben das Konzept mit rund 900 Probanden in 2.500 Interview-Stunden getestet," sagt Jin Qu, Group Leader Usability Research. Sie führt die Besucher in ihr Labor. Dort steht ein halbes Auto mit Vordersitzen, Lenkrad und Armaturenbrett.
Die Insassen blicken auf eine gekrümmte Monitorwand, die den Straßenverkehr zeigt. Hier will sie herausfinden, wie intuitiv Fahrer mit der Bedienung zurechtkommen und nicht vom Geschehen auf der Straße abgelenkt werden.
Natürlich seien breite Bildschirme mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr. Mit dem BMW Panoramic Vision schaffe man aber "eine gute Differenzierung zum Wettbewerb," gibt sich Stephan Durach, Senior Vice President Connected Company und Technical Operations, überzeugt.
Durch die Blume gibt Durach zu verstehen, dass die Neue Klasse auch mit einer Visualisierung des Sprachassistenten an den Start geht. Die Designer in China haben großen Einfluss auf das Aussehen des aktuellen BMW-Assistenten IPA.
Der trat zunächst auf dem Display als wabernde Wolke auf. Inzwischen gibt es ihn auch als Kopf mit angedeuteten Augen. Er agiert im Standard-Modus verhalten, doch kann man das in den Einstellungen ändern und ihm mehr Ausdruckskraft verleihen. Vor allem bei Spike, dem Hund im Mini-Menü, durften die Mitarbeiter in China ihren Animationsideen freien Lauf lassen.
"Ich bin überzeugt, die Welt ist gar nicht mehr so unterschiedlich in den Bedürfnissen, aber der Content ist hier halt völlig anders," sagt Durach. In China werden Lieder über QQ Music statt Spotify gehört, mit Ximalaya Videostreams geschaut und mit Wechat sowohl kommuniziert als auch bezahlt.
Ampel-Countdown
Den größten Unterschied dürfte es bei der Navigation geben. GPS-Daten sind in China nicht frei verfügbar. Wer auf seinem Smartphone Google Maps öffnet, stellt in der Satellitenansicht eine Verschiebung der Straßenverläufe im Vergleich zur Kartendarstellung um etliche Meter fest. Autohersteller benötigen einen Algorithmus, der die Verschiebung im Kartenmaterial korrigiert. BMW bezieht in China die notwendigen Daten von Amap, einem Tochterunternehmen der Alibaba Group, sowie vom Suchanbieter Baidu.
Karten-, Verkehrs- und GPS-Daten stammen somit aus unterschiedlichen Quellen. "Wichtig ist in China die korrekte Darstellung des Ampel-Countdowns," sagt Kahlenberg. An vielen großen Kreuzungen werden die letzten zehn Sekunden der Rotphase heruntergezählt. Diese Angabe muss auch das Navi anzeigen.
"Das Leben in diesen Megacities ist hektisch und komplex. Alles, was es den Menschen einfacher macht und mehr Lebensqualität bringt, wird im Auto begrüßt," sagt Bernd Körber über digitale Angebote.





Die Zahl 996 beschreibt Chinas Arbeitsrhythmus. Es wird von 9 bis 9 (21) Uhr an sechs Tagen in der Woche gearbeitet. Das entspricht einer 72-Stunden-Woche. In den Millionenmetropolen geht es zur und von der Arbeit nur langsam voran. Stau ist auf den Ringstraßen von Peking die Regel
Damit werden Autos zu privaten Rückzugsorten und der Anspruch an digitale Informations- und Unterhaltungsangebote steigt. Mit Blick auf die übliche Arbeitszeit ist BMW in China ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Für die Mitarbeiter in den R&D-Niederlassungen gilt die deutsche Fünf-Tage-Woche mit 40 Arbeitsstunden.
Offenlegung: Die Reisekosten nach Peking und die Übernachtung wurden vom Hersteller übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.



