Blue Byte: Im Bann der ersten Siedler
Der Ruf ist ramponiert: Das im Frühjahr 2023 veröffentlichte neue Die Siedler hat die Erwartungen der riesigen Fangemeinde bekanntlich nicht erfüllt.
Viele Spieler dürften auch deshalb enttäuscht gewesen sein, weil sie mit den Vorgängern so gute Erinnerungen verbinden. Das dürfte in vielen Fällen schon für das 1993 unter der Leitung von Volker Wertich veröffentlichte erste Die Siedler gelten – eine gewitzte Aufbau- und Wirtschaftssimulation, die leicht zugänglich und putzig anzusehen war.
Auch ich konnte mich damals dem Charme der Pixelmännchen nicht entziehen, der mich bereits beim Lesen der Testberichte anstrahlte. So war das legendäre Spielemagazin Power Play voll des Lobes und bewertete Die Siedler mit 89 von 100 möglichen Punkten(öffnet im neuen Fenster) .
Allein deshalb gingen auch von mir stolze 120 D-Mark (inflationsbereinigt umgerechnet rund 100 Euro) über die Ladentheke, weil ich solche Ausnahmetitel unbedingt in meiner Sammlung haben musste.
Meine Erinnerungen an das Spiel sind etwas verschwommen, aber durchweg positiv. Ich erinnere mich an eine spontane Spielfreude, die sich direkt nach dem Start einstellte und die auf der wahrlich niedlich-wuseligen Grafik beruhte. Weniger angetan war ich von der schleichenden Spielgeschwindigkeit und der Tatsache, dass mir auf Dauer die Abwechslung fehlte.
Kleine Hindernisse vor Spielstart
Für Retro-Artikel greife ich gerne auf meine alten Originalexemplare aus dem Archiv zurück, was diesmal allerdings ein kleines Problem darstellt: Ich habe mir Die Siedler seinerzeit nämlich in der Ur-Version für den Commodore Amiga zugelegt. Zwar besitze ich den passenden Computer, könnte jedoch mangels moderner Anschlussmöglichkeiten keine hübschen Screenshots anfertigen.

Deshalb nutze ich lieber die PC-Fassung, die nur wenige Monate nach dem Amiga-Original erschienen ist. Doch auch hier stoße ich auf Probleme, denn ich finde im Netz zunächst keine digitale Verkaufsversion. Steam oder Gog.com bieten lediglich die Nachfolger an, und meine alte CD-Fassung, die ebenfalls in meinem Archiv schlummert, dürfte kaum Windows-10-tauglich sein.
Zum Glück gebe ich nicht gleich auf – und muss nach kurzer Recherche beschämt feststellen: Blue Byte ist ja heute ein Teil von Ubisoft, weshalb Die Siedler folgerichtig im Ubisoft-Store erhältlich(öffnet im neuen Fenster) ist. Dort kostet das Spiel lediglich 4,99 Euro und läuft tadellos.
Seichter Einstieg
Zu Beginn werde ich von einem großartig gezeichneten Intro begrüßt, das mich inhaltlich allerdings irritiert: Wieso laufen da Kinder über die Straßen einer mittelalterlich angehauchten Stadt? Warum sieht der durch die Stadt reitende Ritter so dick aus? Und weshalb klingt die Musik so erschreckend dudelig? All das kommt im eigentlichen Spiel so nicht vor. Nun, zum Glück kann ich das langweilige Filmchen schnell abbrechen.
Im Startmenü stoße ich sogleich auf die Kampagne, die insgesamt 30 Missionen umfasst. Bereits eine davon kann mehrere Stunden Zeit in Anspruch nehmen, je nachdem, wie geübt man ist. Aus diesem Grund setze ich mir ein ebenso simples wie machbares Ziel: Ich möchte zumindest eine der Missionen komplett abschließen.
Schließlich halten sich deren Unterschiede in Grenzen und beschränken sich auf den Aufbau der Spiellandschaft sowie die taktische Vorgehensweise meiner vom Computer gesteuerten Gegner.
Im Netz finde ich eine Liste mit Codes(öffnet im neuen Fenster) , dank derer ich mir eine beliebige Mission aussuchen kann. Spontan entscheide ich mich für den zweiten Einsatz, weil ich dort im Gegensatz zum ersten gegen zwei Computergegner gleichzeitig antreten muss. Ein bisschen Herausforderung muss sein!
Direkt nach Spielstart fühle ich mich leicht verloren: Ich habe den Anblick meines prächtigen Schlosses erwartet, von wo ich meine Siedlung starte. Doch in Wahrheit muss ich mir selbst einen guten Anfangspunkt aussuchen. Nur nach welchen Kriterien? Vielleicht da, wo besonders viele Bäume stehen, die ich zu Holz verarbeiten darf?
Hurra, der erste Siedler ist da!
In der Nähe eines Gebirges, wo ich in Minen diverse Rohstoffe abbauen könnte? Oder lieber in der Nähe eines Sees und mehrerer Gesteinsbrocken, damit ich bereits zu Beginn auf eine gesunde Mischung aus Fischen und Granitsteinen zugreifen kann? Letztlich entscheide ich mich für einen zentralen Mittelpunkt, wo mir alle genannten Ressourcen ungefähr in gleicher Entfernung zur Verfügung stehen.
Der nächste Schritt entpuppt sich als besonders leicht und ist der Hauptgrund, warum Die Siedler zu den zugänglichsten Aufbauspielen seiner Zeit zählte: Ich klicke ein Stück Land an, auf dem ich meine erste Holzfällerhütte bauen möchte. Daraufhin erscheinen ein kleiner weißer Sockel und eine hellblaue Fahne.
Ich klicke sie an und zeichne einen Weg, um den Sockel mit meinem Schloss zu verbinden. Kurz darauf taucht mein erster Einwohner in Form eines Männchens auf, das ganz von allein loszieht und anfängt, die Hütte zu bauen. So einfach ist das!
Okay, eine kleine Hürde gibt es dann doch, auf die ich beim Wegbau achten muss: Bei jedem neuen Straßenstück wird mir die zugehörige Steigung in Form von grünen (flach) oder roten (steil) Symbolen angezeigt.
Ich erinnere mich, dass ich Letzteres möglichst vermeiden sollte. Ansonsten dauert es zu lange, bis meine Siedler von A nach B gelangen. Im Umkehrschluss baue ich lieber einen flachen Umweg statt eine bergige Direktverbindung.
Der Kreislauf des Lebens
Wie geht es nun weiter? Um ehrlich zu sein: Bereits mit dem nächsten Gebäudebau fühle ich mich leicht überfordert. Mir wird ein Menü mit mehreren Häuserarten angezeigt, die meine nutzbaren Bauoptionen repräsentieren.
Leider gibt es keine Erklärungstexte und nur ein paar optische Hinweise, die auf die Art eines Gebäudes hindeuten. Beispielsweise sieht man vor der Holzfällerhütte einen Hauklotz mitsamt Axt, während sich vor dem Steinbruch graue Granitfelsen stapeln.
Ansonsten fällt es mir schwer zu entscheiden, welche Gebäude ich in welcher Reihenfolge aufstellen sollte. Zudem stehen mir auf einem flachen Landstück gar dreimal so viele Bauoptionen zur Verfügung, was mich noch mehr verwirrt.
Es hilft alles nichts: Weil das Spiel selbst keine Erklärung liefert, muss ich zur beigelegten Anleitung greifen. Dabei könnte ich die PDF-Datei der digitalen Version öffnen, oder nun doch mein altes Amiga-Exemplar aus dem Schrank holen. Ich entscheide ich mich für Letzteres, einfach weil das Blättern mit der Hand mehr Spaß macht, als Seite um Seite durchzuklicken.
Das Booklet ist 130 Seiten dick, weshalb mir ein weiteres "Ächz, wieso ist das denn so kompliziert?" durch den Kopf schießt. Vor allem überfordern mich die optionalen Statistikgrafiken, die aus unzähligen kleinen Köpfen, kryptischen Symbolen und vereinzelten Zahlenwerten bestehen.
Genau wie beim Gebäudebau vermisse ich erklärende Textfenster, die beim Anvisieren der Bildchen und Symbole aufpoppen könnten.
Immerhin klären sich gleich mehrere Fragen beim Anblick der Referenzkarte, auf der sämtliche Gebäude plus deren Namen aufgezeichnet sind. So kann ich jetzt beispielsweise eine Schmiede von einem Schlachthof unterscheiden, obwohl sich die beiden rein optisch sehr ähnlich sind.
Nach kurzer Eingewöhnungszeit möchte ich mich voll und ganz auf das wichtigste Prinzip von Die Siedler konzentrieren: das Finden der bestmöglichen Gebäudekonstellation. Schließlich sollten meine Bewohner den Laden von allein schmeißen, sodass es nirgends zu verheerenden Rohstoffengpässen kommt.
Entsprechend ist es sinnvoll, eine Eisenschmelze in die Nähe von Kohle- und Eisenminen zu platzieren, damit die aus dem Erdreich geschöpften Rohstoffe möglichst schnell verarbeitet werden. Stelle ich zudem noch eine Schmiede und einen Schlosser daneben, werden die Metalle direkt zu Waffen oder Arbeitswerkzeugen verbaut.
Oder ich stelle eine Getreidefarm direkt neben den Schweinehof, damit die Tiere ordentlich zu futtern bekommen. Um alles Weitere kümmert sich der Schlachter, so dass meine Minenarbeiter ständig genügend Nahrung haben.
Ja, so langsam komme ich rein: Nachdem ich ein wenig in der Anleitung gelesen und via Google recherchiert habe, begreife ich die grundlegenden Prozesse des Aufbauspiels wieder. Zudem bin ich recht geschickt im Bauen von Wegen und statte sie mit möglichst vielen Kreuzungen aus, damit sich meine Siedler nicht gegenseitig auf die Füße treten.
Den Einflussbereich vergrößern – und Fazit
Nur den Abbau von Rohstoffen empfinde ich als lästig. Grund: Die Gebirgsketten verraten mir nicht auf Anhieb, welchen Schatz sie verbergen. Ist es Kohle, Granit, Eisen, oder gar Gold? Bei diesem Problem hilft mir ein Blick in eine Lösung aus dem Internet: Ich benötige einen Geologen, den ich zu einer beliebigen, von mir gesetzten Fahne schicken kann.
Er zieht sofort los und erkundet das Gebirge rund um meine Fahne. Nur wenige Minuten später rammt er mehrere Schilder in den Erdboden, deren Farbe mir das Rohstoffvermögen verrät.
Feind voraus!
Wie bereits erläutert, bin ich nicht allein am Siedeln und stoße schnell auf die Grenzen meiner beiden Gegner. Genau genommen darf jeder nur auf seinem Landbesitz bauen, den ich wiederum durch das Errichten von Wachhütten, Wachtürmen oder gar Wachburgen vergrößere. Die darin stationierten Ritter möchten Gold sehen, damit sie halbwegs motiviert in die nächste Schlacht ziehen.
Gut zwei Stunden nach Missionsbeginn stehe ich vor einem Problem: Ich habe praktisch alles gebaut, was ich bauen kann, und sehe kaum noch Spielraum für Verbesserungen. Am See werden Fische geangelt, auf dem Hof Schweine gezüchtet und auf der Farm Getreide angebaut. Aus dem Gebirge schöpfe ich fleißig Granit, Kohle und Eisen, allerdings kein Gold.
Ich komme also nicht mehr drumherum und muss die Wachhütten meiner Konkurrenten angreifen. Daraufhin stolzieren meine Ritter los und prügeln sich vor dem Eingang der Hütte. Das Scharmützel sieht durchaus niedlich aus, fühlt sich aber schnell langweilig an.
Besonders frustrierend wird es, wenn meine Ritter reihenweise umfallen und mein lange geplanter Angriff scheitert. Ich bin mir auch nicht sicher, woran es liegt: Sind meine Männer nicht gut genug ausgebildet? Sind sie mangels Gold unmotiviert? Und wie sehe ich, ob ich eher starke oder eher schwache Ritter zum Angriff losschicke?
Die dafür verfügbaren Icons und Statistiken wirken auf mich kryptisch und wenig intuitiv. So gibt es ein Menü, in dem ich die individuelle Besatzungsstärke all meiner Wachgebäude einstellen kann. Aber erneut fehlt mir eine Erklärung, wie das Ganze genau funktioniert – und die in der Anleitung muss ich mehrfach durchlesen, bis ich das Prinzip verstanden habe...
Ich kann individuell einstellen, wie viele Ritter ich zu den Gebäuden an der Front oder jenen in der Nähe meines Schlosses aufstellen darf.
Was mir gar nicht gefällt: Der Ausgang eines Gefechts ist unter anderem von Meister Zufall abhängig. So konnte ich eine Schlacht durch das Laden eines Spielstandes so lange wiederholen, bis ich mit etwas Glück zum Sieger auserkoren wurde.
Am meisten regt mich jedoch ein ärgerliches Missverständnis auf: Meine Armee hat die meisten Ritter, die jedoch im Vergleich zu meinen Konkurrenten relativ schwach sind. Ich könnte dies ändern, indem ich ihnen mehr Ausbildungsmöglichkeiten gebe. Lange Zeit habe ich keinen Plan, wie diese Spielmechanik funktioniert – bis ich durch Zufall in der Anleitung über die Bedeutung von Lagern stolpere.
Diese Lager werden nämlich in der Anleitung als "Lagerhallen" bezeichnet. Ergo ging ich davon aus, dass dort nur überschüssige Materialien und Rohstoffe gebunkert werden. Doch das ist nicht richtig: In einem Lager tummeln sich auch jene Ritter, die derzeit keinem Wachgebäude zugeordnet sind. Gleichzeitig absolvieren sie ein wertvolles Training und werden somit viel schneller stärker, als wenn sie in einem der Wachgebäude residieren würden.
Und tatsächlich, nach einer weiteren halben Stunde sowie zahlreichen gebauten Lagern, ist meine Armee praktisch unbesiegbar. Endlich kann ich Stück für Stück die Hütten meiner Gegner zerstören und am Ende eines der beiden konkurrierenden Schlösser angreifen.

Es dauert zwar knapp 20 Minuten, in denen meine Recken über 60 (!) feindliche Ritter bezwingen. Doch danach hat das Spiel endlich ein Einsehen und kürt mich zum Sieger der Mission.
Fazit: Niedlich, aber eintöniger als gedacht
Meine Meinung über Die Siedler ist zweigeteilt. Auf Anhieb macht es schon Laune, Gebäude zu errichten und Wegverbindungen zu knüpfen. Die hervorragend gealterte Grafik lässt das erste Siedler-Spiel gar sympathischer wirken als alle Nachfolger.
Und die von mir erwähnten Einstiegshürden sind eigentlich schnell gemeistert; man muss eben nur in die Anleitung schauen, weil es keine vernünftigen Ingame-Tutorials gibt.
Doch am Ende macht sich Ernüchterung breit: Die von mir gespielte Mission zog sich gefühlt bis in die Unendlichkeit. Mit Ausnahme der Kämpfe hatte ich das Gefühl, alle Spielmechaniken schnell ausgereizt zu haben.
Deshalb sollte man von Die Siedler keine allzu gigantische Langzeitmotivation erwarten. Wer hingegen mal für eine Runde zwischendurch siedeln möchte und auf pixelfein gezeichnete Männchen steht, der sollte dem Klassiker auch heute noch eine Chance geben.
Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper
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