Blind programmieren: Wenn der Computer schneller spricht, als ein Sehender hört

Würde man Christian Schöpplein bei der Arbeit nur sehen, nicht hören, man würde nicht erraten, dass der 40-Jährige blind ist. Seine Finger fliegen auf der Tastatur hin und her, intuitiv weiß er, wo welche Taste ist. Nur eines ist anders als bei anderen Informatikern: Im Hintergrund plappert ununterbrochen eine Männerstimme vor sich hin - in so enormer Geschwindigkeit, dass sie für einen Außenstehenden kaum zu verstehen ist.
Die Stimme gehört Schöppleins Sprachausgabeprogramm Espeak(öffnet im neuen Fenster) und ist eines von drei Hilfsmitteln, die es Schöpplein ermöglichen, den Computer schneller zu bedienen als viele Sehende. Neben Espeak gibt es noch den Screenreader Blinux(öffnet im neuen Fenster) , der den Bildschirminhalt erkennt und vorliest. Genau wie Espeak ist er Open Source. Mit dem erkannten Text füttert die Software sowohl die Sprachausgabe als auch eine elektronische Braille-Zeile, die an Schöppleins Laptop angeschlossen ist. Wenn auf dem Bildschirm ein "A" erscheint, dann schießt im entsprechenden Feld der Zeile ein einziger kleiner Punkt in die Höhe. Es ist das "A" der Blindenschrift.



Wären die Hilfsmittel Menschen, man müsste Schöppleins Beziehung zu ihnen wohl als gespalten bezeichnen. Einerseits machen sie es ihm möglich, den Computer zu navigieren. Andererseits, sagt Schöpplein, "kann das Gequassel ganz schön nerven" . Im Hintergrund rasselt die monotone Stimme weiter vor sich hin. Auch die Braille-Zeile hat ihre Nachteile: Sie hilft zwar beim Lesen, doch zum Schreiben muss Schöpplein wieder auf die normale Tastatur wechseln, deren Felder er auswendig kennt. Er springt also ständig hin und her.
Nach zwei Fragen ging es um Technisches
Dennoch: Gäbe es diese Hilfsmittel nicht, würde der Informatiker heute vielleicht zu den 70 Prozent der Blinden und Sehbehinderten in Deutschland zählen, die keinen Job haben. Die Zahl macht ihn wütend. Auch von den restlichen 30 Prozent arbeiteten viele unter ihren Qualifikationen, sagt Schöpplein. "Um überhaupt arbeiten zu können" . Noch immer scheinen viele Arbeitgeber zu denken, dass Blinde nicht leistungsfähig seien. "Dabei kann ich genauso gut Überstunden machen wie jeder andere" , sagt der 40-Jährige.
Bei seinem jetzigen Arbeitgeber, der OTRS AG, die Dienstleistungen rund um das gleichnamige Ticketsystem anbietet, war Schöppleins Behinderung zum ersten Mal kein Thema. Im Vorstellungsgespräch fragte sein zukünftiger Chef einmal, welche Einschränkungen die Erblindung für seine Arbeit bedeuten. Dann ging es um Technisches. Seine Behinderung spiele auf der Arbeit heute keine Rolle, sagt Schöpplein. Zwar gebe es ein paar Programme, die sein Screenreader nicht erkennen könne, doch darauf stelle er sich eben ein. Außerdem arbeitet bei der ORTS AG fast jeder von zu Hause aus, auch Schöpplein. So kann er umständliche Wege vermeiden und hat stets die Hilfsmittel zur Hand, die er braucht. Mit den Kollegen kommuniziert er über Chat.
"Es gibt keinen Unterschied zwischen Christian und den anderen Mitarbeitern" , sagt Schöppleins Kollege Shawn Beasley. Das Team sei schon immer sehr offen gewesen, nur ganz am Anfang hätten ein paar Kollegen Berührungsängste gehabt. Nach ein paar Tagen war das verschwunden. Heute, sagt Beasley, sei Schöpplein einer der besten. Er sei schneller als andere, weil er als Blinder keine Maus benutze und deshalb alles über Tastenkombinationen mache. Und er lasse sich von Schwierigkeiten nicht entmutigen. "Wenn ein Problem auftaucht, findet Christian häufig eine kreative Lösung." .
Es ist, wie mit dem Fuß zu sehen
Wer Schöppleins Geschichte kennt, kriegt eine Idee davon, woher diese Kreativität kommt. Als er als Vierzehnjähriger erblindete, musste er ein Jahr lang den Unterricht aussetzen und alles neu lernen. Er lernte, wie man mit den Fingern Punktschrift liest. Er lernte, wie man mit dem Blindenstock an der Bordsteinkante entlangfährt, um den Abstand zur Straße einzuschätzen. Und er lernte, wie man beim Einschenken einen Finger ins Glas hält, damit das Wasser nicht überläuft. Genauso macht er es heute, wenn ein Problem auftritt. Er findet einen Weg drum herum.
Dass Schöpplein gelernt hat, mit der Erblindung zu leben, heißt aber nicht, dass er vergessen hat, wie es war, sehen zu können. Bis heute stellt er sich eine Karte vor, wenn er einen Weg lernt. Er sieht dann alles aus der Vogelperspektive: Kreuzungen, Abzweigungen, Kurven. Menschen, die blind geboren wurden, sagt er, hangelten sich eher von Punkt zu Punkt: "Erst hier die Treppe runter, dann rechts bis zur Gehsteigkante, dann links, bis der Boden plötzlich weich wird, weil der Wald anfängt."
Doch es ist nicht nur sein räumliches Vorstellungsvermögen, das Schöpplein nicht verloren hat. "Auch die Farben" , sagt er, "die bleiben." Vielleicht weil sie so grundlegend sind, vielleicht weil alles eine Farbe hat. Er erzählt von den Kindheitsurlauben in Griechenland. Der weiße Strand vor dem grünen Olivenhain, das grünblaue Meer - und "rot die Sonne, wenn sie untergeht" .
Gesichter vergisst man schneller
Die Gesichter von Menschen vergesse man schneller, sagt er. Komischerweise. Aber eigentlich konnte er Gesichtszüge auch damals schon nicht gut erkennen, bevor seine Netzhaut sich im Alter von 14 Jahren ablöste. Die Ärzte hatten ihn gewarnt, keine Erschütterungen, kein Fußball. Doch welcher Jugendliche hält sich daran?
Und dann, eines Morgens, waren da plötzlich diese schwarzen Flecken. Anfangs nur oben rechts, bald auch unten links. Eigentlich war nichts Besonderes passiert, sagt Schöpplein. Woran genau es lag, kann heute keiner mehr sagen. Eine Woche später war alles - man möchte sagen "schwarz" , aber das stimmt nicht. "Ein Blinder sieht nicht schwarz" , sagt Schöpplein. "Man sieht einfach - nichts. Als würde man aus den Fußsohlen schauen." Es geht schlicht nicht.



Mittlerweile ist Schöpplein schon länger blind, als er sehen konnte. Und lebt komplett selbstständig. Dass das möglich ist, liegt auch an Lacey, seiner Australian-Shepherd-Hündin. Seit er sie hat, ist er mutiger geworden. "Man ist dann im Team." Jeder trägt etwas bei: Schöpplein das Gehirn, Lacey die Augen. Er sagt, wo er hin will, sie zeigt ihm den Weg: nach rechts, wenn er "destra" sagt, nach links, wenn sie "sini" hört.
Doch die Hündin ist viel mehr als eine Blindenführerin. Schöpplein nennt sie "eine Brücke" . Früher sprangen die Leute aus dem Weg, wenn sie ihn mit dem Stock kommen sahen. "Es ist, als ob die Menschen denken, ein Blinder kann weder sprechen noch laufen" , sagt Schöpplein. Sie waren unsicher, wie sie sich verhalten sollten. Mit Lacey wurde das anders. Jetzt tätschelt ein Fremder seiner Hündin den Kopf und macht ihr ein Kompliment. Dann ist das Eis gebrochen.
Auch Technik ist eine Brücke
Auch die Technik ist für Schöpplein zu so einer Brücke geworden. Im Internet kann er einen Großeinkauf erledigen und muss niemanden bitten, ihn zu fahren. Die Navigation auf dem Smartphone hilft ihm, den Weg zu finden, Apps wie Be my eyes leihen ihm per Videochat die Augen eines Freiwilligen. Zur Not sagt der ihm auch, ob der Joghurt in seiner Hand schon abgelaufen ist.
Wie viele Blinde nutzt Schöpplein gerne Apple-Produkte. Alle Apple-Devices haben Voiceover vorinstalliert - ein Sprachausgabeprogramm, das von Anfang an fest ins System integriert ist. Es funktioniert auch dann, wenn das Betriebssystem noch nicht gestartet oder noch gar nicht installiert ist. Bei Windows ist das anders, die Sprachausgabe springt erst an, wenn das Betriebssystem schon läuft. "Windows kann ich bis heute nicht alleine installieren" , sagt Schöpplein.
Das wird auch dann zum Problem, wenn er für die Arbeit etwas im Bios des Computers nachschauen muss - also in dem Teil des Computers, der auch dann funktioniert, wenn das Betriebssystem noch nicht läuft. "Ich muss dann meistens jemanden bitten, mir zu helfen" , sagt Schöpplein. Oft ist gerade dann niemand da. Und wenn doch, dann ist das häufig ein Freund, der weniger technikversiert ist als Schöpplein. "Die suchen dann minutenlang nach einer Information, die ich mit Sprachausgabe in Sekunden finden könnte."
Besonders nützlich ist Voiceover auf dem iPhone. Sobald die Software eingeschaltet ist, lässt sich das Smartphone komplett über Sondergesten bedienen. Etwa 20 bis 30 gibt es davon. Wenn Schöpplein mit dem Finger über den Bildschirm seines iPhones streicht, liest ihm Voiceover vor, was er gerade anwählt: "E-Mail" ( "Sie haben 243 neue E-Mails" ), "Nachrichten" , "Karten" . Auch eine Nachricht zu tippen, ist kein großes Problem mehr: Er spricht sie ein und Siri, Apples Spracherkennungssoftware, schreibt sie für ihn auf. Manchmal klappt das nicht, weil die Internetverbindung zu schlecht ist oder er Dialekt schreiben will. Dann fährt er mit dem Finger durch die Tastatur auf dem Touchscreen, bis er den richtigen Buchstaben hört. Sobald er loslässt, schreibt das Programm ihn auf.
Viele Hürden sind im Laufe der Zeit verschwunden - barrierefrei sind Computer und Internet dennoch bis heute nicht. Die meisten Webseiten sind über die Jahre grafischer geworden. Überall bewegt sich etwas, es gibt Bilder und Illustrationen, die dem Nutzer ohne Worte vermitteln, worum es geht. Viele Schalter lassen sich nur per Mausklick bedienen. All das macht es Schöppleins Screenreader oft unmöglich, eine Webseite richtig wiederzugeben.
Die grafische Benutzeroberfläche macht es für Blinde schwerer
Ganz ähnlich ist es mit Computern. Ebenjene Revolution, die diese seit den 80er-Jahren auch für Laien nutzbar gemacht hat, hat sie für Blinde unzugänglicher werden lassen: die grafische Benutzeroberfläche. Für den Sehenden hat die Einführung von Icons, Menüs, Fenstern und Mauszeigern die Nutzung des Computers intuitiver gemacht. Man klickt mit dem Zeiger auf bunte Symbole, um ein Programm zu starten, statt umständliche Textbefehle einzutippen. Man öffnet verschiedene Anwendungen in verschiedenen Fenstern wie Schubladen in einem Schrank. Alles ist einfach. Wenn man sehen kann.
Schöpplein dagegen bewegt sich am liebsten in einem reinen Textumfeld. Er hat gute Erinnerungen an die Zeiten von MS-DOS, bevor alles grafisch wurde. Heute benutzt er Linux Debian, weil er auch hier fast alles über Textbefehle machen kann. Wenn er kann, benutzt er auch im Internet einen Browser, der die Webseite gleich als Text darstellt. Das Problem: "Die sind meistens aus dem letzten Jahrhundert." Lynx zum Beispiel könne nicht einmal mit Javascript umgehen.
Komplexe Webseiten zu bedienen, ist schwieriger als programmieren
Als Senior System Engineer ist Schöpplein für "Second-Level-Anfragen" zuständig, für die Probleme, die ein bisschen schwieriger sind. Programmieren muss er selten, aber es kommt vor. Im vi-Editor schreibt er dann zum Beispiel eine Anwendung, die Kundendaten so aufbereitet, dass sie direkt ins System eingespeist werden können, integrierte Programmierumgebungen (IDE) benutzt er nicht - auch wenn viele andere blinde Programmierer das tun. Für Schöpplein ist Programmieren manchmal einfacher, als eine komplexe Webseite zu bedienen - weil er sich beim Programmieren in einem textbasierten Umfeld bewegt. Perl, Javascript, SQL, Python - die Syntax dieser Sprachen zu behalten, ist für Schöpplein kein Problem. Verwirrender ist es, wenn Bilder, Pop-ups und Grafiken durcheinanderfunken.



In dieser Hinsicht unterscheidet sich die virtuelle Welt, in der Schöpplein sich bewegt, nicht allzu sehr von der analogen. Die Ordnung, die auf Schöppleins Bildschirm herrscht, spiegelt sich in seiner Wohnung wider. Alles hat einen festen Platz, kaum etwas steht herum, nur zwei Bilder hängen an der Wand. Die Struktur hilft ihm, sich alleine zurechtzufinden. Es ist Mittagszeit. Schöpplein steht auf, um sich beim Griechen einen Sportlersalat zu holen. Zielsicher geht er zur Tür, greift nach Laceys Führgeschirr, das immer dort hängt, und ruft seine Hündin herbei.



