Blind programmieren: Wenn der Computer schneller spricht, als ein Sehender hört

Damit ein Programmcode funktioniert, kommt es manchmal auf ein einzelnes Komma an. Christian Schöpplein kann nicht sehen - und programmiert trotzdem.

Artikel von Julia Ley veröffentlicht am
Blind programmieren: Wenn der Computer schneller spricht, als ein Sehender hört
(Bild: Julia Ley)

Würde man Christian Schöpplein bei der Arbeit nur sehen, nicht hören, man würde nicht erraten, dass der 40-Jährige blind ist. Seine Finger fliegen auf der Tastatur hin und her, intuitiv weiß er, wo welche Taste ist. Nur eines ist anders als bei anderen Informatikern: Im Hintergrund plappert ununterbrochen eine Männerstimme vor sich hin - in so enormer Geschwindigkeit, dass sie für einen Außenstehenden kaum zu verstehen ist.

Inhalt:
  1. Blind programmieren: Wenn der Computer schneller spricht, als ein Sehender hört
  2. Es ist, wie mit dem Fuß zu sehen
  3. Die grafische Benutzeroberfläche macht es für Blinde schwerer

Die Stimme gehört Schöppleins Sprachausgabeprogramm Espeak und ist eines von drei Hilfsmitteln, die es Schöpplein ermöglichen, den Computer schneller zu bedienen als viele Sehende. Neben Espeak gibt es noch den Screenreader Blinux, der den Bildschirminhalt erkennt und vorliest. Genau wie Espeak ist er Open Source. Mit dem erkannten Text füttert die Software sowohl die Sprachausgabe als auch eine elektronische Braille-Zeile, die an Schöppleins Laptop angeschlossen ist. Wenn auf dem Bildschirm ein "A" erscheint, dann schießt im entsprechenden Feld der Zeile ein einziger kleiner Punkt in die Höhe. Es ist das "A" der Blindenschrift.

  • Arbeitsgeräte eines blinden Programmierers (Bild: Julia Ley)
  • Eine elektronische Braille-Zeile ist an Schöppleins Laptop angeschlossen. Sie nutzt er zum Lesen, zum Schreiben wechselt er auf die normale Tastatur. (Bild: Julia Ley)
  • Ohne Maus und nur über Tastenkombinationen arbeitet Christian Schöpplein und ist dadurch besonders schnell.(Bild: Julia Ley)
Eine elektronische Braille-Zeile ist an Schöppleins Laptop angeschlossen. Sie nutzt er zum Lesen, zum Schreiben wechselt er auf die normale Tastatur. (Bild: Julia Ley)

Wären die Hilfsmittel Menschen, man müsste Schöppleins Beziehung zu ihnen wohl als gespalten bezeichnen. Einerseits machen sie es ihm möglich, den Computer zu navigieren. Andererseits, sagt Schöpplein, "kann das Gequassel ganz schön nerven". Im Hintergrund rasselt die monotone Stimme weiter vor sich hin. Auch die Braille-Zeile hat ihre Nachteile: Sie hilft zwar beim Lesen, doch zum Schreiben muss Schöpplein wieder auf die normale Tastatur wechseln, deren Felder er auswendig kennt. Er springt also ständig hin und her.

Nach zwei Fragen ging es um Technisches

Dennoch: Gäbe es diese Hilfsmittel nicht, würde der Informatiker heute vielleicht zu den 70 Prozent der Blinden und Sehbehinderten in Deutschland zählen, die keinen Job haben. Die Zahl macht ihn wütend. Auch von den restlichen 30 Prozent arbeiteten viele unter ihren Qualifikationen, sagt Schöpplein. "Um überhaupt arbeiten zu können". Noch immer scheinen viele Arbeitgeber zu denken, dass Blinde nicht leistungsfähig seien. "Dabei kann ich genauso gut Überstunden machen wie jeder andere", sagt der 40-Jährige.

Stellenmarkt
  1. Experte* - Hochautomatisiertes Fahren
    IAV GmbH, Heimsheim, München, Weissach
  2. IT Specialist Server und Virtualisierung (m/w/d)
    Endress+Hauser Conducta GmbH+Co. KG, Gerlingen (bei Stuttgart)
Detailsuche

Bei seinem jetzigen Arbeitgeber, der OTRS AG, die Dienstleistungen rund um das gleichnamige Ticketsystem anbietet, war Schöppleins Behinderung zum ersten Mal kein Thema. Im Vorstellungsgespräch fragte sein zukünftiger Chef einmal, welche Einschränkungen die Erblindung für seine Arbeit bedeuten. Dann ging es um Technisches. Seine Behinderung spiele auf der Arbeit heute keine Rolle, sagt Schöpplein. Zwar gebe es ein paar Programme, die sein Screenreader nicht erkennen könne, doch darauf stelle er sich eben ein. Außerdem arbeitet bei der ORTS AG fast jeder von zu Hause aus, auch Schöpplein. So kann er umständliche Wege vermeiden und hat stets die Hilfsmittel zur Hand, die er braucht. Mit den Kollegen kommuniziert er über Chat.

"Es gibt keinen Unterschied zwischen Christian und den anderen Mitarbeitern", sagt Schöppleins Kollege Shawn Beasley. Das Team sei schon immer sehr offen gewesen, nur ganz am Anfang hätten ein paar Kollegen Berührungsängste gehabt. Nach ein paar Tagen war das verschwunden. Heute, sagt Beasley, sei Schöpplein einer der besten. Er sei schneller als andere, weil er als Blinder keine Maus benutze und deshalb alles über Tastenkombinationen mache. Und er lasse sich von Schwierigkeiten nicht entmutigen. "Wenn ein Problem auftaucht, findet Christian häufig eine kreative Lösung.".

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
Es ist, wie mit dem Fuß zu sehen 
  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4.  


Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Frommer Legal
Große Abmahnwelle wegen Filesharing in Deutschland

Mehrere Zehntausend Menschen suchen derzeit Hilfe bei einer Anwaltskanzlei, weil sie wegen angeblich illegalem Filesharing abgemahnt wurden.

Frommer Legal: Große Abmahnwelle wegen Filesharing in Deutschland
Artikel
  1. Grafiktreiber Adrenalin 21.6.1: AMD erklärt viele ältere Grafikkarten für obsolet
    Grafiktreiber Adrenalin 21.6.1
    AMD erklärt viele ältere Grafikkarten für obsolet

    Von FM2+-APUs bis hin zur Radeon HD 7900: AMD wird viele ältere Grafikkarten und APUs nicht mehr mit aktuellen Treibern unterstützen.

  2. Kriminalität: Dresdnerin wegen Mordauftrag im Darknet angeklagt
    Kriminalität
    Dresdnerin wegen Mordauftrag im Darknet angeklagt

    Eine 41-Jährige aus Dresden ist angeklagt, im Darknet einen Mord in Auftrag gegeben zu haben. Für die Ermordung der neuen Freundin ihres Ex-Mannes soll sie 0,2 Bitcoin geboten haben.

  3. Kim Schmitz' Lebensgeschichte: Die Dotcom-Blase
    Kim Schmitz' Lebensgeschichte
    Die Dotcom-Blase

    Glaubt man seiner Autobiografie, wollte Kim Schmitz als Jugendlicher einfach nur raus aus seinem Leben. Also schuf er sich ein neues: als Kim Dotcom.
    Von Stephan Skrobisch

Askaaron 24. Aug 2018

Es gibt auch Tests wie WAVE von WebAIM (http://wave.webaim.org). Ich berücksichtige...

deadeye 14. Jan 2016

Also dein Vergleich zwischen Induktivität und Produktivität finde ich gut. Mir kamen als...

alcarsharif 12. Jan 2016

... ist ein amerikanischer Programmierer, der seit seiner Geburt blind ist. Ich hab ihn...

TuX12 12. Jan 2016

der Mitarbeiter mit dem Kunden telefoniert und mit Maus und Tastatur in der Fachanwendung...


Folgen Sie uns
       


Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Schnäppchen • Amazon Prime Day nur noch heute • SSD (u. a. Samsung 980 Pro 1TB PCIe 4.0 140,19€) • Gaming-Laptops von Razer & MSI • Crucial 32GB Kit DDR4-4000 269,79€ • 30% auf Warehouse • Primetime bei Saturn (u. a. Switch Lite 166,24€) • Gaming-Chairs • Gönn dir Dienstag [Werbung]
    •  /