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Blind programmieren: Wenn der Computer schneller spricht, als ein Sehender hört
(Bild: Julia Ley)

Es ist, wie mit dem Fuß zu sehen

Wer Schöppleins Geschichte kennt, kriegt eine Idee davon, woher diese Kreativität kommt. Als er als Vierzehnjähriger erblindete, musste er ein Jahr lang den Unterricht aussetzen und alles neu lernen. Er lernte, wie man mit den Fingern Punktschrift liest. Er lernte, wie man mit dem Blindenstock an der Bordsteinkante entlangfährt, um den Abstand zur Straße einzuschätzen. Und er lernte, wie man beim Einschenken einen Finger ins Glas hält, damit das Wasser nicht überläuft. Genauso macht er es heute, wenn ein Problem auftritt. Er findet einen Weg drum herum.

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Dass Schöpplein gelernt hat, mit der Erblindung zu leben, heißt aber nicht, dass er vergessen hat, wie es war, sehen zu können. Bis heute stellt er sich eine Karte vor, wenn er einen Weg lernt. Er sieht dann alles aus der Vogelperspektive: Kreuzungen, Abzweigungen, Kurven. Menschen, die blind geboren wurden, sagt er, hangelten sich eher von Punkt zu Punkt: "Erst hier die Treppe runter, dann rechts bis zur Gehsteigkante, dann links, bis der Boden plötzlich weich wird, weil der Wald anfängt."

Doch es ist nicht nur sein räumliches Vorstellungsvermögen, das Schöpplein nicht verloren hat. "Auch die Farben", sagt er, "die bleiben." Vielleicht weil sie so grundlegend sind, vielleicht weil alles eine Farbe hat. Er erzählt von den Kindheitsurlauben in Griechenland. Der weiße Strand vor dem grünen Olivenhain, das grünblaue Meer - und "rot die Sonne, wenn sie untergeht".

Gesichter vergisst man schneller

Die Gesichter von Menschen vergesse man schneller, sagt er. Komischerweise. Aber eigentlich konnte er Gesichtszüge auch damals schon nicht gut erkennen, bevor seine Netzhaut sich im Alter von 14 Jahren ablöste. Die Ärzte hatten ihn gewarnt, keine Erschütterungen, kein Fußball. Doch welcher Jugendliche hält sich daran?

Und dann, eines Morgens, waren da plötzlich diese schwarzen Flecken. Anfangs nur oben rechts, bald auch unten links. Eigentlich war nichts Besonderes passiert, sagt Schöpplein. Woran genau es lag, kann heute keiner mehr sagen. Eine Woche später war alles - man möchte sagen "schwarz", aber das stimmt nicht. "Ein Blinder sieht nicht schwarz", sagt Schöpplein. "Man sieht einfach - nichts. Als würde man aus den Fußsohlen schauen." Es geht schlicht nicht.

  • Arbeitsgeräte eines blinden Programmierers (Bild: Julia Ley)
  • Eine elektronische Braille-Zeile ist an Schöppleins Laptop angeschlossen. Sie nutzt er zum Lesen, zum Schreiben wechselt er auf die normale Tastatur. (Bild: Julia Ley)
  • Ohne Maus und nur über Tastenkombinationen arbeitet Christian Schöpplein und ist dadurch besonders schnell.(Bild: Julia Ley)
Ohne Maus und nur über Tastenkombinationen arbeitet Christian Schöpplein und ist dadurch besonders schnell.(Bild: Julia Ley)

Mittlerweile ist Schöpplein schon länger blind, als er sehen konnte. Und lebt komplett selbstständig. Dass das möglich ist, liegt auch an Lacey, seiner Australian-Shepherd-Hündin. Seit er sie hat, ist er mutiger geworden. "Man ist dann im Team." Jeder trägt etwas bei: Schöpplein das Gehirn, Lacey die Augen. Er sagt, wo er hin will, sie zeigt ihm den Weg: nach rechts, wenn er "destra" sagt, nach links, wenn sie "sini" hört.

Doch die Hündin ist viel mehr als eine Blindenführerin. Schöpplein nennt sie "eine Brücke". Früher sprangen die Leute aus dem Weg, wenn sie ihn mit dem Stock kommen sahen. "Es ist, als ob die Menschen denken, ein Blinder kann weder sprechen noch laufen", sagt Schöpplein. Sie waren unsicher, wie sie sich verhalten sollten. Mit Lacey wurde das anders. Jetzt tätschelt ein Fremder seiner Hündin den Kopf und macht ihr ein Kompliment. Dann ist das Eis gebrochen.

Auch Technik ist eine Brücke

Auch die Technik ist für Schöpplein zu so einer Brücke geworden. Im Internet kann er einen Großeinkauf erledigen und muss niemanden bitten, ihn zu fahren. Die Navigation auf dem Smartphone hilft ihm, den Weg zu finden, Apps wie Be my eyes leihen ihm per Videochat die Augen eines Freiwilligen. Zur Not sagt der ihm auch, ob der Joghurt in seiner Hand schon abgelaufen ist.

Wie viele Blinde nutzt Schöpplein gerne Apple-Produkte. Alle Apple-Devices haben Voiceover vorinstalliert - ein Sprachausgabeprogramm, das von Anfang an fest ins System integriert ist. Es funktioniert auch dann, wenn das Betriebssystem noch nicht gestartet oder noch gar nicht installiert ist. Bei Windows ist das anders, die Sprachausgabe springt erst an, wenn das Betriebssystem schon läuft. "Windows kann ich bis heute nicht alleine installieren", sagt Schöpplein.

Das wird auch dann zum Problem, wenn er für die Arbeit etwas im Bios des Computers nachschauen muss - also in dem Teil des Computers, der auch dann funktioniert, wenn das Betriebssystem noch nicht läuft. "Ich muss dann meistens jemanden bitten, mir zu helfen", sagt Schöpplein. Oft ist gerade dann niemand da. Und wenn doch, dann ist das häufig ein Freund, der weniger technikversiert ist als Schöpplein. "Die suchen dann minutenlang nach einer Information, die ich mit Sprachausgabe in Sekunden finden könnte."

Besonders nützlich ist Voiceover auf dem iPhone. Sobald die Software eingeschaltet ist, lässt sich das Smartphone komplett über Sondergesten bedienen. Etwa 20 bis 30 gibt es davon. Wenn Schöpplein mit dem Finger über den Bildschirm seines iPhones streicht, liest ihm Voiceover vor, was er gerade anwählt: "E-Mail" ("Sie haben 243 neue E-Mails"), "Nachrichten", "Karten". Auch eine Nachricht zu tippen, ist kein großes Problem mehr: Er spricht sie ein und Siri, Apples Spracherkennungssoftware, schreibt sie für ihn auf. Manchmal klappt das nicht, weil die Internetverbindung zu schlecht ist oder er Dialekt schreiben will. Dann fährt er mit dem Finger durch die Tastatur auf dem Touchscreen, bis er den richtigen Buchstaben hört. Sobald er loslässt, schreibt das Programm ihn auf.

Viele Hürden sind im Laufe der Zeit verschwunden - barrierefrei sind Computer und Internet dennoch bis heute nicht. Die meisten Webseiten sind über die Jahre grafischer geworden. Überall bewegt sich etwas, es gibt Bilder und Illustrationen, die dem Nutzer ohne Worte vermitteln, worum es geht. Viele Schalter lassen sich nur per Mausklick bedienen. All das macht es Schöppleins Screenreader oft unmöglich, eine Webseite richtig wiederzugeben.

 Blind programmieren: Wenn der Computer schneller spricht, als ein Sehender hörtDie grafische Benutzeroberfläche macht es für Blinde schwerer 

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Duke83 28. Jan 2016

Ihr könnt ihn ja mal anmailen, würde mich auch interessieren.

mauorrizze 20. Jan 2016

@spiderbit: Email wurde ja quasi als Standard veröffentlicht. Für das WWW gibt es auch...

deadeye 14. Jan 2016

Also dein Vergleich zwischen Induktivität und Produktivität finde ich gut. Mir kamen als...

alcarsharif 12. Jan 2016

... ist ein amerikanischer Programmierer, der seit seiner Geburt blind ist. Ich hab ihn...

TuX12 12. Jan 2016

der Mitarbeiter mit dem Kunden telefoniert und mit Maus und Tastatur in der Fachanwendung...



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