Surreale Bewertungen
Während der Vertrag mit Microsoft von einer Bewertung mit 500 Milliarden US-Dollar ausgeht, kommen die Analysten auf mehr als 720 Milliarden US-Dollar, die OpenAI wert sein soll. Unter den Top Acht der höchstbewerteten privaten Unternehmen sind sechs KI-Firmen, drei – OpenAI, Anduril und Databricks – verzeichneten Wertsteigerungen zwischen 135 und 168 Prozent binnen Jahresfrist. Der Firmenwert von Anthropic, dem größten Mitbewerber von OpenAI, soll sich seit Januar versechsfacht haben.
Keine der Firmen hat je ein positives Quartal abgeliefert, bei keiner steht der aktuelle Umsatz in irgendeinem Verhältnis zur Bewertung. Alle geben immer noch Investorengeld aus. Und dieses Geld wurde bis jetzt vor allem in Rechenzentren investiert, die anderen gehören.
Der größte Kostenfaktor dieser Unternehmen ist die Miete von Rechenzeit. Davon profitieren nur Hyperscaler wie Amazon, Cloudflare oder Microsoft. Surrealer Höhepunkt des KI-Szenarios ist aber die Bewertung von Nvidia mit fünf Billionen US-Dollar an den Börsen. Ein Hersteller von Grafikkarten verfügt damit derzeit über eine Marktkapitalisierung, die etwa dem Bruttoinlandsprodukt Deutschlands entspricht(öffnet im neuen Fenster) .
Wo die Liquidität geblieben ist
Am Tag nach Halloween berichtete die Financial Times(öffnet im neuen Fenster) , dass Warren Buffetts Investmentfirma Berkshire Hathaway erneut ein großes Aktienpaket verkauft hatte. Buffett hatte im aktuellen Quartal für 6,4 Milliarden US-Dollar Aktien gekauft, aber auch Aktien um 12,5 Milliarden auf den Markt geworfen.
Die Differenz von 6,1 Milliarden wurde in US-Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit angelegt, die in Cash ausbezahlt werden. Diese Strategie, einen bestimmten Teil des Gewinns nicht wieder in Aktien anzulegen, sondern in Bonds, verfolgt Berkshire Hathaway seit drei Jahren.
Welche Papiere Buffett da verkauft hat, wurde nicht angeben. Es ist aber davon auszugehen, dass ein Gutteil davon Aktien von Apple sind. Die hatte Berkshire Hathaway vor zehn Jahren en gros und günstig eingekauft, seit dem Vorjahr kommen sie in Tranchen wieder auf den Markt.
Diese Investition in Apple soll überhaupt einer der besten im langen Leben des Großinvestors gewesen sein, der zum Jahresende im Alter von 95 Jahren in den Ruhestand geht. Der Kurs der Apple-Aktie hat sich seitdem fast verfünfzehnfacht. Laut Quartalsbericht verfügt Berkshire Hathaway aktuell über 382 Milliarden US-Dollar an Cash-Reserven. Man schwimmt also in Liquidität und denkt nicht daran, groß zu investieren.
Epilog
Genauso antizyklisch hatte Berkshire Hathaway sein Portfolio während der Dotcom-Blase umgeschichtet und wurde von neureichen IT-Investoren aus Kalifornien verspottet. IT-Werte wurden teils zu Cash gemacht, teils investierte Buffett in langweilige Branchen wie Versicherungswesen, Eisenbahngesellschaften, Energieversorger oder Chemie.
Nach der Implosion der Dotcom-Blase hatte Warren Buffet im Vergleich zu anderen Investoren deshalb kaum Geld verloren. Während der Investorenmitbewerb danach an finanzieller Auszehrung laborierte, verfügte Berkshire Hathaway über mehr als genug liquide Mittel, um sich die aussichtsreichsten Assets für billiges Geld zu sichern.
Erich Moechel(öffnet im neuen Fenster) ist langjähriger Journalist und schreibt Analysen, Hintergründe und Kommentare, weil er findet: Das Leben ist zu kurz, um nicht Klartext zu schreiben.



