Blade Shadow und Ghost im Test: Windows-PC streamen mit Hindernissen

Einen vollwertigen Windows-PC streamen und darauf spielen können: Diesem Konzept geht das französische Unternehmen Blade Group nach. Seit 2018 können Kunden mit Blade Shadow(öffnet im neuen Fenster) Ressourcen in der Cloud zu einem monatlichen Preis mieten und ihren eigenen Windows-Desktop nutzen, als stünde er in einem Zimmer zu Hause. Was auch Golem.de schon zur Einführung des Produktes begeistert hat: Den Shadow-Client gibt es für viele Geräte, etwa das eigene Windows-System, Android-Tablet oder iPhone.
Die Shadow Ghost ist die neue kleine Streamingbox, die den Streamingdienst ins Wohnzimmer bringen soll, ohne dass wir ein ungenutztes Gerät dazu verwenden müssen. Dass es nicht ganz so einfach ist, erfahren wir in unserem Test des neuen Produktes in Verbindung mit dem Streamingdienst. Die Idee ist genial, allerdings ist die Umsetzung noch ziemlich hakelig und mit viel Nachlesen verbunden. Das liegt teils am Streaming selbst und teils an der Hardware.
Ist das Kunst?
Die Shadow Ghost ist ein ziemlich außergewöhnlich designtes Produkt. Es sieht aus, wie ein modernes Opernhaus, nur das es eben mit 190 Gramm Gewicht und Maßen von 12,5 x 18 x 5 cm auf so ziemlich jeden Tisch passen sollte. Optisch weiß die kleine Box durchaus zu gefallen. Allerdings fühlt sich der dünne Kunststoff nicht unbedingt hochwertig an. Auch finden wir, dass die rote Status-LED in hell beleuchteten Räumen schwierig zu erkennen ist.

Das geringe Gewicht der Ghost bringt noch einige andere Probleme mit sich, etwa wenn wir daran HDMI-Kabel, Ethernet-Kabel und im schlimmsten Fall eine kabelgebundene Tastatur anschließen. Das schiere Gewicht der Kabel führt dazu, dass die leichte Konsole auf dem Tisch kippt.
Es wundert nicht, dass die Hardware so leicht ist. In der Kunststoffschale steckt ein speziell angepasster Kleinstrechner auf einer proprietären Platine. Darauf ist nur das Nötigste verbaut: etwa ein Rockchip RK3399, 2 GByte DDR3-RAM und 8 GByte Flash-Speicher. Alle Komponenten sind verlötet und daher nicht austauschbar. Das SoC muss lediglich das rudimentäre Linux-Betriebssystem auf dem Computer berechnen und ein Bild ausgeben können. Deshalb entscheidet sich der Hersteller wohl für dem im Ankauf preiswerten ARM-Chip. Das Netzwerkmodul führt einen Gigabit-Ethernet-Port nach außen, funkt aber auch nach dem WLAN-Standard Wi-Fi 5. Bei einem von der Verbindung stark abhängigen Dienst wie Shadow ist es ratsam, nur kabelgebundenes Ethernet zu verwenden.







Vollwertiger Gaming-Rechner für 30 Euro im Monat?
Wir müssen im Hinterkopf behalten, dass für die Shadow Ghost erst einmal 120 Euro anfallen und ein Shadow-Abonnement zwingend nötig ist. Je nach Vertragslaufzeit kostet das 30 bis 40 Euro im Monat. Ein sinnvolles Gegenargument bringt Shadow aber an: Die Ghost benötigt durch die minimale Hardware sehr wenig Strom, gerade im Vergleich zu einem Gaming-PC oder sogar zu einer Current-Gen-Konsole wie der Playstation 4 oder der Xbox One. Wir messen maximal 12 Watt. Dadurch sparen wir in der Theorie viel Geld am Jahresende, wenn die Stromrechnung fällig wird. Sicherlich gleicht das aber nicht die 360 Euro aus, die Blade Shadow in zwölf Monaten kostet.
Für das Geld stellt uns Blade eine ziemlich potente Maschine zur Verfügung. Wir erhalten acht virtuelle Intel-Xeon-E5-2667-v3-Kerne der Generation Haswell, 12 GByte RAM und eine Quadro-P5000-Grafikkarte von Nvidia, aber nur 256 GByte Massenspeicher. Dies lässt sich in etwa mit der Leistung einer Geforce GTX 1070 Ti oder einer Geforce RTX 2060 vergleichen. Dementsprechend können wir aktuelle Spiele wie Biowares Loot-Shooter Anthem in 4K-Auflösung und bei niedrigen Details auf etwa 35 Bildern pro Sekunde spielen. Kompetitive Spiele wie Counter Strike: Global Offensive laufen auch in 4K-Auflösung bei etwa 100 fps wesentlich besser.







Diese Zahlen suggerieren bereits, dass sich eine Shadow-VM eher weniger für 4K-Gaming eignet. Gerade bei aktuellen Titeln müssen wir Details oft weit herunterstellen. Auch wenn wir das verkraften können, ist die Latenz bei 4K und 60 Bildern pro Sekunde extrem hoch. Kombinieren wir das mit einem recht träge reagierenden OLED-Fernseher wie unserem LG 55B7V-Z, dann stört die deutliche Eingabeverzögerung enorm – auch bei eingeschaltetem Game Mode. Zielen in Shootern wird dadurch zum Glücksspiel. Lediglich Couch-Coop-Spiele wie der Plattformer Broforce oder das Roguelike Enter the Gungeon liegen noch im akzeptablen Rahmen.
Das ist schade, da die Blade Group ihre Ghost-Konsole als Wohnzimmerhardware bewirbt. Das ist aber nicht der einzige Punkt, an dem das Produkt verwirrt.
Ein reaktionsschneller Full-HD-Monitor ist Pflicht
Schnell wird uns klar, dass der Streamingdienst sich wesentlich besser für die Darstellung in 1080p eignet. Dabei nutzen wir am besten einen guten Gaming-Monitor, um möglichst viele Faktoren zu minimieren, die die Latenz erhöhen. Das schnell reagierende 25-Zoll-TN-Panel unseres Viewsonic XG2530 mit 1 ms Grau-zu-Grau-Latenz und einer Bildrate von 240 Hz ist dafür beispielsweise gut geeignet.
Wenn wir die Ghost-Konsole per HDMI an den Monitor anschließen, lassen sich aber maximal 120 Bilder pro Sekunde in 1080p übertragen. Das ist die Limitierung von Blade Shadow. Uns verwundert das, da der Hersteller sein Produkt mit einer Bildfrequenz von maximal 144 Hz bewirbt. Zudem passt sich die Bildfrequenz immer dem angezeigten Inhalt an. Bewegt sich nichts auf dem Bildschirm, dann drosselt der Streamingdienst auf teils unter 10 Bilder pro Sekunde herunter. Gleichzeitig ist die Bandbreitenanforderung dadurch recht gering.
Das funktioniert aber auch umgekehrt: In einer Partie CSGO lesen wir mit dem praktischen in Shadow integrierten Diagnosetool zwischen 110 und 120 fps aus. Beachtlich ist dabei, dass sich der Dienst 60 MBit/s an Bandbreite genehmigt. Bildartefakte, die durch die Streamingkompression auftreten, gibt es bei maximaler Einstellung trotzdem zu Genüge. Bei den niedrigauflösenden und sehr simplen Texturen in CSGO fällt das besonders auf, in Biowares Anthem nicht ganz so stark. Mikroruckler und inkosistente Bildraten treten aber selbst mit der 200-MBit/s-Leitung unserer Redaktion auf, was gerade in kompetitiven Spielen schnell nervt.







Es ist daher sinnvoll, dass Kunden für ein möglichst gutes Bild bei Blade Shadow zum einen zumindest über eine 50-MBit/s-Internetleitung verfügen und zum anderen wenig anderer Traffic auf derselben Leitung läuft, was in Familienhaushalten schnell schwierig werden kann. Es ist aber auch möglich, die Datenrate des Dienstes einzuschränken – auf Kosten von mehr Bildartefakten und mehr Rucklern. Blade selbst empfiehlt eine stabile Internet-Verbindung mit mindestens 15 Mbit/s im Download. Bei dieser Rate dürfte die Bildkomprimierung sehr stark ausfallen.
Generell bleibt die Hardware etwas hinter unseren Erwartungen zurück: Die Quadro P5000 liegt etwa auf dem Niveau einer Geforce GTX 1070 Ti und ist damit gerade für Full-HD-Inhalte schnell genug. Das Problem sind die acht virtuellen Xeon-Kerne, die Blade uns zur Verfügung stellt. Selbst unter Volllast takten sie bei durchschnittlich 1 GHz pro Kern ziemlich langsam . Entsprechend ernüchternd ist das Ergebnis im Multicore-CPU-Benchmark Cinebench R15: Wir messen knapp 620 Punkte . Das ist etwa das Niveau eines sieben Jahre alten Intel Core i7-3770.
Auch der Massenspeicher ist nicht der schnellste: Er liest mit 500 MByte/s sequenziell, was etwa auf dem Niveau eines SATA-3-Laufwerkes liegt. Die Schreibraten schränkt Blade allerdings stark ein. Maximal knapp 100 MByte/s lassen Kopiervorgänge auf der virtuellen Maschine zum Geduldsspiel werden. Ebenfalls ein Manko: Wir bekommen lediglich 256 GByte Kapazität gestellt, was gerade einmal für eine Handvoll aktueller Titel reicht, die oft mehr als 50 GByte groß sind. Für weitere 4 Euro im Monat lässt sich dieser Speicherplatz immerhin auf 1 TByte erweitern.
Schneller Kundensupport, schlechtes Wiki
Bei den Grafiktreibern sollten wir aufpassen: Nach dem Aktualisieren der Software startete unsere VM nicht mehr. Da half nur noch der Umweg über den Kundensupport des Unternehmens. Der ist sehr schnell und freundlich und konnte unser Problem binnen weniger Stunden lösen. Allerdings ist das öffentlich zugängliche Wiki weniger hilfreich. Wir mussten erst einmal eine Weile nach den Kontaktdaten des Support-Teams suchen und häufig gestellte Fragen werden auf der Webseite meist sehr allgemein und schwammig erklärt. Hier besteht noch Nachbesserungspotenzial.







Dafür hat die VM aus der Cloud den Vorteil, dass wir auf das enorme Backbone des Rechenzentrums zugreifen können. Das 50 GByte große Battlefield 5 hat etwa mit 90 MByte/s geladen und war nach einer halben Stunde spielbereit. Das ist mit kaum einer privaten Verbindung in Deutschland machbar.
Außerdem schaffen es die Franzosen, eine generell gute Eingabelatenz umzusetzen, solange wir keinen 4K-Content wiedergeben. Dadurch können wir angenehm Titel wie World of Warcraft, Anthem, Destiny 2 und Borderlands 2 spielen – Titel, bei denen ruckartige und genaue Bewegungen mit der Maus nicht so wichtig sind. Für Spiele wie Overwatch und CSGO nutzen wir allerdings lieber einen lokalen PC.
Dabei macht die Shadow Ghost generell einen sehr unfertigen Eindruck
Ein unfertiges Produkt für vergleichsweise viel Geld
Theoretisch können wir Blade Shadow und die Ghost-Konsole auch für produktive Arbeiten nutzen. Dafür bietet sich Nvidias Quadro P5000 an. Gerade in 3D-Editoren wie Blender ist ein ruckelfreies Bewegen, Skalieren und Bearbeiten von komplexen Modellen ohne Probleme möglich. Die Renderzeiten sind durch die geringe Taktung der CPU-Kerne aber nicht übermäßig gut. Wir messen knapp 9:30 Minuten im BMW27-Render-Benchmark. Zum Vergleich: Ein Intel Core i9-9900K benötigt für die gleiche Aufgabe etwa 3:40 Minuten.
Was Grafiker und 3D-Designer ebenfalls stören dürfte, ist der Umstand, dass wir keinen zweiten Bildschirm mit Shadow betreiben können. Außerdem dauert es unerträglich lange, Daten von der VM auf einen USB-Stick zu ziehen und umgekehrt. Bei Datenraten von etwa einem MByte/s muss man warten.
Generell ist die Shadow Ghost aber das größte Hindernis: Die Konsole hat zwei USB-2.0-Ports und zwei USB-3.2-Gen1-Buchsen. An den ersteren lassen sich ausschließlich eine Maus und eine Tastatur betreiben. Die VM erkennt andere Hardware nur, wenn sie an den letzteren Standard angeschlossen wird. Dazu zählen etwa USB-Sticks oder 2,4-GHz-Drahtlosadapter für Maus, Tastatur oder einen Gamecontroller.







Sehr geärgert haben wir uns über den Fakt, dass die Konsole kein Bluetooth unterstützt, obwohl das klar auf der Packung und auf der Produktseite angegeben wird. Die Hardware scheint ein entsprechendes Bluetooth-Modul auch verbaut zu haben, denn im Betriebssystem können wir Geräte koppeln. Allerdings wird diese Information nicht richtig an die virtuelle Maschine weitergeleitet. Diese zeigt lediglich an, dass kein Bluetooth vorhanden ist.
Alle Versuche, unseren Xbox One Wireless Controller der zweiten Generation mit unserem Shadow zu koppeln, waren erfolglos. So brauchen wir immer einen USB-Dongle, den es als Zubehör für den Controller zu kaufen gibt. Alternativ können wir auch andere Peripherie wie etwa den Steam-Controller nutzen. Wollen wir zu viert auf der Shadow Ghost spielen, sind aber schnell die wenigen funktionierenden USB-Anschlüsse belegt. So haben wir uns eine Konsole nicht vorgestellt.







Die Unzulänglichkeiten der Ghost fallen auch auf, wenn wir den Preis bedenken. 120 Euro kostet die Konsole, die nicht einmal Spielcontroller enthält. Die müssen wir uns noch dazu bestellen. In Anbetracht dessen, dass erste Versionen der Playstation 4 oder Xbox One mit Controller teilweise unter 200 Euro kosten, ist die Ghost einfach ein schlechter Deal – selbst wenn sie gut funktionieren würde. Die Sache sähe für uns anders aus, wenn Blade das Produkt mit einem an sich schon recht teuren Abonnement mitliefern würde. So können wir nur davon abraten.
Verfügbarkeit und Fazit
Seit Ende 2018 bietet die Blade Group den Dienst Blade Shadow ab 30 Euro im Monat an. Diesen Preis bekommen Kunden aber nur bei einer Vertragslaufzeit von einem Jahr. Ohne Vertragsbindung kostet der Dienst 40 Euro im Monat. Bei beiden Angeboten ist ein Probemonat inklusive. Unabhängig vom Abo kostet die Ghost-Konsole als Zubehör noch einmal 120 Euro zusätzlich.
Fazit
Blade Shadow hat Potenzial! Das merken wir, wenn wir den Streamingdienst bei einer guten Internetverbindung und mit einem reaktionsschnellen Full-HD-Monitor nutzen. Bei 120 Frames pro Sekunde ist die Verzögerung zwischen Eingaben und der Serverantwort sehr gering und stört daher nicht stark.
Für 30 Euro im Monat erhalten Kunden zudem ein in der Theorie potentes System. Jede Shadow-VM bekommt eine zur Geforce GTX 1070 Ti vergleichbare Quadro-P5000-Grafikkarte gestellt. Dazu kommen acht virtuelle CPU-Kerne eines Xeon E5-2667 v3 samt 12 GByte Arbeitsspeicher und recht wenige 256 GByte Massenspeicher.







Auf dieser Hardware können wir aktuelle Titel wie den Loot-Shooter Anthem bei niedrigen Details mit immerhin knapp 40 fps in 4K spielen. Kompetitive Spiele wie CSGO laufen mit etwa 100 fps wesentlich flüssiger. Das Problem bei dieser hohen Auflösung ist aber, dass dadurch die Latenz merklich steigt, was Zielen in Shootern nahezu unmöglich und frustrierend macht.
In 4K sinkt zudem die maximale Bildrate des Streams auf 60 fps herunter. Kombinieren wir den Dienst zusätzlich mit einem Fernseher, dann ist der Eingabe-Lag unerträglich. Daher ist die Wiedergabe in 4K keine ernsthafte Option.
Blade Shadow benötigt eine recht große Menge an Bandbreite. Wir messen knapp 60 MBit/s bei Full HD und 120 fps. Der Bedarf lässt sich aber manuell anpassen, was allerdings die Kompression und damit Bildartefakte deutlicher macht. Die stören in Spielen wie CSGO etwas. Nerviger sind die sporadisch auftretenden Bildaussetzer und Ruckler. Wir würden Shadow daher eher in Spielen nutzen, in denen es weniger auf schnelle Reflexe ankommt.







Die Shadow Ghost ist ein ziemlich enttäuschendes Produkt. Das Gehäuse wirkt nicht sehr hochwertig und nur zwei der vier USB-A-Buchsen können für Controller oder USB-Sticks verwendet werden. Zudem ist ein Koppeln von Geräten wie dem Xbox One Wireless Controller per Bluetooth nicht möglich, obwohl Blade mit dieser Funktionalität sogar wirbt. Die virtuelle Maschine erkennt nicht, dass Bluetooth zur Verfügung steht.
Lediglich der relativ geringe Strombedarf von etwa 12 Watt könnte Kunden zur Konsole hinziehen. 120 Euro ist das gebotene Produkt aber nicht wert. Daher ist es gut, dass wir den Streaming-Dienst auch ohne die Konsole nutzen können, etwa auf einem alten Tablet, PC oder Smartphone.



