Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

BKA-Statistik: Darknet und Dunkelfelder helfen Cyberkriminellen

Die registrierten Fälle von Cybercrime sind laut BKA spürbar gesunken. Wie schnell jedoch ein hoher Schaden entstehen kann, zeigt der Hack einer Telefonanlage an einer Universität.
/ Friedhelm Greis
21 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Kriminelle nutzen vermehrt die Anonymität des Darknet für ihre Zwecke. (Bild: Carl Court/Getty Images)
Kriminelle nutzen vermehrt die Anonymität des Darknet für ihre Zwecke. Bild: Carl Court/Getty Images

Weniger Fälle, höherer Schaden: Das ist die Bilanz der Computer- und Internetkriminalität in Deutschland im vergangenen Jahr. Während die Zahl der registrierten Delikte um 8,3 Prozent auf fast 46.000 zurückgegangen sei, sei die Schadenssumme im Vergleich zu 2014 um 2,8 Prozent gestiegen, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) am Mittwoch in seinem Bundeslagebild Cybercrime 2015 mit (PDF(öffnet im neuen Fenster)). Demnach entstand ein Schaden in Höhe von 40,5 Millionen Euro.

Der größte Teil davon (35,9 Millionen Euro) entfiel auf sogenannten Computerbetrug, worunter beispielsweise die Manipulation von Online-Banking durch Phishing oder der Betrug mit gefälschten Kreditkarten zählt. Der Schaden in diesem Bereich war im vergangenen Jahr mit einem Minus von 2,8 Prozent jedoch leicht rückläufig. Stark gestiegen ist hingegen der Betrug mit dem Hacking von Telefonanlagen. Hier gab es eine Zunahme des Schadens um 84 Prozent von 2,5 auf 4,6 Millionen Euro.

Ransomware zählt nicht als Computerdelikt

So war Anfang 2015 eine Sicherheitslücke von Fritzboxen bekanntgeworden, wodurch Hacker über den Zugriff auf den Router teure Auslandstelefonverbindungen anwählen konnten. Dem BKA zufolge gelang es unbekannten Tätern im Oktober 2015, die Telefonanlage einer deutschen Hochschule anzugreifen. Innerhalb eines Wochenendes seien rund 12.000 Telefonverbindungen in den Tschad sowie nach Ascension, Liberia und Guinea-Bissau mit einer Verbindungsdauer von etwa 80.000 Minuten über eine Nebenstellennummer aufgebaut worden. Dadurch sei ein Schaden von rund 120.000 Euro entstanden.

Die vor allem in diesem Jahr bekanntgewordenen Fälle von Erpressungsversuchen mit Hilfe von Ransomware und durch DDoS-Attacken zählen in der Statistik jedoch nicht zu den eigentlichen Computerdelikten. Sie tauchen im Lagebild Cybercrime bei den Straftaten mit dem "Tatmittel Internet" auf. Die Zahl der hierunter erfassten 244.528 Delikte lag dabei leicht unter dem Niveau von 2014. Überwiegend handele es sich bei den mit Hilfe des Internets begangenen Straftaten um Betrugsfälle (74,5 Prozent), darunter vor allem Fälle von Warenbetrug.

Sehr großes Dunkelfeld bei Cybercrime

Das BKA räumte ein, dass bei Cyberkriminalität von einem "sehr großen Dunkelfeld" ausgegangen werden müsse. Untersuchungen belegten, "dass nur ein kleiner Teil der Straftaten in diesem Bereich zur Anzeige gebracht und damit den Strafverfolgungsbehörden bekannt wird". So würden insbesondere geschädigte Firmen Straftaten oft nicht anzeigen, um beispielsweise im Kundenkreis die Reputation als "sicherer und zuverlässiger Partner" nicht zu verlieren. In Erpressungsfällen würden Geschädigte oft nur dann Anzeige erstatten, wenn trotz Zahlung eines Lösegeldes keine Dekryptierung des verschlüsselten Systems erfolge. Der Aufklärungsquote der registrierten Delikte habe bei 32,8 Prozent gelegen. Dies entspricht einem Anstieg um 3,4 Prozentpunkte im Vergleich zu 2014.

Darknet erschwert Ermittlungen

Einen besonderen Fokus legte BKA-Präsident Holger Münch bei der Präsentation des Lagebildes auf die Bedeutung des sogenannten Darknet für die Kriminalität. In den vergangenen Tagen war verstärkt darüber diskutiert worden, weil der Amokläufer von München sich seine Tatwaffe im Darknet besorgt haben soll. Derzeit führe das BKA mehr als 80 Verfahren wegen möglichen Waffen- und Sprengstoffhandels im Darknet und ermittle gegen 85 Verdächtige, sagte Münch nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa.

Der anonyme Bereich sei zwar wichtig, um verfolgten Menschen die Möglichkeit zur Meinungsäußerung zu geben. Doch es werde auch von "sehr, sehr vielen Kriminellen" genutzt. Deshalb müssten die Strafverfolgungsbehörden mit der Entwicklung Schritt halten können, technisch und personell, sagte der BKA-Chef.

"Die illegalen Foren oder Marktplätze der digitalen Underground Economy spielen eine zunehmend zentrale Rolle bei der Begehung von Straftaten im Bereich Cybercrime", heißt es im Lagebild. Zusätzlich würden insbesondere im Darknet kriminelle Marktplätze betrieben, auf denen illegale Waren erworben werden könnten.

Darknet einfach zugänglich

Die Angebote umfassten demnach Drogen, Waffen, Falschgeld, gefälschte Ausweise, gestohlene Kreditkartendaten oder gefälschte Markenartikel. Zur Bezahlung würden ausschließlich digitale Kryptowährungen akzeptiert. Die Foren und Marktplätze im Darknet seien weltweit und ohne tiefergehende Computerkenntnisse erreichbar.

Durch die technische Abschottung und Anonymisierung stünden herkömmliche Ermittlungs- und Identifizierungsansätze wie IP-Adressen, Domainnamen und verifizierte Nutzerdaten nicht zur Verfügung. Die Nutzung digitaler Zahlungsmittel erschwere die Rückverfolgung von Geldströmen zusätzlich. Die Bekämpfung der Cyberkriminalität, vor allem im Bereich Darknet, stelle daher "einen wesentlichen Schwerpunkt der Aufgabenerledigung des BKA dar", heißt es in einer zusätzlichen Mitteilung zum Darknet. Münch erneuerte die Forderung, auch für den Bereich des Strafrechts die Möglichkeit von Online-Durchsuchungen zu ermöglichen, um etwa Passwörter von Beschuldigten festzustellen. Auch Kommunikationsüberwachung bei digitalen Delikten sei nötig.

Die wenigsten Cyberkriminellen sind Script-Kiddies

Anders als vielfach angenommen, würden Cyberdelikte schwerpunktmäßig nicht von Jugendlichen beziehungsweise sogenannten "Script-Kiddies" begangen. Die am stärksten vertretene Altersgruppe sind der BKA-Statistik zufolge die 21- bis 29-Jährigen mit 29 Prozent der festgestellten Tatverdächtigen. Danach folgen die 30- bis 39-Jährigen mit 24,7 Prozent und schließlich die Gruppe der 40- bis 49-Jährigen mit 18 Prozent. Damit werde weit mehr als die Hälfte (57 Prozent) der registrierten Cybercrime-Delikte von über 30-Jährigen begangen. Auch nutze die organisierte Kriminalität immer häufiger das Internet für ihre Zwecke und begehe Computerdelikte.

Nach Ansicht des Bundeskriminalamts nehmen die von Cybercrime ausgehenden Gefahren für den Privat- und Wirtschaftsbereich sowie die Gesellschaft weiter zu. Trends wie das Internet der Dinge, die Industrie 4.0 oder die zunehmende Nutzung des Internets durch den Privatanwender dürften diese Entwicklung deutlich fördern, "weil sie aus Täterperspektive neue Tatgelegenheiten und neue Tatgelegenheitsstrukturen eröffnen", heißt es abschließend.


Relevante Themen