Bitcoin und die anderen: Das Power Law und die Ungleichheit der Kryptowährungen

Während sich die Öffentlichkeit langsam an die Existenz von Bitcoin gewöhnt, hat in den Tiefen des Netzes die zweite Stufe der Währungsrevolution bereits begonnen. Schon mehrere hundert alternative Kryptowährungen machen Bitcoin Konkurrenz. Sie weisen eine extrem ungleiche Verteilung auf. Dies entspricht dem Power Law, das der Internetgelehrte Clay Shirky bereits 2003 für die Blogosphäre beschrieben und als nahezu zwangsläufig bezeichnet hat.
Das Power Law der Blogosphäre
Für seinen Aufsatz Power Laws, Weblogs and Inequality(öffnet im neuen Fenster) hatte sich der US-amerikanische Professor Clay Shirky die Zahl der eingehenden Links bei US-Blogs angeschaut. Wenige große Blogs konnten immens viele Links auf sich vereinigen, Tausende kleiner Blogs hingegen waren kaum verlinkt. Das hielt Shirky nicht etwa für eine tragische Anomalie der Blogosphäre. Er erkannte darin ein normales Merkmal eines Systems, bei dem Teilnehmer aus verschiedenen Anbietern wählen: das Power Law. Je mehr Optionen es gibt, desto schärfer, sprich ungleicher, wird die Verteilung. Dabei ist idealtypisch die Ungleichheit an der Spitze am größten.
Dieses Muster entsteht laut Shirky dadurch, dass neue Nutzer sich nicht unvoreingenommen für ein Blog entscheiden, sondern sich an der Vorauswahl der anderen orientieren. Sie fragen Freunde, welche Blogs sie lesen, und werden durch Medienberichte oder durch Google auf besonders prominente Vertreter aufmerksam. Das am stärksten verlinkte Blog erhält deswegen tendenziell noch mehr Links.
Ein zugespitztes Power Law bei Kryptowährungen
Ein geradezu grotesk überzogenes Power Law zeigt sich zur Zeit bei der Marktkapitalisierung von Kryptowährungen. Die ergibt sich, indem man den potentiellen Wechselkurs einer Digitalwährung mit der Zahl der kursierenden Coins multipliziert. Auf Platz 1 steht der Bitcoin mit etwa 7,7 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr als fünfmal so viel wie bei der zweitplatzierden Kryptowährung, dem Ripple (1,4 Milliarden). Beim Litecoin auf Platz drei sind es nur noch etwa 500 Millionen, und so geht es weiter. Auf Platz 100 sind es nur etwa 50 Tausend Dollar.
Überraschungen sind möglich
Das ist nicht verwunderlich. Über Bitcoin hat schon nahezu jedes Medium und jedes Blog berichtet, und die wenigen Artikel über Bitcoin-Alternativen thematisieren in der Regel die schon bekannten Währungen. Auch hier wirkt Prominenz selbstverstärkend. Einen weiteren Grund für die auffällige Dominanz von Bitcoin nennt Andreas N. Antonopoulos(öffnet im neuen Fenster) , der die Kryptowährungsszene schon lange beobachtet: "99 Prozent dieser Coins lassen sich nicht mit Euro oder Dollar kaufen, sondern nur mit Bitcoin. Der Bitcoin wird dadurch zur Leitwährung der anderen Coins." Wenn jemand in eine alternative Kryptowährung investiert, beispielsweise auf der größten Börse Cryptsy(öffnet im neuen Fenster) , kommt das indirekt auch immer dem Bitcoin zugute.
Senkrechtstarter
Die ungleiche Verteilung bei Kryptowährungen werde sich noch zuspitzen, glaubt Antonopoulos: "Bitcoin wird als Early Adopter noch lange den Markt der Kryptowährungen dominieren, mit mehr 50 Prozent Anteil an der gesamten Marktkapitalisierung. Die nächsten drei Coins werden vielleicht 20 Prozent halten. Den Rest des Marktes wird sich ein massiver Long Tail Tausender kleiner und kleinster Coins teilen."
Die Grundstruktur steht schon heute. In dieser klare Verteilung gibt es dennoch immer wieder Senkrechtstarter. Der Dogecoin begann im November 2013 als Spaßwährung zweier Nerds und fand dann unerwartet großen Zuspruch, vor allem bei jungen Leuten. Und die Erfolgsgeschichte von Auroracoin ist kaum älter als ein Monat. Anfang Februar gab es die ersten Medienberichte über den Coin, der zur neuen Digitalwährung für Island werden will. Trotz erheblicher Kursschwankungen kommt er mittlerweile auf eine Kapitalisierung von 100 Millionen Dollar. Damit hat er in nur wenigen Wochen etliche der älteren Kryptowährungen hinter sich gelassen. Und er hat gezeigt: auch das Power Law mit seiner unbarmherzigen Verteilung ist für Überraschungen offen.



