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Kryptowährung: Wer hat die Macht beim Bitcoin?

Wer hat das Sagen bei freien Projekten
Die erste funktionsfähige Kryptowährung ist ein Multimilliarden-Kosmos und gleichzeitig ein freies Softwareprojekt mit minimalistischen Strukturen.
/ Stefan Mey
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Bitcoin setzt auf Dezentralisierung von Macht. (Bild: Pixabay)
Bitcoin setzt auf Dezentralisierung von Macht. Bild: Pixabay

Die einen feiern ihn als Befreiung der Menschheit vom krisenanfälligen, überwach- und zensierbaren klassischen Geldsystem. Andere verurteilen den Bitcoin und meinen: Die schöne Freiheit dient vor allem illegalen Geschäften und Spekulationen. Der Gesamtwert aller kursierenden Coins bewegte sich im Februar 2024 zwischen 800 Milliarden und einer Billion Euro. Wer bestimmt die Regeln bei diesem Open-Source-Finanzkoloss?

Wann genau es mit dem Bitcoin losging, ist eine Glaubensfrage. Am 31. Oktober 2008 veröffentlichte eine Person oder Gruppe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto das ursprüngliche Konzeptpapier. Am 2. Januar 2009 erschien der Genesis-Block, am 9. Januar Block Nummer Eins mit den ersten tatsächlich verwendbaren Bitcoin-Geldeinheiten. Man hat also die Wahl: Ende 2023 oder im Januar 2024 wurde der Bitcoin 15 Jahre alt.

Auf den ersten Blick hat dieses Finanzgebilde wenig mit digitalen Gemeingutprojekten wie Wikipedia zu tun. Was entsteht, gehört gerade nicht allen. Bitcoin-Geldeinheiten sind Privateigentum, gehandelt auf spezialisierten Börsen. Multipliziert man den aktuellen Wechselkurs in Höhe von etwa 65.000 Euro mit der theoretischen Zahl aller kursierenden Coins, ergibt sich eine Marktkapitalisierung von etwa einer Billion Euro. Bitcoin ist Big Business.

Technologisch aber gehört der Bitcoin klar in die Riege freier Projekte. Die verwendete Software steht unter der MIT License, einem oft verwendeten Open-Source-Regelwerk.

Gemäß Hackerprinzipien setzt der Bitcoin auf Dezentralisierung von Macht: Keine zentrale Stelle registriert, wem wie viel Geld gehört und wer was von A nach B überweist. Als eigentliche Innovation hinter dem Bitcoin gilt die dezentrale Buchhaltungstechnologie Blockchain. Sie zeichnet neue Transaktionen in Blöcken auf und liegt verteilt auf Tausenden Rechnern. Ein dezentrales Kassenbuch, das gleichermaßen allen und niemandem gehört.

Wer hat die Macht beim Code?

Die Regeln für dieses System sind in der Bitcoin Core-Software(öffnet im neuen Fenster) festgeschrieben. Wie viele Open-Source-Projekte entwickelt auch Bitcoin seinen Quellcode auf der Microsoft-Plattform Github. Eine Community ist eingeladen, gemeinsam am Code zu arbeiten. Etwa 1.850 Github-Profile leisteten seit August 2009 mindestens einen Beitrag.

Wie genau die Zusammenarbeit abläuft, regelt das Bitcoin-Improvement-Proposal-Verfahren(öffnet im neuen Fenster) (BIP). Will man eine größere Funktion beisteuern, soll man die Idee als erstes auf einer Mailingliste für Bitcoin-Entwicklungen vorstellen und dort um Feedback bitten. Hat man den Eindruck, dass die Idee mehrheitsfähig sein könnte, reicht man sie im BIP-Bereich auf Github(öffnet im neuen Fenster) ein. Die BIP-Editors(öffnet im neuen Fenster) , momentan sind es zwei, geben ihr eine Nummer und stellen sie zur öffentlichen Diskussion, so dass ein Stimmungsbild der Community entsteht.

BIP-Editors haben eine gewisse Entscheidungsbefugnis und können einen Vorschlag auch abweisen. Laut Erläuterungen zum BIP-Workflow(öffnet im neuen Fenster) gibt es zum einen konkrete Ausschlusskriterien, dass eine Idee etwa schon einmal eingebracht wurde oder nicht korrekt formatiert wurde. Andere Kriterien sind eher vage: Die Idee sei zu unspezifisch, technisch nicht durchdacht oder passe nicht zur Bitcoin-Philosophie.

Community-Gremium Maintainer

Strukturiert ist die Bitcoin-Core-Entwicklung über die minimalste Form der Arbeitsteilung bei Softwareprojekten: die Frage, wer Schreibrecht am Code hat. Alle können Beiträge vorschlagen und öffentlich diskutieren. Das formal letzte Wort hat eine Gruppe von Maintainern, die Änderungsvorschläge aufnehmen oder verwerfen kann.

Die Gründerfigur oder -gruppe Nakamoto, deren Identität bis heute nicht bekannt ist, übergab den Codezugriff an den Entwickler Gavin Andresen. Der erweiterte die Macht auf ein Gremium aus mehreren Personen. Wer zu diesem formal höchsten Community-Gremium gehört, lässt sich in einer Liste von fünf Trusted-key-Schlüsseln(öffnet im neuen Fenster) nachlesen. Aktuell gibt es fünf Maintainer:

  • fanquake (Michael Ford, USA)
  • hhebasto (Hennadii Stepanov)
  • achow101 (Ava Chow, USA)
  • glozow (Gloria Zhao, USA)
  • ryanofsky (Russell Yanofsky, USA).

Wie genau das Gremium arbeitet, dazu gibt es kein öffentlich zugängliches Regelwerk. Auf eine Mailanfrage von Golem.de an die fünf Maintainer reagierten diese nicht.

Allerdings war ein ehemaliges Mitglied des Gremiums bereit, Fragen zu beantworten. Der gebürtige Schweizer Jonas Schnelli war von 2015 bis 2021 Bitcoin-Maintainer. "Ein Maintainer ist einfach jemand, der auf Github die Berechtigung hat, Änderungen in den Quellcode aufzunehmen," sagt Schnelli. Grundsätzlich könnten alle Maintainer alle Änderungen einspielen. Es gebe allerdings thematische Bereiche, auch wenn dabei Überschneidungen existierten.

Und wie wird man Maintainer? Das Gremium ist klassisch selbstrekrutiert. Bestehende Maintainer können neue Maintainer bestimmen. Es sei aber nicht so, dass viele diesen Job machen wollten, sagt Schnelli: "Grundsätzlich ist Maintainer kein beliebter Job. Er ist mit viel Arbeit und Risiken verbunden. Wer das Recht hat, eine Änderung in den Code aufzunehmen, wird vielleicht auch moralisch verantwortlich gemacht, wenn das ein Fehler war."

Wie das Prozedere beim jüngsten Neuzugang zeigt, bemühen sich die Maintainer um eine Konsultation der Community. Im Sommer 2022 stellte der Maintainer Michal Ford die Aufnahme von Gloria Zhao zur Diskussion(öffnet im neuen Fenster) . Wie einer der Beteiligten im Anschluss zusammenfasste(öffnet im neuen Fenster) , stimmten 14 Nutzerinnen und Nutzer zu, eine Person meldete leichte Bedenken an.

Die Maintainer-Rolle ist prinzipiell ehrenamtlich. Meist lassen sich die Maintainer jedoch sponsern, von Stiftungen aus dem Bitcoin-Ökosystem oder von Firmen, die mit dem Bitcoin Geld verdienen, etwa Miningunternehmen oder Bitcoinbörsen.

Finanziell lukrativ sei das definitiv nicht, sagt Schnelli. "Ich kann nur aus meinen Erfahrungen heraus sagen: Es ist nicht viel. Wir reden über einen durchschnittlichen Entwicklerlohn. Alle Maintainer könnten in der klassischen Finanzwirtschaft sicherlich das Doppelte verdienen."

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing?

Es komme schnell die Frage auf, ob solche Sponsorbeziehungen nicht zu Spannungen führten. Etwa weil die Sponsoren andere Interessen hätten als die Mehrheit der Community und sie ihre Position nutzten, um das Projekt in eine bestimmte Richtung zu treiben. Bei ihm zumindest sei das nicht der Fall gewesen, sagt Schnelli: "Von Seiten des Sponsors wurde keinerlei Einfluss ausgeübt." Man schreibe vielleicht regelmäßig Statusberichte, um zu zeigen, woran man arbeite. Ansonsten sei man völlig frei.

Schnelli hält das Sponsoring für eine plausible Strategie eines Unternehmens in einem Open-Source-Ökosystem: "Die Mining-Firmen beispielsweise sind daran interessiert, dass das System weiterentwickelt wird. Sie wissen, dass das Geld für Maintainer clever investiert ist."

Chef- oder Haupt-Developer?

Die Vermutung, dass das Gremium tatsächliche Macht habe, weisen die Maintainer von sich. In einer Erklärung auf Bitcoincore.org (öffnet im neuen Fenster) bezeichnen sie die eigene Rolle als "Hausmeisterfunktion" ( "a janitorial role" ): Man stelle eigene und fremde Codebeiträge zur Diskussion und orientiere sich bei Entscheidungen am Stimmungsbild der Community.

Auch wenn die Maintainer vielleicht keine Chef-Developer sind, sind sie zumindest die Haupt-Developer. Etwa 30.000 Code-Beiträge seit 2009 listet Github in einer Übersicht der aktivsten Contributor auf. Die mit Abstand meisten Beiträge, (öffnet im neuen Fenster) etwa zwei Drittel, stammten von aktuellen oder ehemaligen Maintainern.

Fragiles Machtgefüge

Zur Logik freier Projekte gehört, dass die wie auch immer ausgestaltete Macht von Führungsgremien fragil ist. Unzufriedene Communitys könnten abwandern oder sich abspalten.

Zur Community im weiteren Sinne gehören verschiedene Gruppen: Nutzerinnen und Nutzer könnten statt des Bitcoins eine von Dutzenden anderen Kryptowährungen(öffnet im neuen Fenster) verwenden, so dass der Bitcoin-Wechselkurs abstürzen würde. Kryptobörsen könnten ihn nicht mehr listen, Zahlungsdienstleister oder Drogenmarktplätze im Darknet ihn nicht mehr anbieten.

Wenn die Node-Betreiber, die neue Blöcke ihrerseits auf Gültigkeit prüfen und im Netzwerk verbreiten, sich nicht mehr beteiligen würden, wäre der Bitcoin anfällig für Manipulationen. Und zögen sich die Entwicklerinnen und Entwickler hinter dem Seitenprojekt Bitcoin Lightning zurück, wäre der Bitcoin kaum mehr sinnvoll nutzbar. Das Lightning-Netzwerk ermöglicht mehr und schnellere Transaktionen, als es die träge Bitcoin-Blockchain eigentlich zulässt.

Das wichtigste Korrektiv zum Maintainer-Gremium ist die kommerzielle Infrastruktur-Community der Miner. Diese checken geplante Bitcoin-Überweisungen auf Integrität und fassen etwa alle zehn Minuten neue Transaktionen in Blöcken zusammen. Das System entlohnt sie für diese Arbeit. Sie nehmen gleichzeitig an einer Art mathematischer Lotterie teil. Sie lassen einen Algorithmus laufen, der nicht-vorhersehbare Ergebnisse produziert. Dabei geht es darum, zufällig einen vom System vorgegebenen Zielwert zu errechnen. Je mehr Rechenpower man dem System zur Verfügung stellt, desto höher ist die Gewinnwahrscheinlichkeit.

Knackt man diesen Rechen-Jackpot, hängt man seinen Block an die Chain. Gleichzeitig kann man die Gebühren aller aufgezeichneten Transaktionen der eigenen Wallet gutschreiben sowie die mit jedem Block neu erzeugten Bitcoins einstreichen.

Diese Gruppe ist hoch organisiert. Viele Miner schließen sich Pools an. Im Februar 2024 vereinen nur zwei Akteure, Foundry USA sowie AntPool, mehr als 50 Prozent der Mining-Power. (öffnet im neuen Fenster)

Ohne große Infrastruktur-Community wäre der Bitcoin-Code wenig Wert. Als Ultima Ratio könnten die Miner sich mehrheitlich entschließen, ihre Dienste einer anderen Bitcoin-Umsetzung unter neuer Führungsstruktur zur Verfügung zu stellen. Solche Abspaltungen gab es immer wieder. Bisher hat sich ihnen allerdings nur eine Minderheit angeschlossen. Bitcoin Cash, der größte Bitcoin-Fork, kommt auf eine Marktkapitalisierung im Bruchteilbereich, 5 Milliarden Euro.

Eine tote Stiftung ...

Viele freie Projekte setzen als Ergänzung zur Community zusätzlich auf eine formale Organisation, die Markenrechte hält, als öffentliche Ansprechpartnerin für das Projekt fungiert und/oder Schlüsselfiguren der Community finanziert, so dass die technische Entwicklung grundlegend sichergestellt ist. Eine solche duale Struktur war anfangs wohl auch beim Bitcoin vorgesehen. Gavin Andresen und andere Personen aus dem Bitcoin-Kosmos gründeten im Jahr 2012 die Bitcoin Foundation(öffnet im neuen Fenster) .

Die Form990-Jahresberichte(öffnet im neuen Fenster) der Bitcoin Foundation, die US-Nonprofits für die Steuerbehörde IRS erstellen müssen, lassen sich auf der Webseite des Journalismusprojekts Propublica nachschlagen. Im Jahr 2012 erhielt Gavin Andresen von der Bitcoin Foundation ein Jahresgehalt von 15.000 US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) . 2013 waren es immerhin 210.000 US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) , 2014 150.000 US-Dollar (öffnet im neuen Fenster) und ein Jahr später 50.000 US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) . In den drei Jahren hatte die Foundation jeweils noch zwei weitere Angestellte. Der letzte verfügbare Bericht bezieht sich auf 2018(öffnet im neuen Fenster) , in dem Jahr hatte die Organisation keinerlei Angestellte mehr. "Die Bitcoin Foundation hat keine Relevanz mehr" , sagt Schnelli.

... und Ersatz-Initiativen

Gleichsam als Ersatz haben sich andere Strukturen herausgebildet, die die technische Entwicklung sponsern. Die von zwei Kryptounternehmen und mittlerweile nach Eigenaussagen spendenfinanzierte Brink-Initiative(öffnet im neuen Fenster) bietet ein einjähriges sowie ein mehrjähriges Stipendienprogramm für Angehörige der Bitcoin-Community. Unter den aktuellen Empfängern sind mit Michael Ford (fanquake), Gloria Zhao (glozow) und Hennadii Stepanov (hhebasto) drei der fünf Maintainer. Opensats, eine US-Non-Profit-Organisation, vergibt ebenfalls Stipendien für Bitcoin-Developer.

Big, bigger, Bitcoin

Der Bitcoin ist so vieles, stets auf einem hohen Niveau. Zum einen Big Business: Mit ihrer Marktkapitalisierung ist die Hackerwährung mehr wert als die fünf größten DAX-Unternehmen SAP, Siemens, Airbus, Telekom und Allianz zusammen. Der Bitcoin ist Big Crime: Ohne Kryptowährungen wären Drogenmärkte im Darknet und Ransomware-Geschäftsmodelle nicht möglich, die auf anonyme Zahlungen über die Ferne angewiesen sind.

Für die politische Fraktion der Bitcoiner ist die Hackerwährung nach wie vor aber eine gelungene und dringend notwendige Übertragung von Hacker- und Open-Source-Prinzipien auf die Wirtschaftswelt. Eine dringend benötigte, unzensierbare und schwer überwachbare Alternative zum krisenanfälligen, zentralisierten klassischen Geldsystem.

Für Außenstehende ist nur schwer vorstellbar, dass hinter diesem Finanzkoloss eine selbst organisierte Community steht, angeführt von einer kleinen Gruppe von fünf Personen mit technischen Befugnissen. Und stets kontrolliert von einer kommerziellen Infrastruktur. Bei all dem, was Nutzerinnen und Nutzer, Geschäftsleute, Ermittlungs- und Finanzaufsichtsbehörden sowie Hacker im Bitcoin sehen, ist er stets auch: ein klassisches freies Softwareprojekt.

Die Recherche für den Text geht teilweise auf einen Aufenthalt des Autors als Mercator-Journalist in Residence(öffnet im neuen Fenster) im Diskursprojekt Demokratiefragen des digitalisierten Finanzsektors des Zentrums verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI) zurück.


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