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Biofeedback: Wenn der Blumentopf rockt

Die Topfpflanze am DJ-Pult: Ein US-Unternehmen bringt Pflanzen das Grooven bei – sogar Bühnenauftritte hat das verkabelte Grünzeug schon gehabt.
/ Nadine Emmerich
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Bild: Data Garden

Zurück zur Natur, aber bloß nicht ohne ausreichend Technik! Mit dem Converter Midi Sprout bringt das US-Label Data Garden(öffnet im neuen Fenster) Topfpflanzen zum Klingen – oder macht einen ganzen botanischen Garten zu einer riesigen Klanginstallation. Der House- und Techno-Produzent King Britt(öffnet im neuen Fenster) ist mit Hilfe dieser Technik bereits mit einer Topfpflanze aufgetreten. In fünf Jahren könnte sämtliche Musik an öffentlichen Orten durch Pflanzen generiert werden.

MIDI Sprout – Biodata Sonification Device
MIDI Sprout – Biodata Sonification Device (01:43)

Um den Pflanzen Musik zu entlocken(öffnet im neuen Fenster) , werden zwei Elektroden an den Blättern der Pflanze angebracht. Die sogenannte Biodatensonifikation wäre auch mit Elektroden am Stiel oder an der Wurzel möglich, am Blatt ist die Fläche jedoch größer. Die Elektroden geben elektrische Impulse aus der Pflanze, die etwa bei der Fotosynthese entstehen, an den Midi Sprout weiter. Dieser übersetzt sie in Midi-Signale. Um daraus Klänge zu erzeugen, werden ein Midi Synthesizer oder besser noch ein Computer mit Midi-Schnittstelle, Synthesizer-Software und einem Audioprogramm wie Ableton Live benötigt.

Data-Garden-Ingenieur Sam Cusumano erklärt es im Golem.de-Interview genauer: Genutzt wird das Prinzip der elektrodermalen Aktivität (GSR), es werden also Veränderungen des elektrischen Leitungswiderstandes der Haut gemessen. Die beiden an den Pflanzenblättern angebrachten Tester sind vergleichbar mit den Elektroden eines EKGs oder Lügendetektors. Ein Psychogalvanometer auf Basis eines NE-555-Mikrochips im Midi Sprout wird mit den Elektroden verbunden und misst geringe Schwankungen der Leitfähigkeit zwischen ihnen.

Nach dem Gießen klingt es anders

Der Midi Sprout ermittele den galvanischen Hautwiderstand und vergleiche aufeinanderfolgende Proben, um Veränderungen zu identifizieren, sagt Cusumano. Nur wenn ein Wechsel erkannt wird, wird eine Midi-Note erzeugt. Veränderungen im Leitvermögen der Blätter können neben Schwankungen im Tagesablauf der Pflanze auf verschiedenen Reizen basieren – etwa dem Gießen oder Berühren der Blätter.

"Für mich ist einer der spannendsten Punkte die Stille, in der keine Noten gespielt werden" , sagt Cusumano. Die Pausen zeigten, dass in der Pflanze gerade eine so grundlegende Veränderung ablaufe, dass die Sensoren diese mit ihrer regulären Kalibrierung nicht erfassen könnten. Die Veränderungen in den elektrischen Leitwerten werden nicht direkt in Klang, sondern in Midi-Noten übersetzt. Musiker können Synthesizer, Sampler und Midi-Instrumente dann mit den Noten füttern und die Informationen individuell in Sound umwandeln.

Die Leitfähigkeit hängt von der Pflanzenart ab. Versuche mit Philodendron und Sansevieria Trifasciata ergaben große Schwankungen und ein hohes Leitvermögen. Bei Bäumen ist die Leitfähigkeit geringer, was es schwieriger macht, Schwankungen zu identifizieren.

Musik aus der Eiskugel

Das ausgegebene Signal des Psychogalvanometers ist eine Rechteckwelle mit modulierender Impulsbreite. Die unverarbeiteten Daten hören Menschen als Ton, der in der Höhe variiert. Viele der schnellen, feinen Schwankungen müssen noch digital decodiert werden. An Elektronik und Software feilen die Experten intensiv, in Einzelheiten darstellen lassen sich die zahlreichen Versuche kaum – das Label versucht es erst gar nicht: "Lange Geschichte" , heißt es nur.

Jedes Gerät, das über Midi gesteuert werden kann, kann auch durch den Midi Sprout gesteuert werden – mit dem Einsatz von nur wenig Code beispielsweise auch DMX-Steuerpulte in der Lichttechnik. Cusumano experimentiert seit Jahren mit Biodatensonifikation und alternativen Schnittstellen für Musikinstrumente. Die Elektroden könnten auch auf die menschliche Haut geklebt werden, sagt er. Dies wurde schon an Personen getestet, die Schlagzeug spielten oder massiert wurden. Die Data-Garden-Experten befestigten die Elektroden auch auf Eiskrem und produzierten beim Lecken der Eiskugel Musik.

Projekte mit pflanzengenerierter Musik gibt es auch in Deutschland – etwa von Harald Finke(öffnet im neuen Fenster) , Heinz-Erich Gödecke(öffnet im neuen Fenster) und Thilo Hinterberger(öffnet im neuen Fenster) . Noch fünf Jahre, dann gebe es nur noch Pflanzenmusik an öffentlichen Orten, prophezeit Jon Shapiro, bei Data Garden für Sonderprojekte zuständig.

Erfolg bei Kickstarter

454 Exemplare des Midi Sprout hat Data Garden bereits verkauft: an die Unterstützer einer Mitgliederkampagne. Sie war nach einem Auftritt der Pflanzen ins Leben gerufen worden, weil so viele Zuschauer darum gebeten hatten. 25.000 US-Dollar waren das Ziel, 33.370 US-Dollar kamen zusammen. Einige wenige Geräte hat Data Garden noch. Interessierte können sich dafür registrieren(öffnet im neuen Fenster) .

Inspiriert wurden die Data-Garden-Macher durch das Buch "Das geheime Leben der Pflanzen" (1973) von Christopher Bird(öffnet im neuen Fenster) und Peter Tompkins(öffnet im neuen Fenster) sowie die Versuche des CIA-Mitarbeiters Cleve Baxter(öffnet im neuen Fenster) . Dieser schloss 1966 einen Drachenbaum an einen Lügendetektor und beobachtete ähnliche Ausschläge wie bei Menschen. Auch den Biofeedback-Pionier Richard Lowenberg(öffnet im neuen Fenster) nennt Data Garden als wichtigen Einfluss.

Data Garden veröffentlicht auch Downloadcodes auf Karten mit Pflanzensamen, aus denen nach dem Einpflanzen Blumen wachsen. Mit Biofeedback sollten Menschen "ihre Beziehung zur Natur reaktivieren" , sagt Firmenchef Joe Patitucci. Ob die Pflanzen das überhaupt wollen und ob sie durch die Experimente in irgendeiner Weise beeinflusst werden, lässt Cusumano unbeantwortet: Das sollten Biologen, Botaniker und Philosophen entscheiden.


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