Berufseinstieg: Wie werde ich Software-Entwickler?
Laut Wikipedia(öffnet im neuen Fenster) sind Software-Developer Fachinformatiker, die Software und Applikationen konzipieren, implementieren und warten. Klingt einfach, ist es aber oft nicht, wenn wir Entwickler Tag für Tag unsere Tastatur zum Glühen bringen, Ungeziefer jagen und uns über fehlende Semikolons aufregen.
Aber: Wie kommt man überhaupt dahin, das zu tun? Wie macht man das Hobby zum Beruf? Wie wird man Software-Entwickler? In Deutschland gibt es dafür viele Wege. Die drei bekanntesten: Ausbildung, Studium oder man bringt es sich selbst bei. Wir geben eine Übersicht über die Vor- und Nachteile der einzelnen Wege.
In der Ausbildung hängt alles am Betrieb
Die Ausbildung zum Fachinformatiker Anwendungsentwicklung ist attraktiv, wenn man einen tollen Ausbildungsbetrieb und eine tolle Berufsschule erwischt. Sie ist nicht attraktiv, wenn man hier danebenlangt. Die Voraussetzungen für einen Ausbildungsplatz sind nicht klar festgeschrieben. Es kommt auf den Betrieb an, der den oder die Azubi einstellt. Die meisten Firmen fordern mindestens einen Hauptschulabschluss, manche aber auch einen Realschulabschluss oder Abitur.
Die Ausbildung dauert drei Jahre im dualen System, also im Ausbildungsbetrieb und in einer Berufsschule. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) nimmt zum Ausbildungsende eine Abschlussprüfung(öffnet im neuen Fenster) ab. Wird sie erfolgreich absolviert, übernimmt nicht selten der Ausbildungsbetrieb den oder die Azubi. Somit könnte nahtlos von der Ausbildung in den Job eingestiegen werden.
Die Abschlussprüfung ist in drei Teile unterteilt: eine Projektarbeit, die in den letzten sechs Monaten der Ausbildung, oft gemeinsam mit dem Betrieb, durchgeführt wird, eine schriftliche Prüfung (rund 240 Minuten lang, variiert aber je nach Bundesland) und eine mündliche Prüfung (Präsentation des Abschlussprojektes und Fachgespräch mit Fragen der Prüfer, dauert etwa 45 Minuten).
Die Ausbildung kann auf zwei Jahre verkürzt werden. Sechs Monate können durch Vorwissen bei Antritt der Ausbildung eingespart werden sowie weitere sechs Monate durch gute Noten und eine positive Bescheinigung des Ausbilders während der Ausbildung.
Der Betrieb entscheidet, wie viel er zahlt
Während der Ausbildung wird eine Vergütung vom Betrieb gezahlt. Was er zahlen will, entscheidet jeder Betrieb letztlich für sich. Allerdings gibt es von der IHK Richtwerte(öffnet im neuen Fenster) . Üblich sind rund 1.000 Euro pro Monat im ersten Jahr und danach pro Lehrjahr je 100 Euro mehr. Materialien zum Lernen oder Büromaterial muss die Firma stellen, unter Umständen auch Fahrtkosten.
Im Betrieb hat der oder die Azubi über den Ausbildungsvertrag einen Urlaub von mindestens 24 Werktagen, der gesetzlich verpflichtend ist. Erfahrungsgemäß ist er aber oftmals wesentlich großzügiger, nicht selten sind es 30 Tage pro Jahr. Die Berufsschule hat die normalen Schulferienzeiten, in den Ferien sind die Azubis aber verpflichtet, den Betrieb zu besuchen – daher der reguläre Urlaub.

Bei Problemen in der Schule oder mit dem Betrieb gibt es diverse Anlaufstellen: Vertrauenslehrer, die Personalabteilung der Firma oder den zuständigen Ausbildungsbeauftragten bei der IHK. Alleingelassen wird man hier selten, da alle Seiten daran interessiert sind, dass die Prüfung erfolgreich bestanden wird.
Nicht überall hat man die große Auswahl
Eine gute Schule und ein guter Betrieb sind entscheidend – aber nicht überall hat man die Wahl. In Berlin gibt es beispielsweise nur eine einzige Berufsschule für diesen Ausbildungsgang.
Glück hat man, wenn in der Berufsschule engagierte, interessierte und fortschrittliche Lehrer an der Tafel stehen und es im Betrieb interessante Projekte, Aufgaben und einen leidenschaftlichen Ausbilder gibt. Leider ist beides nicht garantiert. Nicht modernisierte Schulen, gelangweilte Lehrer, ein Betrieb, der nur an einer günstigen Arbeitskraft interessiert ist und Wissen nicht vermittelt – all das sind Szenarien, die leider Alltag sind.
Erst 2020 wurde der Rahmenplan für die Ausbildung (sowie die drei Nachbar-Ausbildungen Fachinformatiker Systemelektronik, Digitale Vernetzung und Daten- und Prozessanalyse) erneuert. Sie sind aber je nach Bundesland unterschiedlich, zum Beispiel in Berlin(öffnet im neuen Fenster) oder NRW(öffnet im neuen Fenster) .
Die IHK ist bemüht, die Pläne aktuell zu halten. Leider ist es aber häufig so, dass die Schnelllebigkeit in der IT gegen die Bürokratie einer Kammer gewinnt und die gelehrten Inhalte veraltet sind, bevor die Ausbildung abgeschlossen ist.
Verhandeln lohnt sich bei der Übernahme
Ein großer Vorteil der Ausbildung ist, dass die Azubis im Betrieb angelernt werden. Sie bekommen das Firmen- und Branchenwissen mitgeliefert. Daher folgt oftmals direkt nach der Ausbildung das Übernahmeangebot.
Der Lohn übernommener Azubis ist jedoch oft geringer als der anderer, gleichwertig qualifizierter Mitarbeiter. Hier lohnt es sich, beim ersten richtigen Arbeitsvertrag zu verhandeln. Denn häufig wissen Vorgesetzte durchaus, dass seit drei Jahren im Betrieb befindliche Mitarbeiter Gold wert sind.
Wesentlich mehr Selbstdisziplin und mehr finanzielle Mittel als die Ausbildung erfordert das Informatikstudium.
Nur die Hälfte schafft das Informatikstudium
Um zum Studium zugelassen zu werden, muss mindestens ein Fachabitur Informatik oder ein allgemeines Abitur vorliegen. Das Informatik-Bachelor-Studium wird nach sechs bis acht Semestern mit einem Bachelor of Science beendet. Das Fachwissen kann im Masterstudium ausgebaut werden, das weitere zwei bis vier Semester dauert.
Studiert werden kann an einer Universität oder Hochschule, privat oder staatlich. Das Studium besteht aus Vorlesungen (meist mehrere pro Tag) sowie Prüfungen beziehungsweise Klausuren – sehr ähnlich wie in der Schule.
Allerdings gibt es weniger bidirektionalen Unterricht als in der Schule. Bei einer Vorlesung ist es in der Regel so, dass ein Professor oder eine Professorin in einem Hörsaal Informationen unidirektional einer großen Menge an Studenten zu vermitteln versucht.
Als Endprüfung wird eine Bachelor-Arbeit erstellt, die meist zwischen 20 und 70 Seiten lang ist und mehrere Monate intensive Arbeit bedeutet. Eine Masterarbeit umfasst zwischen 40 und 100 Seiten.
In Deutschland gibt es in der Regel keine Studiengebühren an staatlichen Hochschulen und Universitäten, aber an privaten. Gleichzeitig gibt es, im Gegensatz zur Ausbildung, kein Gehalt fürs Studieren.
Da die Vorbedingung das Abitur ist, sind Studenten beim Start des Studiums in der Regel 18 Jahre oder älter und beim Abschluss selten jünger als 22. Das sind mehrere Jahre ohne Einkommen, deshalb sollte vorher geklärt werden, woher das Geld für Miete, Essen und Hobbys kommt. Es gibt die Möglichkeit staatlicher Unterstützung wie Bafög(öffnet im neuen Fenster) . Gegebenenfalls ist das aber später zurückzuzahlen.
Nicht selten haben Studierende einen Job, oft ist das ein Aushilfsjob mit Mindestlohn. IT-Studenten, die bereits ein wenig Vorwissen haben oder in den höheren Semestern sind, sind allerdings auch gern gesehene Arbeitskräfte bei IT-Firmen. Hier kann nicht nur das nötige Kleingeld zum Überleben verdient, sondern auch wertvolle Praxiserfahrung gesammelt oder ein Fuß in die Tür größerer Unternehmen gesetzt werden.
Die Semesterferien sind ähnlich großzügig wie Schulferien angelegt. Diese Zeit wird aber nicht bloß Freizeit sein, denn der Schwierigkeitsgrad eines Informatikstudiums ist weitaus höher als der einer Ausbildung. Nicht selten verbringen Informatikstudenten viele Stunden pro Woche damit, zu lernen, sich auf Prüfungen vorzubereiten und Vorlesungen nachzubereiten.
Mehr Selbstdisziplin gefordert
Bei Problemen gibt es in jeder Universität oder Hochschule direkte Ansprechpartner. Allerdings wird von Studierenden wesentlich mehr Eigenleistung erwartet als von Azubis. Der Schwierigkeitsgrad des Studiums wird oft unterschätzt. Die Schwundquote liegt bei rund 50 Prozent . Das Studium setzt mehr Selbstdisziplin voraus als eine Ausbildung.
Durch Vorlesungen, die keine Pflichtveranstaltungen sind, und (bis auf Klausurphasen) wenige unterjährige Kontrollen ist der Tagesablauf meist wesentlich unstrukturierter als die tägliche 8-to-5-Arbeitsstelle und bietet so mehr Freiraum für Netflix, Gaming & Co. Das reißt aber Wissenslücken, die kaum aufzuholen sind, da die Geschwindigkeit des Lerninhaltes konstant hoch und fordernd ist.
Sorgen um einen Arbeitsplatz müssen sich die Studenten aber nicht machen. In der IT gibt es einen Überschuss an Stellen und einen Mangel an Bewerbern. Der Lohn ist(öffnet im neuen Fenster) nach dem Studium deutlich höher als nach einer Ausbildung. Hier zahlen sich die finanziell harten Jahre des Studiums aus.
Keine formellen Vorbedingungen, dafür aber ein sehr hohes Maß an Eigeninitiative setzt der dritte Weg voraus, Entwickler zu werden.
Self-Taught Developer: Lernen, lernen, lernen!
Unabdingbar, um autodidaktisch Developer zu werden, sind Neugier und Willensstärke. Wer sie hat und dazu das Ziel, Entwickler zu werden, sollte noch heute loslegen und mit dem Lernen starten. Der große Vorteil: Wer selbst lernt, kann selbst bestimmen, wie lange und was gelernt wird. Es gibt keine Pflicht-Prüfungen oder -Zertifikate.
Auch wie gelernt wird, kann man selbst festlegen. Oft gibt es für Autodidakten komplett oder zeitlich begrenzt kostenlose Angebote, zum Beispiel bei Microsoft Azure. Youtube ist natürlich eine der bekanntesten kostenlosen Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen. Auch auf der Gaming-Plattform Twitch gibt es einen Bereich für Software-Entwickler(öffnet im neuen Fenster) , wo Wissen kostenlos vermittelt wird.
Es gibt auch spezielle Webseiten, die beim Selbstlernen helfen, wenn man nicht weiter weiß. Unter Codementor(öffnet im neuen Fenster) gibt es die Möglichkeit, erfahrene Software-Entwickler als Mentoren zu gewinnen, und sich so bei Problemen Unterstützung zu holen. (Das ist natürlich auch für Studierende oder Azubis wertvoll.)
Der Einstieg ist schwer
Das größte Problem mit dem Selbstlernen ist, dass man keinen Nachweis über Qualifikationen hat. Erfahrungsgemäß hält dieser Nachteil die ersten Jahre der Karriere noch an. Bei Bewerbungen auf Jobs in der Software-Entwickler-Branche werden Autodidakten vielleicht gar nicht erst berücksichtigt oder haben es schwerer.
Hier hilft Open Source. Ein erstes eigenes Projekt kann Kenntnisse, Qualität und den Wissensstand vermitteln. Zudem bieten diverse namhafte Hersteller wie Microsoft oder Oracle Zertifizierungsprüfungen an, an denen sich auch Quereinsteiger jederzeit probieren können. Werden sie erfolgreich absolviert, verheißt das einen klaren Vorteil bei Bewerbungen – nicht selten sogar gegenüber ausgelernten Kräften.
Hat man den Einstieg geschafft, relativiert sich der Nachteil durch den fehlenden Abschluss nach etwa fünf Jahren etwas. Die Berufserfahrung wiegt ihn dann auf.
Doch: Wo fängt man an? Wo hört man auf? Als Autodidakt muss man sich selbst Ziele setzen, was in dem heutigen Chaos an Frameworks, Programmiersprachen und sonstigen notwendigen IT-Informationen sehr schwierig ist. Die Struktur eines Ausbildungsrahmenplans oder eines Studiums sind hier ein klarer Vorteil.
Die Karrierechancen und der Lohn von Autodidakten sind schwer einzuschätzen und liegen oftmals im Ermessen der Führungsebene: Es gibt immer noch viele Firmen, die auch in der IT auf einem Abschlusszeugnis bestehen – egal, wie lange man dabei ist und was man sonst vorweisen kann. Allerdings ist hier in den letzten Jahren viel passiert, mitunter haben Quereinsteiger die gleichen Chancen wie ausgebildete oder studierte Kräfte.
Welcher Weg ist richtig für mich?
Der bekannte Satz, dass alle Wege nach Rom führen, sagt leider nicht, wie lang und umständlich diese Wege sein können. Als Hilfestellung hier ein direkter Vergleich der genannten drei Möglichkeiten.
| Vorteile einer Ausbildung | Nachteile einer Ausbildung |
|---|---|
| Praxiserfahrung im Betrieb | Erfolg oft abhängig von Betrieb und Schule |
| strukturierter Lehrplan | |
| geringe Vorbedingungen | |
| möglicher direkter Übergang nach Prüfung | |
| keine Kosten, monatliche Ausbildungsvergütung |
| Vorteile eines Studiums | Nachteile eines Studiums |
|---|---|
| bessere Karrierechancen | viel Selbstdisziplin nötig |
| höhere Anerkennung als eine Ausbildung | konstant hoher Schwierigkeitsgrad |
| höheres Gehalt nach Abschluss | kein Lohn, aber Kosten |
| Vorteile des Selbststudiums | Nachteile des Selbststudiums |
|---|---|
| keine Mindestanforderung | schwieriger Start in den Beruf |
| Du kannst heute noch loslegen! | kein Abschluss |
| oft schlechter bezahlt als ausgebildete/studierte Entwickler - trotz mitunter gleichen Wissensstands |
Vielleicht helfen auch folgende Stichpunkte bei der Frage, welcher Weg der richtige ist.
Du solltest eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen, wenn
- du mit einem Haupt- oder Realschulabschluss in die IT starten willst
- dir Praxis in einem Betrieb mehr zusagt, als Theorie in einem Hörsaal
- du finanziell während deiner Ausbildung auf Nummer sicher gehen willst oder musst
Du solltest ein Informatikstudium beginnen, wenn
- du hoch hinaus willst und auf eine steile Karriere hoffst
- dir mehrere Jahre Lernen und Büffeln nichts ausmachen
- du neben Programmiersprachen noch viele andere IT-Themen kennenlernen willst
Du solltest als Autodidakt beginnen, wenn
- du ohne hohe Kosten heute noch loslegen willst
- du ohne Verpflichtungen leben möchtest
- dir lernen mit Youtube und Google viel Spaß macht
Es gibt noch zwei andere Möglichkeiten
Neben den drei bekannten Wegen zum Developer gibt es noch zwei interessante Sonderfälle.
1. Ausbildung zum IT-Assistenten:
Der Ausbildungsberuf "ITA" ist weniger bekannt als die Ausbildung zum Fachinformatiker. Es ist eine schulische Ausbildung und richtet sich an Jugendliche mit einem Haupt- oder Realschulabschluss, die über drei Jahre das Erreichen des Abiturs mit einer IT-Ausbildung verbinden wollen. Nach der Abschlussprüfung haben sie nicht nur das Abitur in der Tasche, sondern auch den Titel "staatlich anerkannter IT-Assistent".
In der Ausbildung werden viele grundlegende IT-Informationen nebst den Pflichtfächern zum Abitur gelehrt, sodass es sich als Zwischenstufe anbietet, wenn die Ausbildung zu klein, aber das Studium noch zu groß ist. Inhaltlich geht es unter anderem um Netzwerke, erste Programmiersprachen, Mikroprozessortechnik oder Bürosoftware, nach den drei Jahren kann also ein breit gefächertes Wissen vorgewiesen werden. Oft werden diese Jahre in IT-Ausbildungen angerechnet und die Ausbildung kann so um sechs oder gar zwölf Monate verkürzt werden.
2. Bootcamps:
Bootcamps sind in anderen Ländern, zum Beispiel den USA, hoch angesehen und sehr bekannt. In Deutschland sind sie noch nicht so weit verbreitet und leiden oftmals unter dem Ruf, Abzocke zu sein. Wahr ist, dass für ein Bootcamp erstmal tief in die Tasche gegriffen werden muss: Für mehrere tausend bis zehntausend Euro bekommen Menschen jeglichen Alters und Wissenstands eine Druckbetankung in Sachen Software-Entwicklung.
Die meist über mehrere Wochen und mit einer immensen Geschwindigkeit geführten Lehrprogramme sind deswegen aber nicht weniger nützlich: Gerade, wenn eine hohe Aufnahmebereitschaft vorliegt, kann dies eine Chance sein, Fachfremde in kurzer Zeit von 0 auf 100 zu bringen.
Aber Achtung: Während in den USA ein Bootcamp bei einer Bewerbung oft als Qualifikation hoch angesehen wird, ist dies hierzulande nicht so. Der Wert des Wissens bleibt aber gleich.
Rene Koch(öffnet im neuen Fenster) ist Senior-Software-Entwickler im Bereich DotNet mit über 15 Jahren Erfahrung und arbeitet zudem unter anderem mit Azure Cloud und DevOps, React, Gitlab. Er ist außerdem Ausbilder und ehemaliger Lehrer an einer Berufsschule für IT-Azubis.
- Anzeige Hier geht es zum Handbuch für Softwareentwickler bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.