Bauprojekt: Warum die Megastadt The Line lieber kreisförmig sein sollte

Ein Forschungsteam hat sich ein Mega-Bauprojekt genauer angesehen(öffnet im neuen Fenster) : das Bauvorhaben The Line in Saudi-Arabien . Mitten in der Wüste soll entlang einer über 170 Kilometer langen Linie eine Stadt entstehen, in der neun Millionen Menschen auf 34 Quadratkilometern leben könnten - für das Forschungsteam alles andere als ein Vorzeigeprojekt.
Laut der österreichischen Nachrichtenagentur APA(öffnet im neuen Fenster) würden die genannten Zahlen einer Bevölkerungsdichte von 265.000 Menschen pro Quadratkilometer entsprechen - zehnmal mehr als in Manhattan und viermal mehr als in den inneren Bezirken von Manila. Die beiden Städte gelten als die am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. The Line soll sich vom Roten Meer gen Osten erstrecken und aus zwei ununterbrochenen Reihen von Wolkenkratzern bestehen. Sie sollen 500 Meter hoch und die Stadt 200 Meter breit sein.
Die Außenwände der Wolkenkratzer sollen offenbar verspiegelt sein - was auf den ersten künstlerischen Darstellungen hochmodern und futuristisch wirkt. Für das Forschungsteam ergibt das Konzept dennoch keinen Sinn: In ihrem aktuellen Bericht erklären die Wiener Komplexitätsforscher, dass die Bevölkerung aufgrund der großen Distanz in einer Richtung zu langen Pendelstrecken gezwungen werde. Sie empfehlen eine Kreisform.
Hochmodern, guter öffentlicher Verkehr, aber unvorteilhaftes Stadtdesign
"Eine lineare Form ist die am wenigsten effiziente Form einer Stadt. Es gibt einen Grund, warum die Menschheit 50.000 Städte hat und alle mehr oder weniger rund sind" , sagte Rafael Prieto-Curiel vom Complexity Science Hub (CSH) in Wien.

Lob finden die Forscher für das geplante Hochgeschwindigkeitsbahnsystem. Es soll das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs bilden. Die Mobilität spiele im Erfolg einer Stadt die Schlüsselrolle, betont das Forschungsteam. Idealerweise seien Autos gar nicht nötig, weil viele Dienstleistungen fußläufig oder per Fahrrad in wenigen Minuten erreichbar seien.
Jedoch kommt das Forschungsduo auch zu dem Schluss, dass zwei zufällig ausgewählte Personen in The Line durchschnittlich 57 Kilometer voneinander entfernt wohnen würden. Spitzenreiter ist diesbezüglich momentan Johannesburg. Dort sind es den Wissenschaftlern zufolge 33 Kilometer, jedoch ist die südafrikanische Stadt flächenmäßig 50-mal so groß wie The Line. Bei einer Gehdistanz von einem Kilometer würden laut den Berechnungen der Wissenschaftler nur 1,2 Prozent der Bevölkerung fußläufig voneinander entfernt leben.
Eine Stadt ist eine Ansammlung von Vierteln
"Was eine Stadt von kleineren Siedlungen unterscheidet, ist nicht nur ihre Größe, sondern vor allem die zusätzlichen Möglichkeiten außerhalb der unmittelbaren Nachbarschaft - wie Konzerte oder eine weitläufige Arbeitssuche. Aus diesem Grund müssen wir den stadtweiten Verkehr berücksichtigen" , erklärte Dániel Kondor, der Zweitautor der Studie. Städte seien eine Ansammlung von halb isolierten Vierteln und diese lägen in einem Abstand von etwa 15 Minuten zueinander.
Bei einer über 170 Kilometer langen Stadt müsse es für eine gute Verkehrsanbindung 86 Bahnstationen geben; bei so vielen Stationen könnten die Züge aber keine hohen Geschwindigkeiten erreichen. Für eine durchschnittliche Fahrt bräuchte ein Teil der Bevölkerung 60 Minuten - mindestens 47 Prozent der Bewohner wären noch länger unterwegs.
Die Kreisform ist die ideale Bauart für eine Stadt
Diese Hindernisse dürften den Städtebauern in Saudi-Arabien nicht entgangen sein. Dennoch begannen bereits im Oktober 2022 die Aushubarbeiten des Mega-Bauprojekts inmitten der Wüste.
Die Wiener Forscher empfehlen für den idealen Städtebau die Kreisform. Ähnliche Bauprojekte wurden bereits von einer japanischen Architekturfirma für eine Stadt auf dem Wasser vorgestellt .
Bei einer Fläche von 34 Quadratkilometern (wie bei The Line) hätte der Kreis einen Radius von nur 3,3 Kilometern. Zwei willkürlich ausgewählte Personen würden dann nicht 57 Kilometer, sondern 2,9 Kilometer voneinander entfernt leben. 24 Prozent der Bevölkerung wäre sogar nur einen Kilometer voneinander entfernt und 66 Prozent könnten einander innerhalb von zwei Kilometern erreichen - und zwar leicht auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Ein Hochgeschwindigkeitsbahnsystem wäre somit überflüssig.
"Insgesamt gesehen liegt die Vermutung nahe, dass andere Erwägungen bei der Wahl dieser einzigartigen Form eine Rolle gespielt haben könnten, wie zum Beispiel das Branding oder die Erstellung ansprechender Videos in den sozialen Medien" , sagte Prieto-Curiel.
Zum Fachartikel
Der Beitrag der beiden Wissenschaftler wurde am 19. Juni 2023 in der Fachzeitschrift NPJ Urban Sustainability veröffentlicht und heißt Arguments for building The Circle and not The Line in Saudi Arabia(öffnet im neuen Fenster) (Argumente für den Bau von The Circle und nicht The Line in Saudi-Arabien).



