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Bauernproteste: KI als Propagandamaschine

Über das gesamte politische Spektrum werden mittlerweile KI -generierte Inhalte genutzt - Tendenz steigend. Um Wahrheit geht es hier nicht.
/ Johannes Hiltscher
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Die KI verführt das Volk (Titel des Originals: Die Freiheit führt das Volk). (Bild: Wikimedia Commons/Montage: Golem.de)
Die KI verführt das Volk (Titel des Originals: Die Freiheit führt das Volk). Bild: Wikimedia Commons/Montage: Golem.de / CC0 1.0

Ein endloser Zug an Traktoren zieht am jubelnden Volk vorbei, das mit Dutzenden Deutschlandflaggen die Straße säumt - gesehen erstmals vor Weihnachten auf Youtube. Eines stammt, so lässt sich über Umwege herausfinden, von der Partei Die Basis und ist ganz offensichtlich KI-generiert. In den sozialen Netzwerken wird es noch skurriler, dort rollen Traktoren, die anscheinend mit Ridley Scotts Alien (g+) gekreuzt wurden, zusammen mit Rockern durchs Brandenburger Tor.

So plump diese Bilder wirken, sie scheinen zu funktionieren. Anders lässt sich kaum erklären, dass Politiker der Alternative für Deutschland (AfD) 2023 anfingen, KI-generierte Bilder auf ihren Social-Media-Kanälen zu verbreiten . Und deren Nutzung nahm in den vergangenen Monaten - zumindest in unserer Wahrnehmung - deutlich zu, sie werden zudem rege geteilt.

Auch das Magazin Compact, ganz rechts außen am politischen Spektrum aktiv, bebildert seine Videos und redaktionellen Beiträge gern mit KI-generierten Bildern. Hier hat man offensichtlich etwas mehr Erfahrung und eventuell das bessere Modell: Die Bilder sind teils nur schwer als Werk eines Algorithmus zu erkennen. Zudem gebe es "erste Gehversuche der identitären Trolltruppen mit GAN-generierten Porträts" , schreibt(öffnet im neuen Fenster) der Journalist Christian Stöcker. Es sei "fast rührend. Brave Frauen mit völlig symmetrischen Gesichtern, verschwommenem Hintergrund und seltsamen Haaren" .

Kein Phänomen der Rechten

Doch auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums werden mittels KI erzeugte Inhalte genutzt, um die eigenen Ziele zu unterstützen: Tierschutzorganisationen nutzten KI-Bilder, um für einen Verzicht auf Silvesterfeuerwerk zu werben; im März 2023 kursierten Bilder auf Twitter, die die Verhaftung Donald Trumps zeigten(öffnet im neuen Fenster) - generiert mit Midjourney.

Einen Schritt weiter ging das Zentrum für politische Schönheit, das eine angebliche Ansprache von Bundeskanzler Olaf Scholz verbreitete, in der dieser sich für ein Verbot der AfD einsetzt. Hierüber sprachen die Aktivisten auf dem vergangenen Chaos Communication Congress. Dieselbe Idee hatte man auch im rechten Spektrum: Hier finden sich Videos, in denen angeblich Robert Habeck ein neues Kinderbuch vorstellt oder Olaf Scholz die Streikenden auffordert, ihren Ausstand zu beenden.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Die wachsende Nutzung KI-generierter Bilder ist bei genauerer Betrachtung wenig verwunderlich: Mit einem Bild lässt sich eine Botschaft in sehr kurzer Zeit vermitteln, wortwörtlich auf den ersten Blick. Daher sind Bilder mit eindeutiger Aussage besonders in sozialen Medien so wichtig, wo einzelne Beiträge teils in Sekundenschnelle über den Bildschirm huschen.

Das ist aber nicht neu. Aus dem Kontext gerissene Bilder oder gar als reales Video ausgegebene Szenen aus einem Spiel werden seit Jahren verwendet, um Meinungen zu beeinflussen. Aktivisten wie David Dees aus den USA zeichneten Bilder zu Themen wie Chemtrails und Elektrosmog, die in ihrem Pathos stark an die heutigen KI-Bilder erinnern. Also nichts Neues durch KI? Doch, denn mit algorithmisch generierten Bildern ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.

Erst einmal sinkt durch sie der Aufwand erheblich: Statt Bilder zu durchforsten und am Ende oft nur etwas halbwegs Zufriedenstellendes zu finden, lässt sich in Sekunden ein Inhalt nach den eigenen Vorstellungen erzeugen. Das Problem kennen auch wir, weshalb wir gelegentlich KI-generierte Bilder für Artikel nutzen - besonders dann, wenn sich einfach nichts zur eigenen Bildidee Passendes findet und wir nicht selbst Bilder machen konnten. Was noch vor wenigen Jahren viel Zeit und entweder zeichnerisches Geschick oder gute Photoshop-Kenntnisse erforderte, ist dank KI nun ohne Aufwand für jedermann möglich.

Noch wichtiger für einige Akteure: Dank der KI lässt sich spielend leicht eine Traumwelt schaffen, eine erwünschte Realität vorgaukeln.

KI macht die Welt, wie sie mir gefällt

Sollen Bilder eine politische Botschaft vermitteln, bekommt dieser Aspekt noch einmal deutlich mehr Gewicht: Dank KI lassen sich fast ohne Aufwand auch Narrative in Bild, Ton oder gar Video umsetzen, die gar nicht der Realität entsprechen. Das zeigt sich am eingangs beschriebenen Bild der Partei Die Basis, das ein erwünschtes Szenario darstellt: der große, patriotische Aufstand, die breite Masse, die das eigene Ziel verfolgt.

Die Realität gibt solche Szenen aber nicht her. Zwar finden sich beeindruckende Bilder, etwa aus Berlin von der Demo am 18. Dezember 2023, auf denen sich zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor Traktor an Traktor reiht. Fehlen nur die jubelnden Massen und das Meer der Deutschlandfahnen. Noch weniger realistisch sind Bilder, die Umsturzphantasien zeigen - wie eines, das wir als Thumbnail eines Youtube-Videos gefunden haben.

Hier stürmt eine Horde Männer in Lederhose mit Fackeln, langen Messern, Deutschlandfahnen und Bierkrug auf den Betrachter zu, Münder und Augen weit aufgerissen. Es ist eine groteske Überzeichnung des Titelbilds dieses Artikels. Ein anderes Bild zeigt Traktoren und Menschen vor dem brennenden Reichstag.

Wie bereits angedeutet, lässt sich mit generierten Bildern die Realität bewusst überzeichnen, um die eigene Position zu unterstreichen. Das zeigen auch die Bilder der Tierschutzorganisationen, auf denen die Tiere entweder übertrieben niedlich oder unnatürlich verschreckt sind. Aber warum teilen Menschen diese Bilder?

Es geht längst nicht mehr um Wahrheit

Möglich, dass manche Menschen nicht erkennen, dass solche Bilder reine Computerkunst sind. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass es vollkommen irrelevant ist, ob das Bild echt ist. Hauptsache, es bestätigt das eigene Weltbild. Das gilt links wie rechts des Spektrums und ist auf beiden Seiten problematisch. Damit haben KI-generierte Inhalte das Potenzial, einer noch stärkeren Ausprägung von Identitätspolitik Vorschub zu leisten.

Die allerdings ist wenig hilfreich, denn komplexe gesellschaftliche Probleme - und wir stehen vor einer Menge davon - lassen sich nicht in wenigen knackigen Stichpunkten fassen. Schon gar nicht in einem Bild, und erst recht nicht, wenn dieses eine reine Scheinwelt darstellt. KI-generierte Inhalte werden in der Mehrzahl der Fälle genutzt, um eine weitere gesellschaftliche Polarisierung zu erreichen.

An der ist vor allem die extreme Rechte interessiert, von wo auch unserer - möglicherweise unzutreffenden - Beobachtung nach die Masse der KI-generierten, politischen Inhalte stammt. Sie versucht damit, den oft berechtigten Unmut und das Gefühl "Es muss sich doch mal was tun!" , zu adressieren und breite Bevölkerungsschichten für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Das ist auch für die Vereinnahmten ein Problem, etwa die von der AfD und ihrem Umfeld umworbenen Landwirte - denen die Partei, wie auch dem Rest des Landes, möglichst alle Subventionen streichen will (siehe Punkt 10 des Grundsatzprogramms). Auch müsste die AfD einmal erklären, wie die von vielen Landwirten kritisierten Einschränkungen beim Ausbringen von Dünger, Pestiziden und Gülle mit den Versprechen von stärkerem Gewässerschutz und dem Verbot von Glyphosat in Einklang zu bringen sind.

Die KI an sich ist dabei nicht das Problem. Sie ist nur ein Werkzeug, das eigentlich durchaus positiv sein könnte (vom enormen Energieaufwand einmal abgesehen). KI kann die bildende Kunst demokratisieren. Leider ist die generative KI zu einem unglücklichen Zeitpunkt auf die Bühne getreten. Daher wird ihr Einsatz für politische Propaganda noch zunehmen.


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