Battlefield 1 im Test: Kaiserschlacht und Kriegstauben der Spitzenklasse

Verdammt, irgendwie müssen wir es doch schaffen, die Fahne zu besetzen. Wir haben bereits zwei Sektoren verloren und merken, wie uns die feindliche Übermacht immer weiter zurückdrängt. Und zwar in der Kaiserschlacht – einer der Operations von Battlefield 1, also einem besonders großangelegten Gefecht in dem von Dice entwickelten Actionspiel. Diese Operations – die nahe der französischen Stadt Amiens angesiedelte Kaiserschlacht ist nur eine von vier – sind großangelegte Kämpfe, in denen bis zu 64 virtuelle Soldaten mitmachen können.

Vermutlich dürften die Operations mit ihrer Mischung aus Eroberung und Rush ziemlich schnell zum beliebtesten der sechs Multiplayermodi von Battlefield 1 werden – obwohl, oder eher weil, die Gefechte nichts für zwischendurch sind, sondern tatsächlich großangelegte virtuelle Schlachten. Nach und nach erobern – oder eben: verlieren – wir dabei über mehrere Karten hinweg einen Sektor nach dem anderen, um schließlich am Ende mit unseren Onlinekameraden in einem größeren Gefecht den Sieg davonzutragen, indem wir etwa eine Burg erobern.
Wem das zu aufwendig ist, der kann natürlich auch in etwas weniger großen Modi wie Team Deathmatch oder dem ebenfalls neuen Kriegstauben antreten. Letzteres ist ebenfalls neu: Zwei Teams suchen nach markierten Tauben, müssen dann eine Nachricht schreiben – was im Stehen wesentlich schneller geht als laufend auf der Flucht. Und anschließend hoffen, dass der Feind die Vögelchen nicht abschießt – was der allerdings wegen des wirklich kleinen Ziels fast nur mit der Schrotflinte schafft, die natürlich längst nicht immer zu Hand ist.

























Das alles und noch mehr findet in Battlefield 1 vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs statt. Wir kämpfen in den Gefechten wahlweise als Angriffssoldat, als Sanitäter, Unterstützungseinheit oder Scout. Spätestens an dieser Stelle stellt sich eine der wichtigsten Fragen: Wie sieht es mit der Balance aus? Unserem Eindruck nach hat Dice in diesem Punkt sehr gute Arbeit geleistet – aber klar, natürlich wird es nach der Veröffentlichung noch Updates mit kleinen Änderungen geben.
Aber immerhin haben die Entwickler das Feedback der Spieler aus der offenen Beta aufgegriffen und auch bei den Klassen sinnvolle Änderungen vorgenommen. Jetzt bekommt etwa der Medic automatisch anzeigt, wo ein Verbündeter auf Hilfe angewiesen ist und ob überhaupt noch genug Zeit ist, ihm zu helfen. Ähnlich tiefgreifende Änderungen gibt es auch bei den anderen Klassen, die sich nun nicht nur schlicht besser spielen lassen, sondern auch stärker ihrer jeweiligen Rolle entsprechend.
Vier klasse Hauptklassen
Die vier Klassen treten auf insgesamt neun Karten an. Neben dem durchdachten Operations sorgen die ebenfalls für die hohe Qualität von Battlefield 1. Fast alle sind riesig und erlauben vor allem mit der vollen Spielerzahl von 64 Teilnehmern in bester Serientradition mehrere umkämpfte Orte gleichzeitig, an denen sich Infanterie sowie Fahr- und Flugzeuge erbitterte Kämpfe liefern. Neben düstern Umgebungen im Norden Europas gibt es auch sehr sehenswerte Maps auf der arabischen Halbinsel, am Mittelmeer und in den Alpen. Vor allem letztere Karte hat es uns angetan: Sie heißt Monte Grappa, besteht vor allem aus Berghängen und erlaubt einen unfassbar schönen Blick ins Tal.
Überhaupt ist die Grafik der uns vorliegenden PC-Version auf schnellen Rechnern einfach atemberaubend. Alles wirkt stimmig und aufwendig in Szene gesetzt, immer wieder gibt es auch mal schöne Momente – etwa einen Sonnenuntergang, bei dem wir dann auch gerne mal einen Moment verweilen. Flammen und vergleichbare Effekte wirken stimmig.
Kampagne und die Sache mit der Gewalt
Allerdings sind nur einige Teile der Umgebung zerstörbar, mit einem Panzer können wir etwa Mauern niederreißen. Auch wichtige Infrastruktur wie eine Brücke lässt sich gelegentlich einreißen – aber eben nur an Stellen, an denen die Entwickler das wollten und zugelassen haben. Unterm Strich spielt die zerstörbare Umgebung nicht ganz die angekündigte große Rolle, was uns vor Ort auf den Karten aber so gut wie nicht gestört hat.
Internationale Einzelabenteuer
Neben all diesen Multiplayermöglichkeiten bietet Battlefield 1 auch ein paar Einsätze für Einzelspieler. Von einer Kampagne möchten wir dabei nicht sprechen, denn die sechs Missionen sind an unterschiedlichen Orten angesiedelt, und auch die Protagonisten und natürlich die Geschichten haben – bis auf das Szenario Erster Weltkrieg – nichts miteinander zu tun. Die Spielzeit für alle Abschnitte zusammen liegt je nach Schwierigkeitsgrad bei fünf bis sieben Stunden.
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Der erste Einsatz heißt Stahlgewitter, er ist als Prolog gedacht und erzählt mit Abstand am eindrücklichsten vom Schrecken des Krieges. Das macht er, indem er uns immer wieder mit anderen Soldaten antreten lässt, die trotz allen Heldenmuts aber einfach keine Chance haben, länger als wenige Augenblicke zu überleben. Sobald dieser bedrückende Einsatz überstanden ist, können wir die weiteren fünf Missionen in beliebiger Reihenfolge absolvieren.
Längst nicht in allen eher an Abenteuer denn an düstere Kriege erinnernden Einsätzen sind wir als Infanterist unterwegs. Stattdessen rumpeln wir im Jahr 1918 durch tiefen Schlamm. Dafür dürfen wir in einer der Missionen in der Abendsonne über die französischen Vogesen im Doppeldecker fliegen und erst ein Training absolvieren, bevor wir es dann unter anderem mit Bombern zu tun bekommen.

























Ein kleines Highlight ist dann ein Einsatz, in dem wir unter anderem in die Rolle des britischen Offiziers Thomas Edward Lawrence – besser bekannt als Lawrence von Arabien – schlüpfen und uns in der Wüste mit Beduinen anlegen. Dieser Einsatz erzählt wie die anderen eine durchaus interessante Geschichte, die Zwischensequenzen sind teils erstklassig in Szene gesetzt. Aber so richtig packend sind die Einzelspielerabschnitte dann auch wieder nicht, zumal die KI nur solide wirkt. Unterm Strich gibt es solide Unterhaltung, die man halt so mitnimmt – aber mehr eben auch nicht.
Zu Blut und Tränen
Ein Wort noch zum Szenario: Nachdem Dice bekanntgegeben hatte, dass Battlefield 1 im Ersten Weltkrieg spielt, gab es berechtigte Kritik und Diskussionen an dieser Entscheidung. Für Verwunderung hat dann in Deutschland unter anderem die USK gesorgt, die dem Spiel ohne inhaltliche Schnitte eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt hat. Wer sich eine Weile mit dem Spiel beschäftigt hat, kann das dann aber vermutlich gut nachvollziehen.
Trotz einiger makabrer Nahkampfmanöver wirkt der Titel so gut wie gar nicht blutrünstig oder kriegslüstern. Dice zeigt die dunkle Seite der damaligen Zeit an einigen Stellen sehr eindrücklich auf, aber davon abgesehen wirkt das Ganze eher wie ein großes Abenteuer – ähnlich wie das einige Filme ja auch machen. Am ehesten noch kritikwürdig finden wir die Art, wie das im Krieg leider verwendete Massenvernichtungsmittel Giftgas im Spiel auftaucht: nämlich als eklig-grüne Wolke, die uns zum Husten bringt und ein paar Gesundheitspunkte abzieht – das ist schon sehr verharmlosend.
National-patriotische Untertöne verkneift sich das Programm: Wir haben so gut wie nie darauf geachtet, für welches Land wir gerade antreten. So ist uns lange gar nicht aufgefallen, dass mit Frankreich eines der wichtigsten vom Krieg betroffenen Länder gar nicht im Spiel ist. Tatsächlich aber sollen die Soldaten der "Grande Nation" erst später mit einer Erweiterung offiziell dazustoßen.
Verfügbarkeit, PC-Server und Fazit
Battlefield 1 erscheint am 21. Oktober 2016 für Xbox One, Playstation 4 und Windows-PC. Vorbesteller dürfen bereits ab dem 18. Oktober auf die Server. Der Preis liegt je nach Version und Plattform zwischen 55 und 70 Euro.

Die PC-Version ist an Origin – nicht an Steam – gebunden; die PC-Systemanforderungen sind für optimale Grafik recht hoch. Das Spiel erscheint hierzulande ohne inhaltliche Schnitte mit einer USK-Freigabe ab 16 Jahren.

























Wichtig für Spieler der PC-Version: Server für eigene private oder öffentliche Partien können diesmal nicht von Drittanbietern, sondern nur über Electronic Arts gemietet werden. Das soll ab dem 1. November 2016 ganz einfach über den Ingame-Store von Battlefield 1 funktionieren. Ein paar erste Informationen zu den Details des Rent-a-Server-Programms hat Dice auf seiner Webseite(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht.
Fazit
So sieht ein Start-Ziel-Sieg aus! Schon bei der Ankündigung hat Battlefield 1 offenbar den Nerv der Spieler getroffen. Und jetzt, nach sehr vielen Stunden im Multiplayermodus und einigen in der kurzen Kampagne, sind wir überzeugt: Dice liefert hier eines seiner bislang besten Werke ab. Battlefield 1 gefällt uns sehr viel besser als Star Wars Battlefront, und wir würden es auch jederzeit Battlefield 4 vorziehen.
Allein schon mit den neuen Multiplayermodus-Operationen ist den Entwicklern ein Geniestreich gelungen. Es macht unwahrscheinlich viel Spaß, in den riesigen Arealen mit vielen anderen Spielern anzutreten. Beim Design hat Dice unserer Auffassung nach so gut wie alles richtig gemacht. Es klappt hervorragend, dass sich die meisten Teilnehmer an den gleichen Stellen zum Kampf treffen – und trotzdem ist alles in Bewegung und fühlt sich abwechslungsreich an.
Auch die Maps selbst gehören mit zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Etwa das Alpengebiet von Monte Grappa: sieht spektakulär aus und hat dank des erstklassigen Aufbaus auch spielerisch etwas zu bieten. Mit genug Spielern gibt es in der riesigen Umgebung viele unterschiedliche Ecken, in denen die Action tobt, aber gleichzeitig wirkt sie wie aus einem Guss und zerfasert nicht.
Sogar die Wahl des Ersten Weltkriegs als Szenario entpuppt sich als Glücksfall. Dice zeigt durchaus, welche furchtbaren Gräuel damals stattgefunden haben. Trotzdem können wir die Altersfreigabe "ab 16" inzwischen nachvollziehen. Gut finden wir unter anderem, dass es so gut wie keine unangenehmen nationalistischen Töne gibt. Wir haben nie darauf geachtet, für welches Land wir jeweils angetreten sind.
Lediglich der Einzelspielermodus ist keine Spitzenklasse. Ein paar der Missionen erzählen zwar glaubwürdig vom Grauen des Ersten Weltkriegs. Aber was den Wow-Faktor, die Effekte und Überraschungen angeht, bieten etwa die Kampagnen der letzten Call of Duty sehr viel mehr. Für Einzelspieler lohnt sich die Anschaffung also nicht unbedingt. Wer Multiplayermatches und vielleicht auch die Vorgänger mag, kommt um Battlefield 1 aber nicht herum.