Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Baikal Electronics: Die Hälfte der russischen Prozessoren ist defekt

Der russische CPU -Entwickler Baikal Electronis lässt weiterhin Chips fertigen. Beim Packaging in Russland gibt es aber große Probleme.
/ Johannes Hiltscher
93 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Dieser Prozessor ist noch einfach mit Bond-Drähten verpackt - moderne Prozessoren sind komplizierter. (Bild: Yandle, Flickr)
Dieser Prozessor ist noch einfach mit Bond-Drähten verpackt - moderne Prozessoren sind komplizierter. Bild: Yandle, Flickr / CC-BY 2.0

Die russische Halbleiterbranche arbeitet trotz Sanktionen weiter: Baikal Electronics hat seine Produktion verlagert und erhält weiter Dies für seine gleichnamigen ARM-Prozessoren. Die dürften aus China kommen, das modernste Werk in Russland beherrscht lediglich einen 65-nm-Prozess . Baikal Electronics nutzte zuletzt 16- und 28-nm-Prozesse. Das Packaging erfolgt allerdings in Russland und macht laut der russischen Wirtschaftszeitung Vedomosti(öffnet im neuen Fenster) Probleme (via Tom's Hardware(öffnet im neuen Fenster) , auf Russisch ohne Paywall bei Cnews(öffnet im neuen Fenster) ).

Die Hälfte der in Serie fertiggestellten Prozessoren funktioniere nicht, berichtet Vedomosti unter Berufung auf ungenannte Personen aus dem Mikroelektroniksektor. Laut Artikel arbeitet Baikal Electronics seit 2021 mit dem Dienstleister GS Group zusammen, der die Silizium-Dies auf Platinen montiert. Das geschieht im Flip-Chip-Verfahren(öffnet im neuen Fenster) , bei dem die Oberseite des Chips mit Lotkugeln bestückt und auf die Platine gelötet wird.

Mikrometerpräzision erforderlich

Das erfordert Präzision, und die erreicht GS Group dem Artikel zufolge nur in Kleinserien. Die Lotkugeln bei der Flip-Chip-Montage haben einen Abstand im Bereich einiger 100 μm, entsprechend genau muss das Die auf der Platine platziert werden. Eine der Quellen von Vedomosti macht unzureichende Ausrüstung und schlecht geschultes Personal für den hohen Ausschuss verantwortlich.

Richten sollen es nun zwei weitere Dienstleister. Einer davon, Mylandr, soll bislang beim Packaging von Mikrocontrollern aktiv gewesen sein. Ob das Unternehmen aber auch das verhältnismäßig aufwendige Flip-Chip-Verfahren beherrscht, erscheint fragwürdig. Der Artikel bei Cnews lässt zudem erahnen, dass die Packaging-Partner nicht über Equipment für den Test der Dies verfügen, um defekte oder nur eingeschränkt funktionsfähige Chips vor dem Packaging auszusortieren.

Als Grund, das Packaging in Russland durchzuführen, werden die hohen Kosten genannt: Es soll bis zu 50 Prozent der Produktionskosten ausmachen. Möglicherweise fehlen aber auch schlicht die Devisen, um das Packaging im Ausland durchführen zu lassen.

TSMC hielt 300.000 Prozessoren zurück

Bis zum Beginn des Kriegs gegen die Ukraine ließ Baikal Electronics bei TSMC in Taiwan fertigen. Auch das Packaging lief über TSMC. In Folge des Kriegs beendete TSMC die Zusammenarbeit , laut Artikel sollen sogar 300.000 fertige Prozessoren nicht ausgeliefert worden sein.

Auch die ARM-Lizenzen verlor Baikal Electronics , was aber für fertige Designs keine Auswirkungen hat. Die mussten für die Fertigung bei einem anderen Anbieter auf dessen Process Design Kit (PDK) umgestellt werden. Das verursacht zwar enorme Kosten, weshalb sich in den meisten Fällen Prozessorentwickler auf einen Fertiger festlegen, war für die russischen Entwickler aber der einzige Ausweg. Nach der Insolvenz des Mutterkonzerns T-Platforms scheint Baikal Electronics mittlerweile einen neuen Eigentümer gefunden zu haben.

Die Halbleiterbranche wird auch in Russland stark durch staatliche Gelder unterstützt, um zumindest halbwegs auf eigenen Beinen stehen zu können. Sie ist zudem ein nationales Prestigeobjekt, 2023 machten zweifelhafte Benchmarks die Runde. Sie suggerierten, dass russische Prozessoren trotz jahrealter Technik der Konkurrenz aus China und den USA ebenbürtig seien.


Relevante Themen