Back-up der Realität: Trumps Datenlöschung - und was Aktivisten dagegen tun
Sebastian Majstorovic sitzt in Köln an seinem Rechner und speichert akribisch Datensätze US-amerikanischer Regierungsbehörden. Täte er es nicht, würden sie im digitalen Nirwana verschwinden. Der Historiker sichert Forschungsdaten, Umweltberichte und Gesundheitsstatistiken, die unter der Trump-Regierung plötzlich von öffentlichen Webseiten gelöscht werden.
Zusammen mit anderen Freiwilligen des Data Rescue Project erstellt Majstorovic ein digitales Back-up der Realität und bewahrt damit Fakten vor dem Verschwinden(öffnet im neuen Fenster) . Während die US-Regierung unter Donald Trump brisante Informationen von Klimatrends bis HIV-Prävention entfernt, bauen Aktivisten ein Schattenarchiv auf.
Denn was einmal offline ist, droht für immer verloren zu gehen. Majstorovic und seine Mitstreiter wollen das verhindern – ein Wettlauf gegen die Zeit.
Im Januar trat Donald Trump erneut als US-Präsident an und kaum war er im Amt, ließen seine Behörden zahlreiche Onlineangebote verschwinden. Innerhalb weniger Wochen wurden tausende Websites und Datenbanken abgeschaltet.
Hinter der Löschwelle steht eine offizielle Anordnung der neuen Regierung, sämtliche Inhalte zu DEI (Diversity, Equity und Inclusion) sowie angeblicher "Gender-Ideologie" aus Bundesangeboten zu tilgen(öffnet im neuen Fenster) , unter anderem von der Website der NSA .
Selbst große Portale wie die Website der Entwicklungshilfebehörde USAID gingen plötzlich offline(öffnet im neuen Fenster) . Für Experten kommt dieser beispiellose Datensturz einem Angriff auf die Informationsfreiheit gleich. Diese Zensur richtet sich offenbar gegen unbequeme Fakten, ihr Ausmaß überrascht selbst erfahrene Beobachter.
Wenn Fakten politisch unerwünscht sind
Tatsächlich trifft die Datenlöschung insbesondere Umwelt- und Klimainformationen, die vielen als politisch unerwünscht gelten und in Maga-Kreisen gerne als zu woke bezeichnet werden. So verschwanden im Sommer mehrere offizielle Portale zum Klimawandel, darunter die Website der gesetzlich vorgeschriebenen Nationalen Klimaberichte.
Die Regierung behauptete, man werde diese Berichte bei der Nasa "gesetzeskonform" verfügbar machen, doch konkrete Links oder Hinweise fehlten. Wissenschaftler schlagen Alarm: Diese Berichte sind entscheidend, um Regionen auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten.
Historiker erinnert das an autoritäre Staaten
Trumps Team kündigte bereits an, den nächsten Klimabericht nicht mehr wie geplant erstellen zu lassen. Parallel wurden Klimadaten-Angebote gekappt – das Portal Climate.gov der Meeres- und Wetterbehörde NOAA leitet nur noch auf eine generische Seite um.
Experten sprechen von gezielter Sabotage wissenschaftlicher Grundlagen: "Das ist eine populistische Demontage der Wissenschaftsinfrastruktur" , kritisierte Barack Obamas früherer Wissenschaftsberater John Holdren(öffnet im neuen Fenster) .
Nicht nur Umweltaspekte, auch im Gesundheitsbereich hat die Regierung Trump massiv Daten getilgt. Gleich am ersten Amtstag ordnete Trump per Dekret an, dass Bundesbehörden künftig nur noch zwei biologische Geschlechter anerkennen. Kurz darauf erhielten etwa die Gesundheitsbehörde CDC und die Arzneimittelbehörde FDA den Auftrag, alle "gender-ideologischen" Inhalte umgehend von ihren Webseiten zu entfernen.
Innerhalb weniger Tage löschten sie Onlineressourcen, betroffen waren unter anderem Hinweise zur Jugendgesundheit, Daten zur HIV-Verbreitung und sogar Empfehlungen der FDA, mehr Frauen und Minderheiten in klinische Studien aufzunehmen.
Ärztliche Fachverbände protestierten, denn plötzlich fehlten praxisrelevante Informationen. Ein Bundesrichter stoppte per einstweiliger Verfügung die Löschaktion(öffnet im neuen Fenster) , CDC und FDA müssten die entfernten Seiten umgehend wieder online stellen. Er rügte, die Behörden hätten ohne stichhaltige Begründung gehandelt und schadeten an "jedem Tag ganz normalen Bürgern."
Geschichte wird getilgt
Die Neuschreibung der Realität macht selbst vor Geschichtsmuseen und Archiven nicht halt. Trump hat per Erlass verfügt, dass Bundesmuseen wie die Smithsonian-Institution "anti-amerikanische Ideologie" eliminieren müssten. So wurden im National Museum of American History im Sommer alle Hinweise auf die zweimaligen Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) gegen Trump aus einer Präsidentenausstellung entfernt.
Wo zuvor Trumps einzigartiger Status als zweifach von solchen Verfahren betroffener Präsident erwähnt war, klafft nun eine Lücke – während die Fälle von Lyndon B. Johnson, Richard Nixon und Bill Clinton weiter dargestellt sind. Die Museumsleitung spricht von einer "aktualisierten Beschilderung" , Kritiker sehen darin Geschichtsklitterung. In weiteren Smithsonian-Museen stehen eine afroamerikanische und die Frauen-Geschichtsausstellung unter Beobachtung(öffnet im neuen Fenster) . Historiker warnen, dies erinnere an autoritäre Staaten, in denen unbequeme Fakten aus der Geschichte getilgt werden.
Dieser Frontalangriff auf Transparenz und Meinungsvielfalt hat den Widerstand einer ungewöhnlichen Koalition geweckt: Ein Netzwerk aus Archivaren und Freiwilligen holt zum Gegenschlag aus.
Digitale Notfallarchäologie
Seit Trumps Rückkehr ins Amt haben sich Wissenschaftler, Bibliothekarinnen und Tech-Aktivisten zusammengeschlossen, um gefährdete Informationen zu kopieren und dezentral zu speichern. "Alles ist gefährdet" , warnt Sebastian Majstorovic, der den Data-Rescue-Project-Tracker mit verwaltet.
Der Kölner Archivexperte hat mit Dutzenden Freiwilligen binnen kurzer Zeit Hunderte von Regierungsdatenbanken auf externe Server gespiegelt. Darunter sind die öffentliche Beschwerdedatenbank der Finanzaufsicht CFPB und große Gesundheitsstudien der CDC. Ausgestattet mit Webcrawler-Tools wie Archiveteam Warrior durchsuchen Helfer rund um die Uhr Webseiten nach löschgefährdeten Dateien.
Dieses Netzwerk aus "Nerds, die sich kümmern" (Majstorovic) arbeitet mit großem Einsatz daran, das digitale Gedächtnis der Nation zu bewahren. Koordiniert werden die Einsätze über öffentliche Tabellen und Foren – an Spitzentagen waren hunderte Freiwillige gleichzeitig im Einsatz. "So etwas haben wir noch nie erlebt" , sagt auch die Datenbibliothekarin Lynda Kellam.
Während oben gelöscht wird, wird unten gesichert. Weltweit kämpfen ähnliche Initiativen gegen das digitale Vergessen(öffnet im neuen Fenster) .
Das Gedächtnis der Demokratie
Diese Abwehrschlacht um Daten ist kein US-Einzelfall. Weltweit formieren sich Archive gegen staatliche Zensur und Zerstörung digitaler Kultur. In der Ukraine etwa retten Freiwillige seit dem Kriegsbeginn 2022 digitale Kulturgüter vor Bomben und Plünderung: Das Projekt Saving Ukrainian Cultural Heritage Online (Sucho) hat schon über 5.000 Webseiten von Archiven und Museen gesichert und 50 Terabyte an Daten gesammelt(öffnet im neuen Fenster) .
In Russland wiederum bewahren Journalistinnen und Journalisten im Exil unabhängige Nachrichten auf, bevor Putins Zensur sie tilgt: Das Russian Independent Media Archive (Rima) speichert bereits sechs Millionen Dokumente von rund 100 verbotenen Medien, um die Geschichte der letzten 20 Jahre zugänglich zu halten(öffnet im neuen Fenster) .
Digitale Gedächtnissicherung ist Teil des Kampfes um Meinungsfreiheit
Auch in Brasilien ließ man vorsorglich Server mitlaufen: Als Jair Bolsonaro 2019 an die Macht kam, archivierte das Internet Archive in einer Blitzaktion massenhaft brasilianische Websites, um einer möglichen Löschung politisch unerwünschter Inhalte zuvorzukommen(öffnet im neuen Fenster) .
Solche Beispiele zeigen, dass die digitale Gedächtnissicherung längst Teil des globalen Kampfs für Meinungsfreiheit geworden ist. Allerdings stoßen die Aktivistinnen an technische Grenzen.
Daten von fundamentalem Wert für eine Demokratie
Denn vieles muss manuell gesichert werden, riesige Datenmengen brauchen Platz und Pflege. Bei einer US-Volkszählungs-Datenbank etwa erfasste Majstorovic in letzter Minute 200 Gigabyte, andere Helfer im Netz komplettierten gemeinsam die restlichen Datensätze(öffnet im neuen Fenster) .
Dennoch senden diese Initiativen ein klares Signal: Selbst wenn Regierungen versuchen, unliebsame Fakten auszulöschen, finden sich Menschen, die dagegen arbeiten. Die Wahrheit im Netz soll nicht so leicht untergehen, darum kümmern sich Datenretter in aller Welt.
Die systematische Datenlöschung unter Donald Trump wirft ein Schlaglicht auf den fundamentalen Wert staatlicher Informationen in demokratischen Gesellschaften. Ob Klima, Gesundheit oder Geschichte – öffentliche Daten bilden die Faktenbasis für politische Entscheidungen und gesellschaftliche Debatten.
Werden diese Daten gezielt entfernt oder verfälscht, gerät die Wissensgrundlage der Demokratie ins Wanken. Gerade in den USA, einem der größten Herausgeber wissenschaftlicher und statistischer Informationen, alarmiert die "digitale Bücherverbrennung" (The New Yorker)(öffnet im neuen Fenster) viele Fachleute.
Archivierungsprojekte wie das Data Rescue Project treten hier als Nothelfer auf und bewahren zumindest Kopien der gelöschten Inhalte für die Nachwelt. Auch zeigen die Gerichtsentscheidung gegen die CDC-Löschungen und der breite zivilgesellschaftliche Widerstand, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft Gegenkräfte gibt, die Transparenz und Wahrheit verteidigen.
Instrumentalisierung von Information vs. Meinungsfreiheit und Integrität
Die Causa Trump offenbart somit zwei gegensätzliche Trends: auf der einen Seite die politische Instrumentalisierung von Information, auf der anderen Seite das entschlossene Eintreten für offene Daten, Meinungsfreiheit und wissenschaftliche Integrität. Entscheidend wird sein, ob eine künftige Regierung diesen Kurs korrigiert und die Erkenntnis greift, wie elementar Daten und ihre Sicherheit für Demokratie und Gesellschaft sind.
Oliver Jessner(öffnet im neuen Fenster) bringt 14 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung und Unternehmertum mit und schreibt über Wirtschaft, New Work, Start-ups und KI.
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