Autos: Wir sind kein bisschen elektrisiert

Auf der größten und vielleicht wichtigsten Automesse der Welt, der IAA in Frankfurt, sind in diesem Jahr Elektroautos nur Randerscheinungen. Wieder mal. Zwar zeigen ein paar Studien, was mit den nächsten Fahrzeuggenerationen kommen könnte. Ob das reicht, um nennenswerte Marktanteile zu generieren, darf aber bezweifelt werden. Die aktuellen Fahrzeuge schaffen es jedenfalls nicht.
So war beispielsweise in Deutschland in den ersten acht Monaten dieses Jahres fast jedes zweite neu zugelassene Neufahrzeug ein Diesel. Die Marken Audi, BMW, Ford, Mercedes, Opel, Porsche und VW wiesen für 2014 insgesamt nur 8.463 Fahrzeuge mit Hybrid, Plug-in-Hybrid oder reinem Elektroantrieb als Neuwagen in der KBA-Zulassungsstatistik aus. Dem stehen 1,87 Millionen Neuzulassungen gegenüber, die mit konventionellen Antrieben fahren, also Diesel- oder Benzinverbrenner.
Nur wenig Erfolg, und der ist hausgemacht
Und was die Hersteller lieber verschweigen: Selbst der Minierfolg der in Deutschland schwer verkaufbaren Antriebsalternativen ist überwiegend hausgemacht, denn es wird massiv mit Eigenzulassungen auf Händler und Hersteller gearbeitet. Wie eine aktuelle Studie des Center Automotive Research(öffnet im neuen Fenster) (CAR) der Universität Duisburg-Essen zeigt, sind je nach Marke bis zu 92 Prozent der Alternativautos Eigenzulassungen, und insgesamt nur 4.814 Zulassungen von Hybriden, Plug-in-Hybriden und reinen Elektroautos im Jahr 2014 auf Privatkunden oder Unternehmen erfolgt.
Darf man den Herstellern ob dieses Mangels an E-Autos böse sein? Nein, denn eine Messe ist nicht nur Schaufenster des technologisch Machbaren, sondern auch ein Marktplatz für die Bestseller. Und so kommt einem neuen Audi A4 und einem frischen VW Tiguan eine völlig andere Bedeutung zu als einem angeblichen Massenmodell von Tesla, wie es bereits seit 2013 angekündigt wird.
Tesla hat das bestverkaufte E-Auto
Der kalifornische E-Auto-Pionier, der gerne als Vorbild und Schrecken der Branche dargestellt wird, schafft es aber, auch hierzulande das bestverkaufte E-Auto zu liefern. Der Blick in die Statistik des Kraftfahrtbundesamtes(öffnet im neuen Fenster) (KBA) in Flensburg verrät: Teslas Model S wurde 2015 in Deutschland bis Ende Juli 828-mal neu zugelassen. Das sind trotz eines Preises auf S-Klasse-Niveau immerhin knapp 50 Exemplare mehr, als vom E-Golf aus Wolfsburg verkauft wurden.

Auf den Plätzen folgen Kia Soul EV, Nissan Leaf und BMW i3. Nissan hat zwischenzeitlich den Preis des Leaf um rund 5.000 Euro gesenkt und die Reichweite dank neuer Batterien um 25 Prozent und 50 Kilometer gesteigert. Auch Renault reagierte beim Preis des Zoë ähnlich. Das führte zwar bislang nicht zu deutlichen Änderungen im Kaufverhalten, hat aber garantiert diejenigen Käufer geärgert, die kurz zuvor noch den höheren Preis für ihr gutes Ökogewissen hingeblättert hatten.
Wenige Überzeugungstäter
In die schöne neue Welt des lokal emissionslosen Fahrens entführen diese Autos bislang nur wenige Überzeugungstäter, die dafür umso reger auf Fan-Seiten, E-Auto-Blogs und in Foren minutiöse Fahrprotokolle referieren, sachkundig diskutieren und vergleichen, Reichweiten unter diesen und jenen Umständen notieren und nebenbei bekennen, dass sie weitgehend im Geschwindigkeitsbereich zwischen 70 und 90 km/h unterwegs sind. Auch auf der Autobahn. Weil ja ab Tempo 130 die Reichweite ziemlich schnell dahin ist. Wer gerne Gas gibt, wird sich da wohl denken: Gut, dass es sich hier nur um eine verschwindend kleine Minderheit handelt.
E-Autos sind kein großes Geschäft – nicht mal für Tesla
Die Studien, die zum Beispiel Audi und Porsche in Frankfurt zeigen, zielen auf die Kunden von Tesla, nicht auf die von Nissan oder Renault. Porsche-Chef Müller hat gerade in einem Interview sogar elektrische oder teilelektrische Varianten von 911 oder Macan angekündigt. "Wir denken darüber nach, die Nachfolgemodelle der in Serie befindlichen Baureihen ebenfalls in Elektroauto-Varianten zu bringen" , sagte Müller Auto Motor Sport. So soll die Sportwagenikone 911 Carrera ab dem Jahr 2018 auch als Plug-in-Hybrid angeboten werden und dann mehr als 50 Kilometer mit rein elektrischer Reichweite unterwegs sein. So wie nächstes Jahr schon der Panamera. Zur Entwicklung der Batterietechnik arbeitet die VW-Tochter eng mit der Konzernschwester Audi zusammen.
Klar ist, dass man damit nicht Traditionalisten anspricht, sondern die Elektrifizierung nutzt, um von der EU-Politik verordnete CO2-Grenzen einzuhalten. Ein großes Geschäft wird das für Porsche nicht werden. Das ist es bislang für niemanden, auch für Tesla nicht.
Musk ermahnt Supercharger-Vielnutzer
Das hat inzwischen Elon Musk beim Blick in die Kasse festgestellt, weshalb er seine Kunden ermahnte , die Supercharger, an denen Tesla-Fahrer kostenlos Strom laden können, nicht als Dauerlösung zu nutzen. Das praktizieren wohl viele Käufer, die in der Nähe einer solchen Säule wohnen, so, weil es eben schneller und billiger geht als zu Hause.
Merke: Auch wer 80.000 Euro und mehr für ein Auto ausgeben kann, spart beim Tanken, wo es nur eben möglich ist. So könnte das Supercharger-Angebot Musk auf die Dauer dann doch zu teuer werden. Immerhin: Er hat es versucht.
Ansonsten dümpelt der Ausbau einer echten Ladeinfrastruktur nicht nur hierzulande noch immer dahin. Auch daran wird die IAA nichts ändern, denn die neuen Mitspieler auf dem Markt kommen doch eher von den Googles, Apples oder Telekoms dieser Welt und eben nicht von den Stromerzeugern.
Jetzt reden alle von Vernetzung
Die Hersteller treiben außerdem bereits wieder die nächste Sau durchs Dorf, und die heißt nicht Elektrifizierung, sondern Vernetzung. Die Verbindung des Autos mit der Infrastruktur, der Fahrzeuge untereinander, vor allem aber mit dem Internet und dem Smartphone.
Bereits heute hat jeder vierte Neuwagen eine Internetverbindung, in zwei Jahren werden nach Schätzung des VDA schon vier von fünf Autos vernetzt sein. Die deutschen Autobauer und Zulieferer investieren in den kommenden drei bis vier Jahren 16 bis 18 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. In Frankfurt soll der neue IAA-Ausstellerbereich New Mobility World zu diesem Thema einen Überblick verschaffen.
Am Kunden vorbeientwickelt
Mal sehn, wie lange das vorhält. Manche Zweifler glauben ja, da würde vieles am Kunden vorbeientwickelt. Zwar sprechen die Hersteller gerne vom Wettkampf um die Technologie-Führerschaft. Doch nach Ergebnissen des Drive Report der US-Unternehmensberatung J.D. Power(öffnet im neuen Fenster) ist das für die Endkunden ziemlich uninteressant. So hatten von 4.200 Autobesitzern 20 Prozent der Neuwagenkäufer drei Monate nach dem Erwerb des Fahrzeugs rund die Hälfte der angebotenen elektronischen Helferlein noch nicht einmal ausprobiert.
Die Kunden wollen die Helferlein gar nicht...
Fünf Extras waren dabei besonders unbeliebt: "Noch nie benutzt" gaben 43 Prozent beim "Concierge-Service" an, der beispielsweise Restaurants in der Nähe empfiehlt. Auch der mobile Router, der WLAN-Zugang im Auto ermöglicht, kam nicht gut an (38 Prozent "noch nie benutzt"), ebenso wie automatisches Einparken (35 Prozent), Head-up-Display (33 Prozent) oder Fahrzeug-Apps.
Bei seinem nächsten Fahrzeug würde daher jeder fünfte Autokäufer gerne auf diverse dieser Hightech-Merkmale verzichten, darunter auch Apple Carplay oder Google Android Auto, mit dem Smartphone und Fahrzeug vernetzt werden können. Der meistgenannte Grund für die Ablehnung der Konnektivitätstechnik war: "Ich finde es nicht nützlich."
...aber autonome Autos?
Besser könnte es in 10 bis 15 Jahren werden, wenn die dritte große Entwicklung endlich auf die Straße kommt, um die im Moment ein (viel zu großer) Medienhype gemacht wird: das autonome Auto. Zwar braucht man dafür noch viel genaueres Karten- sprich Navigationsmaterial und eine völlig andere internationale Gesetzgebung .
Aber wenn diese Hürden genommen sind, kann der staugeplagte Vielfahrer die Hände vom Steuer nehmen und sich endlich dem Infotainment und der Vernetzung widmen, E-Paper lesen, Mails bearbeiten – und (noch mehr) telefonieren.
Weil dann der Fahrspaß im ursprünglichen Sinn endgültig auf der Strecke bleibt, sollten wir aber auch ernsthaft überlegen, ob die IAA noch alle zwei Jahre in Frankfurt stattfinden muss. Das geht doch heute schon virtuell, und in 3D.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)



