Autonomes Fahren: Mercedes streicht teures Level-3-System

Die überarbeitete S-Klasse verzichtet auf autonomes Fahren der Stufe 3, berichtet(öffnet im neuen Fenster) das Handelsblatt. Mercedes Benz zieht die Reißleine bei der aufwendigen Technologie, die Autofahrern erlaubte, während der Fahrt Filme zu schauen – das Verhältnis zwischen Entwicklungskosten und Kundennachfrage stimmt nicht.
Mercedes war 2021 der erste Hersteller weltweit, der eine Zulassung für Level-3-Technik erhielt ( Praxistest ). Doch nun macht der Konzern einen Rückzieher: Die für Ende Januar erwartete Neuauflage der S-Klasse wird ohne die autonome Fahrfunktion auskommen. Stattdessen setzt Mercedes auf das günstigere Level-2++-System Drive Assist Pro, bei dem der Fahrer aufmerksam bleiben muss.
Vier- bis siebenmal höhere Kosten
Eine McKinsey-Studie zeigt laut Handelsblatt das Dilemma: Softwareentwicklung, Tests und Validierung kosten bei Level 3 vier- bis siebenmal mehr als bei niedrigeren Autonomiestufen. Komplexe Algorithmen und teure Lidar-Sensoren treiben den Aufpreis auf 6.000 bis 9.000 Euro – viel zu viel für die magere Nachfrage. "Die Nachfrage ist noch nicht da, wo wir sie gerne hätten" , räumt Softwarechef Magnus Östberg ein.
Level 2++ als Massenmarkt-Lösung
Mercedes konzentriert sich nun auf das pragmatischere Level 2++, das ohne teure Lidar-Sensoren auskommt und deutlich günstiger ist: In den USA kostet das System im CLA 3.950 US-Dollar für drei Jahre – weniger als die Hälfte von Level 3. Der entscheidende Vorteil: Das System lässt sich in Einstiegsmodellen verbauen und erreicht so eine viel breitere Kundschaft.

Marktprognose gibt Mercedes recht
McKinsey prognostiziert dem Handelsblatt-Bericht nach für 2035 einen Marktanteil von 53 Prozent für Level-2-Fahrzeuge, während Level-3-Autos nur auf 15 Prozent kommen. Auch BMW-Entwicklungsvorstand Joachim Post sieht das ähnlich: Für eine effiziente Skalierung von Level 3 fehlen derzeit schlicht die Käufer.
Technik kommt zurück – aber später
Mercedes plant dennoch, Level 3 weiterzuentwickeln . Künftige Versionen sollen bis 130 km/h funktionieren und ohne vorausfahrendes Fahrzeug auskommen. Bis dahin bleiben die verschiedenen Entwicklungsstränge parallel bestehen – Mercedes-Chef Ola Källenius rechnet damit, dass sie in zwei bis drei Jahren zusammenlaufen.
Robotaxis als Hoffnungsträger
Während Privatkunden zögern, sieht Mercedes großes Potenzial im Flottengeschäft. Die überarbeitete S-Klasse soll als vollautonomes Robotaxi (Level 4) zunächst in Abu Dhabi starten , später in China, den USA und Europa. Flottenbetreiber sind bereit, deutlich mehr für Autonomie zu zahlen – schließlich sparen sie ihren größten Kostenblock: den Fahrer.