Autonomes Fahren: Here-Chef hält Teslas Navigationskonzept für gescheitert

Der Kartenanbieter Here hat nach jahrelangen Verlusten offenbar wieder ein Geschäftsjahr mit Gewinn abgeschlossen. "Wir haben die Wende geschafft" , sagte Firmenchef Mike Nefkens dem Handelsblatt (Paywall)(öffnet im neuen Fenster) in der vergangenen Woche auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas. Here habe erstmals einen Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von rund 140 Millionen Euro erzielt. Noch sei aber offen, ob auch ein Nettogewinn erzielt worden sei.
Der Kartendienst gehört seit 2015 mehrheitlich den deutschen Autoherstellern Mercedes-Benz, BMW und Audi. Inzwischen gibt es mehrere weitere Anteilseigner wie die Zulieferer Bosch und Continental, den Chiphersteller Intel und den japanischen Mischkonzern Mitsubishi.
Milliardenverluste seit der Übernahme
Dem Handelsblatt zufolge machte Here in den sieben Jahren seit der Übernahme Verluste in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Erst im vergangenen Jahr hätten die deutschen Hersteller 300 Millionen Euro zuschießen müssen, um die Firma am Laufen zu halten. Die Übernahme selbst hatte damals 2,6 Milliarden Euro gekostet.
Inzwischen scheint das Geschäft besser zu laufen. Während der CES veröffentlichte das Unternehmen gleich sieben Pressemitteilungen(öffnet im neuen Fenster) , um neue Kooperationen oder neue Funktionen anzukündigen. So will der Fahrdienstleister Uber die Daten von Here langfristig nutzen(öffnet im neuen Fenster) , "um die Kartenfunktionen von Uber für Mitfahrgelegenheiten und Essenslieferungen weltweit zu verbessern" . Dass Bosch und Daimler Trucks die Kartendaten von Here nutzen wollen, ist hingegen keine Überraschung.
Angst vor Datenabhängigkeit von Google
Die deutschen Hersteller waren damals bei Here eingestiegen, um beim autonomen und vernetzten Fahren nicht abhängig von den Daten der großen US-Konzerne wie Google oder Apple zu werden. Doch die Erwartungen erfüllten sich bislang nicht. Daher vereinbarten Mercedes-Benz und Google im Februar 2023 , dass der Autohersteller die Echtzeitverkehrsinformationen von Google Maps in seine Fahrzeuge integriere.
Da Google über eine sehr große Nutzerbasis verfügt, sind die Daten zu Verkehrsproblemen und Staus in der Regel aktueller als bei der Konkurrenz von Here und Tomtom. Der frühere Here-Chef Edzard Overbeek trat wenige Wochen nach dem Google-Deal zurück(öffnet im neuen Fenster) . Sein Nachfolger Nefkens stand laut Handelsblatt von Anfang an unter Druck.
Der Vorteil von Here besteht aber derzeit wohl noch bei der Erstellung hochpräziser Karten, wie sie für das autonome Fahren benötigt werden.
BMW und Mercedes-Benz nutzen Here für Staupiloten
So nutzt BMW nach Mercedes-Benz für seinen hochautomatisierten Staupiloten nach Level 3 ebenfalls die Daten von Here. In Kombination mit den fahrzeugeigenen Sensoren sollen sich die Autos auf der Autobahn genau positionieren können.
Die Aussagen von Here-Chef Nefkens kommen daher wenig überraschend. Wichtigstes Zukunftsfeld sind dem Handelsblatt-Bericht zufolge Angebote fürs autonome Fahren und für höhere Geschwindigkeiten bei intelligenten Fahrassistenten.
"Die Probleme von Tesla oder Cruise im vergangenen Jahr waren Musik in meinen Ohren" , sagte der Manager der Zeitung und fügte hinzu: "Die Probleme zeigen, dass für das autonome Fahren, für die Integration von Lidar und anderen Sensoren hochauflösende Karten zwingend nötig sind." Die Vision von Tesla-Chef Elon Musk, ohne hochauflösendes Kartenmaterial autonomes Fahren möglich zu machen, ist laut Nefkens gescheitert.
Nefkens spielte damit unter anderem darauf an, dass die GM-Tochter Cruise ihre Testfahrten mit autonomen Taxis in San Francisco nach einem Unfall vorläufig einstellte . Wobei der konkrete Vorfall, bei dem eine Fußgängerin von einem Robotaxi mitgeschleift worden war, wohl nicht in Verbindung mit schlechtem Kartenmaterial gestanden haben dürfte. Der Seitenhieb auf Tesla könnte auf einer Massenkarambolage beruhen, die wohl von einer Phantombremsung eines Tesla Model S ausgelöst worden war .
Nefkens: Vorsprung von zwei Jahren
Bei den hochpräzisen Karten hat Here nach Darstellung Nefkens einen Vorsprung von zwei Jahren gegenüber der Konkurrenz. Ebenfalls verwies er in dem Bericht darauf, dass 2023 eine der größten US-Speditionen zu Here zurückgekehrt sei: "Sie waren auf Google umgestiegen. Nur um dann festzustellen, dass Google nicht die Brückenattribute aufweist, die wir besitzen" , sagte Nefkens. Da in den Google-Karten die Brückenhöhen nicht verzeichnet gewesen seien, seien mehrere Lastwagen hängen geblieben.
Die deutschen Autokonzerne hatten von Anfang an betont , dass Here auch nach der Übernahme offen für andere Autohersteller sei. Doch laut Nefkens ist Here am Markt "stigmatisiert, weil das Unternehmen so eng mit den drei deutschen Herstellern verbunden ist."
Lotus nutzt Elektroautodaten von Here
Immerhin wurde mit Lotus ein weiterer Autohersteller als Nutzer der Here-Karten gewonnen. Der neue Elektrosportwagen Lotus Emeya werde ein spezielles Paket für die Navigation von Elektroautos nutzen, teilte Here während der CES mit(öffnet im neuen Fenster) .
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Nefkens wies in diesem Zusammenhang Befürchtungen zurück, die deutschen Hersteller könnten bevorzugt mit Daten beliefert werden. "Wir sehen uns als unabhängiges Unternehmen, nicht als Arm der deutschen Autobauer" , sagte er und räumte ein: "Ein Stück weit haben wir die Verbindung zu den drei Deutschen verloren, um nicht zu sagen ihre Liebe."
Nachtrag vom 17. Januar 2024, 17:01 Uhr
Ein Here-Sprecher wies darauf hin, dass das Unternehmen durchaus in früheren Jahren schon einmal Gewinn gemacht habe. Das genaue Geschäftsjahr wollte er jedoch nicht nennen. Wir haben die entsprechenden Angaben im Teaser und im ersten Absatz entsprechend ergänzt. Wörtlich sagte der Sprecher: " Here gibt es als Unternehmen nicht erst seit der Übernahme durch die deutschen Automobilhersteller, sondern bereits viel länger, und dies durchaus auch wirtschaftlich erfolgreich."