Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Autonomes Fahren: Die Ethik der Vollbremsung

Eine Ethik-Kommission soll "Leitlinien für die Programmierung automatisierter Fahrsysteme entwickeln". Nach Ansicht der Autohersteller sind die Systeme von "ethischen Entscheidungen" noch weit entfernt.
/ Friedhelm Greis
93 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Bis zu einem VW Kant ist es noch ein weiter Weg. (Bild: Gottlieb Doebler)
Bis zu einem VW Kant ist es noch ein weiter Weg. Bild: Gottlieb Doebler / Gemeinfrei

Die deutschen Autohersteller sehen derzeit wenig Spielraum für "ethische Entscheidungen" automatisierter Fahrzeuge bei unvermeidlichen Unfällen. Das hat eine Anfrage von Golem.de bei BMW, Daimler, Volkswagen und Audi ergeben. Schon aus technischen Gründen seien die Autos nicht in der Lage, beispielsweise die Anzahl von Personen in einer Gruppe genau zu erkennen, sagte Volkswagen. Entscheidend seien Unfallvermeidung und eine generelle Schadensminimierung. An diesem Freitag trifft sich in Berlin erstmals die von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eingesetzte Ethik-Kommission zum automatisierten Fahren. Das Gremium unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Di Fabio soll Leitlinien für die Programmierung automatisierter Fahrsysteme entwickeln.

Die Kommission soll "klare Leitlinien für Algorithmen entwickelt, welche die Fahrzeugreaktionen in Risikosituationen bestimmen". Dies hatte die Bundesregierung im vergangenen Mai in einem Strategiepapier beschlossen. Der Kommission sollen Vertreter von Wissenschaft, Automobilindustrie und Digitalwirtschaft angehören. Dabei stellte das Verkehrsministerium schon selbst zwei entscheidende Grundsätze auf, die automatisierte Autos einhalten sollen: "Ein Sachschaden ist einem Personenschaden immer vorzuziehen. Eine Qualifizierung des Faktors Mensch ist unzulässig."

Bremsen oder ausweichen

Die deutschen Hersteller wollen es möglichst gar nicht zu Unfällen kommen lassen. So heißt es bei Daimler: "Die Unfallvermeidung steht beim autonomen Fahren im Vordergrund. Im unvermeidlichen Kollisionsfall können die Unfallfolgen reduziert werden, da automatisierte Fahrzeuge die Folgen unterschiedlicher Handlungsoptionen schneller, rationaler und weitergehend bewerten können als der Mensch dies kann." Die Strategien zur Unfallvermeidung konzentrierten sich generell auf "sichere Ausweichmanöver". Sei dies nicht möglich, solle das Auto versuchen, "die Fahrgeschwindigkeit in der Fahrspur maximal zu reduzieren". Vollbremsung statt Ethik.

Ähnlich will BMW seine autonomen Autos programmieren. Als Basisalgorithmus werde mit höchster Priorität durch Bremsen die Energie reduziert und seitlich ausgewichen, falls das möglich sei. "In Summe kann man aber davon ausgehen, dass die Zahl der kritischen Fahrsituationen deutlich sinken wird, so dass die Zahl der Unfallsituationen mit potentiellen ethischen Entscheidungen deutlich reduziert wird. Auch im heutigen Unfallgeschehen sind derartige Situationen praktisch nicht existent", teilte das Unternehmen mit.

Keine Differenzierung von Personen möglich

Dennoch werden solche Dilemmasituationen immer wieder herangezogen, wenn über die Programmierung autonomer Autos diskutiert wird. Soll das Fahrzeug eher in eine Fußgängergruppe fahren oder in den Gegenverkehr ausweichen? In einem fragwürdigen Experiment(öffnet im neuen Fenster) lässt das Massachussetts Institute of Technology (MIT) derzeit Nutzer in 13 Fällen darüber entscheiden, welche Personen ein autonomes Auto bei einem unvermeidlichen Unfall eher töten soll: Beispielsweise zwei flüchtende Bankräuber oder eher zwei Sanitäter im Einsatz?

Eine "Qualifizierung des Faktors Mensch" scheitert derzeit ohnehin an der Sensorerkennung und -auswertung. "In den ersten Generationen autonomer Fahrzeuge wird aus technischen Gründen keine Differenzierung zum Beispiel zwischen jungen und alten Menschen möglich sein. Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass ein Menschenleben nicht in Altersangaben zu bemessen ist", heißt es bei BMW. Nach Auskunft von Daimler können Sensoren zwar zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern unterscheiden, "eine Differenzierung nach Alter ist jedoch aktuell und auch in der nahen Zukunft nicht möglich". Zudem verweist das Unternehmen darauf: "Eine Programmierung des Systems im Sinne einer Entscheidung für einen Menschen und damit gegen einen anderen wäre per se nicht zulässig."

Ein Fahrstil der reinen Vernunft

Nach Ansicht von Volkswagen wird es "noch viele Jahre dauern, bis solche Informationen sicher in Sekundenbruchteilen zur Verfügung stehen und in der Kalkulation, beispielsweise von Ausweichszenarien, berücksichtigt werden könnten". Bis dahin sei das Prinzip der Schadensminimierung bei der Programmierung von maschinellen Entscheidungen "vollkommen hinreichend", teilte das Unternehmen mit.

Neben BMW und Volkswagen schließt auch Audi nicht aus, dass die Autos in Zukunft tatsächlich einmal solche "ethischen Entscheidungen" treffen könnten. "Im Allgemeinen setzt eine maschinelle Entscheidung das Vorhandensein von Sensorinformationen voraus. Eine solche Entscheidung bestimmt sich nach dem jeweils aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik", teilte Audi mit. Anders gesagt: Wenn es Wissenschaft und Technik erlauben, könnten die Autos möglicherweise so programmiert werden, dass sie eher einen Rentner als einen Schüler überfahren. Eine gruselige Vorstellung.

Menschen wollen lieber egoistische Autos

In diesem Sinne könnte die Ethik-Kommission die Frage beantworten, ob Autos in Zukunft überhaupt solche detaillierten Sensordaten erfassen und in maschinelle Entscheidungen einbeziehen sollen. Hinzu kommt: Die Menschen finden "ethische Autos" zwar prinzipiell gut, wollen im Zweifel aber lieber in einem Auto fahren, das vor allem seine Insassen schützt. "Die Leute wollen Autos, die sie selbst und ihre Mitfahrer um jeden Preis schützen. Sie finden es toll, wenn alle anderen ethische Autos fahren, aber sie wollen solch ein Auto ganz bestimmt nicht für ihre Familie", sagte der MIT-Professor Iyad Rahwan nach einer entsprechenden Umfrage. Derzeit sei kein einfacher Weg erkennbar, Algorithmen zu programmieren, die moralische Werte und persönliche Eigeninteressen miteinander verbinden könnten.

Die Hersteller dürften dabei nicht so verkehrt liegen, wenn sie ihren Autos beispielsweise den Kategorischen Imperativ(öffnet im neuen Fenster) Immanuel Kants einprogrammierten. Nach dem Motto: Fahre nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Das heißt, möglichst defensiv und unter Beachtung aller Verkehrsregeln.

Doch selbst das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt. So erlaubt Google seinen autonomen Autos in bestimmten Situationen eine überhöhte Geschwindigkeit, um sich dem Verkehrsfluss anzupassen. Langsamer zu fahren könnte eine Gefahr für die Insassen und die anderen Verkehrsteilnehmer darstellen. Vielleicht findet die Ethik-Kommission auch einen Ausweg aus diesem Dilemma.


Relevante Themen