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Autoindustrie: Mit handgeknüpften Kabelbäumen gegen die Lieferkrise

Der Krieg in der Ukraine unterbricht die Lieferkette bei den Kabelbäumen. Jetzt suchen Autohersteller nach neuen Produktionswegen.
/ Wolfgang Gomoll (press-inform)
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Kabelbäume sind ein unverzichtbarer Bestandteill eines jeden Autos. (Bild: Leonie)
Kabelbäume sind ein unverzichtbarer Bestandteill eines jeden Autos. Bild: Leonie

Geng Wu hat eine steile Karriere hingelegt. Von der Unternehmensberatung McKinsey ging es per Zwischenstopp bei Volkswagen Consulting direkt in die Machtzentrale von Europas größtem Autobauer, wo er sich mit um den Einkauf kümmert. Jetzt leitet der junge Manager gemeinsam mit Martin Fries und VW-Einkaufsvorstand Murat Aksel die Taskforce Ukraine-Versorgung, deren Aufgabe es ist, die seit dem russischen Angriff unterbrochene Lieferkette wieder zusammenzufügen. In dem osteuropäischen Land werden unter anderem Kabelbäume gefertigt, ein essenzielles Bauteil für jedes Automobil.

Als Resultat dieser Krise verzögern sich die Auslieferungen neuer Autos noch mehr als ohnehin schon. Die Käufer sind frustriert. Wer wartet schon gerne länger als ein Jahr auf seinen fahrbaren Untersatz? Die Konsequenz aus diesem Versorgungsengpass ist eine Priorisierung, wie sie ähnlich bei den Halbleitern praktiziert wird: Die Autos, mit denen die Hersteller am meisten Geld verdienen, werden bei der Produktionsrangliste bevorzugt.

Mehrere Krisen gleichzeitig

Der Deckungsbeitrag entscheidet. Die Umsatzeinbußen für die Automobilhersteller sind dennoch gravierend. "Die Covid-19-Pandemie, der Halbleitermangel und jetzt der Krieg in der Ukraine richten enormen Schaden an, mit einem Rückgang der Fahrzeugproduktion um acht Prozent von 90,3 Millionen Einheiten im Jahr 2019 auf 83 Millionen im Jahr 2021. Dieser Trend wird leider im Jahr 2022 weitergehen und sich gegebenenfalls noch verschärfen" , sagt Ralf Walker von der Berylls Group.

Damit der wirtschaftliche Schaden möglichst gering bleibt, müssen neue Wege her und genau diese sollen die VW-Krisenstäbe ebnen. Die tschechische VW-Tochter Skoda nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Skoda-Einkaufsvorstand Karsten Schnake leitet die konzernweite Taskforce Halbleiter und wird jetzt auch bei den Kabelbäumen aktiv.

Zusatzkapazitäten in Marokko

"Für die Produktion unseres vollelektrischen Skoda Enyaq iV ist es uns gelungen, Kapazitäten bei unserem Partner im marokkanischen Werk Kenitra zu sichern. Dank der Fertigung an beiden Standorten – Zhytomyr in der Ukraine und Kenitra in Marokko – decken wir zukünftig den steigenden Bedarf an Kabelsträngen für die Produktion des Enyaq iV voll ab" , erklärt Schnake. Bei voller Kapazität sollen an beiden Standorten Kabelbäume für 1.870 Fahrzeuge pro Woche gefertigt werden.

Die Tatsache, dass die Werke in der West-Ukraine langsam wieder die Arbeit aufnehmen, wiegt die VW-Verantwortlichen keinesfalls in Sicherheit. Die Gefahr, dass sich der Krieg wieder auf das gesamte Land ausbreitet und die Produktion stilllegt, ist zu groß. Zumal der Export sich auch über lange Sicht schwierig gestalten dürfte, da die Häfen geschlossen sind. "Wir verfolgen dabei den Ansatz der dualen Strategie, wir bauen also vorsorglich Alternativen auf. Genauer gesagt: Wir sind dabei, die Kabelstrang-Fertigungslinien der ukrainischen Werke an Alternativstandorten zu duplizieren – aber eben nicht zu verlagern" , sagt ein VW-Sprecher.

Maschinen lassen sich nicht so einfach umziehen

Der Duplizierungsprozess ist im vollen Gange und soll möglichst viele Nachahmer finden. Eines dieser Werke befindet sich im marokkanischen Rabat, wo der Skoda-Zulieferer Kromberg und Schubert die Fertigung der Kabelbäume ausgebaut hat und so die Ausfälle der Fabrik in Zhytomyr in der Ukraine kompensiert. Die Umsetzung dieses Vorhabens ist natürlich nicht von einem Tag auf den anderen machbar. Die Maschinen können nicht einfach über etliche Kilometer an einen anderen Standort transportiert werden.

Auch den Einkauf neuer Anlagen wird man in Wolfsburg nicht so einfach durchwinken. Schließlich geht es um Investitionen in Millionenhöhe und jedes Gerät, das unbenutzt in einer Halle steht, ist totes Kapital. Für ein Unternehmen, das Milliardenbeträge umsetzt, eigentlich ein überschaubares Risiko, aber in einer Zeit, in der die Nachwirkungen der Covid-19-Pandemie noch deutlich spürbar sind, wollen auch solche Investitionen gut überlegt sein und hängen von der Entwicklung der Märkte ab.

Herstellung in Handarbeit

Deswegen setzt man auf die klassische Manufaktur. Im Hauptsitz des tschechischen Herstellers in Mlada Boleslav hat der Zulieferer PEKM kurzerhand eine Halle angemietet und Angestellten aus der ursprünglichen Fabrik im ukrainischen Lwiw das Angebot unterbreitet, bei der Produktion zu helfen. Einige haben das Angebot angenommen und stellen jetzt Kabelbäume in Handarbeit her. Natürlich ist die Anzahl um ein Vielfaches geringer als beim Einsatz von Maschinen.

Liefen bisher bis zu 40.000 Kabelbäume in der Ukraine täglich vom Band, sind es jetzt maximal 900. Der Volkswagen-Konzern greift dennoch nach jedem Strohhalm und hat bereits 14 potenzielle Länder sowie 23 Standorte für das Spiegeln der Fertigung definiert. "Eine ähnliche Vorgehensweise – Duplizierung der Produktion von kritischen Teilen – prüfen wir quer durch unser Lieferantenportfolio und bieten unseren Partnern Unterstützung bei diesem Prozess an. Die realisierten Projekte in der Ukraine und Nordafrika dienen dabei als Blaupause" , verdeutlicht Karsten Schnake.

Lieferketten regionalisieren

Auch wenn die Kabelbaumkrise ein vornehmlich europäisches Problem ist, hat sie dennoch gezeigt, wie volatil die Lieferketten sind. Darauf gibt es mehrere Antworten. BMW verteilt die Lieferlast auf mehrere Schultern beziehungsweise Regionen. Eine Vorgehensweise, die sich jetzt auszahlt.

"Unsere Sourcing-Strategie hat sich bewährt, vor allem auch in Krisensituationen wie den harten Lockdown-Zeiten aufgrund von Corona und auch bei den Halbleitern. Wir beziehen wichtige Komponenten wie zum Beispiel Kabelbäume schon immer aus mehreren Ländern, zum Teil auch aus der Ukraine. In der Folge sind nur wenige BMW-Group-Werke unseres Produktionsnetzwerks von den Auswirkungen betroffen gewesen" , heißt es aus München.

"Lokal für lokal"

"Für unterschiedliche Rohstoffe, Halbzeuge und Zulieferprodukte wird auch über komplett veränderte Lieferketten nachgedacht. Der Gesichtspunkt 'lokal für lokal' rückt viel mehr in den Vordergrund. Wenn in China erneut eine Region für ein paar Wochen in den Lockdown geht, sollten die Werke der Zulieferer primär Werke der OEM in der Umgebung oder diesem Land beliefern und nicht Kunden in Europa oder den USA" , sagt Ralf Walker.

Mercedes dreht bereits genau an diesen Stellschrauben und will in Zukunft mit den Zulieferern konkretere Vereinbarungen zu Lieferabnahmen treffen. Außerdem setzt man auf verlängerte Planungszyklen, auf den Aufbau von Sicherheitsbeständen an verschiedenen Stellen der Lieferkette und auf multiple Bezugsquellen, damit die Auswirkungen beim Ausfall eines Produktionsstandortes nicht so gravierend sind.


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