Aufbruch zum Mond: Die schönste Fake-Mondlandung aller Zeiten

Wir gehen davon aus, dass die dem Film zugrundeliegenden Ereignisse bekannt sind und beschreiben zwecks Analyse Szenen aus dem fortgeschrittenen Teil der Handlung. Wer in der Schule aufgepasst hat und über ein Mindestmaß an Allgemeinbildung verfügt, sollte sich an den Spoilern in dieser Filmkritik nicht stören.
Der Weltraum, unendliche Weiten, die wir jedoch nur durch ein schmales Fenster erahnen können. Alles vibriert, selbst der Blick auf die Instrumente am Armaturenbrett fällt schwer. Ständiges Klappern, Brummen und Klirren fährt uns durch Mark und Bein, die Geräuschkulisse kommt der eines Horrorfilms gleich. Zwischendrin die weit aufgerissenen Augen der Piloten, als wären wir nur Zentimeter vor ihnen entfernt. Wir krallen uns fest an unsere Stuhllehnen und sind froh, dass wir in einem bequemen Kinosessel sitzen. Und nicht in einer Nasa-Raumkapsel der frühen 60er Jahre, wie wir sie auf der Leinwand von innen, in einer späteren Szene sogar mitsamt Besatzung verbrennen sehen.
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Wann immer uns Aufbruch zum Mond auf Nasa-Testflüge, zum High-G-Training in die Zentrifuge oder ganz zum Schluss auf die Mondmission Apollo 11 mitnimmt, verschlägt es uns den Atem. Allerdings haben wir zwischen diesen Szenen auch sehr viel Zeit zum Luft holen, denn das Privatleben von Neil Armstrong kann den visuell sehr sehenswerten Film als zentrale Geschichte nicht durchgehend tragen.
Ein erster Mensch und viele Statisten
Aufbruch zum Mond, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, ist im weitesten Sinne ein Film über die physischen, seelischen aber auch familiären Strapazen vieler Männer, die auf dem Weg zur ersten bemannten Mondlandung bei Testflügen in klapprigen Fluggeräten ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Zuallererst ist es aber ein Film über den Menschen Neil Armstrong, über den ersten Menschen, der je einen Schritt auf den Mond gesetzt hat. Ähnlich wie in den Geschichtsbüchern bleiben Weggefährten wie Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, nur Statisten am Rande und auch die geschichtliche Einordnung im betrachteten Zeitraum zwischen 1962 und 1969 beschränkt sich aufs Allernötigste.
Das eng an die autorisierte Armstrong-Biografie (First Man) angelehnte Drehbuch lässt Amerikas Space Race mit Russland und den damit einhergehenden Erfolgsdruck auf die Nasa beispielsweise nicht unerwähnt, es gibt der belasteten Ehe zwischen Janet und Neil Armstrong aber viel mehr Raum. Claire Foy (The Crown) stellt ausdrucksstark dar, wie die Astronautengattin zunehmend daran verzweifelt, sich alleine um die gemeinsamen Kinder zu kümmern und gleichzeitig ständig um das Leben ihres Mannes fürchten zu müssen. Nach wenigen Szenen ist die Situation jedoch klar und die Erzählung weiß der Ausgangslage nichts mehr hinzuzufügen.
Mondreise als Trauerbewältigung
Zumal es ein schwerer Schicksalsschlag ganz zu Anfang des Films ist, der dem in sich gekehrten Charakter des Neil Armstrong am stärksten seinen Stempel aufdrückt. Den Tod seiner zweijährigen Tochter im Januar 1962 kann der ehemalige Kampfpilot mit Kriegserfahrung viele Jahre nicht verarbeiten. Der ohnehin schon introvertierte Theoretiker nimmt am Alltag nur noch sporadisch teil, flüchtet sich in seine Arbeit und letztendlich dann zum Apollo-Projekt. Den Höhepunkt findet dieser erzählerische Bogen in einer emotionalen Szene auf dem Mond – einem der wenigen Momente des Films, den sich die Autoren wohl komplett selbst ausgedacht haben. Ein einsamer Armstrong im Gedenken an seine Tochter erklärt Trauerbewältigung symbolisch zum Grundthema von Aufbruch zum Mond.





Ob nun für den ersten Mann auf dem Mond selbst, mit seinem persönlichen Verlust. Oder für die Freunde und Hinterbliebenen all der Menschen, die auf dem langen Weg bis zur Apollo-11-Mission ihre Leben gelassen haben. Für die von Kritik gebeutelte Nasa, deren Zukunft nach einigen Fehlschlägen vom Ausgang der Mondmission abhängig war. Nicht zuletzt auch für die USA, deren Selbstverständnis als größte Weltmacht im Kalten Krieg gelitten hat – und für den ganzen Rest der Welt, der sich nach zwei langen Weltkriegen vor den Fernsehern versammelt hat, um einen Meilenstein der Menschheitsgeschichte mitzuerleben.
Dass Aufbruch zum Mond nicht durchweg vor plakativem Patriotismus trieft, wurde ihm schon vor Filmstart von vielen Amerikanern angekreidet(öffnet im neuen Fenster) . Insbesondere die Tatsache, dass Regisseur Damien Chazelle darauf verzichtet, das Aufstellen der US-Flagge auf der Mondoberfläche explizit zu zeigen, sorgte in nationalen Nachrichten und bei Social Media für entrüstete Kommentare. Dabei macht der Film unserer Meinung nach an genügend anderen Stellen unmissverständlich klar, dass es sich bei Apollo 11 um ein US-amerikanisches Projekt handelte, die Mondlandung an sich aber eben auch ein Erfolg für die gesamten Menschheit ist.
Weltraumhorror ohne Aliens
Dreiviertel des Films erleben wir mehrere Nasa-Testflüge intensiv mit, größtenteils aus verwackelten Innenräumen. Wenn die Ansicht hier mal nach draußen wechselt, dann fast ausschließlich an Positionen, die wie von der Nasa als Actionkamera ans Raumschiff montiert wirken und so zum beklemmend authentischen Grundgefühl beitragen. Aufbruch zum Mond lässt uns Zuschauer ohne Raumfahrterfahrung den unbeschönigten Horror des Allflugs in seinen Anfängen glaubwürdiger, aber auch unangenehmer miterleben als es etwa Apollo 13 oder Der Stoff aus dem die Helden sind zuvor gezeigt haben.
In den Teilen des Films, die Neil Armstrong zu Hause bei seiner Familie zeigen, hätten wir aufs immerzu wackelnde Sichtfeld hingegen gut und gerne verzichten können. Bei allem Verständnis dafür, dass Regisseur Chazelle und sein Kameramann Linus Sandgren auf diese Weise wohl darstellen wollten, dass Armstrong daheim nie so ganz mit den Gedanken bei Frau und Kindern, also nicht auf sein Umfeld im Hier und Jetzt fokussiert war – mehr Kontrast im Vergleich zu den Raumfahrtszenen hätte Aufbruch zum Mond in seinen irdischen Segmenten gut getan, den Film in intimen Momenten seiner Hauptfiguren schlichtweg angenehmer zu gucken gemacht.





Nur der Grundkurs in Raketenwissenschaft
Natürlich gibt es auch Passagen, die Armstrong beim Alltag im Inneren der Raumfahrtbehörde zeigen, hiervon hatten wir uns jedoch mehr Tiefgang erhofft. Mit den Worten "Welcome to Basic Rocket Science" leitet Kyle Chandler in der Rolle des Nasa-Direktors Donald Kent Slayton fast schon augenzwinkernd eine Erklärsequenz ein, in der Zuschauern der Ablauf des Mondanflugs näher gebracht wird. Dass die Besatzungskandidaten von Apollo 11 dabei absurd simple Tafelzeichnungen begutachten, als würden sie gerade den ersten Tag eines Nasa-Schülerpraktikums besuchen, passt für uns nicht zum ansonsten so ernsthaft erzählten Film. Wir glauben nicht, dass der Film die Zuschauer überfordert hätte, wäre er in solchen Szenen näher am Wortlaut echter Astronautenbriefings geblieben und theoretische Abläufe auch mal so komplex dargestellt hätte, wie sie wirklich sind. Auch in Hollywood-Filmen fürs große Publikum kann so etwas, mit Bedacht dosiert, durchaus für zusätzliche Atmosphäre sorgen – selbst wenn Zuschauer mal nicht jeden Fachbegriff sofort verstehen.
Auf seinem Höhepunkt versteht es Aufbruch zum Mond besser, Hollywood-Qualitäten mit Authentizität zu verbinden. Während der bildgewaltig, geradezu poetisch inszenierten Mondlandung, die komplett auf Imax-Kameras gedreht wurde und auch sonst alle Register filmischer Hochglanz-Optik zieht, hören wir nichts außer den Originalfunksprüchen der Apollo-11-Mission und sehen auch immer wieder Original-Fernsehbilder des echten Ereignisses eingestreut, über deren Echtheit Verschwörungstheoretiker ja bis heute streiten. Diese lange Szene hat Stil und fängt ganz besonders das wunderschöne Gefühl ein, von einem Ausblick komplett überwältigt zu sein. So muss es sich auch für Neil Armstrong angefühlt haben, als sich die Luke der Landefähre Eagle geöffnet und er als erster Mensch mit eigenen Augen die Erde vom Mond aus gesehen hat.
Der Mond selbst ist den Aufbruch ins Kino wert
Erst intensiv und nah an den Protagonisten wie bei Whiplash, dann beim großen Finale wunderschön präzise choreografiert wie La La Land. Immer auf analoges Filmmaterial gedreht, mit gut erkennbarem Filmkorn. Besonders die Weltraumszenen von Aufbruch zum Mond wirken so, als habe Damien Chazelle hier den jeweiligen Stil seiner beiden vorherigen, sehr unterschiedlich inszenierten Filme zusammenführen wollen.





Armstrongs Kindern, Weggefährten und seiner Autobiografie zufolge kommt die bewusst nüchterne Darstellung der realen Person durchaus sehr nahe. Deswegen liegt es uns auch fern, Hauptdarsteller Ryan Gosling, der hier im Grunde seine Performance des Replikanten aus Blade Runner 2049 nahtlos fortsetzt, einen Vorwurf zu machen. Dennoch hätten sich Chazelle und die Autoren des Films mehr Gedanken machen sollen, andere Aspekte der Reise zum Mond mehr in den Mittelpunkt zu rücken oder die 2 Stunden und 22 Minuten Laufzeit des Films in Hinblick auf Armstrongs Privatleben wenigstens deutlich zu straffen. Diese trägeren Momente der Geschichte sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Aufbruch zum Mond ganz besonders mit der grandios präsentierten Mondlandung als Highlight einige herausragende Sequenzen zeigt, die nicht nur Raumfahrt-Nerds im Kino, bestenfalls auf der riesigen Imax-Leinwand erlebt haben sollten.



