Audi E-Tron: Ein Akku-Doppelbett für die Jagd auf Tesla

Nicht nur schnell und bequem fahren, sondern auch schnell und bequem laden: Der Ingolstädter Autohersteller Audi will die Käufer seiner künftigen Elektroautos mit einem "ganzheitlichen Ladeangebot" von den Vorteilen der Elektromobilität überzeugen. Der neue Audi E-Tron(öffnet im neuen Fenster) soll mit einer Leistung von bis zu 150 Kilowatt (kW) an Schnellladesäulen geladen werden können. Für das Laden zu Hause bietet der Hersteller gegen Aufpreis ein smartes Ladesystem für bis zu 22 Kilowatt Drehstrom an. Es ist sicher kein Zufall, dass sich Audi bei seinem Ladekonzept an den Standards der Tesla-Modelle S und X orientiert.

Die beiden Grundelemente: eine vergleichweise große Batterie mit einer Kapazität von 95 Kilowattstunden (kWh) sowie ein Netz von Schnellladestationen, das Langstreckenfahrten ohne stundenlange Ladeunterbrechungen ermöglichen soll. Audi gibt nun eine Reichweite für den E-Tron von 400 Kilometern nach dem realistischeren WLTP-Zyklus an. Wie bereits auf dem Autosalon in Genf angekündigt , soll der neue E-Tron mit bis zu 150 kW per CCS-Kabel aufgeladen werden können.
Erste Schnellladestation errichtet
Dazu hat Audi zusammen mit BMW, Daimler, Ford sowie der VW-Schwesterfirma Porsche das Unternehmen Ionity gegründet , das bis zum Jahr 2020 etwa 2.000 Schnellladepunkte für High Power Charging mit bis zu 350 kW errichten will. Gerade in dieser Woche wurde auf der Autobahnraststätte Brohltal Ost an der Autobahn 61 die erste Schnellladestation mit sechs Säulen in Betrieb genommen(öffnet im neuen Fenster) . Schon Ende dieses Jahres soll es europaweit fast 200 solcher Stationen geben.
Damit wollen die deutschen Hersteller die Frusterlebnisse vermeiden, die Golem.de bei Elektroauto-Tests schon mehrfach beschrieben hat : Schnellladesäulen an Autobahnen sind für Nicht-Tesla-Fahrer dünn gesät, schlecht ausgeschildert, bisweilen zugeparkt und häufig defekt. "Wir wollen nicht nur die Reichweitenangst, sondern auch die Zugangsangst bekämpfen" , sagte E-Tron-Produktmanager Johannes Eckstein bei der Präsentation des Ladekonzepts im Hochspannungs-Prüffeld von Siemens in Berlin. Ebenso wie bei den Tesla-Ladestationen soll es daher fünf bis sechs Ladesäulen pro Raststätte geben.
Audi-Ladekarte für 220 Anbieter
Daneben wolle sich Ionity auch um das äußere Umfeld der Ladestationen kümmern. Neben der guten Auffindbarkeit sei auch eine Überdachung der Ladesäulen ein Thema, damit die Fahrer nicht mit nassen Ladekabeln hantieren müssten. Eine eigene Ladekarte, E-Tron Charging Service genannt, soll unkomplizierten Zugang zu 65.000 Wechselstromsäulen und den 2.000 Ionity-Schnellladern in Europa erlauben. International kooperiert Audi dazu mit 220 Ladepunktanbietern. Audi-Manager Anno Mertens zeigte sich offen für eine Kooperation mit Tesla, allerdings nur auf der Basis des Ladesteckerstandards CCS.
Für den Zugang zur Ladekarte muss sich der Kunde im myAudi-Portal registrieren und einen individuellen Ladevertrag abschließen. Die Abrechnung erfolgt danach automatisiert und ohne ein physisches Zahlungsmittel. Die Funktion Plug & Charge, die Daimler inzwischen für seinen Elektrosmart anbietet , soll bei Audi von 2019 an zur Verfügung stehen. Das Auto autorisiert sich damit selbsttätig an der Ladesäule und schaltet sie frei. Eine Karte wird nicht mehr benötigt. Ebenso wie bei Tesla lässt der Ladevorgang des Audi E-Tron über die App überwachen. Auch die Vorklimatisierung des Elektro-SUV lässt sich planen, fernsteuern und überwachen.
Viel Wert auf Sicherheit
Während Audi in dieser Woche nur wenige Details über die Motorisierung des E-Tron verraten wollte, präsentierten die Entwickler stolz die Eigenschaften der Lithium-Ionen-Batterie. Diese verfügt über 36 Zellmodule von der Größe eines Schuhkartons, die ebenso wie beim Tesla im Unterboden des Autos montiert sind. Mit 2,28 Meter Länge, 1,63 Meter Breite und 34 Zentimetern Höhe ist die Batterie so groß wie ein Doppelbett - mit 700 Kilogramm allerdings deutlich schwerer und mit einem Preis mehr als 25.000 Euro deutlich teurer. Fünf weitere Module sind wie Kopfkissen in einer zweiten Ebene angebracht, die sich unter den Rücksitzen befindet.
Die Akkuzellen lässt sich Audi von asiatischen Herstellern wie LG liefern. Die Batterie selbst wird jedoch im Brüsseler Werk montiert. Die Entwickler legten dabei auf eine sichere Konstruktion des Batterierahmens Wert, der einen möglichst großen Schutz bei Unfällen garantieren soll. Die Aluminiumkonstruktion mit einem Rahmen aus Strangpressprofilen und Gussknoten übernimmt dabei eine zusätzliche Tragefunktion in der Karosserie.
Aufwendiges Kühl- und Wärmesystem
Ein aufwendiges Kühl- und Wärmesystem soll die Batterietemperatur konstant in einem Bereich von 25 bis 35 Grad Celsius halten. Damit will Audi zum einen erreichen, dass sich eine hohe Leistung mehrfach hintereinander abrufen lässt, ohne dass es zu Leistungseinbrüchen kommt. Zum anderen soll dadurch ermöglicht werden, innerhalb von 30 Minuten die Batterie zu 80 Prozent aufzuladen. Damit ließe sich pro Minute eine Reichweite von mehr als zehn Kilometern laden. Anders als der Hyundai Ioniq lässt sich der E-Tron anschließend verlangsamt mit Gleichstrom vollständig aufladen.
Die Audi-Konstrukteure kleben das Kühlsystem aus Aluminium mit einem wärmeleitfähigen Klebstoff unter die Batterie. Im Winter lässt sich die Batterie mit einem warmen Kühlmittel zudem vorheizen. Das Thermomanagement des Audi E-Tron umfasst den Angaben zufolge vier Kreisläufe, die sich je nach Bedarf auf unterschiedliche Weise zusammenschalten lassen, um den Innenraum und die elektrischen Aggregate zu heizen und zu kühlen. Sie können dabei auch als Wärmepumpe arbeiten, um die Abwärme von Motoren, Leistungselektronik und Ladegerät zu nutzen.
Drehstromladen mit bis zu 22 kW
Für das Laden zu Hause bietet Audi serienmäßig eine Lademöglichkeit für bis zu 11 kW an. Diese ermöglicht ein dreiphasiges Laden an einer CEE-Steckdose mit 16 Ampere. Bei normalen Schuko-Steckdosen wird der einphasige Ladestrom jedoch auf 10 Ampere (2,3 kW) begrenzt, um eine Überhitzung zu vermeiden. Die Anschlusskabel lassen sich bei der Box je nach Bedarf austauschen. Während sich mit 11 kW ein leerer Akku über Nacht aufladen lässt, würde das an einer Schuko-Steckdose gut 40 Stunden dauern.
Mit dem optionalen System Audi Connect ist sogar ein Wechselstromladen zu Hause mit 22 kW möglich. Dazu benötigt der E-Tron ein zweites Ladegerät an Bord. Zudem muss eine Drehstromsteckdose mit 32 Ampere installiert sein, was jedoch in den allerwenigsten privaten Wohnhäusern der Fall sein dürfte. Auf Wunsch können interessierte Kunden daher vor dem Autokauf einen Elektriker, den der örtliche Audi-Händler vermittelt, die Lademöglichkeiten in der eigenen Garage überprüfen lassen. Gerade bei 22-kW-Anschlüssen dürften die Kunden in der Regel nicht um ein Lademanagement herumkommen, da der Hausanschluss einen solch großen Verbraucher neben den anderen Geräten vermutlich nicht zusätzlich verkraftet.
Kein Staupilot, kein induktives Laden
Audi empfiehlt daher die Einbindung des Ladeanschlusses in ein Heimenergie-Managementsystem (HEMS). Dieses könnte beispielsweise auch die Energie einer Photovoltaik-Anlage nutzen, um das Auto aufzuladen. Zudem lässt sich dadurch eine Überlastung des Hausanschlusses vermeiden, da sich die Ladeleistung in Abhängigkeit vom Gesamtverbrauch steuern lässt. Anders als der Plugin-Hybrid des neuen A 8 lässt sich der E-Tron jedoch nicht induktiv laden. Möglicherweise könnten aber spätere Varianten über diese Funktion verfügen, deutete Audi-Manager Mertens an. Anders als beim A 8 soll es für den E-Tron zunächst auch keinen Staupiloten geben, der möglicherweise im kommenden Jahr auf den Markt kommt.
Auf Nachfrage von Golem.de wollten die Entwickler keine Details zum elektrischen Antrieb nennen. In den Presseunterlagen finden sich jedoch Erläuterungen zum Stichwort Asynchronmotor. Demnach könnte der E-Tron ebenso wie das Model S von Tesla von zwei Asynchronmotoren an Vorder- und Hinterradachse angetrieben werden. Das geht auch aus Illustrationen hervor. Da die Batterie bei einer Nennspannung von knapp 400 Volt auf einen Maximalstrom von 1.000 Ampere ausgelegt ist, könnte die Motoren bis zu 400 kW an Leistung abrufen. Die 2015 vorgestellte Konzeptstudie des E-Tron Quattro(öffnet im neuen Fenster) sollte bis zu 370 kW abrufen können.
Offiziell vorgestellt wird der Audi E-Tron Ende August in Brüssel, wo das Fahrzeug auch produziert wird. Das Elektroauto soll in Deutschland ab 80.000 Euro erhältlich sein. Das sportlichere SUV Audi E-Tron Sportback soll 2019 folgen, der Elektrosportwagen E-Tron GT ab Anfang des kommenden Jahrzehnts in den Böllinger Höfen bei Neckarsulm gefertigt werden. Zumindest in der Oberklasse ist die Jagd auf Tesla damit voll eröffnet.



