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Atomkrieg in den 80ern: Als im Film die Bomben fielen

In der Achtzigerjahren wurde der Atomkrieg im Film realistisch: sechs Filme, die so aktuell wie eh und je sind.
/ Peter Osteried und Mario Petzold
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The Day After war der erste Atomkriegsfilm, der das Publikum wirklich verstörte. (Bild: Pidax)
The Day After war der erste Atomkriegsfilm, der das Publikum wirklich verstörte. Bild: Pidax

Die US-Amerikaner hatten sie, die Sowjets wollten sie, ein Wettrüsten sondergleichen begann, bis die Supermächte einander in den 80er Jahren waffenstarrend gegenüberstanden. Jeder hatte genügend Sprengköpfe, um den Planeten Hunderte Male zu vernichten.

Seit 1945, als die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen, herrschte Angst vor diesen Waffen, in den 80ern erlebte sie einen neuen Höhepunkt. Während Atomkriege im Film zuvor eher für fantastische Geschichten genutzt worden waren, wie bei Angriffsziel: Moskau und Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, gab es in den 80ern sechs Filme, die zeigten, was es wirklich heißt, wenn der Atomkrieg beginnt (und innerhalb weniger Minuten auch endet).

Der Tag danach

In der von Nicholas Meyer (Star Trek II: Der Zorn des Khan) inszenierten Fernsehproduktion The Day After – Der Tag danach (1983) wird gezeigt, was nach einem Atomkrieg passiert, und zwar am Beispiel der Kleinstadt Lawrence im US-Bundesstaat Kansas. Die Stadt ist nicht direkt vom Einschlag einer Bombe betroffen, wohl aber vom Fallout.

Im Verlauf der gut zwei Stunden (die ursprüngliche Fassung soll weit über drei Stunden Laufzeit gehabt haben) wird gezeigt, was das heißt: Der nukleare Winter setzt ein, die Strahlenkrankheit zersetzt menschliches Gewebe, alles bricht in sich zusammen. Es ist ein langsames Sterben.

Wer den Krieg begonnen hat, wird nicht klar, das wollte Meyer so, weil ihm wichtig war, die Auswirkung des Kriegs zu zeigen. Klar ist nur: Gewonnen hat ihn keiner.

In den USA sahen über 100 Millionen Menschen den Film, hierzulande debütierte er im Kino und zog mehr als drei Millionen Zuschauer(öffnet im neuen Fenster) an. Der Film ist ein Schlag in die Magengrube.

Bis dato war Radioaktivität im Film vor allem Auslöser für riesenhafte Monster á la Godzilla, jetzt holte die Realität auf. Es heißt, der damalige Präsident Ronald Reagan sei von dem Film so schockiert gewesen, dass dies der Auslöser für Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion gewesen sei. Bestätigt wurde das nie, es wirkt selbst für einen Filmfan wie den ehemaligen Schauspieler Reagan auch etwas überzogen.

Der zweite Film von 1983

Im November 1983 lief nicht nur The Day After in den USA im Fernsehen, es kam auch Das letzte Testament in die Kinos. Ursprünglich als Fernsehfilm produziert, entschied sich das Studio Paramount wegen der immensen Wirkung des Films, ihn ins Kino zu bringen.

In dem von Lynne Littman inszenierten Film wird der Atomkrieg durch die Augen einer Frau, die versucht, ihrer Familie das Überleben zu sichern, gezeigt. Der Film spielt in einem Vorort von San Francisco. Nachdem dort eine Atombombe detoniert, bricht auch der Kontakt zur Außenwelt ab.

Der Film ist angesichts von The Day After etwas in Vergessenheit geraten, aber immens effektiv. Wo Meyers Film einen dokumentarischen Erzählansatz wählte, ist Littmans Werk eines, das ganz und gar auf die Emotion setzt.

Das zwingt das Publikum noch stärker zur Identifikation. Das Leiden der normalen Menschen, die körperlichen Veränderungen, die mit der Strahlung einhergehen, die Kälte der Außenwelt – all das wird potenziert, weil man sich als Zuschauer in den Figuren sieht.

Aber abgesehen von der Identifikation: Wie realistisch sind The Day After und Das letzte Testament?

Wie ein Atomkrieg wirklich aussieht

Für Westdeutschland, ein ehemals primäres Ziel an der Konfliktlinie zwischen Ost und West, wurde angenommen, dass zehn Atombomben mit jeweils 2 Megatonnen Sprengkraft genügen würden, um das Land annähernd auszulöschen. Die Explosionen selbst würden dabei die großen Ballungsräume fast vollständig vernichten. Lediglich Gebäude aus Stahlbeton in mehreren Kilometern Abstand zum Detonationszentrum hätten Chancen, funktionstüchtig zu bleiben.

Hinzu käme die Strahlung, die sich wesentlich großflächiger verteilen und gleichzeitig verhindern würde, dass Rettungskräfte von außerhalb ohne ernsthafte Gefahr für das eigene Leben zu Hilfe kommen. Erschwerend käme hinzu, dass Infrastruktur wie Straßen, Brücken oder Krankenhäuser, genau wie alles andere, in großem Umkreis zerstört wäre. Ohne Infrastruktur, ohne Verwaltung oder nennenswerte Industrie würde auch der zunächst nicht direkt betroffene Teil der Gesellschaft nach kurzer Zeit zusammenbrechen.

Strahlung verteilt sich gleichmäßig

Die Strahlung würde sich unabhängig von der vorherrschenden Windrichtung verteilen. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima dauerte es nur ein paar Tage, bis die freigesetzten Iod- und Caesium-Isotope auch in Deutschland nachgewiesen werden konnten.

Nach der ohnehin nicht mehr funktionierenden Infrastruktur wären auch die Wasser- und Lebensmittelversorgung nach Tagen kontaminiert. Die Lebensgrundlage für die gesamte Bevölkerung wäre nach einem solchen Schlag vernichtet.

Die Sprengkraft reicht für alle und jeden

Bleibt die Frage, ob genügend Sprengkraft für den gesamten Planeten vorhanden ist. Laut Sipri(öffnet im neuen Fenster), dem Stockholmer Institut für Friedensforschung, sind derzeit 4.000 Sprengköpfe einsatzbereit, weitere 6.000 sind eingelagert.

Deren Sprengkraft liegt insgesamt bei geschätzten 7.500 Megatonnen. Auch wenn sich damit nicht die gesamte Landmasse in Schutt und Asche legen ließe, sondern lediglich die Hälfte, würde die Verteilung von Strahlung und radioaktiven Isotopen sehr wahrscheinlich keine Fläche verschonen.

Weltweite Effekte

Fallen die Bomben darüber hinaus gezielt, wären alle größeren Ansiedlungen mindestens zum Teil betroffen. Die Strahlung würde niemanden verschonen, wäre aber nicht sofort überall tödlich. Es gibt Berechnungen, dass die Menge an Strahlungsquellen in den folgenden Jahren etwa 100 Millionen Menschen(öffnet im neuen Fenster) töten würde.

In entlegenen Gebieten wäre es demnach sogar möglich, ein so extremes Szenario zunächst zu überleben, tendenziell auf der Südhalbkugel, da alle Atommächte auf der Nordhalbkugel liegen. Erhebliche Klimaveränderungen mit Durchschnittstemperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt(öffnet im neuen Fenster) wären aber weltweit zu erwarten.

Mehrere Tausend Megatonnen würden so viel Staub in die Atmosphäre transportieren, dass nach einer Phase extremer Abkühlung über lange Zeit lebensfeindlich niedrige Temperaturen zu erwarten wären. Dafür müsste es jedoch zunächst zu einem so katastrophalen Szenario kommen.

Die Wahrscheinlichkeit steigt

Nach einer kurzen Phase der Entspannung nach dem Ende des Kalten Krieges wird mittlerweile wieder von einer steigenden Wahrscheinlichkeit für ein solch apokalyptisches Szenario ausgegangen. Das liegt unter anderem daran, dass neben den USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien auch Indien, Pakistan und Nordkorea erwiesenermaßen über Atombomben verfügen.

Israel bestätigt das nicht, wird aber ebenfalls als Atommacht gewertet. Der Iran gibt sich trotz begrenzter Mittel alle Mühe, ebenfalls eine zu werden. Es gibt damit insgesamt neun Atommächte.

Nur ein Verwaltungsakt

Was nach einem Erstschlag passieren würde, hat unter anderem die Journalistin Annie Jacobsen in ihrem teils fiktionalen Buch Atomkrieg: ein Szenario beschrieben. Weil es für die Reaktion auf einen solchen Angriff Protokolle und Vorschriften gibt, wäre eine Eskalation nach dem getanen ersten Schritt praktisch nicht mehr zu verhindern.

Die begrenzte Zeit zum Reagieren, die drohende Auslöschung und die Bürokratie sorgen für den unausweichlichen Gegenschlag.

The Day After und Das letzte Testament waren aber nicht die einzigen Filme, die sich 1983 mit dem Atomkrieg auseinandersetzten.

Die japanische Perspektive

Der andere große Film war der Anime Barfuß durch Hiroshima(öffnet im neuen Fenster) aus Japan. Der Film basiert auf einem Manga von Keiji Nakazawa, der damals sagte, dass gut 70 Prozent dessen, was er beschreibe, auf eigenen Erfahrungen basiere.

In Japan wird Zeichentrick nicht nur für Kinderfilme benutzt, auch ernsthafte Dramen sind möglich. So wie dieser Film, der die Auswirkungen des Abwurfs der ersten Atombombe zeigt. Die Zuschauer sehen zunächst das normale Leben in Hiroshima, Tage, bevor die Bombe fiel.

Im Mittelpunkt steht ein Junge namens Gen, dessen Familie bei dem Bombenabwurf stirbt. In den Tagen und Wochen danach verdingt sich Gen als Pfleger für jemanden, der an der Strahlenkrankheit(öffnet im neuen Fenster) dahinsiecht.

Was diesen Film so außergewöhnlich macht, ist der Umstand, dass dies, anders als The Day After und Das letzte Testament, keine Was-wäre-wenn-Geschichte ist, sondern die Realität des Atomzeitalters und ihrer Waffen. Drei Jahre später gab es mit Barfuß durch Hiroshima 2 (1986) eine Fortsetzung, der drei Jahre nach dem Bombenabwurf spielt und zeigt, wie das Leben nach dieser Zeit immer noch von dem Schreckensereignis beeinflusst wird.

Großbritannien geht unter

1984 produzierte die BBC mit verhältnismäßig kleinem Budget den Fernsehfilm Threads, der in Deutschland als Tag Null gezeigt wurde. Er ist in gewisser Weise wirkungsvoller als The Day After.

Hier wie dort wurde ein dokumentarischer Ansatz gewählt. Was den Film von anderen abhebt, ist der Umstand, dass er sich nicht auf die wenigen Wochen und Monate nach dem Zünden der Atombomben konzentriert, sondern die Langzeitfolgen, nicht nur der Strahlung, sondern auch des nuklearen Winters, zeigt, der dazu führt, dass Hunderttausende verhungern.

Gezeigt wird das Leben von Mitgliedern der Arbeiterklasse der Stadt Sheffield. Dass hier nur unbekannte Schauspieler agieren, der Film grobkörnig ist und die kühle Distanz des Dokumentarischen wahrt, macht ihn besonders eindringlich. Es entsteht das Gefühl, dass es so und nicht anders in jeder Stadt dieser Welt sein könnte. Wenn die Bomben fallen.

Der Film, der die Kinder verstörte

Ein weiterer Film zum Thema war der britische Zeichentrickfilm Wenn der Wind weht. Er kam 1986 in die Kinos, weit mehr Einfluss hatte er aber, als er am 23. Dezember 1988 im Nachmittagsprogramm des Ersten(öffnet im neuen Fenster) lief, immer getreu dem Motto folgend: Zeichentrick ist für Kids.

Dieser Film konfrontierte hingegen ein junges Publikum mit einer Geschichte, die bei nicht wenigen Albträume hinterließ.

Auch hier findet der Nuklearkrieg statt, aber man erfährt nicht viel davon, ebenso wie das alte Ehepaar Hilda und Jim Bloggs, das sich noch darauf verlässt, dass sich unter dem Tisch zu verstecken, Schutz bieten wird.

Aber das tut es nicht. Das alte Ehepaar weiß nicht, wie ihm geschieht, während es in Filmlänge langsam dahinsiecht. Kein Film für Kinderaugen, aber einer, der deutlich vor Augen geführt hat, was Atomkrieg bedeutet.

Einige Monate nach der deutschen Fernsehausstrahlung fiel die Berliner Mauer, das erste Ergebnis der Perestrojka und der Beginn vom Ende des Kalten Krieges. Damit schwand auch die Angst vor dem Atomkrieg. Jetzt ist sie wieder da.

Was die sechs Filme, so alt sie auch sein mögen, über den Krieg und die Aussichtlosigkeit, ihn zu überleben, aussagen, hat mehr denn je Gültigkeit.


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