Atari VCS (1977): Das Video Computer System

Es gibt kein Gerät, das so sehr mit Aufstieg und Fall des Mediums Videospiel verknüpft ist wie Ataris Video Computer System. Sie war nicht die erste Spielkonsole, sie war nicht einmal die erste Spielkonsole mit wechselbaren Modulen - aber sie beherrschte für einige Jahre den Markt. Ihre Klötzchengrafik stand für Spielvergnügen auf dem heimischen Fernseher.
Atari wurde 1972 von Nolan Bushnell und Ted Dabney gegründet. Sie wollten unter diesem Namen elektronische Spiele für Bildschirme entwickeln - ein Novum in den damaligen Spielhallen. Innerhalb von drei Jahren hatten sie neben einigen anderen Erfolgen mit dem simplen Pong einen veritablen Hit gelandet. Der sollte nun auch in die US-amerikanischen Wohnzimmer einziehen. Eine eigenständige Spielkonsole wurde entwickelt und verkaufte sich gut.
Schnell wurde aber klar, dass nicht jedes neue Spiel mit komplett neuer Hardware ausgestattet werden konnte. Dieses Prinzip funktionierte in der Spielhalle, aber die millionenfache Auflage, der enge Kostenrahmen und das hohe geschäftliche Risiko von Massenmarktprodukten ließen die Ingenieure bei Atari nach einer Alternative suchen.
Viel Zeit blieb nicht: Konkurrent Fairchild hatte bereits einen funktionierenden Prototyp, als Atari mit der Entwicklung seiner zukünftigen Heimspielplattform begann.

1975 gab es nur eine Handvoll Computer für den privaten Gebrauch(öffnet im neuen Fenster) . Es handelte sich um teure, blinkende Kästen. Wer Daten auf seinem Fernseher anzeigen lassen wollte, musste sich ein Terminal selbst zusammenbauen(öffnet im neuen Fenster) . Universell einsetzbare Prozessoren waren ebenfalls Mangelware . So war der Prototyp des Video Computer Systems eine Wette auf die Zukunft.
Die 6507-CPU(öffnet im neuen Fenster) konnte 8 Kbyte adressieren, 128 Byte an RAM mussten ausreichen. Weil die Ingenieure wenig darüber wussten, wie Spiele aussehen würden, planten sie mit ein paar beweglichen Objekten, die sie als zwei Schläger, zwei Raketen und einen Ball implementierten. Auch einen Hintergrund sah das Design des Spezialchips TIA(öffnet im neuen Fenster) vor.
Dieser Television Interface Adapter war für Grafik und Ton zuständig und kam ohne eigenen Speicher aus. So wurde jede Zeile eines Bildes live aus der CPU an den TIA übertragen, der es in ein analoges Signal umwandelte und an den Fernseher sendete. Dafür konnten auf 40 x 192 Pixeln theoretisch mehr als 100 Farben dargestellt werden.
Obwohl es Atari finanziell gut ging und die Spielhallenhits eine solide Software-Basis für das kommende Gerät boten, überforderte der Wettlauf zur Serienreife das Unternehmen. Zeitgleich mit dem Marktstart der Konkurrenzkonsole Fairchild Channel F(öffnet im neuen Fenster) verkaufte Gründer Nolan Bushnell im Jahr 1976 Atari an Warner Communications, die mit Geld und guten Geschäftsverbindungen den Endspurt der Konsolenentwicklung beschleunigten.
Knapp ein Jahr nach dem Channel F kam das Atari Video Computer System in die Läden. Dort blieb es zunächst aber auch.
Vom Ladenhüter zum Verkaufsschlager
Die verhältnismäßig mageren Verkaufszahlen der ersten Jahre hatten drei Gründe: Die Konsole war mit einem Preis von über 800 Dollar in heutiger Kaufkraft sehr teuer, es gab nur neun Spiele - und Lieferschwierigkeiten.
Auch 1978 verkaufte Atari nur 500.000 der 800.000 produzierten Geräte. Die Konsumenten wussten offenbar noch nicht recht, ob sich die Anschaffung durch kommende Software überhaupt rechnen würde. Diese war mit einem Modulpreis(öffnet im neuen Fenster) von umgerechnet mehr als 100 Dollar nicht gerade billig. Auch Atari hatte keine Vorstellung davon, wie lange ein solches System sich am Markt halten würde - es sollten fast 15 Jahre mit über 30 Millionen verkauften Einheiten werden.
Am Anfang bekam man mit seinem Video Computer System das Spiel Combat. Es konnte nur zu zweit gespielt werden, was für viele der zum Start verfügbaren Titel galt. Diese Einschränkung kam unter anderem durch den mageren Modulspeicher von 2 KByte zustande. Trotzdem machten die neun ersten verfügbaren Spiele Spaß und wurden in der Presse gelobt. Einzig das dröge Rechenspiel Basic Math(öffnet im neuen Fenster) dürfte wohl eher der Elternschaft als der jungen Zielgruppe gefallen haben.
Die mitgelieferten Joysticks(öffnet im neuen Fenster) und Paddles(öffnet im neuen Fenster) waren zwar wenig ergonomisch, dafür aber robust. Ein Knopf musste reichen, schließlich gab es ja an der Konsole selbst noch weitere. So konnte man das Bild auf Schwarz-Weiß umstellen, den Schwierigkeitsgrad pro Joystick bestimmen und den Spielmodus wechseln. Pausieren war nicht möglich, aber immerhin ein Reset.
Anfang 1980 erschien das, was man heute wohl Killerapplikation nennen würde: Space Invaders hielten dank einer Lizenz von Taito Einzug in das Wohnzimmer. Allein in diesem Jahr konnte Atari zwei Millionen Konsolen verkaufen. Dabei half natürlich auch die inzwischen angewachsene Bibliothek an hochwertigen Titeln wie Breakout(öffnet im neuen Fenster) , Outlaw(öffnet im neuen Fenster) und natürlich Adventure(öffnet im neuen Fenster) .
Letzteres füllte die inzwischen möglichen 4 KByte Modulspeicher bis auf 15 Byte und ist nicht nur eines der ersten Action-Abenteuer, sondern beinhaltet auch eines der ersten Geheimnisse der Videospielwelt. Sein Programmierer hatte sich entgegen Ataris Firmenpolitik in einem unzugänglichen Raum des Spiels ein Denkmal gesetzt: "Created by Warren Robinett" leuchtete es nach einer bestimmten Abfolge von Aktionen vom Bildschirm.
Ataris Taktik-Programmierer als anonyme technische Angestellte zu behandeln, führte dazu, dass sich einige von ihnen selbstständig machten und unter dem Namen Activision(öffnet im neuen Fenster) erfolgreich begannen, eigene Spiele(öffnet im neuen Fenster) für das VCS zu veröffentlichen.
Auch andere Firmen boten Spiele und Accessoires für Ataris System an. Mit dem Starpath Supercharger konnte beispielsweise der Speicher aufgerüstet werden. In diesen ließen sich billigere Spiele von Kassette laden. Dieses Medium war in den 1980ern bei Heimcomputern üblich. In einen solchen verwandelte sich das Video Computer System aber nie(öffnet im neuen Fenster) . Trotzdem gab es mit dem Modul Basic Programming(öffnet im neuen Fenster) und zwei speziellen Tastaturcontrollern eine einfache Programmierumgebung. Die krankte jedoch daran, dass sich die eigenen Kreationen nicht abspeichern ließen.
Der Boom der Videospielbranche führte aber nicht nur zu einer Menge klassischer Hits, sondern auch zu jeder Menge Spiele, die kaum das Plastik wert waren, in dem sich die Daten befanden. Trotz Kundenbindungsmaßnahmen wie einem Atari-Club samt eigenem Magazin(öffnet im neuen Fenster) und den ersten Belohnungsgeschenken(öffnet im neuen Fenster) für hohe Punktzahlen sank das Interesse an Heimvideospielen in den USA 1983 schlagartig.
Dazu beigetragen hatte auch Atari selbst: Pacman und ET sind Beispiele für Titel, die sehnsüchtig erwartet wurden und das Publikum maßlos enttäuschten. Die Klötzchengrafik des VCS sah im Vergleich zu den immer bunteren und aufwendigeren Spielenhallentiteln mittlerweile alt aus. Der kurzzeitige Versuch, mit Gewinnspielen(öffnet im neuen Fenster) samt T-Shirts, Comics und absurden Preisen wie diamantbesetzten Trophäen über den Inhalt der eigentlichen Games hinwegzutäuschen, floppte.
Mario bescherte der Konsole einen zweiten Frühling
Andererseits konnte sich Atari im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten gerade noch so noch aus der Krise retten. Zwar musste Warner Communications die Videospielabteilung 1984 abstoßen(öffnet im neuen Fenster) , ganze Lkw-Ladungen mit überschüssigen Modulen wurden in der Wüste verscharrt und Tausende Mitarbeiter entlassen - aber das VCS blieb populär genug für eine Neuauflage. Die Atari 2600 Junior getaufte Konsole war inzwischen erheblich preiswerter als ihre Nachfolger mit den Nummern 5200(öffnet im neuen Fenster) und 7800(öffnet im neuen Fenster) oder die Konkurrenz von Nintendo und Sega, und bot eine wesentlich größere Bibliothek an Spielen.
Atari selbst bestand zu diesem Zeitpunkt genau genommen aus zwei Unternehmen: der Atari Corporation und Atari Games. Letzteres besaß die Spielhallentitel, Ersteres die Konsolen und Computer. Ataris kombinierter Wert war weit von den zwei Milliarden US-Dollar entfernt, auf die das Unternehmen noch vor der Krise und der Trennung geschätzt worden war.

Der Videospielmarkt begann sich in den USA aber ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wieder zu erholen, weil Nintendo mit dem NES und einem Klempner namens Mario die Kinderzimmer eroberte. Dieser Mario tauchte dank einer alten Lizenz auch auf dem VCS auf und bescherte der Konsole einen zweiten Frühling. Titel aus dieser Ära greifen auf größere Speicherchips und die gesammelte Erfahrung der Atari-Entwickler zurück. Demzufolge sehen sie besser aus als ihre Vorgänger. Die Limitationen des Systems können sie jedoch nicht überkommen - einem Vergleich mit den moderneren 8-Bit-Systemen halten sie nicht stand.
Wer über schwache Grafik und Sound hinwegsehen und -hören kann, findet in der mehr als 500 Module(öffnet im neuen Fenster) fassenden Atari-Schatzkiste jedoch einiges Spielenswertes.
Am besten ist ein Original - Pusten inklusive
1991 wurde die Produktion des 2600 Junior eingestellt. Seitdem kamen neben Spielesammlungen für andere Systeme auch lieblose Nachbauten mit einigen Titeln auf den Markt. Sie bedienten den Nostalgiefaktor des originalen VCS meist eher schlecht als recht. Daher ist unserer Meinung nach ein Original lohnenswert: Es kostet nicht viel und bietet das komplette Erlebnis früher Videospiele - inklusive Pusten in die verstaubten Module, wenn diese mal wieder kein Bild ausgeben.
Auch die Indie- und Demoszene hat sich dem VCS gewidmet und einige beachtliche Werke hervorgebracht. So wurden inzwischen eine wesentlich verbesserte Version von Pacman veröffentlicht und die grafischen Grenzen des Systems ausgelotet.
Ataris Video Computer System erschuf eine Milliardenindustrie und ruinierte sie nahezu wieder. 45 Jahre nach Erscheinen der Konsole bleibt nur eine Frage: Have you played Atari today?(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht der vergangenen Staffeln von Golem retro_
In unserer Serie Golem retro_ nehmen wir Spieleklassiker ernst: Wir beleuchten im Video einflussreiche, wichtige oder immer noch sehr gute Spiele und die dafür nötige Hardware.
Die Nähe zu gigantischen Pixeln und quiekigen Midi-Klängen ist uns dabei genauso wichtig wie eine Auseinandersetzung mit den Spielmechaniken.
Wie immer wollen wir auf Wünsche aus der Community eingehen und die Spielepixel zeigen, die unsere Leser am liebsten sehen würden. Dafür bitten wir um reichlich Feedback in den Kommentaren, in denen auch ausdrücklich Spielevorschläge erwünscht sind.
Natürlich lesen wir auch gerne Erlebnisse, die unseren Lesern mit dem jeweils besprochenen Titel in Erinnerung geblieben sind.
Übersicht von Golem retro_ Staffel 9 (2022)
Folge 1: Star Trek Voyager Elite Force (2000): Widerstand ist Zwecklos
Folge 2: Mass Effect (2007): Epische Schlachten und Sex mit Aliens
Übersicht von Golem retro_ Staffel 8 (2021)
Folge 1: Resident Evil (1996): Grauenhaft gut
Folge 2: Half Life (1998): Lange Halbwertszeit
Folge 3: Battlefield 1942 (2002): Flugzeuge, Chaos, Battlefield-Momente
Folge 4: Nintendo Gamecube (2001): Der gefloppte Würfel
Übersicht von Golem retro_ Staffel 7 (2020)
Folge 1: Turrican II (1991): Die letzte Schlacht
Folge 2: Knights of the Old Republic (2003): Auf zu neuen Horizonten
Folge 3: Mafia (2002): Don Salieri lässt grüßen
Folge 4: Sega Mega Drive (1990): Der 16-Bit-Krieg ist eröffnet
Übersicht von Golem retro_ Staffel 6 (2019)
Folge 1: Party like it's 1999: Die 510 letzten Tage von Sega
Folge 2 Spezial: Minikonsolen im Vergleichstest: Die sieben sinnlosen Zwerge
Folge 3: Silent Hill (1999): Horror in den stillen Hügeln
Folge 4: Halo (2001): Der Master Chief mit der Frau im Kopf
Folge 5: TES 3 Morrowind (2002): Im Auftrag des Kaisers nach Vvardenfell
Übersicht von Golem retro_ Staffel 5 (2018)
Folge 1 Spezial: Analogue Super Nt im Test
Folge 2: Need for Speed 3: Hot Pursuit (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3 Spezial: Playstation Classic im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Command & Conquer (1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5 Spezial: Commodore CDTV (1991)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 4 (2017)
Folge 1: The Legend of Zelda (1986 und 1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2 Spezial: SNES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Blade Runner (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: King's Field 1 (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Age of Empires (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6 Spezial: xRGB Mini alias Framemeister(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 3 (2016)
Folge 1 Spezial: NES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Quake (1996)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Super Mario Bros. (1985)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Syndicate (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: (Jack) Alone in the Dark (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 2 (2015)
Folge 1: Super Metroid (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Anno 1602 (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Star Wars Jedi Knight (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: The Secret of Monkey Island (1990)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 1 (2014)
Folge 1: Star Wars: X-Wing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Sid Meier's Colonization (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Ultima Underworld (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Rock n' Roll Racing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Day of the Tentacle (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6: Speedball 2 Brutal Deluxe (1990)(öffnet im neuen Fenster)



