Astronomie: Arecibo wird abgerissen

Das weltberühmte Radioteleskop ist nicht mehr zu retten. Reparaturarbeiten wären lebensgefährlich.

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Die 900 Tonnen schwere Gondel über dem Arecibo Teleskop droht abzustürzen.
Die 900 Tonnen schwere Gondel über dem Arecibo Teleskop droht abzustürzen. (Bild: University of Central Florida)

Die Schäden sind zu groß, eine Reparatur wäre zu gefährlich: Das Radioteleskop Arecibo in Puerto Rico muss abgerissen werden. Zu diesem Ergebnis kamen Experten nach der Untersuchung der aufgetretenen Schäden an den Stahlseilen, mit denen die 900 Tonnen schwere Empfängergondel über der Schüssel gehalten wird. Die Struktur ist akut einsturzgefährdet. Drei der fünf Experten vor Ort stimmten dafür, dass das Teleskop kontrolliert abgerissen werden solle.

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Die genaue Vorgehensweise steht noch nicht fest. Wenn möglich, soll die schwere Gondel langsam abgesenkt werden. Wegen der Unsicherheit über den Zustand der Halteseile könnte die Halterung aber auch schlicht gesprengt werden. Nach Einschätzung der Experten kann die Gondel auch so jederzeit abstürzen. Laut Bericht zerriss das letzte Stahlseil bei nur etwa 62 Prozent der Belastung, die es eigentlich hätte aushalten sollen. Daher muss der Zustand der Stahlseile allgemein als sehr unsicher betrachtet werden und kann von außen nicht ausreichend beurteilt werden.

Die Finanzierung war schon lange unsicher

Mit einem Durchmesser von 305 Metern war Arecibo 53 Jahre lang, von 1963 bis 2016, das größte Radioteleskop der Welt. Allerdings hatte Arecibo schon seit 2006 große Finanzierungsprobleme. 2015 trat in diesem Zusammenhang der damalige Direktor Robert Kerr von seinem Posten zurück. Zuvor hatte der israelische Milliardär Yuri Milner ein Finanzierungsangebot von 100 Millionen US-Dollar gemacht - im Gegenzug für die Hilfe beim Breakthrough Listen Projekt zur Suche nach außerirdischen Radiosignalen. Das entsprach dem Gegenwert von etwa acht Jahren Betriebskosten und hätte die Finanzierungsprobleme wohl gelöst. Dann drohte jedoch die National Science Foundation, wegen der reduzierten wissenschaftlichen Beobachtungszeit ihre Finanzierung zu streichen.

Der Prestigeverlust durch die Eröffnung des 500 Meter großen FAST-Teleskops in China und die bildungsfeindliche Einstellung der US-Regierung unter Präsident Donald Trump verschärften die Finanzierungsprobleme ab 2016 weiter. Dennoch war das Radioteleskop aktiv in der Forschung beteiligt. Es waren sogar neue Upgrades in den nächsten Jahren geplant. Allerdings häuften sich zuletzt die Schäden an Arecibo, teils durch unglückliche Umstände, teils durch fehlende Finanzierung oder zu späte und nicht durchgeführte Reparaturen.

Hurricanes und Erdbeben hinterließen Schäden

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2017 kam es bereits während Hurricane Maria zu kleineren Schäden. Im Januar 2014 und zuletzt im Dezember 2019 wurde Puerto Rico von Erdbeben der Stärke 6,4 und jeweils mehreren Nachbeben erschüttert. Schließlich brach im August 2020 ein Stabilisierungsseil aus einer Verankerung, fiel auf die Empfängerschüssel und hinterließ dort einen 30 Meter langen Riss.

Die Reparaturen sollten im November beginnen, aber gerade als das Expertenteam eingetroffen war, riss eines der nun überlasteten Haupthalteseile an der gleichen Befestigung, obwohl es bei der äußerlichen Untersuchung nur relativ kleine Schäden aufgewiesen hatte. Seit dieses Seil gerissen ist, können auch die anderen Seile nicht mehr als sicher gelten. Möglicherweise wurden die internen Schäden von den Hurricanes und Erdbeben der vergangenen Jahre verursacht und nicht erkannt.

Obwohl die Experten nun schon vor Ort waren, konnte nichts mehr zur Rettung des Teleskops unternommen werden, ohne Menschenleben zu gefährden. Die Lidar-Anlagen von Arecibo zur Untersuchung der Atmosphäre sollen aber weiter betrieben werden, ebenso wie Wetterstationen und das Daten- und Besucherzentrum.

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Arecibo wird wohl nicht wieder aufgebaut

Vor dem Hintergrund der Finanzierungsschwierigkeiten erscheint es unwahrscheinlich, dass das Radioteleskop wieder aufgebaut wird. Das Teleskop, das in einer natürlichen Karstsenke errichtet wurde, gehört zu den Wahrzeichen Puerto Ricos. Es diente als Datenquelle für das Seti-Projekt, wurde genutzt, um Radiosignale ins Weltall zu senden, und war Kulisse für Computerspiele und Kinofilme wie James Bond 007 - Golden Eye und Contact.

Die Wissenschaftler, die auf die Fortsetzung ihrer Arbeit warteten, sind schockiert. Soweit wie möglich sollen ihre Projekte von anderen Radioteleskopen übernommen werden. Neben vielen anderen Beobachtungen wurden mit Hilfe von Arecibo bei der Vermessung eines Neutronensterns 1991 die ersten Planeten außerhalb des Sonnensystems in dessen Orbit entdeckt. Es war außerdem die leistungsfähigste Radaranlage zur Beobachtung und Vermessung erdnaher Asteroiden. Das Radar wurde auch benutzt, um von der Erde aus die dichten Atmosphären der Venus und selbst des Saturnmonds Titan zu durchdringen und deren Oberflächen zu vermessen.

Der jüngst Verlust eines großen Radioteleskops geschah in den USA, als am 15. November 1988 am 90 Meter großen Greenbank Radioteleskop in der Nacht ein tragendes Teil nachgab, und das gesamte Teleskop vollständig zusammenbrach. Es wurde später mit einem Durchmesser von mehr als 100 Metern neu aufgebaut, womit es das Radioteleskop auf dem Effelsberg in der Eifel übertraf.

Nachtrag vom 2. Dezember 2020, 16:00 Uhr

In der ursprünglichen Fassung des Artikels wurde der Israeli Yuri Milner als Russe bezeichnet. Der Fehler wurde im Text korrigiert.

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Der Spatz 25. Nov 2020

Die deutschen Radio oder sonstwas Teleskope sind nicht Teil der ESA sondern gehören zum...

Jbrahms 24. Nov 2020

Richtig. Vor dem Aufbau des Hauptspiegels wurden die Kabel gespannt, dann die...

mastert19 21. Nov 2020

Ich war zwei mal da. War schon sehr beeindruckend. Der Weg dort hoch aber auch sehr...

scrumdideldu 21. Nov 2020

Artikel gelesen warum es nicht möglich war das Geld zu nehmen?

countzero 20. Nov 2020

Quelle? Alles was ich finde, sind Zahlen bis 2017, z.B. hier: Danach ist die Zahl der...



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