Asteroid OS im Hands on: Open Source fürs Handgelenk
Mit Asteroid OS(öffnet im neuen Fenster) hat Programmierer Florent Revest ein alternatives Betriebssystem für Smartwatches vorgestellt, das auf Linux basiert und auf Android-Wear-Uhren laufen soll. Von der Software her hat das OS jedoch nichts mit Android Wear zu tun, es läuft lediglich auf dem gleichen Kernel.

Programmierer und Neugierige können sich eine erste Vorschauversion(öffnet im neuen Fenster) von Asteroid OS bereits installieren: Der Quelltext steht für jeden zur Verfügung und kann für verschiedene Uhren kompiliert werden. Für die LG-Smartwatches G Watch und G Watch Urbane stehen bereits fertige Builds zur Verfügung. Golem.de hat sich die erste Version des Betriebssystems angeschaut und ist vom Bedienkonzept angetan – WebOS und Meego lassen grüßen.
Asteroid OS wurde mit OpenEmbedded erstellt, einer Art Baukasten für ein integriertes und komplettes Linux-System. Dies wird dank libhybris auf dem Android-Kernel des jeweiligen Endgerätes ausgeführt. Für die Visualisierung der grafischen Oberfläche nutzt Asteroid OS den gleichen Unterbau mit Wayland, wie ihn auch Jolla für Sailfish OS verwendet. Die Shell basiert auf Nemomobile, einer freien Alternative zur proprietären Shell von Jolla. Der Unterbau basiert auf QT5. Apps werden mit QML entwickelt, ebenso die grafische Benutzeroberfläche.
Entwickler verwendet bekannte Bausteine
Im Grunde hat sich Florent Revest munter bei bereits Vorhandenem bedient, dies aber auf eine clevere Art und Weise zusammengefügt. Dank der Verwendung von libhybris dürfte Asteroid OS auf vielen Android-Wear-Smartwatches laufen – der bei Github verfügbare Quellcode muss nur entsprechend kompiliert werden. Für die G Watch und G Watch Urbane hat das Asteroid-OS-Team dies schon getan, entsprechend lässt sich das System recht einfach installieren. Wobei "installieren" im Grunde das falsche Wort ist, da Asteroid OS nur parallel aus einer Datei auf der Uhr gebootet wird.
Dafür muss bei der Smartwatch zunächst der Bootloader entsperrt werden, wie bei einem Android-Smartphone auch, wenn Nutzer daran herumspielen wollen. Auch unter Android Wear geht das über die Android Debug Bridge und Fastboot, nachdem wir die Entwickleroptionen freigeschaltet und USB Debugging aktiviert haben.
Paralleler Betrieb mit Android Wear
Mit adb push kopieren wir anschließend das Asteroid-OS-Image auf die G Watch, über Fastboot wird die Smartwatch dann über einen PC in das Betriebssystem gebootet. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass das ursprüngliche Android-Wear-System auf der Uhr verbleibt und weiter genutzt werden kann – die Smartwatch muss nur neu gestartet werden. Der Nachteil ist natürlich, dass – um Asteroid OS anschließend wieder zu starten – wieder ein PC und das Fastboot-Kommando erforderlich sind.
Zum Herumprobieren für Entwickler, und für diese ist die erste Version von Asteroid OS gedacht, dürfte dieses Vorgehen aber problemlos sein. Revest betont auf der Internetseite seines Projekts selbst, dass Asteroid OS momentan noch weit entfernt davon sei, Android Wear als täglich nutzbares System abzulösen, da es schlicht noch zu wenig kann.
UI ist kreuzförmig aufgebaut
Der Bootvorgang in Asteroid OS erfolgt problemlos, nach kurzer Zeit blicken wir auf ein Hintergrundbild und die Uhrzeit sowie das Datum. Grundsätzlich erfolgt die Bedienung von diesem Uhrenbildschirm in alle vier Richtungen: Ein Wisch nach unten öffnet ein Schnelleinstellungsmenü. Hier lässt sich die Bildschirmhelligkeit regulieren sowie Bluetooth und der Flugzeugmodus ein- und ausschalten. Also, irgendwann einmal – aktuell sind die Schaltflächen zwar benutzbar, bewirken aber nichts. Die Helligkeit kann allerdings in den normalen Systemeinstellungen reguliert werden.
Wischen wir von der Uhrzeitanzeige nach oben, gelangen wir in die App-Übersicht von Asteroid OS. Hier herrschen aktuell noch übersichtliche Verhältnisse: Es gibt neben dem Einstellungsmenü genau fünf Anwendungen für das Betriebssystem – einen Wecker, einen Taschenrechner, einen Kalender, eine Stoppuhr und einen Timer. Diese Apps machen, was sie sollen und sind sehr spartanisch. Die Anwendungen werden als große Icons nebeneinander angezeigt und lassen sich durchscrollen. Sollte es irgendwann einmal mehr Apps geben, dürfte dies unübersichtlich werden.
Aktuell genutzte Apps werden wie bei Sailfish OS angezeigt
Eine geöffnete App lässt sich durch einen Wisch von oben ins Display hinein schließen, ein Wisch von links in den Bildschirm legt die Anwendung im Hintergrund ab. Dieses Prinzip kennen wir etwa von Sailfish OS, Jollas Meego-Nachfolger. Derartig abgelegte Apps sind dann in der Anwendungsübersicht direkt wieder aufrufbar.
Diese Übersicht lässt sich vom Hauptbildschirm mit der Uhrzeit aus mit einem Wisch nach rechts erreichen. Die aktuell geöffneten Apps werden als kleine Karten angezeigt, vier Stück können gleichzeitig angezeigt werden. Durch Scrollen können auch noch weitere Apps dargestellt werden – ob es mehr als acht sind, können wir mangels ausreichender Auswahl aktuell noch nicht sagen.
Wie bei Sailfish OS lassen sich Apps in der Übersicht nach einem langen Druck auf eines der Icons über eine X-Schaltfläche einzeln schließen. Alternativ können auch alle Apps auf einmal geschlossen werden. Verglichen mit Android Wear ist diese Art und Weise, geöffnete Anwendungen anzuzeigen, deutlich übersichtlicher und komfortabler.
Benachrichtigungen gibt es noch nicht
Mit einem Wisch nach links lässt sich vom Uhrzeit-Display aus noch die Benachrichtigungsübersicht aufrufen. Da es aktuell noch keine Bluetooth-Verbindung zum Smartphone gibt, wird hier noch nichts angezeigt.
System ist noch sehr unvollständig
Auch in den Systemeinstellungen, die ebenfalls mit QML entwickelt wurden, finden sich in dieser ersten Version von Asteroid OS noch zahlreiche Platzhalter, wie etwa zu den Display-Einstellungen oder den Bluetooth-Optionen. Auch bei Letzteren liegt dies schlicht daran, dass das Betriebssystem noch kein Bluetooth beherrscht – entsprechend lassen sich Asteroid-OS-Smartwatches aktuell noch nicht mit Smartphones koppeln.
Dementsprechend werden auch keine Sensoreninformationen vom Smartphone an die Uhr gesendet. Auf der momentan noch umfangreichen To-do-Liste(öffnet im neuen Fenster) des Asteroid-Projekts ist das Erstellen eines Bluetooth-Protokolls für die Kommunikation zwischen Smartwatch und Smartphone eine der Kernprioritäten.
To-do-Liste ist noch lang
Dazu kommen noch die Einbindung der Sensorendaten der Uhr selbst, ein sich von selbst anschaltendes Display oder die Verbesserung der Akkulaufzeit. Die ist aktuell tatsächlich sehr schlecht: Lassen wir unsere G Watch mit Asteroid OS einen Tag lang liegen, ohne etwas daran zu machen, ist der Akku am Abend komplett leer.
Ebenfalls lang ist die To-do-Liste bei den Applikationen: Unter anderem werden noch ein Kompass, eine Telefon-App, ein Musikplayer, eine Kartenanwendung, eine Wetter-App und ein Sprachassistent benötigt. Die meisten dieser Anwendungen können jedoch erst realisiert werden, wenn eine Bluetooth-Verbindung aufgebaut ist – auch bei den Anwendungen bleibt dies also das zentrale Thema. Zudem will Florent Revest mit Hilfe anderer Entwickler möglichst schnell ein SDK anbieten, womit Asteroid OS im Android-Wear-Emulator angezeigt werden kann.
Für an dem Projekt interessierte Programmierer bietet Revest auch weitergehende Informationen an, etwa zum Boot-Prozess oder der grafischen Benutzeroberfläche. Der Quellcode ist bei Github(öffnet im neuen Fenster) komplett einsehbar und kann von jedem, der bei dem Projekt mitmachen will, verwendet werden.
Fazit
Asteroid OS könnte eines der wenigen Smartwatch-Betriebssysteme werden, das komplett aus Open-Source-Teilen besteht. Aktuell sollte das System aber noch als Studie gesehen werden statt als fertiges Smartwatch-OS. Gedacht ist die aktuell verfügbare Version als Ausgangspunkt für Entwickler, nicht für den Endnutzer – ein Ersatz kann und will Asteroid OS aktuell noch nicht sein.
Allerdings zeigt das Projekt gut, wie sich die Bedienung von WebOS oder Sailfish OS auf eine Smartwatch übertragen lässt – und so dem Nutzer mehr Möglichkeiten geben könnte, als es beispielsweise Android Wear macht. Die kreuzförmige Grundstruktur finden wir übersichtlich, die Übersicht der geöffneten Apps ist praktisch.
Allerdings sollten die Asteroid-Macher nicht den Fehler begehen und ihr System und die Apps zu kleinteilig machen. Dies war bei vielen früheren Smartwatches das Problem: Schaltflächen waren zu klein, es gab zu viele Informationen auf einmal. Android Wear hat damit Schluss gemacht, sich in der Zwischenzeit aber nicht weiterentwickelt – und ist daher etwas langweilig geworden.
Für eine richtige Beurteilung von Asteroid OS ist es noch etwas früh – zu viele Funktionen sind noch nicht eingebaut, zu wenig kann die damit bespielte G Watch. Das Konzept und der Grundaufbau sind allerdings interessant und verdienen es, weiterentwickelt zu werden. Dafür sucht Florent Revest weiterhin Mitstreiter.