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Assassin's Creed Syndicate im Test: Großes Abenteuer rund um Big Ben

Die Welttournee der Meuchelmörder geht weiter: In Assassin's Creed Syndicate sind wir im London der Industrialisierung unterwegs – und treffen schlagkräftige Bandenmitglieder ebenso wie blaublütigen Adel. Ein von Batman geliehenes Spielelement sorgt streckenweise für ein neues Spielgefühl.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Assassin's Creed Syndicate (Bild: Ubisoft)
Artwork von Assassin's Creed Syndicate Bild: Ubisoft

Wir werfen einen Blick auf die Uhr. Nicht auf eine an unserem Handgelenk – die gibt es im 19. Jahrhundert noch nicht. Stattdessen blicken wir auf das rund sieben Meter große Zifferblatt von Big Ben, das sich direkt vor uns befindet. Wir selbst schweben rund 90 Meter über dem Boden und dem britischen Parlament, rechts unter uns befindet sich die Themse und irgendwo hinter uns die Abtei von Westminster.

Assassin's Creed Syndicate – Fazit
Assassin's Creed Syndicate – Fazit (03:14)

Trotz der luftigen Höhe: Auch in Assassin's Creed Syndicate können wir nicht fliegen. Aber dank ein bisschen Tüftelarbeit von Alexander Graham Bell (der mit dem Telefon) verfügen wir über eine Enterhakenpistole, mit der wir auf Knopfdruck ein Seil zwischen uns und vorgegebenen Befestigungspunkten – von denen es ausreichend gibt – an Hausdächern, Vorsprüngen, Balkonen und eben auch dem Glockenturm von Big Ben befestigen und uns hochziehen können.

Aus historischer Sicht ist der Enterhaken natürlich völliger Kokolores – aber er ist spaßig. Dank ihm können wir im Eiltempo aus brenzligen Situationen flüchten. Vor allem aber ist in Syndicate weniger Kletterei an Hauswänden als in früheren Assassin's Creeds nötig, was das Spielgefühl nachhaltig komfortabler und schneller macht.

Übrigens: Der Enterhaken ist zwar nicht ganz so dynamisch und stark wie der in den Batman-Spielen, erinnert uns aber trotzdem an den Dunklen Ritter – so sehr, dass wir beim Einsatz des Gadgets in Syndicate ein paarmal versehentlich typische Tastenkombinationen von Batman gedrückt haben.

Jetzt ist es aber an der Zeit, auch mal die Person vorzustellen, die da in der Höhe vor Big Ben schwebt: In Syndicate treten wir als Evie und Jacob Frye an. Die Zwillinge entstammen einer alten Assassinenfamilie und gelangen um das Jahr 1868 in die Weltmetropole London. Ihre und damit auch unsere Aufgabe ist es, nach und nach alle oder zumindest die meisten Stadtteile von Banden zu befreien. Und damit gleichzeitig gegen einen Oberschurken namens Crawford Starrick zu kämpfen – der natürlich ein führendes Mitglied des Templerordens ist.

Doppelter Held

Die Handlung beginnt für Assassin's-Creed-Verhältnisse relativ unspektakulär, die Zwillinge müssen nicht erst zur Mitgliedschaft überredet werden. Nach und nach entfaltet die Handlung dann etwas mehr Spannung, außerdem trifft der Spieler rasch Persönlichkeiten aus der Historie – neben Bell auch Charles Darwin und Karl Marx – und kommt einer Art Verschwörung in höchsten Gesellschaftskreisen auf die Spur. Parallel dazu entspinnt sich auch im London der Gegenwart die Fehde zwischen Assassinen und Templern. Richtig fesselnd wird das Ganze zwar nicht, aber mehr wollen wir trotzdem nicht verraten.

Schade: Die Persönlichkeit der Zwillinge Evie und Jacob Frye bleibt blass. Die beiden sind gut gelaunte Jungspunde ohne das Charisma etwa eines Ezio aus dem zweiten Serienteil. Außerhalb von Missionen kann der Spieler Evie und Jacob durch Knopfdruck im Optionsmenü austauschen, was einfach so an Ort und Stelle geschieht – GTA 5 inszeniert den Heldenwechsel viel aufwendiger und stimmiger.

Hauptstadt London als wahre Hauptfigur

Allerdings gilt auch in Syndicate wie in früheren Serienteilen: Die eigentliche Hauptfigur ist die riesige, offene Metropole, eben das London der viktorianischen Zeit. Wir können die prächtige Innenstadt rund um Big Ben erkunden, auf die Kuppel der Kathedrale von St. Paul springen, mehrere Paläste erkunden und auf der Themse von Boot zu Boot hüpfen – was wir als einen besonders spektakulären Moment erlebt haben.

Assassin's Creed Syndicate – Trailer (Historische Personen)
Assassin's Creed Syndicate – Trailer (Historische Personen) (02:30)

Natürlich gibt es auch zahllose düstere Hinterhöfe, einige fast ländlich anmutende – und teils sehr schöne – Viertel am Stadtrand mit Fachwerkhäusern, sowie einige Tunnel- und Kanalsysteme. Ein großer Unterschied zum Paris aus dem letztjährigen Unity ist die in London teils gut sichtbare industrielle Revolution: Wir sind regelmäßig in Fabrikanlagen mit Dampfmaschinen unterwegs und überqueren bei unseren Ausflügen immer wieder breite Gleisanlagen der britischen Eisenbahn. Unser Hauptquartier ist sogar ein Zug, der den Innenstadtbereich immer wieder umrundet – tolle Idee! Um ihn ohne stundenlanges Suchen zu erreichen, können wir übrigens die Schnellreise verwenden.

Trotz dieser Details finden wir, dass sich die Entwickler mit der Wahl von London keinen Gefallen getan haben. Es gibt einige Gebiete, die der französischen Hauptstadt im Vorgänger ganz schön ähneln. Wir hätten es besser gefunden, wenn zwischen den beiden Metropolen ein Abstecher in eine ganz andere Epoche und Umgebungen stattgefunden hätte – etwas in der Art wie das Piratenabenteuer Black Flag vor zwei Jahren.

Beim grundsätzlichen Ablauf des Spiels und der Missionen hat sich – abgesehen von dem Enterhaken – zwar nicht viel, aber dennoch spürbar etwas getan. Die Entwickler haben viel Optimierungsarbeit an der Übersichtskarte, den Fähigkeiten und dem Handwerkssystem geleistet. Das Klettern – vor allem das Herunterklettern – geht noch etwas flüssiger von der Hand, ist aber weiterhin nicht ganz frei von Frustmomenten, etwa wenn Evie oder Jacob bei einer Flucht an der Kante eines Kamins hängenbleiben.

Bei den Missionen haben wir den Eindruck, dass die Entwickler viel aus den mehr oder weniger großen Fehlern des Vorgängers gelernt haben. Es gibt etwa nach wie vor Schleich- und Tunneleinsätze, aber sie sind insgesamt kürzer gehalten, sodass sich etwa KI-Fehler (die auch wesentlich seltener vorkommen) nicht so stark auswirken.

Zusammen mit dem ebenfalls leicht überarbeiteten Kampfsystem hat das übrigens auch dafür gesorgt, dass uns der einzige verfügbare Schwierigkeitsgrad fast schon etwas zu einfach vorkam – so flott wie in Syndicate sind wir noch nie durch die Einsätze eines Assassin's Creed geflutscht. Sogar Nebenaufgaben wie das Finden und Öffnen von Truhen kamen uns beim Test einfacher vor. Die Kisten sind längst nicht so gut versteckt wie oft in Unity; außerdem haben die Entwickler ihre Anzahl etwas reduziert.

Die Missionen in Syndicate haben uns gefallen. Wir haben unter den Augen der Polizei in einem Park die Beweise für einen Mord mitsamt der Leiche verschwinden lassen, die Chefin unseres Hautquartier-Zuges bei einem Spaziergang vor Scharfschützen gerettet, für Charles Darwin einen Arzt in einem Krankenhaus eliminiert und ähnliche Heldentaten vollbracht.

Fehlerstatus und Fazit

Wirklich neu sind die Einsätze, bei denen wir Kutsche fahren können: Entweder wir sitzen selbst auf dem Kutschbock und müssen wie in GTA andere Karossen zur Seite drängen und demolieren. Oder wir stehen als Evie auf der Ladefläche und ballern mit unserem Revolver auf Verfolger, während Jacob steuert.

Assassin's Creed Syndicate – Trailer (Debut)
Assassin's Creed Syndicate – Trailer (Debut) (01:52)

Technisch macht Assassin's Creed Syndicate eine gute Figur: Die Stadt London wirkt mit ihren engen Gassen und breiten Boulevards glaubwürdig und teils wunderschön. Gebäude wie das Parlament mit seinen Tausenden Details, Vorsprüngen und Fenstern sehen atemberaubend gut aus, und zwar bei dem typischen Londoner Regen genauso wie bei Sonnenschein. Auch das Straßenleben mit den Fußgängern, Banditen, Händlern und herumlaufenden Kindern wirkt wieder lebendig – und das auch ohne die Menschenmassen aus Unity. Nur die Fernsicht ist manchmal nicht so gut, aber das spielt selten eine Rolle.

Was Programmfehler und Bugs angeht: Wir haben in Syndicate keinerlei Abstürze, nur wenige Ruckler und so gut wie keine sonstigen Fehler bemerkt. Nur die teils sehr langen Ladezeiten nerven – trotzdem, hoffentlich machen andere Spieler ähnlich gute Erfahrungen. Zum Test lag uns übrigens die finale Fassung 1.11 für die Playstation 4 vor, also die Verkaufsversion inklusive des Day-One-Updates.

Assassin's Creed Syndicate erscheint am 23. Oktober 2015 für Xbox One und Playstation 4, der Preis liegt bei rund 70 Euro. Eine PC-Version folgt laut Publisher Ubisoft(öffnet im neuen Fenster) am 19. November 2015. Hierzulande erscheint das Programm vollständig lokalisiert, die Sprachausgabe ist aufwendig. Bei einigen von Passanten im Hintergrund geäußerten Sätzen und Ausrufen haben die Macher die englische Originalfassung gelassen – wir finden das gut. Syndicate enthält keinerlei Multiplayermodi. Die USK hat dem Titel eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Beim Test des jährlichen großen Assassin's Creed geht es schon lange nicht mehr um die Frage, ob das Spiel gut oder schlecht ist – das Niveau der Reihe ist einfach seit Jahren sehr hoch. Selbstverständlich ist auch Syndicate ein enorm unterhaltsamer, riesiger Spielplatz voller Abenteuer, mit spannenden historischen Figuren, Massen an sammelbaren Gegenständen und mehr oder weniger gelungenen Missionen.

Im Vergleich mit den Vorgängern gefällt uns am Abstecher nach London, dass er sich etwas kompakter anfühlt als etwa der Besuch in Paris. Wir haben zwar viel Freiheit, werden aber entschiedener zur nächsten Hauptmission geschubst, und die Anzahl der belanglosen Sammelaufgaben ist etwas reduziert – sehr viel zu tun gibt es aber immer noch.

Schön ist, dass Syndicate bereits jetzt einen sehr ausgereiften Eindruck macht. Gut finden wir auch, dass die Entwickler gegenüber Unity einige problematische Missionsarten reduziert haben, etwa sehr lange Schleichpassagen und ausufernde Abstecher in enge Tunnelsysteme. Neuerungen wie die Kämpfe auf Eisenbahnen und vor allem die Kutschfahrten finden wir hingegen prima. Auch der Enterhaken sorgt für enorm viel Spaß.

Etwas enttäuschend finden wir die Story – da hatten frühere Assassin's-Creed-Spiele schon Besseres geboten. Außerdem sind die Zwillinge die bisher langweiligsten Hauptfiguren der Serie. Auch der Schauplatz London ist nicht ganz geschickt gewählt, weil die Straßenschluchten stellenweise sehr an Paris erinnern. Wir hätten zur Abwechslung ein ganz anderes Szenario bevorzugt.

Unterm Strich gefallen uns bei Syndicate die spielerischen Aspekte, also die Missionen. Aber auch Talentbäume und die Neuerungen wie der Enterhaken und die Kutschfahrten sind durchgehend klasse. Dafür können uns Schauplatz und Story in diesem Jahr nicht so ganz in ihren Bann ziehen.


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