Beschäftigungstherapie auf dem Wasser
So treibt gefühlt der Inhalt einer halben Handelsflotte in Kisten auf dem Wasser umher, samt gestrandeter Crew auf Flößen, die wir einsammeln können. Auch sehen wir vorher am kräuselnden Wasser, wo der nächste Blitz im Sturm einschlägt. Natürlich ist ein den Blitzen ausweichendes Schiff völliger Humbug, sorgt aber dafür, dass wir uns beim Umhersegeln nie langweilen. Lästig werden derlei kleine Ablenkungen nicht.
Unser Schiff aufzurüsten und zumindest leicht mit Segeln und Co. anzupassen, ist dabei die wohl größte Motivation. Wir brauchen neben Geld auch Materialien wie Eisen oder Holz, um unseren Bug zu verstärken oder mehr Kanonen für noch saftigere Breitseiten freizuschalten.
Das kommt uns aber kaum wie ein Grind vor, da gerade die ersten Stufen recht günstig sind und Gold sehr großzügig in der Welt verteilt ist. Wer regelmäßig in der Nähe befindliche Kisten abklappert und die eine oder andere kurze Assassinen-Mission macht, wird nie längere Zeit sparen müssen.
Wie in modernen Spielen üblich, gibt es natürlich auch eine Art Detektivmodus, der Gegner und wichtige Objekte hervorhebt. In der Praxis haben wir den aber selten benutzt, weil die meisten Hinweise und Rätsel auch so gut funktionieren. Wir hängen also nicht für längere Abschnitte in einer Grau-Rot-Sicht fest, sondern bleiben in der immersiven Welt, die auch dank des vielen Krimskrams in der Welt schön voll wirkt.
Resynced gegen das Original
Neben der bereits erwähnten komplett neuen Codebasis sind vor allem die Assets und deren Dichte im Spiel deutlich aufgewertet: Anstelle teilweise recht leerer Sandbänke wie im Original strotzen die Strände vor kleinen Details und Vegetation. Unser Schiff hat sichtbar mehr Knoten und Haken und allgemeinen Kram an Deck stehen, und die damals wegweisende Beleuchtung wurde noch weiter verbessert.
Black Flag sieht nicht immer perfekt, aber durchweg stimmig aus – zwar nicht wie ein AAAA-Titel, aber zumindest gerüchteweise mit einigen der Assets eines solchen. Denn das gefloppte Skull and Bones, ebenfalls ein Werk von Ubisoft Singapur, soll als Teilespender gedient haben.
Inhaltlich sind vor allem die Animus-Passagen, also die Rahmenhandlung in der Gegenwart, in denen in die Vergangenheit der Assassinen-Ahnen abgetaucht wird, überflüssig geworden. Nur kleinere Überbleibsel wie der futuristische Ladebildschirm und bestimmte Stichwörter oder Nebenaufgaben deuten noch auf die Gegenwartsepisoden hin – kein großer Verlust, da Black Flag auch so genug Abwechslung bietet und die Passagen häufiger Kritikpunkt am Original waren. Die wenigen übrig gebliebenen Hinweise stören nicht besonders, Neulinge zucken höchstens kurz mit den Achseln, warum denn da "desynchronisiert" und nicht "game over" steht.
Das Alter des Grundspiels merkt man dem Spiel an einigen Designentscheidungen an, etwa aufgrund fehlender automatischer HP-Regeneration oder an fehlenden RPG-Elementen wie dem Verteilen von Skillpunkten. Das stört das Gameplay aber überhaupt nicht, sondern hebt es eher von der Konkurrenz ab – wir empfinden vieles davon als angenehm retro. Die früher wirklich störenden Aspekte wie die nicht überspringbaren Schleichpassagen lassen sich jetzt auch alternativ mit roher Gewalt lösen.
Neue Missionen im Remake – geprüft!
Neben diesen Verbesserungen gibt's einige neue Waffen für sowohl Edward als auch die Jackdaw, einige neue Missionen, auch im späteren Teil des Spiels, kurze Alternativ-Szenarien (Rifts) sowie neue Offiziere für das Schiff. Überall sind kleine Änderungen, neue Nebencharaktere und Verbesserungen eingesprenkelt, ohne zu sehr abzulenken oder aufzufallen: Wir mussten selbst beim Test immer wieder googlen, was es in der ursprünglichen Version schon gab. Und das ist überraschend viel Neues. Genau so geht Remake!
Das ist alles nichts Weltbewegendes, erweitert das Spiel aber um ein paar sinnvolle Kleinigkeiten und modernisiert es, ohne das ursprüngliche Erlebnis massiv zu verwässern. Und der neue, sehr seichte und völlig optionale Basisausbau mit ein paar praktischen Geschäften gehört schließlich seit Assassin's Creed Brotherhood zur Serie dazu und macht das Piratendasein angenehmer. Selbst Puristen können bei den sinnvollen Ergänzungen hier kaum motzen.
Assassin's Creed Black Flag Resynced erscheint am 9. Juli 2026 für Windows, Xbox Series X/S und in der von uns getesteten PS5-Variante für 60 Euro in der Standardversion. Alle Upgrades für Deluxe und Collector's Edition sind rein kosmetischer Natur, genau wie die aktuell verfügbaren zusätzlich kaufbaren Inhalte. Das Spiel ist ein reines Singleplayer-Erlebnis und von der USK ab 16 Jahren freigegeben.
Fazit
Auf dem Papier ist Black Flag mit seinen Kämpfen, Nebenbeschäftigungen und Quests größtenteils ziemlich durchschnittlich und spieltechnisch oft flach wie eine Sandbank. Trotzdem hat Black Flag zwei Stärken, dank derer wir den Ausflug in die Karibik in jeder Minute genossen haben.
Die erste Stärke liegt in der Welt und im Setting selbst, denn als Freibeuter zur See zu fahren, ist eine Wahnsinnsfreude, eben auch dank der starken Eingrenzung von Realismus und dem Fokus auf Atmosphäre. Wenn man angespannt auf den perfekten Moment zur Kanonen-Breitseite wartet, um dann mit dem Seil den Gegner zu entern und über Bord zu werfen, ist der fehlende Realismus egal – Fluch der Karibik und Co., die die modernen Vorstellungen von Piraten geprägt haben, waren schließlich auch keine Meilensteine der historischen Authentizität.
Die zweite Stärke klingt erstmal paradox, denn sie liegt darin, dass Black Flag nichts wirklich überragend gut macht. Es macht dabei aber auch nichts wirklich schlecht und nimmt sich selbst im Gameplay nicht besonders ernst. Durch den hohen Grad an Abwechslung spielt es sich herrlich kurzweilig: Kaum wird uns beim Schiffekapern durch den recht repetitiven Ablauf langweilig, finden wir eine neue Insel und machen dort erstmal die nächsten Attentatsmissionen. Und bevor diese aufgrund ihrer Einfachheit eintönig werden, sind wir schon wieder auf hoher See und freuen uns über die neu gefundenen Shanties.
Das Spiel ist eine tolle Erfahrung in einer nahtlosen Welt, die extrem viel Abwechslung bietet, ohne sie aufzuzwingen. Wer Black Flag damals gemocht oder verpasst hat und Action Adventures oder Piraten etwas abgewinnen kann, wird sich in der technisch sauberen Neuauflage mit vielen sinnvollen Neuerungen in der digitalen Karibik sehr wohlfühlen.
Dr. Tim Elsner(öffnet im neuen Fenster) hält Vorträge zum Thema KI und hat eine Firma gegründet, die zwischen LLMs, Computer Vision und Co. berät und selbst an neuen Modellen entwickelt. Seine lange Leidenschaft für Videospiele und deren Tests hat ihn dazu gebracht, dem Ruf der Freiheit zu folgen und den Review-Code von Black Flag Resynced zu kapern.
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