Artemis II: Die "Integrität" verlässt die USA und fliegt zum Mond
Am 1. April 2026 hat die Integrität die USA verlassen(öffnet im neuen Fenster). So heißt das Raumschiff der Mission Artemis II. Sie fliegt mit zwölf Jahren Verspätung in einer gänzlich überteuerten Rakete auf dem technologischen Stand der 1970er Jahre zum Mond. Derweil wurde das wissenschaftliche Budget der Nasa und der Forschung in den USA allgemein auf einen Bruchteil des früheren Niveaus zusammengestrichen, während die Nasa noch immer von Forschung und Erkundung des Weltalls spricht.
Echte Begeisterung kam noch nicht einmal in der Pressekonferenz beim Nasa-Administrator Jared Isaacman auf, als er die Statements zum erfolgreichen Start vorlas. Es gab einen zwischenzeitlichen Kommunikationsverlust und Fehlfunktionen der Toilette und Wasserversorgung in dem ungetesteten Raumschiff, das noch nie mit Menschen geflogen war.
Zu groß und zu zahlreich waren die Widersprüche in allen Teilen der Mission des Raumschiffs "Integrity", das in einem Land gestartet ist, dem jede moralische Integrität abhanden gekommen ist. Einem Land, das den Rest der Welt erpresst, allen voran die ehemals engsten Freunde.
Der Name ist ein politisches Signal
Der Name "Integrity" wurde von den Astronauten zweifelsfrei als politische Botschaft gewählt, auch wenn sie ihn, wie der Astronaut Victor Glover, mit einer Parallele zur Hüllenintegrität des Raumschiffs erklären. Denn: Raumfahrt war schon immer eine symbolische Reflexion des Zustands der Politik.
Der Start von Sputnik mit einer Interkontinentalrakete, die sonst Wasserstoffbomben tragen sollte, zeigte 1957, dass die Sowjetunion technologisch ernst genommen werden musste. Die Entwicklung der Triebwerke für die US-Mondrakete, die später Saturn V hieß, begann noch im selben Jahr. Es war eine zivile Raketenentwicklung und die Landung demonstrierte die technologische Überlegenheit der USA.
Der erste Schritt auf dem Mond mag im Jahr 1969 der ganzen Menschheit gewidmet gewesen sein, aber in den Köpfen der US-Elite sollte es der erste Schritt für die Dominanz der USA im All sein. Jedoch setzten ein teurer Krieg ohne klare Zielstellung in Vietnam, Ölkrisen im Mittleren Osten, eine Währungskrise, Inflation und die stagnierende Wirtschaft dem geplanten Raumfahrtprogramm ein Ende.
Es blieb nur Geld für große Worte statt großer Taten
Dennoch sollte die Dominanz im Weltall, zumindest in der Rhetorik, das Spaceshuttle sichern. Tatsächlich war es aber nur der Ersatz für zuvor geplante Flüge zum Mars.
Das Spaceshuttle wurde eigentlich für den Aufbau der Raumstation Alpha entwickelt, als Nachfolge zur Raumstation Skylab. Doch beide konnten nicht mehr finanziert werden. 1975 kam es zum letzten Apollo-Flug mit dem Apollo-Sojus-Programm und der zwischenzeitlichen Annäherung zur Sowjetunion.
Dabei hob eine kleine Saturn IB, wie auf einem Kindersitz stehend, vom Startturm der großen Saturn V ab. Der letzte Flug zur Raumstation Skylab fand bereits im Jahr davor statt und die alte Raumstation stürzte noch vor dem ersten Flug des Spaceshuttles ab.
Die Nasa machte teure Versprechen von billiger Raumfahrt
Das Spaceshuttle-Programm wurde mit falschen Versprechen von billigen Raketenstarts durchgesetzt. Allerdings waren große Teile des Spaceshuttles nicht wiederverwendbar. Die Wartung war aufwendig und der größte Teil der Masse, die das Spaceshuttle in den Orbit brachte, war keine Nutzlast, sondern die Masse des Shuttles selbst. Insofern hatte es die gleichen Probleme wie das Starship heute.
Aber es gab nur eine Variante des Spaceshuttles und die musste von Menschen geflogen werden. Bei jedem Satellitenstart mit dem Spaceshuttle wurde die dafür unnütze Crew sinnlos in Gefahr gebracht, wie beim Start der Mission STS-51-L(öffnet im neuen Fenster) zur Aussetzung eines TDRS-Relais-Satelliten, die auch bei Artemis noch zur Datenübertragung dienen. 1986 sollte erstmals eine Lehrerin ins Weltall kommen, an Bord der Raumfähre Challenger, deren Explosion die Illusion vom billigen Satellitenstart mit Spaceshuttles endgültig zerstörte.
Das sicherte wiederum das europäische Quasimonopol für kommerzielle Satellitenstarts mit den Ariane-Raketen, das zurückgeht bis auf das Jahr 1975, als die USA die kommerzielle Nutzung des deutsch-französischen Satelliten Symphonie(öffnet im neuen Fenster) verboten, weil er mit einer amerikanischen Rakete gestartet werden musste.
Europa wurde zum größten Fisch im kleinen Teich
Das wurde nötig, weil die desaströse Entwicklung der Europa-Rakete durch die ELDO (European Launcher Development Organisation)(öffnet im neuen Fenster) endgültig abgebrochen wurde. Aus der geplanten Europa III wurde letztlich die Ariane 1 und mit ihren Nachfolgern übernahm Europa und die neu gegründete Esa für einige Jahrzehnte den gesamten Markt, den das Spaceshuttle versorgen sollte.
Doch tatsächlich dominierte Europa nur den Niedergang der Raumfahrt am Ende des Kalten Krieges – als größter Hecht in einem immer kleineren Teich. Ohne ständige Starts von Militärsatelliten sank die Zahl der Satellitenstarts beständig, eine Weiterentwicklung fand kaum noch statt. Bis ins 21. Jahrhundert hinein flogen fast alle Satelliten mit Technik der 50er, 60er und 70er Jahren ins All.
Russischer Nationalismus wird übersehen
Gleichzeitig lief der Abstieg und Zerfall der Sowjetunion. Russlands Raumfahrt wurde, wie der Rest der Wirtschaft, nach dem Zerfall der Sowjetunion durch internationale Projekte und Investitionen am Laufen gehalten. Sojus und Proton wurden zum Ersatz der Ariane 4 und zur Ergänzung der Ariane-5-Raketen. Die ISS ersetzte die Raumstation Alpha und wurde zur Existenzberechtigung des Spaceshuttles und damit auch eines großen Teils der Nasa und deren Selbstbild.
Das galt umso mehr für Russland, das sich seit Sputnik und Gagarin als Raumfahrtnation sieht. Doch statt die immer wieder zur Schau gestellte Arroganz und vorgebrachten Drohungen von Alleingängen Russlands durch Abtrennung russischer Module von der ISS ernst zu nehmen und sie in die Schranken zu weisen, lief die immer einseitigere Kooperation weiter. Der Grund war die höhere Sicherheit der Sojus-Raumschiffe und die objektiv praktikablere und bis in die 2010er Jahre technologisch fortgeschrittenere russische Triebwerkstechnik. Aber die Tragweite des russischen Nationalismus wurde auch in der Raumfahrt übersehen.
Der Tiefpunkt der weltweiten Raumfahrt wurde 2003 erreicht, als mit der Columbia das zweite Spaceshuttle im Flug zerstört wurde und sieben weitere Menschenleben forderte. 2004 und 2005 startete kaum noch mehr als eine Rakete pro Woche, oft auch gar keine.
Statt neuer Ideen gab es nur Apollo Reloaded
Was nach 2003 im Raumfahrtprogramm der Nasa folgte, war das Gleiche wie in Hollywood und fast überall in der Kultur: Statt neuer Ideen wurden alte Konzepte wiederbelebt, weil sie doch früher so beliebt waren. George Bush startete 2004 das Constellation-Programm mit Flügen zum Mond als Vorbereitung für Flüge zum Mars. Immerhin war die Fertigstellung der ISS Teil des Programms, um den Verpflichtungen gegenüber den internationalen Partnern nachzukommen. Das sind Dinge, die heute von den USA nicht mehr zu erwarten sind.
Aber teure Kriege ohne klare Zielstellung in Afghanistan und Irak, eine Immobilienkrise, eine weltweite Wirtschaftskrise, Abwertung des US-Dollars und eine stagnierende Wirtschaft setzten dem Constellation-Programm ein Ende. Unter dem 2008 gewählten Präsidenten Obama wurde es abgeschafft. Es sei zu teuer, verspätet und nicht innovativ. Aber letztlich wurde es dennoch fortgeführt, während gleichzeitig private Unternehmen gefördert wurden.
Das Orion-Raumschiff wurde weiterentwickelt. Die kleine Ares-I zum Start des Raumschiffs und die große Ares-V-Frachtrakete, die ohne Menschen fliegen sollte, wurden abgeschafft und durch SLS ersetzt. SLS war etwas kleiner als die Ares V, sollte aber mit Menschen fliegen. Das allein war eine Garantie für extrem hohe Kosten. Um Kosten einzusparen, wurde die Entwicklung der Oberstufe – das kleinste, aber wichtigste Teil der Rakete – nicht finanziert. Der Ersatz durch die ICPS, die Oberstufe der viel kleineren Delta IV, hat die Nutzlast der Rakete halbiert.
Nicht die Ingenieure, sondern der Senat bestimmt die Raketentechnik
SLS, schon damals als Senate-Launch-System bezeichnet, war eine politisch gewollte Gelddruckmaschine ohne höheren Zweck. Flüge zum Mond und zum Mars gab es nicht mehr. Stattdessen sollte ein kleiner Asteroid besucht werden. Die Sinnhaftigkeit der Mission, die immerhin ohne Lander ausgekommen wäre, stand von Anfang an in Zweifel und sie wurde nie weiter geplant. Erst mit Artemis kamen unter Trump die Mondpläne zurück und natürlich auch Pläne für Flüge zum Mars. Nur diesmal nicht für die Menschheit, sondern für Amerika.
Die Entwicklung von SLS, ohne die Arbeit am Constellation-Programm, kostete über 20 Milliarden US-Dollar. Das Orion-Raumschiff sollte 2014 erstmals mit Menschen fliegen, es dauerte noch zwölf weitere Jahre, die Entwicklung kostete über 20 Milliarden US-Dollar – und es ist vollkommen überflüssig.
Raumfahrt ist bei der Nasa nur noch Nebensache
Es gibt mit den Crew Dragons längst besser erprobte Raumkapseln in den USA. Schwerlastraketen wie die Falcon Heavy und die New Glenn haben zu viel niedrigeren Kosten fast die gleiche Leistung wie SLS in der heutigen Form und hätten problemlos für Flüge wie Artemis II verwendet werden können. Jeder Artemis-Flug kostet nun über vier Milliarden US-Dollar zusätzlich zu den Entwicklungskosten, ohne irgendetwas Neues oder Besonderes zu tun. Die tatsächliche Raumfahrt ist in der Nasa längst Nebensache.
Aber alle Warnungen und Beschreibungen der absurden, gänzlich außer Kontrolle geratenen Korruption in den Raumfahrtprogrammen der Nasa wurden – nicht zuletzt auch in den Leserforen – als unnötig negativ bezeichnet. Diese Korruption war aber ein akkurates Abbild des Zustandes der US-Politik, der den Aufstieg Donald Trumps überhaupt erst ermöglichte und deren Ausmaß mit ihm nun offen zu Tage tritt. Das Geld ist endgültig zur Hauptsache geworden, die Politik ist nun nur noch Mittel zur Selbstbereicherung.
Am 1. April 2026 hat die Integrität die USA verlassen und am 2. April flog sie weiter zum Mond. Hoffen wir auf eine baldige Rückkehr.
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