Arbeitsmarktökonomie: Ökonomen uneinig über Jobverluste durch KI
Eine aktuelle Befragung des WSJ(öffnet im neuen Fenster) (Paywall) unter 16 führenden Wirtschaftswissenschaftlern liefert ein differenziertes Bild zu den wirtschaftlichen Folgen von künstlicher Intelligenz. Zu den Befragten gehören unter anderem der Nobelpreisträger Daron Acemoglu, akademische Experten sowie ehemalige Regierungsberater der USA. Während fast alle Teilnehmer erwarten, dass KI die Arbeitsproduktivität steigern wird, gehen die Meinungen bezüglich der Beschäftigungseffekte weit auseinander.
Auf die Frage, ob KI zu einem Netto-Arbeitsplatzverlust oder zu einem Beschäftigungswachstum führen wird, antworteten acht der Befragten mit der Erwartung, dass sich keine Nettoveränderung einstellen wird. Fünf Teilnehmer rechnen mit einem Nettoverlust an Arbeitsplätzen, während lediglich zwei ein Netto-Arbeitsplatzwachstum prognostizieren.
Historische Vergleiche und strukturelle Risiken
Der Ökonom Daron Acemoglu verweist auf historische Präzedenzfälle und betont, dass sowohl Importe aus China als auch die Einführung von Robotern deutliche, lang anhaltende Verdrängungseffekte in lokalen Arbeitsmärkten zur Folge hatten und die Ungleichheit verschärften. David Autor ergänzt, dass der Erfolg des Übergangs für betroffene Arbeitnehmer von gesellschaftlichen Institutionen und politischen Maßnahmen zur Verteilung der Gewinne abhänge, worauf die USA unzureichend vorbereitet seien.
Hinsichtlich der Betroffenheit verschiedener Beschäftigtengruppen erwarten mehrere Ökonomen gravierende Veränderungen im Bereich der Büroarbeit. Fünf Befragte gehen davon aus, dass die Nachfrage nach sogenannten White-Collar-Stellen (bürobasierte, administrative oder wissensbasierte Berufe) sinken wird, sechs erwarten keine Veränderung und drei rechnen mit einer Expansion. Routineaufgaben in der Informationsverarbeitung wie die Bearbeitung von Versicherungsansprüchen, Übersetzungen oder standardisierte Werbetexte gelten als besonders gefährdet.
Vorteile für neue Marktteilnehmer
Bei den Auswirkungen auf die Unternehmenslandschaft prognostizieren sechs der Wirtschaftswissenschaftler, dass vor allem kleinere und neu gegründete Firmen von der KI-Entwicklung profitieren werden. Nur zwei Befragte sehen etablierte Großkonzerne im Vorteil. David Deming begründet dies damit, dass etablierte Unternehmen oft durch Investitionen in alte Systeme und etablierte Abläufe blockiert seien.
Zudem herrscht Einigkeit darüber, dass mit dem Sinken der Kosten für reine Wissensarbeit der Wert von zwischenmenschlichen Fähigkeiten, Urteilskraft und Verhandlungsgeschick steigen wird. Für die Zukunft der Beschäftigten wird daher Anpassungsfähigkeit und die Ausbildung von Fähigkeiten abseits standardisierter kognitiver Produkte als zentraler Schutz vor einer Verdrängung eingestuft. Vor allem Arbeitskräfte, die KI proaktiv in ihre Arbeitsabläufe integrieren, werden laut den Experten von der Entwicklung profitieren.
KI als Ergänzung oder Ersatz?
Eine der zentralen Fragen der Umfrage betrifft die grundsätzliche Rolle von KI im Arbeitsalltag: Ergänzt die Technologie menschliche Arbeit, oder ersetzt sie diese? Acht der befragten Ökonomen sehen KI derzeit eher als Ergänzung (complement), während fünf sie primär als Ersatz (replace) für Arbeitnehmer einschätzen. Zu den Optimisten zählen unter anderem Jason Furman und Raffaella Sadun, die betonen, dass KI hauptsächlich Routineaufgaben übernimmt und damit Freiräume für höherwertige Tätigkeiten schafft.
Skeptiker wie Daron Acemoglu und Pascual Restrepo hingegen warnen, dass die Technologie in vielen Bereichen schlicht menschliche Arbeitskraft verdrängt, ohne gleichwertigen Ersatz zu schaffen. Die Antwort dürfte dabei stark vom jeweiligen Berufsfeld abhängen: Während kreative, strategische und zwischenmenschliche Tätigkeiten eher gestärkt werden, gelten standardisierte kognitive Aufgaben als besonders ersetzbar.
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