Arbeit: Wenn KI die Jobs frisst, was bleibt vom Menschen?
Die US-Soziologin Allison Pugh von der Johns-Hopkins-Universität forscht zu den gesellschaftlichen Folgen der Automatisierung. Ihre These, die sie in einem Interview mit dem Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) erklärt: Der Verlust von Arbeit treffe nicht nur den Geldbeutel, sondern das Fundament des sozialen Lebens. Arbeit gebe dem Alltag Struktur und das Gefühl dazuzugehören. Falle das weg, drohe die Gesellschaft auseinanderzufallen.
Was steht auf dem Spiel? – Würde und Gemeinschaft, nicht nur Geld
Pugh verweist auf den Soziologen William Julius Wilson(öffnet im neuen Fenster), der in Studien über arme US-Stadtteile zeigte, was entsteht, wenn Arbeit wegfällt: nicht nur Armut, sondern der Verlust von Rhythmus, Verlässlichkeit und Gemeinschaft. Arbeit, so Pugh, verbinde Menschen miteinander und ermögliche Koordination, ob bezahlt oder unbezahlt.
Dem Gegenargument, ein Grundeinkommen könne diese Lücke schließen, begegnet sie skeptisch. Geld decke materielle Bedürfnisse, nicht aber das Bedürfnis, gebraucht zu werden. Ihr Fazit: Arbeit werde zum Privileg einer technologischen Elite, während der Rest der Gesellschaft zum Konsumenten ohne Würde und Gemeinschaft werde.
Isolation als Nährboden für Populismus
Wer kein gemeinsames Schicksal mehr mit anderen teile, verliere Empathie und Verantwortungsgefühl, sagt Pugh. Das mache Menschen anfälliger für Demagogen, die die Sehnsucht nach Zugehörigkeit für sich nutzen. Demokratische Institutionen halten nach ihrer Einschätzung nur so lange, wie sie dieses Bedürfnis noch stillen. Auch KI-Systemen, die Nähe simulieren, traut sie das nicht zu. Sprachmodelle seien darauf ausgelegt, Nutzer durch endlose Bestätigung bei der Stange zu halten. Das sei kein Nebeneffekt, sondern Kern des Geschäftsmodells.
Beziehung schlägt Algorithmus
Berufe mit echtem menschlichem Kern, vom Friseur bis zur Therapeutin, sieht Pugh als vergleichsweise sicher an. Nicht wegen der Tätigkeit selbst, sondern wegen der Beziehung, die dabei entsteht. In der Bürowelt empfiehlt sie, Rollen anzustreben, in denen Menschen andere Menschen verstehen, begleiten und einschätzen können.
Programmieren hält Pugh für eine Fähigkeit mit sinkendem Wert, soziale Kompetenz hingegen für das entscheidende Merkmal der Zukunft. Universitäten sollten den Umgang mit Konflikten und Menschen als eigenständiges Studienfach etablieren. Wer in einer KI-geprägten Wirtschaft bestehen wolle, brauche vor allem eines: die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen.
KI wird Jobmarkt verändern
Andere Prognosen geben Pugh zumindest in ihrer Dimension recht. Das britische Institute for Public Policy Research sieht bis zu 7,9 Millionen Jobs in Gefahr. McKinsey erwartet für die USA bis 2030 fast zwölf Millionen erzwungene Berufswechsel. Und Deutschlands Digitalminister Wildberger sagt schlicht: "Aufhalten können wir das nicht."
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