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Arbeit: Die Trennung von IT und Fachabteilung ist veraltet!

Während das Management mit IT-Buzzwords um sich wirft, drucken andere noch PDFs aus und Entwickler folgen unsinnigen Anweisungen. Wer könnte es verhindern? Wirtschaftsinformatiker! Doch davon gibt es viel zu wenig.
/ Frank Röttgers
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Wirtschaftsinformatiker können IT und Fachabteilung zusammenbringen. (Bild: Golem.de)
Wirtschaftsinformatiker können IT und Fachabteilung zusammenbringen. Bild: Golem.de

Auf eine unerwartete Mail folgte ein Schweißausbruch und für einen Augenblick hätte ich schwören können, ich säße wieder hoffnungslos verloren vor einer Steuern- und Bilanzierungsklausur. Nur eine Mail meiner alten Hochschule: eine Einladung zu einem After-Work-Beer für ehemalige Studenten.

Seit meinem Abschluss sind elf Jahre vergangen und wären neben ein paar schönen Erinnerungen und ein paar Freundschaften nicht auch solche Flashbacks, dann verbände mich sicher nur noch wenig mit meiner alten Studienstätte. Dabei wäre mein Leben ohne das Wirtschaftsinformatik-Studium wohl völlig anders verlaufen.

Wirtschaftsinformatiker werden immer wichtiger ...

In mir keimte die Neugier. Was machen und lernen die Wirtschaftsinformatiker von heute? Ob sie dort immer noch mit den alten grauen PCs arbeiten? Mit der wachsenden Nachfrage müssen die Jahrgänge mittlerweile viel größer sein als damals, als wir uns die Kurse nur zu neunt teilten. Denn IT, insbesondere in Unternehmen, ist deutlich mehr als programmieren und Wirtschaftsinformatiker mit Schwerpunkt Wirtschaft haben nicht nur ihre Daseinsberechtigung, sondern werden sogar immer wichtiger.

Während die Informatiker ihren Platz meist im technischen Umfeld finden, sei es bei Softwareherstellern oder in den vielfältigen Ausprägungen von IT-Abteilungen, gibt es eben auch Fachabteilungen mit erheblichem Bedarf. Gerade sie brauchen Vermittler, die ihr spezifisches Fachwissen in allgemeines technologisches Verständnis übersetzen können. Sie können alte analoge Geschäftsprozesse durch sinnvolle digitale Lösungen verbessern und damit die Digitalisierung vorantreiben.

... und immer weniger?

Doch beim Besuch in meiner alten Hochschule wurde ich überrascht: Ich ließ mir eine Führung durch die neuen Räumlichkeiten geben, Veränderungen und Modernisierung erklären und in einem entspannten Nebensatz wurde mir kurz erklärt: Der Studiengang Wirtschaftsinformatik wird hier nicht mehr angeboten.

Innerlich sah ich das Meme von Captain Picard mit der Hand vor der Stirn, während gleichzeitig meine bedachtere Seite versuchte, mich davon zu überzeugen, dass das bestimmt schon alles einen Grund haben wird. Ich musste nicht lange warten, da erfuhr ich, der hier angebotene Studiengang hätte den Unternehmen, die die dualen Studienplätze finanzierten, einen zu geringen Anteil an Informatik. Deshalb würden sie mit anderen Hochschulen zusammenarbeiten, die den Schwerpunkt entsprechend setzen.

Recht haben sie, schließlich habe ich erst in meinem letzten Artikel darüber geschrieben, dass wir in meinem Studium zwar programmiert haben, es aber mit nur einem Semester nicht verinnerlichen konnten. Trotzdem muss ich an dieser Stelle einhaken. Denn excuse me , wir haben 2023, leben seit Jahrzehnten im Zeitalter der Digitalisierung und die Technologie entwickelt sich so schnell, dass während von oben schon die Geschäftsführer "KI" und "Metaverse" schreien, ganze Fachabteilungen noch verzweifelt PDF-Formulare ausdrucken, unterschreiben und wieder einscannen.

Was passiert, wenn niemand zwischen IT und Business vermittelt?

Was passiert, wenn niemand da ist, der zwischen IT und Business vermittelt, zeigt die folgende Anekdote aus meiner Zeit als Entwickler. Ich erhielt in meine Tickets vertieft einen Anruf, unser Kundenberater warf mir unreflektiert eine Funktionserweiterung zwischen meine programmierenden Finger. Ich reagierte mit einem typischen Anfängerfehler und fragte nach etwas mehr Kontext. Worauf mir der erfahrene Berater frei von lästigen IT-Kenntnissen souverän und führungsstark zu verstehen gab: "Du wirst nicht fürs Nachdenken bezahlt, sondern fürs Machen!"

Mit diesen überaus motivierenden Worten im Rücken ließ ich alles andere liegen und ließ meine Finger förmlich über meine Tastatur fliegen. Alles war auf einmal so klar und Wissenslücken konnte ich einfach wegimprovisieren. Und so konnte ich die gerade noch angeforderte Funktion keinen halben Tag später zum Testen übergeben. Feedback bekam ich dann direkt am selben Tag, denn unerwarteterweise gab es einen Sonderfall, der in der Funktion berücksichtigt werden musste. Und so begann ein kleiner Teufelskreis aus Programmieren, Testen, Anpassungswunsch, Programmieren und so weiter, bis es schließlich hieß: "Da hättest du ja auch mal mitdenken können."

Ha! Das waren noch Zeiten, als Berater noch keine Ahnung von Softwareentwicklung hatten und trotzdem fleißig unsinnige Lösungsansätze konzipierten und unmögliche Funktionen verkauften, die mit ein wenig mehr Erfahrung zu Vorgehensweisen, Verständnis von Algorithmen- und Datenstrukturen oder den eingesetzten Frameworks und deren Möglichkeiten hätten verhindert werden können. Ich würde jetzt gerne sagen, dass wir heute ja schon so viel weiter sind. Doch seitdem ich selbst als Berater tätig bin und Einblicke in die verschiedensten großen und kleinen Firmen erhalten darf, weiß ich, dass sich solche oder ähnliche Szenen immer wieder abspielen. Das führt zum Unmut der Kunden, des Projektteams, des Unternehmens und immer auch zu mehr Kosten in solchen Projekten.

Nicht agil, nicht modern, nicht zukunftsfähig

Außerdem führt es zu einem erheblichen Unverständnis bei mir, wenn auf der einen Seite die Basics fehlen und auf der anderen Seite der Studiengang Wirtschaftsinformatik gestrichen wird, der genau das hätte ausgleichen können. Insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass an derselben Studienstätte weiterhin klassische BWL angeboten und von den Unternehmen finanziert wird. Vielleicht ist sogar diese Tatsache selbst ein Zeichen dafür, dass ein Bewusstsein für diese Schnittstellenposition in den Unternehmen zu wenig Betrachtung findet.

Das klassische Bild mit einer klaren Trennung zwischen IT und Fachabteilung ist nicht agil genug, nicht modern genug und damit auch nicht mehr zukunftsfähig. Daher mein Appell an alle Unternehmen, Geschäftsführer, Abteilungsleiter, HR-Abteilungen und alle Personen, die da draußen einen Einfluss auf Jobbeschreibungen haben.

Wir brauchen mehr Wirtschaftsinformatiker!

Es braucht mehr als nur Fachleute auf der einen und IT-Gurus auf der anderen Seite, damit ein Unternehmen all den technologischen Neuerungen jetzt und zukünftig gewachsen ist! Es braucht mehr Mitarbeiter, die sich sowohl in den unterschiedlichen Fachabteilungen zu Hause fühlen als auch ein tiefes, solides technologisches Verständnis mitbringen!

Diese Kollegen können nicht nur direkt die Digitalisierung von Geschäftsprozessen erleichtern, sie können sogar Innovationstreiber in den Abteilungen für das Unternehmen sein. Sie können vielleicht teure externe IT-Beratungsdienstleister, aber in jedem Fall jede Menge Frust in Digitalisierungsprojekten einsparen.

Und da reicht heutzutage leider kein BWLer mehr, der gut mit MS Office umgehen kann. Es braucht Experten, die beide Welten verstehen – und ja, auch den Studiengang Wirtschaftsinformatik bei mir zu Hause an der Berufsakademie in Leer Ostfriesland!

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).


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