Apps für Googles Cardboard: Her mit der Pappe!

Dank Projekten wie der Oculus Rift, Samsungs Gear VR oder HTCs Re Vive hat sich rund um das Thema virtuelle Realität mittlerweile ein regelrechter Hype entwickelt. Google setzt den teuren Konkurrenten seit einem Jahr eine deutlich bescheidenere VR-Brille entgegen: Cardboard(öffnet im neuen Fenster) . Google will mit dem Projekt nach eigenen Angaben möglichst vielen Nutzern auf möglichst preiswerte Weise ein VR-Erlebnis verschaffen. Mittlerweile gibt es für die Pappbrille eine Vielzahl an Apps, die leicht im Play Store zu finden sind, wenn man den Suchbegriff "Cardboard" eingibt. Golem.de hat sich die Auswahl angeschaut und lohnenswerte Apps herausgesucht.

Das ursprüngliche Cardboard ist nicht käuflich zu erwerben. Google verteilte es vor einem Jahr auf seiner Entwicklerkonferenz I/O an die Teilnehmer: einen unscheinbaren kleinen Pappschuber. Dieser entpuppte sich als VR-Betrachter, in den einfach ein beliebiges Smartphone eingeklemmt wird. Dank zweier eingebauter Kunststofflinsen lassen sich anschließend 3D-Inhalte räumlich betrachten. Der Google-Betrachter ist zwar aus preiswerter Pappe, insgesamt ist die Konstruktion aber erstaunlich stabil. Auf Basis des Originals sind inzwischen – wie von Google beabsichtigt – zahlreiche Nachbauten entstanden.









Meist zu einem niedrigen Preis von unter 10 Euro können die Nachbauten im Internet bestellt werden. Es gibt auch Modelle aus Kunststoff sowie mit und ohne Gummiband, damit sich die Halterung am Kopf fixieren lässt. Wer einen Cardboard-Betrachter über längere Zeit benutzen möchte, sollte ein Modell mit Band nehmen. Etwas teurere Betrachter aus Kunststoff haben zudem eine bessere Lichtdämmung als die einfachen Pappmodelle.
Ohne Magneten wird es schwierig
Wichtig ist auf jeden Fall, auf den Magnetschalter an der Seite zu achten. Über diesen werden Eingaben vorgenommen, er ersetzt das Tippen auf dem Bildschirm. Ohne den Schalter können die meisten Cardboard-kompatiblen Apps nicht in der Halterung bedient werden – es sei denn, sie setzen komplett auf Gestensteuerung.
Erster Anlaufpunkt für die meisten Cardboard-Nutzer dürfte Googles eigene Cardboard-App(öffnet im neuen Fenster) sein.
Für den Anfang: Googles Cardboard-App
Googles Cardboard-App(öffnet im neuen Fenster) zeigt zum einen eine Übersicht über alle installierten und mit der Pappbrille kompatiblen Apps an. Zum anderen können Nutzer hier die Cardboard-Demos starten. Diese beinhalten unter anderem ein Tutorial, einen 3D-Tour-Guide durch Paris, einen dreidimensionalen Trickfilm sowie einen Videoplayer. Hier kann man sich eigene Videos anschauen, die dann natürlich nicht stereoskopisch sind.









Die unserer Meinung nach interessanteste Funktion der Google-Demos ist der Photo-Sphere-Viewer. Hier können sich Nutzer ihre mit der Google-Kamera-App aufgenommenen Kugelpanoramen anschauen. Diese sind zwar nicht dreidimensional, der freie Blick auf spanische Berge, englische Schlösser oder andere Orte, an denen wir mal waren, lässt uns aber in schönen Erinnerungen schwelgen.
Panoramaaufnahmen für Cardboard importieren
Auch Panoramaaufnahmen, die nicht selbst gemacht wurden, können mit dem Photo-Sphere-Betrachter angeschaut werden: Dafür müssen die entsprechenden Bilder nur in PANO_irgendetwas.jpg umbenannt und in einen Ordner auf dem Smartphone kopiert werden, wobei das "irgendetwas" natürlich durch eine selbst gewählte Bezeichnung ersetzt werden sollte.
Allerdings funktioniert dies nicht ohne weiteres mit Panoramen, die nicht mit der Google-Kamera-App gemacht wurden. Hier leistet die App Photosphere XMP Tagger(öffnet im neuen Fenster) Abhilfe, die die fehlenden Metadaten ergänzt. Wer sich die Mühe nicht machen will, Panoramen selbst umzuwandeln, findet in der App Orbulus(öffnet im neuen Fenster) eine kleine Sammlung schöner Panoramabilder.
Die Cardboard-App ist ein guter Start, nach kurzer Zeit dürften sich die meisten Nutzer aber mehr Inhalte wünschen. Zeit, sich im Play Store auf die Suche nach weiteren Apps zu machen. Geben wir das Suchwort "Cardboard" ein, finden wir sofort zahlreiche Anwendungen, die für den Cardboard-Betrachter geeignet sind.
Um es gleich vorwegzunehmen: Viele dieser Anwendungen haben bei uns keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie leben rein vom 3D-Effekt, die Grafik kommt allerdings bei Apps wie VR Roller Coaster(öffnet im neuen Fenster) oder Jurassic VR(öffnet im neuen Fenster) deutlich zu kurz. Das Interesse sinkt bei derartigen Anwendungen daher bei uns recht schnell.
Interessant ist der 3D-Effekt hingegen bei Konzerten, Autofahrten und anderen stereoskopischen Realaufnahmen.
Konzerte, Autofahrten und Kletterpartien in 3D
Paul McCartney(öffnet im neuen Fenster) und Jack White(öffnet im neuen Fenster) haben etwa Teile ihrer Konzerte dreidimensional aufzeichnen lassen. Die hinter diesen Aufnahmen steckende Firma Jaunt hat zudem in Zusammenarbeit mit Jack Wolfskin(öffnet im neuen Fenster) ein sehenswertes First-Person-Video einer Kletterpartie mit anschließendem Base-Jumping und weitere interessante Filme gedreht. Die Besonderheit bei den Videos ist, dass sie nicht nur stereoskopisch sind, sondern auch 360-Grad-Panoramen darstellen. Der Betrachter kann sich also umsehen, während der Film läuft.









Eindrucksvolle stereoskopische Panoramavideos bietet auch die App Polar Sea(öffnet im neuen Fenster) von Wemersive: Hier finden sich eine Reihe von Videos, die während einer Tour durch die Nordwestpassage aufgenommen wurden. Wer schnelle Autofahrten mag, dürfte Hyundai VR+(öffnet im neuen Fenster) und Mercedes for Google Cardboard(öffnet im neuen Fenster) interessant finden – hier wird der Nutzer in schnelle Autos gesetzt und über verschiedene Rennstrecken gefahren.
Eigene 3D-Filme und Stereofotos erstellen und betrachten
Auf lange Sicht spannender ist es aber, selbst dreidimensionale Filme zu drehen und mit dem Cardboard-Betrachter anzuschauen – was heutzutage mit zwei kleinen Kameras oder zwei Smartphones sowie einem entsprechenden Umwandlungsprogramm recht leicht ist. Diese Videos kann sich der Nutzer beispielsweise mit der App Cardboard Theater(öffnet im neuen Fenster) anschauen. Dazu bietet die Anwendung zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten, der Zuschauer wird zudem in einen virtuellen Kinosaal gesetzt. Die App kann auch normale Filme wiedergeben.
Im Bereich stereoskopischer Fotografien ist die App Stereogram(öffnet im neuen Fenster) zu empfehlen. Sie bietet zahlreiche Stereoaufnahmen aus der Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der ersten Blütezeit der Stereofotografie. Der Nutzer kann favorisierte Bilder in einer separaten Liste ablegen, die komplette Steuerung erfolgt durch Bewegungen.
Auch eigene 3D-Fotos können Nutzer mit einem Android-Smartphone leicht erstellen, beispielsweise mit der App VR 3D Smart Cardboard(öffnet im neuen Fenster) . Die erstellten Bilder können im Pappbetrachter aufgenommen werden; auf diese Weise ist der Stereoeffekt nach der Aufnahme des ersten Bildes direkt erkennbar. X- und Y-Koordinaten helfen dabei, das zweite Bild anhand des ersten korrekt auszurichten. Die App kostet 1,08 Euro.
Schummel-3D-Aufnahmen mit Seene
Eine interessante Cardboard-Integration hat auch die App Seene(öffnet im neuen Fenster) . Damit können Bilder mit einem 3D-Effekt aufgenommen werden, der an Wackelbilder erinnert: Bei der Aufnahme wird das Smartphone etwas bewegt, das dabei generierte Bild wirkt dann dreidimensional, wenn der Nutzer das Smartphone beim Betrachten leicht hin und her kippt. Dabei sollte man es aber nicht übertreiben, da es sonst schnell zu Bildfehlern kommt.









Alle Aufnahmen – also die eigenen wie auch Fotos von anderen Seene-Mitgliedern – kann mittels einer kleinen Schaltfläche einfach auf zwei Bilder aufgeteilt und mit dem Cardboard-Betrachter angeschaut werden. Je nachdem, wie gut die ursprüngliche Aufnahme ist, ergeben sich hier stellenweise wirklich eindrucksvolle Effekte.
Mit Cardboard lässt sich auch spielen
Eine VR-Brille eignet sich natürlich sehr gut für Spiele. Auch für Googles Pappbetrachter stehen zahlreiche Spiele zur Verfügung, die – wie die anderen VR-Anwendungen – von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Einige lohnen einen genaueren Blick.
Dazu zählt Vanguard V(öffnet im neuen Fenster) , eine Demo von Zero Transform, die auch für das Oculus Rift verfügbar ist. Hier jagt der Nutzer in einem Raketenanzug durchs All und weicht dabei Kometen und anderen Hindernissen aus, indem er seine Figur mit Kopfbewegungen steuert. Bei dem Spiel stimmt sowohl das rasante Gameplay als auch die Grafik – das Game gehört zu den bestaussehenden Anwendungen für Cardboard. Es hat allerdings einen großen Nachteil: Es ist noch nicht fertig, lediglich das erste Level ist spielbar. Die Entwickler suchen aktuell noch Unterstützer. Von den anvisierten 198.000 US-Dollar sind allerdings bisher nicht einmal 10.000 US-Dollar zusammengekommen.
Das Entwicklerstudio Zero Transform hat bereits ein fertiges VR-Spiel veröffentlicht, das auch auf der Cardboard-Brille gespielt werden kann: Proton Pulse(öffnet im neuen Fenster) . In diesem Arkanoid-Clone muss der Nutzer einen Ball mit einem per Blick gesteuerten Schläger ins Feld zurückspielen und dabei Felder treffen – was in 3D deutlich mehr Spaß macht. Proton Pulse kostet 1,61 Euro. Ein eher etwas kurzweiliges, aber durchaus hübsch gemachtes Spiel ist das kostenlose Lamper for Google Cardboard(öffnet im neuen Fenster) . Hier steuert der Nutzer ebenfalls mit Kopfbewegungen eine kleine Biene durch einen Tunnel und muss dabei Hindernissen ausweichen.
Mit dem Blick nach unten vom Hochhaus stürzen
Das Android-Spiel " AaaaaAAaaaAAAaaAAAAaAAAAA!!!(öffnet im neuen Fenster) ", in dem der Spieler durch Häuserschluchten stürzt und dabei Hindernissen ausweichen, Geldfelder treffen und möglichst nah an den Hochhäusern vorbeifliegen muss, gibt es ebenfalls als Cardboard-Version. Diese trägt den passenden Namen " Caaaaardboard!(öffnet im neuen Fenster) " und kostet 1,59 Euro. Wem bei VR-Spielen schnell übel wird, der könnte bei Caaaaardboard! allerdings Probleme bekommen: Während der Spieler seine Figur per Kopfbewegungen steuert, schaut er nämlich die ganze Zeit nach unten.
Fazit
Die App-Auswahl für Cardboard beinhaltet mittlerweile eine Vielzahl an Spielen, 3D-Demos und Stereofotografie-Apps. Da man bereits für unter 10 Euro einen Cardboard-Betrachter kaufen kann, kommt man als Smartphone-Besitzer recht kostengünstig in den Genuss dreidimensionaler Inhalte. Diese sind mittlerweile durchaus sehenswert, wie zahlreiche 3D-Panorama-Videos und auch einige Spiele zeigen.









Natürlich bietet ein Oculus Rift oder Gear VR ein besseres 3D-Erlebnis und eine intensivere Immersion – beide Systeme kosten aber auch deutlich mehr. Neben wenig reizvollen Anwendungen gibt es für das Cardboard auch gute Apps, die es schaffen, uns immer wieder an die Pappbrille zurückzuholen.
Besonders wenn wir mit einfachen und kostenlosen Mitteln Panoramen und 3D-Fotos aufnehmen und diese dann mit der Cardboard-Brille betrachten, zeigt das Google-Projekt seine Stärken. Auch für Kinder ist es gut geeignet, da die Brillen günstig sind und viele der durch Bewegung gesteuerten Spiele besonders Kindern lange Spaß bereiten dürften.
Es bleibt zu hoffen, dass auch Projekte wie Vanguard V und andere aufwendigere Spiele genügend Geld sammeln können – obwohl es aktuell nicht danach aussieht. Das Ziel von Googles Cardboard-Projekt, die Kosten für den Nutzer minimal zu halten, zeigt hier seinen Nachteil: Nur wenige Nutzer dürften bereit sein, sich finanziell an einem Spiel für eine 3D-Brille zu beteiligen, die nicht einmal 10 Euro kostet.
Wer als Entwickler selber Apps für Cardboard schreiben möchte, kann sich bei Google das SDK herunterladen. Damit lassen sich auch bereits vorhandene Anwendungen um einen Cardboard-Modus ergänzen – so wie es etwa bei Seene geschehen ist.



