Apple Pay: Australische Banken und Apple streiten um den NFC-Chip

Apples Einsatz des NFC-Chips ist eine Besonderheit. Zum einen steht der Chip auf einem Großteil der aktuellen iOS-Smartphones bereit, zum anderen behält Apple die vollständige Kontrolle über den Chip. Das weckt bei Banken Begehrlichkeiten und führte in Australien zu einem ungewöhnlichen Zusammenschluss mehrerer Banken. Bisher kann der NFC-Chip in iPhones ausschließlich für Apple Pay und damit den Card Emulation Mode für Bezahlkarten verwendet werden. Es gibt zwar Hinweise darauf, dass Apple über weitere Einsatzgebiete nachdenkt , aber die Banken können keine eigenen NFC-basierten Dienstleistungen anbieten.
Bei anderen Betriebssystemen ist das anders. Unter Android beispielsweise kann jeder Anwender den Chip benutzen, um eigene NFC-Transaktionen durchzuführen oder dank Emulationen auch mit RFID-Karten und -Terminals verschiedener Standards zu interagieren. Kurioserweise wird Apples NFC-Chip damit eigentlich nicht für NFC benutzt, sondern ausschließlich für die NFC-Option Card Emulation Mode (ISO 14443) und damit EMV (Europay, Mastercard und Visa) Contactless Payment verwendet. Und das auch nur dann, wenn die Banken sich auf das System einlassen.
Daran stören sich die australischen Banken(öffnet im neuen Fenster) . Sie wollen selbst auf den NFC-Chip und das dazugehörige und obligatorische Secure Element zugreifen, um eigene Apps mit Bezahlfunktionen anbieten zu können, wie es bei anderen Smartphone-Herstellern auch möglich ist. Dafür wollen sie gemeinsam Druck auf Apple ausüben. Zu diesem Zweck haben vier große Banken (Commonwealth Bank, Bendigo and Adelaide Bank, National Australia Bank, Westpac) die ACCC (Australian Competition and Consumer Commission) gebeten, gemeinsam agieren zu dürfen.
Antrag auf Boykott
Der Antrag A91546, A91547(öffnet im neuen Fenster) wurde am 26. Juli 2016 gestellt und bittet um Erlaubnis, über drei Jahre gemeinsam Verhandlungen mit einem Anbieter mobiler Briefbörsen zu führen: " to engage in limited collective negotiation with providers of third-party mobile wallet services (such as Apple)" . Und derweil wollen sie einen beschränkten Boykott ( "seek authorisation to enter into a limited form of collective boycott" ) durchführen. Ausgeschlossen davon sind Mobile Wallets der Banken selbst, auf diese wollen die Anbieter keinen Zugriff. Auch Mobile Wallets von Mastercard oder Visa sollen nicht Teil der ersuchten Erlaubnis der ACCC werden. Der Antrag ist deutlich gegen Apple gerichtet und wird damit begründet, dass das Unternehmen in Australien einen Marktanteil von rund 41 Prozent habe. Zudem sei es eine attraktive Zielgruppe, wie die Banken offen zugeben. Apple-Nutzer sind den Banken zufolge technisch begeisterter, verwenden neue Techniken schneller, geben mehr Geld aus und nutzen mobile Bank-Funktionen häufiger als andere Smartphone-Nutzer. Und die Banken sehen sich gezwungen, ihre Bezahldienstleistungen über Apple Pay anbieten zu müssen. Zwar gibt es Ansätze, ohne Apple Pay mit einem iPhone zu bezahlen, doch der Antrag zählt zahlreiche gescheiterte Alternativen auf. Sie haben den Banken zufolge keine Chance gegen Apple Pay.
Der Antrag auf Boykott und gemeinsame Verhandlungen mag ungewöhnlich erscheinen, aber die Banken gehen damit einen rechtlich sicheren und vorsichtigen Weg, um gemeinsam ihre Position gegen Apple zu stärken. In den USA wird dagegen mit ganz anderen Mitteln vorgegangen . Virtualisierte Kreditkarten per Apple Pay werden dort teilweise nicht akzeptiert, obwohl die Kassen das EMV-Logo tragen und damit kompatibel sind.
Apple hat in einem Schreiben (PDF)(öffnet im neuen Fenster) auf die Forderung der Banken und der ACCC reagiert. Apple nennt dabei den Zusammenschluss ein Kartell und einen Verstoß gegen den Wettbewerb. Den angedrohten gemeinsamen Boykott der Banken, die laut Apple rund zwei Drittel des Marktes kontrollieren, bezeichnet das Unternehmen als "hard-core breach of the Competition and Consumer Act" .
Wettbewerbsvorwürfe gegen Apple und Apple Pay
Die Banken werfen Apple ebenfalls einen Wettbewerbsverstoß vor, so etwa die Heritage Bank (PDF)(öffnet im neuen Fenster) in einer ergänzenden Stellungnahme. Der Wettbewerb werde reduziert, da den Teilnehmer der Zugriff verweigert werde. Zudem stört sich die Heritage Bank daran, nicht in der Lage zu sein, australische Sicherheitsstandards per NFC umsetzen zu können, obwohl sie dafür das Risiko als Bank trage.
Ähnlich argumentiert allerdings auch Apple. Die Öffnung würde die Sicherheit der Nutzer gefährden. Apple verweist aber nicht nur auf kartellrechtliche und Sicherheitsbedenken, sondern wirft den Banken recht harsch Ahnungslosigkeit ( "limited understanding" ) vor. Doch dieses mangelnde Verständnis liegt auch daran, dass sie keinen Zugriff haben. Apple führt an, dass eine der Banken, die Interesse an der Öffnung des NFC-Chips habe, nicht einmal eine Stillschweigevereinbarung unterschrieben habe, um Zugriff auf Informationen zu bekommen.
Ebenfalls zurückgewiesen wird das Argument der Banken, sie würden von Apple gezwungen, sich auf die Apple-Pay-Verträge einzulassen. Apple kann nicht nachvollziehen, wie die weltweit 3.000 Banken gezwungen werden könnten. Doch aus deren Sicht führt Apples marktbeherrschende Stellung eben dazu, dass Apple Pay unterstützt und die Forderungen des Unternehmens akzeptiert werden müssen. Eine Alternative zu dem System gibt es nach ihrer Darstellung nicht.
Schwierige, neue Situation
Australien wird auf der Grundlage der Einreichungen entscheiden, ob Apple einen deutlich gestärkten Verhandlungspartner bekommt. Die Schwierigkeit dürfte darin liegen, die Märkte an sich zu definieren. Hat Apple Pay eine marktbeherrschende Stellung? Wird die gesamte Infrastruktur um das drahtlose Bezahlen betrachtet, ist das sicher nicht der Fall, denn per NFC-Chip bezahlt kaum ein Anwender. Die meisten verwenden ISO-14443-Karten sind aus Plastik. Zu einem anderen Ergebnis könnte es kommen, wenn der Markt auf Mobilgeräte oder Betriebssysteme eingeschränkt wird und die Frage wichtig ist, ob beispielsweise Android-Bezahlmechanismen wettbewerbsrechtlich als Konkurrenz für Apple Pay gewertet werden oder nicht. Denn den Banken zufolge ist Android keine Konkurrenz. Begründet wird dies damit, dass Apple sowohl die Hardware als auch das Betriebssystem kontrolliert. So lässt sich Android ihrer Darstellung nach beispielsweise auf iPhones nicht installieren.
Somit ist der gesamte Vorgang neu und der Ausgang ungewiss. Die Einreichung von Kommentaren ist noch bis zum 18. August 2016 möglich. Der Fortschritt des Verfahren und alle Dokumente können auf der Antragswebseite der ACCC eingesehen werden(öffnet im neuen Fenster) .
Eine Analyse zu NFC findet sich in unserem Artikel Probleme und Chancen der Nahfunktechnik . Ein aktuelles Beispiel über den Einsatz diverser NFC-Emulationen und deren Probleme bietet der Artikel Was Apple Pay nicht schafft, soll der Nahverkehr bringen .



