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Apple: Kein Mittelklasse-iPhone ohne Mittelklasse-SoC

Viele hoffen Jahr für Jahr auf ein echtes Mittelklasse- iPhone , also ein neues Modell mit aktueller Kamera, gutem Display und einem Preis, der eher Richtung 500 als 1.000 Euro geht. Solange Apple bei seiner Strategie bleibt, nur Top-SoCs zu produzieren, wird es ein solches Gerät aber nicht geben.
/ Tobias Költzsch
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Das iPhone Xr ist kein Mittelklasse-Smartphone (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Das iPhone Xr ist kein Mittelklasse-Smartphone Bild: Martin Wolf/Golem.de

Apple hat parallel zu den neuen iPhone-Modellen Xs und Xs Max auch das iPhone Xr vorgestellt und damit seit einiger Zeit mal wieder ein etwas weniger teures Alternativgerät im Sortiment. Ein Mittelklasse- oder gar Einsteiger-Smartphone ist das iPhone Xr aber nicht, das zeigen sowohl die technische Ausstattung als auch der Preis von mindestens 850 Euro. Damit liegt das Gerät auf dem Preisniveau einiger Android-Topgeräte.

Auf ein Mittelklasse-iPhone mit neuer Hardware warten potenzielle Käufer also auch im Jahr 2018 weiter. Apple bleibt damit der einzige große Smartphone-Hersteller, der lediglich ein Segment des Marktes mit neuen Geräten versorgt – wer es preiswerter haben will, muss alte iPhones kaufen. Daran wird sich auch nichts ändern, solange Apple nur eine Art von SoCs herstellt: die im Oberklassesegment.

Wie Samsung und Huawei stellt Apple nicht nur Smartphones, sondern auch die darin verwendeten SoCs her. Viele andere Hersteller machen das nicht und verlassen sich stattdessen auf Chips von Qualcomm oder Mediatek. Anders als die Konkurrenz aus Asien hat Apple aber keine Auswahl bei seinen SoCs: Seit jeher gibt es nur ein oder zwei Modelle, die im absoluten Oberklassesegment angesiedelt sind.

Apple iPhone Xr – Test
Apple iPhone Xr – Test (01:35)

Einen Mitteklassechip stellt Apple schlicht und ergreifend nicht her, entsprechend fehlt die Basis für Mittelklasse-Smartphones, wie sie Samsung und Huawei anbieten können. Und ohne ein solches SoC wird es auch kein derartiges iPhone geben. Die Gründe, warum Apple auf eine derartige Entwicklung verzichtet, sind vielfältig. Grundlegend gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste wäre: Apple kann es nicht.

Demzufolge wäre Apple technisch nicht in der Lage, einen Chipsatz mit weniger Leistung zu produzieren. Diese Annahme dürfte sich allerdings nicht mit Fakten untermauern lassen: Angesichts der Chips, die Apple in den zurückliegenden Jahren vorgestellt hat, sollte das Unternehmen keine Probleme haben, auch leistungsschwächere SoCs herzustellen. Als einer der wichtigsten Smartphone-Hersteller weltweit hat Apple zudem die Marktmacht, derartige Mittelklasse-SoCs bei seinen Zulieferern zu bestellen und herstellen zu lassen.

Als Erklärung dürfte also eher die zweite Möglichkeit taugen: Apple will keine Mittelklasse-SoCs herstellen. Ein echtes Mittelklasse-iPhone wäre für die Konsumenten zwar schön, für Apple aber aus unternehmerischer Perspektive in mancher Hinsicht nicht. Das hat mit der Position des Unternehmens am Markt zu tun, in der es sich Apple durch die jahrelange Fixierung ausschließlich auf Top-Modelle bequem gemacht hat.

Ein iPhone muss top sein

Ein iPhone-Modell, das kein Spitzen-Smartphone wäre, würde am Selbstverständnis rütteln, dass Apple das beste Smartphone am Markt herstellt. Das iPhone ist aus Apples Sicht das beste Smartphone und das einzige, das Nutzer benötigen. Mit einem zweiten, schwächeren Gerät wäre diese Annahme hinfällig und damit auch ein großer Teil vom Nimbus des iPhones.

Diese Selbstsicht ist bezogen auf die SoCs durchaus gerechtfertigt: Apple stellt seit Jahren die mit Abstand leistungsfähigsten Chips her. Das muss natürlich nicht zwingenderweise bedeuten, dass es keinen Markt für leistungsschwächere und preiswertere neue iPhones gäbe.

Verkauf älterer iPhones läuft offenbar noch gut

Das aktuelle Verkaufsmodell ist ein weiterer Grund, warum Apple kein Mittelklasse-iPhone bringen will: Es läuft für Apple schlicht zu gut. Über Jahre hinweg bietet das Unternehmen seine älteren Geräte weiter an, die sich trotz neuen Geräten weiter gut verkaufen. Ohne zusätzliche Entwicklungs- und Produktionskosten deckt der Hersteller damit einen Quasi-Mittelklasse-Bereich ab. Apple tut dafür natürlich auch etwas, indem beispielsweise Updates für deutlich ältere Geräte angeboten werden, anders als es bei Android der Fall ist. Das aktuelle iOS 12 ist beispielsweise auch für das iPhone 5S verfügbar, das Modell aus dem Jahr 2013, das mit iOS 7 auf den Markt kam.

Ein Mittelklasse-iPhone könnte zudem den Markt für die teuren Top-iPhones kannibalisieren. Es bleibt abzuwarten, wie gut sich das 300 Euro günstigere iPhone Xr verkaufen wird; als Alternative für Modelle, die mindestens 1.150 Euro kosten, dürfte die Nachfrage nach dem Smartphone aber recht hoch sein. Ein noch günstigeres iPhone könnte für viele Nutzer sehr attraktiv sein und dazu führen, dass weniger Oberklasse-iPhones gekauft werden. Das bringt Apple möglicherweise weniger Profit, woran das Unternehmen natürlich kein Interesse hat. Die bisher verfügbaren älteren Modelle höhlen den Markt für die neuen iPhones scheinbar nicht aus, ansonsten würde Apple sie nicht weiter anbieten.

Apple hat seit dem ersten iPhone ein recht spezielles Marktmodell geschaffen, das ohne explizites Mittelklasse-Modell auskommt und stattdessen auf ältere Hardware setzt. Ein neu entwickeltes Mittelklasse-Smartphone von Apple dürfte Wunschdenken bleiben: Solange das bisherige Geschäftsmodell läuft und Apple weiter Rekordumsätze verbucht, hat der Hersteller schlicht keinen Grund, an dem System etwas zu ändern.

Chinesische Konkurrenten machen Druck

Die Konkurrenz aus China ist Apple aber auf den Fersen – vielleicht führt deren Druck doch irgendwann einmal zu einem Umdenken. Apple wäre im Ernstfall sicherlich in der Lage, ein sehr gutes Mittelklasse-SoC für ein entsprechendes iPhone zu entwerfen und zu produzieren. Momentan bleibt iPhone-Nutzern ohne ein Budget von knapp 1.000 Euro aber nichts weiter übrig, als sich ein älteres neues oder gebrauchtes Gerät zu kaufen.


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