Apple-1-Nachbauten: Apple-Computer aus Deutschland

"Ist das überhaupt legal?" – Armin Hierstetter lacht, als er die erste Reaktion in einem Forum zitiert, die auf seine Ankündigung folgte, das Handbuch für den ersten Apple-Computer nachzudrucken. "Typisch deutsch." Die Antwort auf die Frage lautet: Ja, ist es. Denn vor 1977 gedruckte Werke ohne ausdrücklichen Copyright-Vermerk sind nach US-Recht gemeinfrei.
Dass Hierstetter im Jahr 2020 über Schaltplänen aus den 1970er Jahren brüten und mit Akribie nach alten Schriftarten suchen würde, um das Apple-1-Operation-Manual möglichst originalgetreu zu reproduzieren, hätte er einige Jahre zuvor niemals gedacht. Noch absurder wäre ihm wohl die Idee erschienen, Apple-1-Computer selbst nachzubauen – er konnte ja nicht einmal löten.
Und doch verkauft Hierstetter derzeit beide Produkte recht erfolgreich an eine kleine Gemeinschaft von Retro-Enthusiasten und Sammlern (nur eine einzige Frau war bislang darunter).
Hierstetter kommt aus der Verlagsbranche, wo er unter anderem für Fachmagazine rund um den Atari ST schrieb und sich später zum Verlagsleiter weiterbildete, wirtschaftliche Aspekte inklusive. Letzteres half ihm, als er während der Finanzkrise(öffnet im neuen Fenster) 2008 entlassen wurde und sich im Alter von 38 Jahren selbstständig machte.
Er gründete eine Plattform(öffnet im neuen Fenster) , die Sprecherinnen und Sprecher an ihre Kundschaft vermittelt. Programmieren lag ihm bereits seit der frühesten Jugend, so musste er für seine Webseite keine externen Entwicklungsdienstleistungen einkaufen.
Bis heute betreibt er dieses Geschäft allein, mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen: "Ich würde nie wieder unter jemand anderem arbeiten. Bei dem was ich tue, gibt es immer wieder neue Dinge zu entdecken, ich kann mir meine Aufgaben danach einteilen, worauf ich gerade am meisten Lust habe. Und am besten lernt man, wenn es um das eigene Portemonnaie geht."

Nachdem die Plattform erfolgreich lief, kamen die Pandemiejahre und damit mehr Freizeit. Armin Hierstetter verschlug es in die Retro-Computing-Ecken des Internets. Am 23. November 2020 kaufte er einen frühen Bastelcomputer der Firma Commodore, den KIM 1(öffnet im neuen Fenster) . Das Gerät besteht aus einer Platine mit einem numerischen Tastenfeld und einer sechsstelligen digitalen Anzeige; mehr Computer war 1976 in Hobbykreisen kaum üblich. Weil der KIM zwar hübsch anzusehen war, aber recht schnell einstaubte, kam Hierstetter die Idee, ein Plexiglasgehäuse zu entwerfen.
Es besteht aus einem Ober- und Unterteil mit einer Aussparung für die Tasten. Weil der KIM an allen vier Ecken seiner Platine Löcher aufweist, konnte Hierstetter die beiden Plexiglasscheiben mit Schrauben und Abstandshaltern befestigen. Schnell kam ihm der Gedanke, dass vielleicht auch andere KIM-Fans gern ein Gehäuse hätten. Er verkaufte innerhalb eines Jahres mehr als 30 Stück privat über Ebay.
Vom Hobby zum Business
Was als Hobbyprojekt begann, wurde schnell zu einem einträglichen Nebengeschäft. Eines Tages fragte jemand an, ob Hierstetter nicht auch ein Gehäuse für der ersten Apple-Computer anfertigen könnte. Das Problem: Er hatte natürlich keinen Apple 1, denn deren Preise sind um Größenordnungen höher als die für Commodores KIM.
Glücklicherweise fand er heraus, dass jemand das Mainboard des Computers nachgezeichnet und frei online verfügbar(öffnet im neuen Fenster) gemacht hatte. Diesen Plan konnte er bei einem Platinenhersteller einreichen und ein darauf basierendes Board bestellen. Nun wusste er zumindest, wo sich die Schrauben und Abstandshalter befinden mussten.
Bei der Suche nach den Schaltplänen stolperte er über eine billig gemachte Reproduktion des originalen Handbuches. "Eingescannt und mit einem Laserdrucker vervielfältigt, lieblose Spiralbindung, das Ganze für 100 Dollar" , sagt Hierstetter und schüttelt den Kopf. Sein Ehrgeiz war geweckt.
Er fühlte in den einschlägigen Foren vor, ob es Interesse an besseren Nachdrucken gibt – und abseits des eingangs erwähnten Kommentars zur rechtlichen Lage stieß seine Idee auf positive Resonanz.
130 Stunden verbrachte Hierstetter zwischen 2020 und 2021 damit, Layout, Papier und Bindung des 18-seitigen Heftes zu studieren und nach Wegen zu suchen, es zu drucken. Ein erster Versuch mit einer Flyer-Druckerei war unbefriedigend. Er sei nicht sonderlich ordentlich, meint Armin Hierstetter, aber er habe den Ehrgeiz entwickelt, dass seine Arbeit in der Retroszene anerkannt wird.
Das klappte besser als erwartet und brachte ihm auch Lorbeeren außerhalb der winzigen Gruppe der Apple-1-Enthusiasten ein. So ziert sein Manual inzwischen das Ausstellungsstück eines Apple 1 im Deutschen Museum in München(öffnet im neuen Fenster) , auch das Nixdorf-Museum(öffnet im neuen Fenster) in Paderborn bekam ein Exemplar.
Nicht gefälscht, aber falsch
"Am schwierigsten waren die Schriftarten, es gibt einige verschiedene im Handbuch und sie wurden unter anderem mit einer IBM Selectric-Schreibmaschine gesetzt, die beherrschte offenbar damals schon eine variable Laufweite zwischen den Buchstaben. Die Schaltpläne haben sie mit Schablonen per Hand beschriftet." Für beide Schriftarten fand Hierstetter einen TTF-Ersatz. Am Ende druckte er testweise Seiten auf Folie aus und legte sie über eine originalgetreue Reproduktion aus den 1980er Jahren.
Armin Hierstetter ist beileibe nicht der Einzige, der sich an einer Kopie des Handbuches versucht hat. Die deutsche Niederlassung von Apple verteilte auf einer Entwicklerkonferenz 1983 eigens nachgedruckte Exemplare – kostenlos. Heute ist ein originales Exemplar mehrere Zehntausend Dollar wert.







Dabei tauchen auch immer wieder Reproduktionen in Auktionen auf. Hierstetter konnte eine davon identifizieren und melden(öffnet im neuen Fenster) . So sparte er einem Käufer viel Geld. Dabei hatte der Anbieter das Handbuch in gutem Glauben inseriert, einige Details stimmten aber erkennbar nicht mit dem Original überein.
Hierstetter kennzeichnet seine Kopien durch schnell identifizierbare Abweichungen vom ursprünglichen Design, zum Beispiel ungefüllte Linienpaare auf der Frontseite. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, den Stempel des ersten Apple-Verkäufers Byte Shop nachzumachen und jedes seiner Exemplare abzustempeln – mit ausdrücklicher Genehmigung des damaligen Inhabers Paul Terrell(öffnet im neuen Fenster) natürlich.
Jetzt umfasste Armin Hierstetters Angebot schon zwei Produkte, aber einen Apple 1 hatte er noch immer nicht.
Chips sind Mangelware
Das änderte sich im Oktober 2021, als er bei einem US-Anbieter(öffnet im neuen Fenster) den kompletten Satz Chips für einen Nachbau bestellte. Die Platine hatte er ja schließlich noch von seinem Gehäuseprojekt.
Der Haken an der Sache: Er hatte noch nie ein Board bestückt und löten konnte er – wie bereits erwähnt – auch nicht. Zwei Tage dauerte es, bis er mithilfe eines Video-Kurses für richtiges Löten aus den 1960er Jahren(öffnet im neuen Fenster) die mehr als 1.000 Lötstellen abgearbeitet hatte. Dann schloss er seinen ersten selbst gebauten Computer an einen Monitor an. Er funktionierte nicht.
Zumindest elektrisch war alles in Ordnung, auch der Videoschaltkreis schien etwas auszugeben. Die Fehlersuche kostete ihn zwei weitere Tage, die er mithilfe der Apple-1-Online-Community damit verbrachte, mehr über den Rechner zu lernen. Am Ende waren es zwei Lötstellen, die die CPU als 6502(öffnet im neuen Fenster) identifizierten – denn den Computer gab es auch in einer Ausführung für Motorolas 6800-Prozessor(öffnet im neuen Fenster) .
Während der Arbeit an seinem Apple 1 stellte Hierstetter fest, dass das Löten und Basteln eine geradezu therapeutisch-entspannende Wirkung auf ihn ausübte. Er bekam Lust auf mehr und bestellte Chips für einen zweiten Computer.
Das Ende der Handarbeit
Weil dessen Zusammenbau schon wesentlich flotter vonstatten ging, beschloss er, "das Ganze größer aufzuziehen" . Vom originalen Apple 1 hatte Paul Terrells Byte Shop 50 Stück bestellt, die Steve Wozniak und Steve Jobs zusammenbauen mussten – warum sollte Hierstetter nicht auch 50 anfertigen können(öffnet im neuen Fenster) ? Immerhin hatte er mehr Zeit als die beiden Steves. Was er hingegen nicht hatte, waren genügend Komponenten.
Alte – oder zeitgemäße – Schaltkreise zu besorgen, erwies sich als Herausforderung. Einige TTL-Bauteile sind unverändert in Produktion, hier waren nur ältere Chargen erstrebenswert. Schwierig wurde zum Beispiel die Beschaffung des clock drivers DS0025CN. Armin Hierstetter machte einen chinesischen Anbieter ausfindig, der die raren ICs mit einem Foto bewarb. Einige Wochen später trafen jedoch DS0026CN-Schaltkreise ein. Der Händler reagierte auf Hierstetters Beschwerde mit Unverständnis: Das sei doch die neue, bessere Version!
Als Glückstreffer erwies sich schließlich ein Lot von 250 Chips aus dem Jahr 1975, das Hierstetter kurzerhand komplett aufkaufte – wenn einige übrig blieben, würde er sie sicherlich auch einzeln loswerden. Weitere seltene Komponenten auf seiner Wunschliste umfassten den Signetics 2519b(öffnet im neuen Fenster) , das Zeichensatz-ROM 2513 (ebenfalls von Signetics) und natürlich das originale, von Steve Wozniak geschriebene System. Das besteht zwar nur aus 256 Byte, verteilt auf zwei PROMS, aber die gab es ja nur mit einem Apple 1.
So schaffte sich Armin Hierstetter neben einer besseren Lötausrüstung auch noch einen EPROM-Brenner an, der ROM-Code ist in Binärform verfügbar(öffnet im neuen Fenster) .







Es zeigte sich bald, dass es doch etwas zu ambitioniert war, die 50 Platinen händisch zu löten. Also musste ein Dienstleister her, der in Kleinauflage Wellenlöten(öffnet im neuen Fenster) konnte. Mitte Mai 2022 waren schließlich die ersten 15 Boards bestückt und auf Anhieb funktionsfähig. Armin Hierstetter verbirgt seinen Stolz nicht: "Mit Anfang 50 noch so viel zu lernen, war schon toll."
Die geschäftliche Seite des Ganzen sieht bei einem Stückpreis von knapp über 1.400 Euro(öffnet im neuen Fenster) auch gut aus. Die Computer kommen natürlich mit dem Handbuch – aber ohne Netzteil.
Ohnehin kann man mit dem Apple 1 nicht allzu viel anfangen, wie Hierstetter zugibt. Es ist eben ein Sammlerobjekt. Aber wer nicht gerade eine halbe Million US-Dollar für ein Original übrig hat, für den ist der Apple-Computer aus Deutschland vielleicht eine lohnenswerte Investition – und wird eventuell in Zukunft selbst zu einem gesuchten Stück.
Wenn Armin Hierstetter irgendwann mehr Apple 1 als Apple selbst produziert hat, findet er sicherlich ein neues Hobby – genügend Wissen über Reproduktionen hat er jedenfalls inzwischen.



