Antigravity A1 im Test: Rundum gelungene Drohnenrevolution
Wenn Superman mitten im Flug sehen möchte, ob ihm rechts hinten ein Superschurke folgt, muss er nicht erst umständlich eine Kamera umdrehen – er schaut einfach nach rechts hinten. Und genau das kann ich nun auch, aber leider ohne sonstige Extrakräfte oder Unverwundbarkeit: mit der Antigravity A1, der ersten 8K-360-Grad-Drohne.
Statt wie bei klassischen FPV-Drohnen einen mehr oder weniger engen Ausschnitt nach vorn zu zeigen und zu filmen, nimmt die A1 mit zwei übereinander angeordneten Linsen permanent alles um sich herum auf. Ich konzentriere mich beim Fliegen fast nur noch darauf, wo die Drohne sicher entlangkommt.
Erst später in der Foto- und Video-App entscheide ich, ob ich nach vorn, hinten, seitlich oder nach unten schauen möchte. Genau dieses Prinzip macht den Reiz der A1 aus und sorgt dafür, dass sie sich wie ein ganz neues Flugerlebnis anfühlt.
Brille auf, Welt weg
Zum System gehören die eigentliche Drohne, die Vision-Brille und ein Griff-Controller. Statt auf ein Handydisplay oder eine klassische Fernbedienung zu blicken, befinde ich mich mit der Brille quasi im First-Person-Cockpit.
Die beiden Micro-OLED-Panels liefern ein sehr scharfes Bild, der Augenabstand und die Dioptrien lassen sich per Schiebe- und Drehregler anpassen. In der Praxis geht das erstaunlich schnell und problemlos, auch mit leichter Fehlsichtigkeit.
| Antigravity A1 - Drohne | |
|---|---|
| Abmessungen | Gefaltet: 141,3 × 96,2 × 81,4 mm / Entfaltet: 308,6 × 382,3 × 89,2 mm |
| Gewicht | 249 Gramm |
| Kamera | 360 Grad Dual-Lens, 1/1.28"-Sensor, Blende f/2.2 |
| Videoauflösungen | 8K 30/25/24 fps, 5.2K 60/50/30/25 fps, 4K 100 fps, 4K Slo-mo 30/25/24 fps |
| max. Video-Bitrate | 170 Mbit/s (H.264/H.265) |
| Fotoauflösung | 55 MP (10.486 × 5.248) / 14 MP (5.248 × 2.624) |
| Foto-Modi | Normal, HDR, Burst, AEB, Intervall; DNG-Support |
| Flugzeit | 22 Minuten |
| max. Windresistenz | 10.7 m/s |
| max. Geschwindigkeit | bis 16 m/s (S-Mode) |
| GNSS | GPS + Beidou + Galileo |
| Videoübertragung | Omnilink 360, 2K@30 Live-View, Reichweite bis 10 km (FCC) |
| Hindernissensoren | Forward (0.5 - 18 m), Downward (0.3 - 7.5 m) |
| Interner Speicher | 20 GByte (+ MicroSD-Slot, bis 1 TByte) |
Das Entscheidende ist aber nicht die Schärfe, sondern die Freiheit: Ich kann den Kopf nach links, rechts, oben und unten drehen, ohne dass sich die Drohne mitdreht. Die Flugrichtung ist von der Blickrichtung getrennt, im Livebild habe ich also eine echte 360-Grad-Kuppel um mich herum.
Das wirkt im ersten Moment etwas überfordernd, nach ein paar Minuten fühlt es sich aber erstaunlich natürlich an. Klassische Drohnen wirken danach fast klaustrophobisch, weil sie mich wieder in einen vergleichsweise engen Sichtkorridor zwingen.
Ersteinrichtung und Updates
Auf dem Papier wirkt die Ersteinrichtung erst mal kompliziert: Drohne, Brille und Griff-Controller müssen per App aktiviert und mit neuer Firmware versorgt werden. In der Praxis ist das weniger dramatisch, nimmt aber einige Zeit in Anspruch.
Bei mir hat das Gesamtpaket mit rund 2,2 GByte an Daten etwa 30 bis 40 Minuten gebraucht, bis Drohne, Brille und Controller auf dem aktuellen Stand waren. Der komplette Prozess läuft über die Antigravity-App, die sich im Test als stabil und gut strukturiert erwiesen hat.

Ist das einmal erledigt, ist der Alltag recht unkompliziert: Brille einschalten, Drohne aufstellen, Akku einsetzen, Controller an – nach automatisch ablaufender Verbindungsaufnahme und GPS-Fix kann es losgehen, und zwar ganz ohne App.
Die A1 verfügt über rund 20 GByte internen Speicher, die Brille über etwa 30 GByte; in beide Geräte lässt sich zusätzlich eine MicroSD-Karte stecken. So lassen sich 360-Grad-Videos aus der Drohne sichern, während die Brille auf Wunsch parallel eine klassische 2D-Bildschirmaufnahme im MP4-Format erzeugt, also genau das, was ich während des Flugs sehe.
Drohne mit einer Hand im Griff
Nett gelöst ist ein Sicherheitsdetail: Wenn die Drohne wegen Verbindungsabbruchs eine automatische Notlandung hinlegt, sendet sie beim Aufsetzen ein niedrig aufgelöstes Video an die Brille. Damit lässt sich die ungefähre Position leichter wiederfinden, falls die A1 im hohen Gras oder hinter einem Busch gelandet ist.
Free Motion statt Sticks
Geflogen wird nicht mit zwei Sticks, sondern mit dem sogenannten Free-Motion-Modus. Der Griff-Controller funktioniert im Prinzip wie ein Laserpointer. Ich richte ihn in die gewünschte Richtung, ziehe am Trigger, und die Drohne fliegt los. Die Geschwindigkeit hängt vom Druck auf dem Hebel ab.
Das klingt simpel, und das ist es auch. Nach kurzer Eingewöhnung fühlt sich die Steuerung sehr intuitiv an, weil sie unseren natürlichen Gesten recht nahekommt. In Verbindung mit der Rundumsicht durch die Brille entsteht tatsächlich ein Fluggefühl, das näher an "Ich fliege selbst"- als an klassisches Drohnenpiloten-Feeling herankommt.
Trotzdem wünsche ich mir eine klassische Fernbedienung als Option. Gerade, wenn ich schnell mal eine Szene ohne Brille festhalten möchte, wäre eine konventionelle Steuerungsoption hilfreich.
Fliegen im 360-Grad-Kokon
In der Luft zeigt die A1 ihre Stärken: Ich kann mit relativ simplen Flugmanövern – langsame Kurven, leichte Höhenwechsel – Aufnahmen erzeugen, die aussehen, als hätte ich die Drohne sehr viel aufwendiger geflogen. Entscheidend ist, dass ich nicht jeden Flugwinkel im Moment perfektionieren muss.
| Antigravity A1 - Heads-up-Display | |
|---|---|
| Abmessungen | 200 × 106 × 115 mm |
| Gewicht | ca. 340 g (ohne externen Akku) |
| Display | 1.03" Micro-OLED pro Auge |
| Auflösung | 2.560 × 2.560 Pixel pro Auge |
| Bildfrequenz | 72 Hz |
| Sichtfeld | DFOV 90 Grad |
| IPD-Einstellung | 5.9 - 72 mm |
| Dioptrien | -5.0 D bis +2.0 D |
| See-through-Kamera | Ultraweitwinkel, DFOV 115 Grad |
| Videoaufnahme | MP4-Bildschirmausgabe direkt aus dem Headset |
| Interner Speicher | knapp 30 GByte (+ MicroSD-Slot) |
Ein Flug liefert das komplette Rohmaterial. Später im Schnitt wähle ich aus, ob ich, wie bei einer klassischen Kameradrohne, nach vorn blicke, top-down über ein Feld schwebe oder seitlich an einer Felswand entlangfliege.
Das geht mit den üblichen Reframe-Werkzeugen in der Antigravity-Software oder per Plug-in (Premiere Pro) im Schnittprogramm. Die App von Antigravity (Android, iOS, Windows und MacOS) ist funktionell fast identisch mit der von Insta360; die Firmen gehören zusammen.
Das Reframing vereinfacht meinen Workflow: Bei klassischen Drohnen muss ich mir während des Flugs oft schon sicher sein, welchen Ausschnitt und welche Kameraposition ich später brauche, sonst ist die Szene am Ende unbrauchbar oder wirkt hektisch nachkorrigiert.
Mit der A1 habe ich diese Entscheidung nicht mehr im Moment des Fliegens, sondern ganz entspannt im Schnitt. Ich konzentriere mich also auf eine saubere Flugbahn und kann den finalen Bildausschnitt später in Ruhe festlegen. Auch das Tracking eines Objekts oder von Menschen lässt sich dort verwenden – das geht zwar auch im Flug, ist dort aber recht umständlich.
Für mich ist das ein Vorteil, weil ich nicht dauernd überlegen muss: "Hätte ich lieber weiter nach links schwenken sollen?" Wenn alles ohnehin im Material steckt, nimmt das viel Druck aus der Flugphase, sie kann auch viel kürzer ausfallen – oft ein Vorteil.
Es ist aber auch schade, denn das Fliegen mit der A1 macht viel Spaß und bietet neue Möglichkeiten. Etwa für touristische Zwecke: Ohne komplexe Flugmanöver kann man sich über interessanten Orten frei umblicken und Details so lange anschauen, wie man möchte – sofern das Fliegen mit Drohnen überhaupt erlaubt ist. Praktisch dürfte die Rundumsicht auch in der Landwirtschaft sein, beispielsweise bei der Suche nach Rehkitzen im Feld.
Bildsensor trifft Reframing
Die Funkverbindung arbeitet im Test stabil mit kaum spürbarer Verzögerung. Wenn mehrere Drohnen in unmittelbarer Nähe unterwegs sind, kann es zu Interferenzen kommen – dann ist etwas mehr Abstand gefragt.
Kamera und Bildqualität
Technisch arbeitet die A1 mit einem 1/1,28-Zoll-Sensor und zwei F2,2-Linsen, die bis zu 8K in 360 Grad mit 30 Bildern pro Sekunde oder 5,2K mit 60 Bildern pro Sekunde aufzeichnen. Außerdem gibt es 4K mit hohen Bildraten für Slow Motion; im Grunde ist das der gleiche Sensor wie in der Insta360 X5 (Test auf Golem).
Fotos sind mit maximal rund 55 Megapixeln möglich, alternativ mit 14 Megapixeln in einem engeren Sichtfeld. Entscheidend ist, dass sich diese 8K-Auflösung auf die komplette Kugel um die Drohne verteilt.
Wenn ich später einen klassischen 16:9-Ausschnitt nach vorn oder zur Seite heraus-reframe, bleibt effektiv weniger Auflösung für diesen Ausschnitt übrig – in vielen Situationen wirkt das Ergebnis eher wie gutes 4K als wie echtes 8K.
Für Urlaubsclips, Social-Media-Videos und viele semiprofessionelle Anwendungen reicht das locker aus, für High-End-Produktionen mit extrem strengen Anforderungen an Detailtreue und Postproduktion bleibt Luft nach oben.
Ein Log-Profil wie D-Log gibt es nicht, die A1 arbeitet mit 8-Bit-Farben. Das erlaubt moderate Farbkorrekturen, aber keine radikalen Grading-Orgien. Hier merkt man, dass der Fokus klar auf Erlebnis, Flexibilität und Workflow liegt und nicht auf maximaler Dynamikreserve. Die Stabilisierung funktioniert dafür sehr überzeugend, selbst bei spürbarem Wind bleiben der Horizont und die Bewegung angenehm ruhig.
Der große Vorteil bleibt die Freiheit im Schnitt: Ich kann Perspektiven nachträglich ändern, Drehungen hinzufügen, Tiny-Planet nutzen und dieselbe Szene in mehreren Varianten ausspielen, ohne sie neu fliegen zu müssen.
Speicher, Sicherheit und Alltagstauglichkeit
Neben dem internen Speicher und den MicroSD-Slots gefällt mir im Test, wie konsequent Antigravity an den Alltag gedacht hat. Die Linsen sind austauschbar, was bei einem Bodenkontakt teure Werkstattaufenthalte verhindern kann. Das Fahrwerk fährt beim Start automatisch ein und bei der Landung wieder aus und schützt so die untere Linse, ohne ständig im Bild zu hängen.
Die Hindernisvermeidung arbeitet mit nach vorn gerichteten und nach unten orientierten Stereosensoren, die in Kombination mit der Fluglogik einen 360-Grad-Schutz im horizontalen Bereich bieten sollen.
In der Praxis schützt das gut vor typischen Kollisionen im normalen Flug, ersetzt aber keine sorgfältige Planung, gerade beim Fliegen in engen Umgebungen. Die automatische Rückkehr zum Startpunkt plant den Weg zurück und umfliegt Hindernisse zuverlässig.
Positiv aufgefallen ist außerdem das Transportcase der Drohne: Es klingt banal, aber im Alltag war ich mehrfach froh, die A1 einfach sauber in ihre Schale legen zu können, statt wie bei manchen Konkurrenzmodellen erst Bänder und Halterungen über Gimbal und Propeller fummeln zu müssen.
Ein im Hintergrund arbeitendes Nutzlasterkennungssystem stellt sicher, dass die A1 nicht mit zusätzlichen Lasten oder fragwürdigen Modifikationen betrieben wird. Erkennt das System zu viel Gewicht, beendet die Drohne den Flug und landet.
Antigravity A1: Verfügbarkeit, Preis, Rechtliches und Fazit
Die Antigravity A1 ist beim Hersteller(öffnet im neuen Fenster) sowie bei autorisierten Händlern erhältlich. Es gibt mehrere Bundles, das günstigste kostet 1.400 Euro. Jedes Paket enthält die A1-Drohne, die Vision-Brille und den Griff-Controller mit unterschiedlichem Zubehör.
Rechtliches: Wie bei allen Drohnen müssen wir auch für die Antigravity A1 eine Drohnenversicherung abschließen oder eine passende Haftpflichtversicherung haben.
Außerdem müssen wir uns beim Luftfahrt-Bundesamt(öffnet im neuen Fenster) registrieren und die Registrierungsnummer am Fluggerät anbringen. Die A1 wiegt weniger als 250 Gramm, weshalb kein Drohnenführerschein nötig ist.
Weil beim FPV-Betrieb durch das Headset die direkte Sicht zur Drohne fehlt, ist ein Spotter (Beobachter) vorgeschrieben, der das Fluggerät jederzeit im Blick hat. Die maximale Flughöhe ist auf 120 m über Grund begrenzt.
Beispieldateien: Von Golem aufgenommene, unbearbeitete Video- und Bilddateien stehen hier zum Download (rund 340 MByte) bereit.
Fazit
Die Antigravity A1 ist für mich fast schon eine neue Kategorie von Flugkamera. Das Zusammenspiel aus Vision-Brille, Free-Motion-Steuerung und 360-Grad-Aufzeichnung sorgt dafür, dass sich Flüge ungewohnt frei anfühlen – und dass ich jetzt bei klassischen Drohnen das Gefühl habe, durch ein Schlüsselloch zu schauen.
Die Einstiegshürde ist dank der guten Tutorials, der App und der intuitiven Steuerung vergleichsweise niedrig; viele Effekte, für die man bisher FPV-Erfahrung und aufwendige Manöver brauchte, lassen sich hier mit simplen Flugbahnen nachbauen.
Auf der Habenseite stehen ein überzeugendes Fluggefühl, ein immersives Livebild, austauschbare Linsen und ein stimmiges Ökosystem. Die kreative Nutzerschaft profitiert vor allem von der Freiheit beim Reframing und der Möglichkeit, aus einem einzigen Flug mehrere sehr unterschiedliche Clips in verschiedenen Seitenverhältnissen zu erzeugen.
Perfekt ist die A1 dennoch nicht. Die Bildqualität ist für viele Einsatzzwecke mehr als ausreichend, stößt aber durch die Natur von 360-Grad-Material und 8-Bit-Farben an Grenzen, wenn es in den hochprofessionellen Bereich geht.
Vor allem aber wünsche ich mir eine klassische 2D-Fernbedienung als Option, um bei Bedarf schnell im gewohnten Stil filmen zu können, nur eben mit 360-Grad-Puffer um den eigentlichen Bildausschnitt.
Wer vor allem das Gefühl sucht, wirklich in der Luft zu sein, und Spaß daran hat, mit neuen Perspektiven zu experimentieren, bekommt hier eines der spannendsten und innovativsten Fluggeräte der vergangenen Jahre. Für mich fühlt sich die A1 an wie der Moment, in dem Drohnenfliegen neu erfunden wird – diesmal rundum.
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