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Animal Crossing: Die Privatinsel ist politisch

Joe Biden macht jetzt Wahlkampf in Animal Crossing, einem wirklich harmlosen Videospiel. Muss das sein? Die kurze Antwort lautet: ja.
/ Eike Kühl
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Animal Crossing: Politik im Eskapismus (Bild: Pixabay / Nintendo - Montage: Golem.de)
Animal Crossing: Politik im Eskapismus Bild: Pixabay / Nintendo - Montage: Golem.de

Es war ein wirklich schöner Sommer in Animal Crossing. Es wurden viele Bäume geschüttelt, Obst gesammelt, Fische gefangen, Sternschnuppen beobachtet, neue Freunde gefunden und alte Freunde verabschiedet, viele Häuser gebaut, Blumen gepflanzt, Lieder gesungen. Während vor der eigenen Tür eine globale Pandemie tobt, ist die Welt von Animal Crossing sicher. Tödliche Viren und andere Alltagsprobleme müssen draußen bleiben.

Wie kaum ein anderes Videospiel in den vergangenen Jahren ist Animal Crossing: New Horizons zur Definition des virtuellen Zufluchtsortes geworden. In der im März erschienenen Aufbausimulation für Nintendos Spielkonsole Switch baut jede Spielerin und jeder Spieler eine eigene Privatinsel von Grund auf. Es gibt keine Bedrohungen und Katastrophen, keinen Zeitdruck, keine verpflichtenden Aufgaben, keine Gegner.

Die größte Herausforderung besteht darin, gelegentlich zu entscheiden, ob und wenn ja, welche der tierischen Mitbewohner der Insel gehen müssen, um Platz für neue Gesichter zu schaffen. "Fische fangen, Corona vergessen" , so könnte man Animal Crossing zusammenfassen.

Politik in der friedlichen Welt von Animal Crossing

Jetzt aber wird die friedliche Welt durch umtriebige Politiker gestört. Um genauer zu sein: durch Joe Biden. Das Team des demokratischen Präsidentschaftskandidaten hat in dieser Woche virtuelle Wahlkampfschilder erstellt, die sich die Spielerinnen und Spieler von Animal Crossing herunterladen und anschließend auf ihrer Insel platzieren können. "Team Joe" steht dann in den virtuellen Vorgärten, auf Wunsch auch in Regenbogenfarben.

Animal Crossing New Horizon – Trailer (E3 2019)
Animal Crossing New Horizon – Trailer (E3 2019) (01:40)

Was die Biden-Kampagne als "aufregende, neue Möglichkeit" sieht, um ihre Unterstützer zu vernetzen, wird aus dem gegnerischen Trump-Lager verspottet. Der amtierende US-Präsident trete "in der echten Welt, vor echten Amerikanern" auf, sagte eine Sprecherin. Und nicht in einem Videospiel.

Prompt stellt sich die Frage, wo der Eskapismus aufhört und der politische Alltag anfängt. Muss denn jedes noch so harmlose Spiel instrumentalisiert werden, fragen manche(öffnet im neuen Fenster) . Denkt denn niemand an die Kinder? Die kurze Antwort: Es geht gar nicht anders. Als Teil des gesellschaftlichen Diskurses sind Games immer so politisch wie die Menschen, die sie spielen und entwickeln.

Animal Crossing – eine Dystopie?

Tatsächlich ist Joe Biden nicht der erste, der Animal Crossing dazu nutzt, um Spielerinnen und Spieler für eine gemeinsame Sache zu gewinnen. Schon im Mai besuchte die junge US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez mit ihrer Spielfigur einige Inseln und hinterließ den Besitzern eine persönliche Nachricht(öffnet im neuen Fenster) (jede Insel in Animal Crossing ist prinzipiell privat; wer andere Spielende auf deren Insel besuchen möchte, benötigt dafür eine Einladung).

Zur gleichen Zeit nutzten die Aktivisten in Hongkong das Spiel, um ihre Forderungen zu verbreiten, was möglicherweise dazu führte, dass Animal Crossing auf chinesischen Switch-Konsolen plötzlich nicht mehr verfügbar(öffnet im neuen Fenster) war. Im August fand die Black-Lives-Matter-Bewegung ihren Weg auf die Inseln(öffnet im neuen Fenster) : Einzelne Spieler erstellten Gedenkstätten für die ermordeten Schwarzen George Floyd und Breonna Taylor. Andere erstellten über die Funktion, im Spiel eigene Muster für Klamotten und Tapeten zu erstellen, Kleidung mit den Slogans der Bewegung.

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Auch das Spiel selbst ist, wenn man es so sehen möchte, nicht frei von wirtschaftlichen und politischen Realitäten. Spielerinnen und Spieler können ihre Insel nur erweitern, wenn sie das entsprechende Kapital in Form einer Fantasiewährung haben. Schon in den vergangenen Teilen der Serie wurde argumentiert, dass hinter der bunten, friedlichen Welt eigentlich eine kapitalistische Dystopie(öffnet im neuen Fenster) steckt. Tom Nook, ein putziger Marderhund, der auf jeder Insel den Dorfladen betreibt, wird nicht zuletzt in zahlreichen Memes gerne als raffgieriger Kredithai dargestellt(öffnet im neuen Fenster) – etwas, das die Entwickler von Nintendo übrigens ganz anders sehen(öffnet im neuen Fenster) .

Bisweilen überträgt sich die fiktive Wirtschaft innerhalb des Spiels auch auf die Realität. Im Mai gab es die ersten Berichte(öffnet im neuen Fenster) , wonach einzelne Spielerinnen angeboten haben, große Mengen der In-Game-Währung, die sogenannten Bells, gegen echtes Geld zu tauschen, um damit ihre Miete in Zeiten von Covid-19 zahlen zu können. Auf Marktplätzen wie Ebay floriert der Handel(öffnet im neuen Fenster) mit Bells bis heute.

Die einen schütteln also virtuelle Bäume, um die heruntergefallenen Früchte zu verkaufen und sich ihr Haus im echten Leben leisten zu können. Die anderen kaufen die virtuellen Erträge für echtes Geld, um sich damit wieder im Spiel ihr Traumhaus bauen zu können, weil sie selbst keine Bäume schütteln wollen. Der Markt regelt es.

Animal Crossing: Politik ist dort, wo Menschen sind

Die Beispiele zeigen, dass selbst ein auf den ersten Blick harmloses Spiel wie Animal Crossing: New Horizons nicht außerhalb politischer Diskurse existiert. Dass überhaupt angenommen wird, es könnte im luftleeren Raum stattfinden, liegt auch am noch gängigen Mythos vom unpolitischen Spiel(öffnet im neuen Fenster) . Bis heute argumentieren Entwickler und Entwicklerinnen, ihre Spiele dienten einzig der Unterhaltung und sämtliche Ähnlichkeiten mit aktuellen Ereignissen seien Zufall.

Diese Vorstellung ist und bleibt naiv. "Es stimmt, nicht alle Spiele müssen eine absichtliche politische Agenda haben. Aber sie kommunizieren dennoch stets politische Aspekte" , schreibt der Historiker Eugen Pfister(öffnet im neuen Fenster) , der sich in mehreren Essays mit dem Thema Games und Politik befasst hat. Anders gesagt: Es ist unmöglich, ein Spiel zu entwickeln, das nicht in irgendeiner Form an kollektive Werte und moralische Konzepte gebunden ist.

Eskapismus und Kapitalismus schließen sich nicht aus

Die Spielenden sind ebenfalls Teil dieser Wertsysteme. Selbst wer eine Serie wie Animal Crossing ohne Hintergedanken und rein zur Entspannung spielt, keine Wahlkampfschilder aufstellt, keine anderen Inseln besucht und sich stattdessen lediglich die eigene, private Traumwelt aufbaut, ist an die politische Realität des Spiels gebunden.

Etwa den allgegenwärtigen Geltungskonsum, der die Spielenden dazu verleitet, immer mehr zu bauen und immer prachtvollere Häuser mit immer teureren Dingen zu bestücken. Eskapismus und Kapitalismus schließen sich in diesem Fall nicht aus, weshalb die Behauptung, Animal Crossing sei von Natur aus ein komplett wertfreies, utopisches Spiel, nicht haltbar ist.

Ob Videospiele politisch instrumentalisiert werden sollten oder nicht, ist letztlich die falsche Frage. Joe Biden, die Black-Lives-Matter-Bewegung, die Aktivisten in Hongkong, sie alle haben Animal Crossing deshalb als politische Plattform entdeckt , weil Videospiele als Kulturgut eben zum Alltag vieler Menschen gehören.

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Ein Wahlkampfschild für den virtuellen Vorgarten anzubieten ist nichts anderes, als "Vote-for-Joe" -Aufkleber per Post zu verschicken. Politik findet dort statt, wo die Menschen sind. Und das ist nicht mehr nur die Straße oder der Küchentisch, sondern auch die Trauminsel auf der Spielkonsole.


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