Andy Jassy: Amazons neuer CEO ist die logische und falsche Wahl

Andrew R. "Andy" Jassy scheint wie das Klischee eines Kindes wohlhabender Eltern aufgewachsen zu sein: Der Vater war erfolgreicher Senior-Partner einer Anwaltskanzlei, Jassy selbst schloß mit Ehren an der renommierten und teuren Harvard-Universität ab, um anschließend Karriere zu machen. 1997 stieß er als neuer Marketing-Manager zum damals noch jungen Versandhändler Amazon. 2003 übernahm er den Posten als Senior Vice President bei Amazon Web Services und machte in den Folgejahren das Cloud-Unternehmen zum heute führenden Anbieter. 2016 wurde er offiziell zum CEO des Subunternehmens befördert.
Es ist daher nur eine logische Konsequenz, dass Jassy nach dem angekündigten Abgang von Gründer und CEO Jeff Bezos ab dem dritten Quartal 2021 als oberster Mann bei Amazon übernimmt. Seine finanziellen Erfolge sprechen für sich. Er ist die beste Wahl für maximalen Profit, aber die schlechteste Wahl, um den Ruf des Konzerns zu verbessern.
Profit vor Empathie
Das Problem ist, dass Amazon bei vielen eigenen Arbeitnehmern und in der Öffentlichkeit einen ziemlich schlechten Ruf hat. Das liegt primär daran, dass das Unternehmen für seine unterdurchschnittlichen Lohnzahlungen und teils indifferente Haltung gegenüber Bürgerrechten des Öfteren in den Schlagzeilen steht. Allerdings ist Öffentlichkeitsarbeit auf lange Sicht wichtig, um nicht das Vertrauen der Kunden und Anleger und damit wichtige Einnahmequellen zu verlieren. Das könnte beim jetzigen Kurs passieren.
So hat die Debatte um die praktische Nutzung noch nicht ausgereifter Gesichtserkennungssoftware wie Amazon Rekognition dem Unternehmen in den vergangenen Jahren Kritik durch Bürgerrechtsorganisationen eingebracht . Der Vorwurf bezieht sich darauf, dass das Unternehmen Rekognition an Polizeibehörden und andere wichtige Institutionen in den USA verkauft und die Verantwortung für die Nutzung komplett den Kunden überlässt.
Jassy ist als CEO von AWS, welches auch Rekognition entwickelt hat, direkt mitverantwortlich für dessen Evolution. Er teilt die kalt kalkulierte Ansicht, Verantwortung dem Kunden zu überlassen, statt sich als Anbieter selbst zu regulieren – denn das würde zusätzliches Geld kosten. So sagte er in einem Interview mit dem Magazin Frontline(öffnet im neuen Fenster) : "Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir Kunden und Endnutzern zu viel Last zuschieben" , und verteidigte diese Haltung mehrmals mit der Aussage, dass ihm keine Beschwerden bezüglich der Nutzung der Gesichtserkennungssoftware vorlägen. Offensichtlich versucht er sich und den Konzern aus der Verantwortung zu ziehen. Das ist der falsche Weg.
Zwar war Amazon nicht untätig – als im Sommer 2020 die Proteste unter dem Stichwort Black Lives Matter aufflammten, sperrte das Unternehmen seine Gesichtserkennungssoftware für ein Jahr – allerdings wurde auch dort die Verantwortung in die Hände von Regierungen gelegt. Jassy, der diese Linie offenbar persönlich vertritt, wird an diesem falschen Verhalten wohl nicht viel ändern.
Keine Toilettenpausen und Trinkgelder
Es ist zudem unwahrscheinlich, dass sich an den generell dubiosen Methoden des Konzerns etwas ändern wird, da Jassy selbst seit vielen Jahren als AWS-CEO dafür mitverantwortlich ist und sich in diesem Punkt bisher wenig getan hat.
Beispielsweise hat Amazon in den USA den eigenen Lieferanten wohl einige Millionen US-Dollar an Trinkgeldern unterschlagen. Mittlerweile zahlt das Unternehmen 62 Millionen US-Dollar , um den Fall außergerichtlich zu regeln – allerdings erst, nachdem sich die Federal Trade Commission FTC als untersuchende Instanz eingeschaltet hatte.
Andere Fälle reichen von unerlaubter Videoüberwachung zu schlechten Arbeitsbedingungen bis zur Unterbindung aktiver Arbeitskampfmaßnahmen. Ein besonders skurriler Vorfall: Das Unternehmen soll Mitarbeiter für den Toilettengang nach der Pause bestraft haben . Das ist nur ein Symptom für einen Konzern, der Profit vor das Wohlergehen anderer zu setzen scheint.
Für Jassy wären solche öffentlich gut sichtbaren Vorfälle eine Möglichkeit, den Ruf des Unternehmens zu verbessern – indem bessere Arbeitsbedingungen auf den untersten Ebenen des Konzerns geschaffen werden und generell Eigenverantwortung bei der Einhaltung von Bürgerrechten und Gleichberechtigung gezeigt wird. Ein CEO kann hier selbst Stellung beziehen und somit eine tolerantere Agenda vorleben. Das wird nicht passieren.
Seit Beginn Bezos' Vertrauter
Der AWS-CEO scheint eher wie Jeff Bezos weiterhin ein möglichst profitables Unternehmen anzustreben. Nicht umsonst hat er laut Quellen des Magazins Insider(öffnet im neuen Fenster) nahezu freie Entscheidungsgewalt bei AWS. Nicht einmal Bezos selbst, der ihn zwischenzeitlich auch als Schattenberater in Executive-Meetings beschäftigte, redet bei den meisten Entscheidungen außerhalb wirklich großer Deals dazwischen.
Dabei wird Jassy von einigen ehemaligen Amazon-Managern als Mann beschrieben, der zwar umgänglich sein könne, aber die höchste Leistung von seinen Untergebenen verlange. "Er ist ein Hai, der einen Blutstropfen aus 100 Meilen riecht, wenn Sie nicht bereit sind" , sagte ein Mitarbeiter dem Magazin Insider. Zweite Chancen gebe er nicht oder selten.
Wird sich an der Öffentlichkeitsarbeit bei Amazon durch Jassy etwas ändern? Möglich, aber es ist nicht wahrscheinlich. Den profitablen Kurs, den der Konzern unter Gründer Jeff Bezos seit vielen Jahren fährt, wird er aber sicher weiterführen – um jeden Preis. Schließlich liegt es auch in Jassys Eigeninteresse, den Aktienkurs und damit das eigene Vermögen um weitere Millionen zu erhöhen. Denn er wird, wie viele andere Amazon-Manager, teilweise in Konzernanteilen bezahlt – und die sind eine Menge wert.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).



