Andrew Blum: "Das Internet ist ein Ding zum Anfassen"

Der New Yorker Journalist Andrew Blum hat für sein Buch "Kabelsalat – Wie ich einem kaputten Kabel folgte und das Innere des Internets entdeckte" an vielen verschiedenen Orten auf der ganzen Welt "den physischen Kern unserer digitalen Welt" gesucht: in den Rechenzentren von Facebook und Google oder beim German Commercial Internet Exchange, einem Knotenpunkt in Frankfurt am Main. Der folgende Auszug beschreibt seinen Besuch auf einem Gelände von Global Crossing an der Südwestküste Großbritanniens. Der ehemalige Telekommunikationskonzern baute das transatlantische Seekabel AC-1 zwischen den USA und Großbritannien.
"AC-1 Cable to USA" . Für Jol Paling, den Leiter der Landestation von Global Crossing, war das einfach das Schild neben seinem Schreibtisch. Für mich war es einer der faszinierendsten Wegweiser, die ich je gesehen hatte. Er wies den Weg in meine Heimat, auf einer für den Menschen völlig unzugänglichen Route – der ich im Grunde doch schon Tausende Male gefolgt war. "Das ist das Kabel in die USA" , sagte Paling. Viel plastischer konnte einem das physische Internet kaum vor Augen treten.
Nachdem ich dem Kabel nun schon einmal über den ganzen Atlantik gefolgt war, verfolgte ich es noch ein bisschen weiter, zum anderen Ende der Station. Paling zeigte mir die "Fernspeiseeinrichtung" , einen weißen Kasten von der Größe eines Kühl-/Gefrierschranks. Dieses Gerät jagte viertausend Volt durch die Kupferhülle des Kabels, um die Repeater mit Strom zu versorgen, die am Meeresboden die Lichtsignale verstärken. Die Schwestermaschine am anderen Kabelende, auf Long Island, war auf dieselbe Voltzahl eingestellt, so dass sich die Energieströme in der Mitte trafen; als Rückleiter diente das Meerwasser. "Wir legen negative Spannung an, die anderen positive" , so Paling. Der Strom floss in eine Richtung, geschoben und gezogen zugleich.
Das Licht, das durch die Kabel pulsierte, wurde von einer ganzen Batterie anderer, ebenso großer Maschinen ausgesandt (und empfangen), die gleich daneben aufgereiht waren. Paling nahm ein herumliegendes gelbes Glasfaserkabel und steckte es am "Monitor"-Ausgang eines Gerätes ein. Dann schloss er das andere Kabelende an ein Spektrometer an, ein Gerät, das an einen Videorekorder erinnerte, mit einem Bildschirm, auf dem man den Schwingungsverlauf des einkommenden Lichts ablesen konnte wie bei einem EKG, ohne das Signal zu verändern. "Ich stelle mir das Ganze gern als einen großen Wackelpudding vor" , kommentierte er den Bildschirminhalt. "Wenn man die hier runterdrückt" – er deutete auf eine der Wellen -, "gehen alle anderen nach oben. Letztlich geht es darum, mit diesem Wackelpudding so lange herumzuprobieren, bis alle Wellen einen möglichst guten Wert erreichen."
Die Technologie wird als "Wellenlängenmultiplexverfahren" bezeichnet. Sie ermöglicht es, mehrere Wellenlängen, sprich Farben, gleichzeitig durch eine einzige Glasfaser zu schicken. Jede Glasfaser kann mit Dutzenden solcher Wellen "befüllt" werden – von denen jede zehn, zwanzig oder sogar vierzig Gigabit Daten überträgt. Zu den Aufgaben Palings gehörte es, die Laser so einzustellen, dass mehr Wellenlängen in ein Kabel passten. Man kann sich das vorstellen wie die Feinabstimmung bei einem Akkord, in dem die Töne perfekt miteinander harmonieren.
Die technische Entwicklung schritt rasend schnell voran
Theoretisch kann man das von überall aus erledigen, aber Paling saß gern direkt neben der Maschine, so dass er das Licht auf dem Spektrometer sehen konnte. Mitunter wurde die Aufgabe dadurch erschwert, dass jede Bewegung des Kabels auf dem Meeresgrund den Strom des Lichtes beeinflussen und unter Umständen völlig durcheinanderwirbeln kann, wie atmosphärische Störungen einen alten Fernseher. Wenn Paling alles justiert hatte, führte er einen "Zuverlässigkeitstest" des Kabels durch, indem er künstlichen Traffic generierte und diesen "dreißig Mal oder so zwischen hier und Amerika hin und her" schickte. Die technische Entwicklung schritt rasend schnell voran. Am Tag meines Besuchs war eines der Glasfaserpaare "stillgelegt" und wurde auf das nächste Upgrade vorbereitet. Neues Equipment sollte die Kapazität des Kabels erhöhen, so dass mehr 20-Gigabit-Wellenlängen darin untergebracht werden konnten.

"Im Augenblick ist das also 'Dark Fiber'? Die Glasfasern sind völlig dunkel?" , fragte ich. "Nein, nicht dunkel" , sagte Paling. "Wir nennen es 'dim', 'halbdunkel'. Die Verstärker stehen unter Strom, also kommt es zu ASE" – verstärkter spontaner Emission. "Eine Art Rauschen. Würde man ein Spektrometer anschließen, so könnte man Lichtwellen sehen. Aber das ist nur das Hintergrundrauschen." Ein Flackern.
Wir hatten gesehen, wo das Kabel aus der Erde kam und mit den Maschinen verbunden war, die für die Übertragung sorgten. Jetzt warfen wir noch einen Blick auf den sogenannten Backhaul, die Verbindungen zwischen dieser Station und dem Rest von England. Ein Serverschrank trug das Etikett "Slough", ein langweiliger Londoner Vorort unweit von Heathrow, in dem Equinix sein größtes britisches Rechenzentrum betreibt (und wo die Sitcom The Office spielt, das Vorbild für die deutsche Serie Stromberg). Der Schrank daneben hatte die Aufschrift "Docklands". So groß die Welt auch war, das Internet, dachte ich mir nicht zum ersten Mal, war im Grunde erstaunlich überschaubar.
Der Text ist ein Auszug aus: "Kabelsalat – Wie ich einem kaputten Kabel folgte und das Innere des Internets entdeckte" von Andrew Blum. Knaus Verlag, 2012. 19,99 Euro.
Andrew Blum(öffnet im neuen Fenster) schreibt als freier Autor unter anderem für Wired, The New York Times und The New Yorker. Er interessiert sich seit jeher für Orte und denkt bei allem in räumlichen Bezügen. Das Internet forderte ihn umso mehr heraus, als er sich keine Vorstellung davon machen konnte. Andrew Blum lebt in New York.



