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Andor Staffel 1 rezensiert: Das beste Star Wars seit 1983

Nicht Baby Yoda, sondern die Geschichte stiehlt bei Andor die Show: Der Mix aus tollen Charakteren und fantastischem Worldbuilding ist fast unschlagbar. Achtung, Spoiler!
/ Oliver Nickel , Tobias Költzsch
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Cassian Andors Geschichte ist spannend bis zuletzt. (Bild: Starwars.com/Disney)
Cassian Andors Geschichte ist spannend bis zuletzt. Bild: Starwars.com/Disney

Achtung! Wir besprechen in dieser Rezension Charaktere und Auszüge von Star Wars: Andor. Wer nichts wissen möchte, bevor er es selbst schaut, sollte ab hier nicht weiterlesen.

Nach all den Geschichten um Jedi, Supersoldaten und unbesiegbare Kopfgeldjäger in blastersicherer Beskar-Rüstung wirkt die Star-Wars-Serie Andor(öffnet im neuen Fenster) fast schon so, als gehöre sie in ein anderes Universum. Tatsächlich sind es aber Serien wie diese, die den ewig währenden Konflikt zwischen der Rebellen-Allianz und dem übermächtig wirkenden Imperium, zwischen Gut und sehr Böse, aber erst real und nahbar wirken lassen.

Andor ist nicht nur eine exzellente Star-Wars-Serie, sie ist die bisher wohl beste Star-Wars-Serie seit Langem. Sie steht in Atmosphäre und Immersion dem aktuellen Fan-Favoriten The Mandalorian in nichts nach, im Gegenteil: Für uns ist so sogar noch einmal besser. Das ist das beste Star Wars, seit 1983 Luke Skywalker gegen seinen Vater Darth Vader in Die Rückkehr der Jedi-Ritter angetreten ist.

Dabei geht es hier nicht einmal darum, nostalgische Gefühle zu erwecken oder schnelle unterhaltsame und actionlastige Wochengeschichten wie in The Mandalorian oder The Clone Wars zu erzählen. Die gibt es hier teils auch. Andor ruht sich darauf aber nicht aus, wie es zuletzt des Öfteren (wir schauen auf dich, Obi-Wan Kenobi!) der Fall war. Stattdessen werden über jeweils drei Folgen Storybögen gespannt, die uns begeistern.

Intrigen wie in Game of Thrones

Andor ist langsam, entwickelt interessante Charaktere, spinnt Intrigen im Stil von Game of Thrones und zeigt, dass auch die Rebellen-Allianz für ihr ultimatives Ziel sprichwörtlich über Leichen geht. Das Imperium muss fallen – um jeden Preis. Entsprechend düstere Entscheidungen treffen viele der Hauptcharaktere ständig.

Andor: Langer Trailer zur Star-Wars-Serie auf Disney
Andor: Langer Trailer zur Star-Wars-Serie auf Disney (02:24)

Verkauft Mon Mothma (Genevieve O'Reilly) ihre Integrität, um als Rebellenführerin unentdeckt zu bleiben? Was passiert mit den Rebellenzellen, die von Saw Gerrera (Forrest Whitaker) und anderen Figuren auf dem Schachbrett geführt werden? Was hat es mit dem mysteriösen Unterhändler Luthen Rael (Stellan Skarsgard) auf sich? Und wie wird Andor, der anfangs als egozentrischer und unangenehmer Antiheld dargestellt wird, zu einem wichtigen Element der Rebellen-Allianz?

Eins vorweg: Zwar baut Andor die Antworten zu diesen Fragen im Verlauf der zwölf Folgen spannend auf. Allerdings bleiben einige von ihnen erst einmal teils unbeantwortet. Das ist nicht schlecht, da dadurch genug Material für eine zweite Staffel übrigbleibt. Die ist übrigens bereits bestätigt und in Arbeit – danke, Disney! Angesichts der Cliffhanger am Ende der ersten Staffel wären wir bei fehlender zweiter Staffel allerdings auch etwas angesäuert gewesen.

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Strukturell unterscheidet sich Andor stark von bisherigen Serien wie The Mandalorian, The Book of Boba Fett und Obi-Wan Kenobi . Die Serie nimmt sich Zeit, die Welt von Star Wars aufzubauen. Episoden sind oft 40 Minuten lang. Die schon für heutige Standards überdurchschnittlich lange Staffel mit 12 Episoden wird noch länger.

Faszinierende Welt von Star Wars

Die Parallelen zum Sci-Fi-Noir-Film Blade Runner in der filmischen Darstellung sind dabei von Anfang an offensichtlich. Lange Totalen und Schwenks über ikonische Star-Wars-Welten wie Coruscant oder Kolonialwelten wie Ferrix sind nicht selten. Sogar eine Paradieswelt mit einem an Venice Beach erinnernden Sandstrand wird eingebaut.

Zugleich zoomt die Serie in die Welten hinein, zeigt wie Bürger und Adel auf Coruscant in winzigen Habitaten oder riesigen Palästen leben und wie einfache Schrottsammler sich in den letzten Ecken des Imperiums durchkämpfen. Andor zeigt, dass Star Wars eben nicht nur aus Tatooine besteht. Oder wie Anakin Skywalker sagen würde: "Ich mag Sand nicht." Das Design der einfachen Wohnung auf Coruscant erinnert uns übrigens sehr an den Wohncontainer unseres Charakters in Cyberpunk 2077. Die Vorstellung, dass einfache Bürger in einem derartigen modularen, funktionalen Wohnloch hausen, halten wir im fiktiven Star-Wars-Imperium für schlüssig, angesichts des Machtapparates, der darauf konzentriert ist, sich selbst und seine Vorteile zu erhalten. Auch hier passt das Setdesign also hervorragend zur Story.

Wenn wir uns selbst vorstellen können, wie das Leben in einer weit, weit entfernten Galaxis sein würde, hat die Serie alles richtig gemacht. Diese erfrischend neue Sicht auf die Star-Wars-Welt macht das Universum für uns nur noch interessanter. Dabei braucht es nicht einmal Lichtschwerter und Baby Yoda, wenngleich auch Andor mit dem leicht kaputten Roboter B ebenfalls einen sympathisch-liebenswerten Charakter bietet.

Vor allem am Anfang ist die sich langsam entwickelnde Geschichte für uns jedoch durchaus problematisch: Die ersten zwei Folgen erfordern aktives Dranbleiben. Sie geben die Spannung, die sich im Lauf der Serie entwickeln wird, noch nicht wieder, sind stattdessen stellenweise sogar etwas langatmig. Mit dieser Herangehensweise hätten die Serienmacher beinahe einen Flop produziert. Sobald die Serie aber der hervorragenden Charakterentwicklung mehr Platz einräumt und wir die Hintergründe der Figuren entdecken, lässt uns die Geschichte nicht mehr los.

Echte Kulissen und tolle Charaktere

Andor zählt zu einer am wenigsten geschauten unter den Star-Wars-Serien. Der langsame Start ist unter anderem ein Grund dafür, dass Fans, die mittlerweile auf schnellere Action erzogen wurden, zu früh absprangen oder das Interesse verloren.

Unserer Meinung nach ist die Serie auch nicht für den Release im Wochenrhythmus gemacht. Denn die Serie teilt sich in vier wichtige Meilensteine ein, die jeweils über drei Folgen erzählt werden. Es wäre sinnvoll gewesen, wenn Disney die Folgen in Dreierblöcken veröffentlicht hätte. So freuen sich Fans stets auf den nächsten spannenden Handlungsstrang.

Denn Andor sollten möglichst alle Menschen schauen, die sich selbst Star-Wars-Fans nennen. Protagonist Cassian Andor (Diego Luna) ist dabei nicht einmal unbedingt der Mittelpunkt. Viele andere spannende Charaktere stehlen ihm regelmäßig die Show – in einigen Folgen taucht Andor sogar nur am Rand auf.

Von skrupellosen Rebellen und imperialen Stalkern

Da hätten wir etwa den gescheiterten imperialen Ex-Polizeioffizier Syril Karn (Kyle Soller), der nach seinem Zusammentreffen mit Andor Rache geschworen hat. Er ist aber nicht nur von Andor, sondern auch von der Geheimdienstoffizierin Dedra Meero (Denise Gough) besessen – in einer unheimlichen stalkerartigen Weise, die zum Ende der Serie ihren Höhepunkt erreicht.

Ein klarer Favorit ist auch der skrupellose Rebellenanführer Luthen Rael (Stellan Skarsgard). Er hat im Laufe der Staffel das ein oder andere Ass im Ärmel und sorgt nicht nur einmal für Momente des Staunens. Sein politisches Spiel zusammen mit der imperialen Senatorin und Rebellenunterstützerin Mon Mothma, die ihrerseits mit Problemen und Diplomatie zu kämpfen hat, bleibt stets spannend.

Die Besetzung mit Skarsgard erweist sich als Glücksgriff: Der Schwede zeigt in seiner Rolle, welches facettenreiche Schauspiel er beherrscht. Dadurch bringt er die Ambiguität seines Charakters überzeugend rüber: Vom hoffnungsvollen Rebellenunterstützer über den etwas schmierigen Antiquitätenhändler bis hin zum knallhart agierenden Strippenzieher wechselt Skarsgards Rolle hin und her und gehört zu den Highlights von Andor.

Untermalt werden Story und Charaktere von einem Star-Wars-untypischen, aber doch sehr interessanten Soundtrack. Je nach Thema der aktuellen Folge passt sich auch der Musikstil merklich an. Mal werden klassische Instrumente eingesetzt, mal wird der Synthesizer für Retrowave-Ambiente verwendet. Ein nettes Detail: Selbst die Intromusik ändert sich von Folge zu Folge. Disney stellt uns also schon im Vorfeld auf eine entsprechende Stimmung ein.

Echte Kulissen und Kostüme

Natürlich sind auch die praktischen Kostüme und Kulissen wieder einmal exzellent umgesetzt. Beeindruckend: Andor wurde, anders als andere aktuelle Star-Wars-Serien, nicht vor einer Micro-LED-Leinwand gefilmt. Ein Großteil der Sets wie die Inneneinrichtungen der Raumschiffe und Habitate wurde in der echten Welt aufgebaut und Dreharbeiten fanden vor Ort statt.

Es freut uns, dass Star Wars die Tradition der praktischen Spezialeffekte zumindest teilweise weiterleben lässt. Das macht das Universum greifbarer und realistischer. Gleichzeitig können die Darsteller mit echten Objekten interagieren, was sich positiv auf ihr Schauspiel auswirkt.

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Die erste Staffel von Andor kulminiert in einer finalen Folge, die den seit mehreren Folgen schwelenden Konflikt auf Ferrix explodieren lässt – im wahrsten Sinne. Interessant ist, dass es in dem Zusammenstoß aus imperialen Einheiten und den aufmüpfigen Bewohnern von Ferrix keinen echten Sieger zu geben scheint. Das ist an sich aber auch unwichtig: In Andor geht es ums große Ganze, um die Rebellion als Planeten übergreifende Bewegung – und nicht um eine einzelne Schlacht.

Die Erzählstränge aus der ersten Staffel werden in der finalen Folge zusammengetragen. Wir haben aber das Gefühl, dass das Ende letztlich doch etwas plötzlich kommt. Vielleicht wäre eine finale Doppelfolge besser gewesen, um für einen weniger abrupten Abschluss zu sorgen.

Und trotzdem können wir es kaum erwarten, bis die zweite (und finale) Staffel von Andor endlich auf Disney+ erscheint. Die Story ist absolut packend und die Welt drumherum umso immersiver. Und dabei wissen wir ja bereits, wohin die Reise für Cassian Andor, Mon Mothma und Co. geht. Stichworte: Rogue One und Todesstern.


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