Analyse des Stromausfalls in Spanien: In 30 Sekunden zum völligen Blackout
Ursache für den Blackout des spanischen Stromnetzes sind Fehlfunktionen bei wichtigen Netzkomponenten, fehlende Regelungskapazitäten und nicht nachvollziehbare Ausfälle von Erzeugungs- und Umspannanlagen gewesen. Das geht aus einer 21-seitigen Analyse(öffnet im neuen Fenster) (PDF) des Blackouts hervor, den der Netzbetreiber Red Eléctrica am 18. Juni 2025 vorgelegt hat. Die Analyse bestätigt im Wesentlichen eine Stellungnahme der spanischen Regierung vom Vortag , geht jedoch detaillierter auf die technischen Hintergründe ein.
Red Eléctrica identifizierte eine Photovoltaikanlage in der Region Badajoz im Südwesten Spaniens als verantwortlich für eine störende Oszillation von 0,6 Hertz, die nach 12:00 Uhr am 28. April 2025 zu Spannungsschwankungen im Netz geführt habe. Zum Zeitpunkt der Störung speiste die Anlage eine Leistung von 250 Megawatt (MW) ein.
Diese Schwingung konnte problemlos gedämpft werden. Da sie einen Spannungsabfall verursachte, wurden zusätzliche Phasenschieber(öffnet im neuen Fenster) aktiviert und der Stromexport nach Frankreich und Portugal reduziert.
Unerwartete Ausfälle von EEG-Anlagen
Die Schwingung hatte der Analyse zufolge keine externe Ursache, die interne Ursache muss vom Betreiber analysiert werden. Die Anlage stabilisierte sich jedoch von selbst wieder. Eine weitere Schwingung von 0,2 Hertz aus dem europäischen Stromverbund, eine sogenannte Inter-Area-Oszillation, trat etwas später auf und verursachte weitere Spannungsschwankungen.
Um den Spannungsanstieg durch die Dämpfungsmaßnahmen zu kompensieren, speiste die Steuerzentrale der REE über verschiedene Umspannstationen Blindleistung in Höhe von 760 Mvar(öffnet im neuen Fenster) ein. Auch registrierte die Zentrale einen plötzlichen Anstieg der Stromnachfrage von 845 MW, was durch den Ausfall von größeren Erneuerbare-Energie-Anlagen mit mehr als 1 MW Leistung sowie von kleineren Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 700 MW verursacht worden sein soll. Die Ursache dieser Ausfälle ist unklar.
Zu jenem Zeitpunkt, gegen 12:30 Uhr, entschied sich die Steuerzentrale, zusätzliche konventionelle Kombikraftwerke(öffnet im neuen Fenster) anzufordern. Die sollten das Netz stabilisieren. Doch das erste dafür vorgesehene Kraftwerk in Andalusien benötigte anderthalb Stunden zum Hochfahren.
Bis zu diesem Zeitpunkt sei das Netz mit Blick auf Spannung und Frequenz noch stabil gewesen, heißt es in dem Bericht. Die eigentlichen Probleme begannen demnach kurze Zeit später, gegen 12:33 Uhr.
Kaskade von Abschaltungen gestartet
Zu dem Zeitpunkt schaltete sich eine Umspannstation im südspanischen Granada ab, die 355 MW einspeiste und 165 MVar Blindleistung absorbierte. Der Bericht vermutet als Grund einen Fehler im Transformator, da alle Spannungen im zulässigen Bereich gelegen hätten. Nur wenige Sekunden später schalteten sich dann weitere Erzeugungsanlagen mit einer Gesamtleistung von 727 MW und der entsprechenden Blindleistung ab. Auch in diesen Fällen könnte die Ursache an den Transformatoren der Umspannstationen gelegen haben.
Doch damit riss die Kette der Abschaltungen nicht ab. Innerhalb weniger Sekunden folgten weitere PV-Anlagen sowie Windparks im Südwesten Spaniens. Dadurch summierte sich die fehlende Erzeugungsleistung auf 2.000 MW. Gleichzeitig konnte damit keine Blindleistung aus dem Netz mehr aufgenommen werden.
Kettenreaktion ausgelöst
Die Situation wurde dadurch verschärft, dass drei konventionelle Anlagen im Süden, Südwesten und der Mitte des Landes nicht die erforderliche Blindleistung aufgenommen haben, wonach sie laut der gesetzlichen Betriebsanweisung 7.4 aus dem Jahr 2000(öffnet im neuen Fenster) (PDF) verpflichtet gewesen waren.
Eine Kettenreaktion war die Folge: Durch die Ausfälle stieg die Spannung im System langsam an, was die Abschaltung weiterer Erzeugungsanlagen hervorrief. Dadurch fiel die Netzfrequenz ab, was weitere Abschaltungen zur Folge hatte und kurzzeitig den Stromimport aus Frankreich stark erhöhte.
Als die Frequenz unter 49,5 Hertz sank, war der Kollaps kaum noch zu vermeiden. Denn bei diesem Grenzwert schalteten sich große Verbraucher wie Pumpspeicherkraftwerke ab. Ein konventionelles Kraftwerk im Osten Spaniens ging ebenfalls unerwünscht vom Netz, was die Kontrolle von Spannung und Frequenz zusätzlich erschwerte.
AKW schalten sich ab
Die Abschaltung der Pumpspeicherkraftwerke mit mehr als 2.000 MW erhöhte die Spannung im Netz zusätzlich. Schließlich sank die Frequenz sogar unter 48,5 Hz, so dass die Wechselstromlieferung aus Frankreich gekappt wurde. Zuvor war schon die Verbindung nach Marokko unterbrochen worden. Kurioserweise lieferte Spanien zu diesem Zeitpunkt weiterhin 1.000 MW über eine Hochspannungsgleichstromübertragung nach Frankreich.
Als die Frequenz dann unter 48 Hz sank, trennten sich auch die spanischen Kernkraftwerke vom Netz. Die Gleichstromleitung nach Frankreich wurde gekappt, das war um 12:33:24 Uhr. Das heißt: Rund 30 Sekunden, nachdem sich die Umspannstation in Granada abgeschaltet hatte, war das spanische Stromnetz komplett kollabiert.
Der Bericht zieht Schlussfolgerungen aus dem Blackout für die Bereiche Spannung, Frequenz, Trägheit, Stromnetz und Gegenmaßnahmen.
Kein Problem der rotierenden Massen
Mit Blick auf das Thema rotierende Massen heißt es: "Die Störung wurde NICHT durch ein Trägheitsproblem des Systems verursacht. Der Vorfall wurde durch ein Spannungsproblem und die Kaskadenauslösung der erneuerbaren Erzeugungsanlagen verursacht. Eine größere Trägheit hätte den Frequenzabfall zwar etwas verlangsamt, aber aufgrund des massiven Verlusts der Spannungserzeugung wäre das System nicht wiederherstellbar gewesen."
Mit Bezug auf die Spannungskontrolle kommt der Bericht zu dem Schluss, dass die Betreiber konventioneller Anlagen ihren Verpflichtungen zur Spannungskontrolle nicht nachgekommen seien. Mehr als ein Fünftel der Anlagen von erneuerbaren Energien erfüllten ihre Auflagen zur Blindleistungskompensation nicht. Das betreffe aber vor allem kleinere Anlagen. Die spanische Regierung wirft dem Netzbetreiber vor, zu wenig Regelungsleistung eingeplant zu haben. Das räumt die REE jedoch nicht ein.
Warum schalteten sich die Umspannwerke ab?
Insgesamt lässt die Analyse weiterhin Fragen offen. Es ist nicht klar, warum sich plötzlich so viele kleine PV-Anlagen gleichzeitig abschalteten. Auch wenn jede Anlage möglicherweise nur wenige Kilowatt lieferte, entspricht der gesamte Ausfall von 700 MW einem mittleren Kraftwerk. Ebenfalls bleibt offen, warum Transformatoren in mehreren Umspannwerken sich abschalteten, obwohl die Spannungsgrenzwerte noch nicht über- oder unterschritten wurden.
Zudem wird deutlich, dass in solchen Fällen die Prozesse zum Schutz der Netze und Anlagen mehr oder weniger automatisch ablaufen. Ist eine entsprechende Dynamik erst einmal in Gang gesetzt, ist der Kollaps kaum durch manuelle Eingriffe zu vermeiden.
- Anzeige Hier geht es zur Bluetti AC300 + B300 bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.