Amazon, Netflix und Sky: Disney bringt 2020 den großen Umbruch beim Videostreaming
In diesem Jahr bekommen etablierte Anbieter wie Netflix, Amazon und Sky hierzulande eine starke Konkurrenz: Der bevorstehende Start von Disney+ bringt nicht nur einen neuen Marktteilnehmer, sondern verringert langfristig das Sortiment an Filmen bei allen übrigen Anbietern in Deutschland. Derzeit deutet aber alles darauf hin, dass Deutschland ansonsten erst einmal vor weiteren Erschütterungen des Marktes verschont bleibt. Für Kunden in den USA ist die Entwicklung dramatischer.
In den USA kamen vergangenes Jahr Disney+ sowie Apple TV+ auf den Markt und in diesem Jahr wollen mit Warner Media und NBC Universal zwei weitere Schwergewichte aus dem Filmgeschäft mit eigenen Diensten an den Start gehen. Das könnte dazu führen, dass die Inhalte von Warner Media und NBC Universal langfristig bei anderen Streaming-Plattformen verschwinden. Die Auswahl bei Diensten wie Netflix oder Prime Video wird sich dadurch verringern.
Denn der Videostreamingmarkt funktioniert ganz anders als der Markt für Musikstreaming, wenn es um Abodienste geht. Im Musikbereich haben Anbieter wie Spotify, Amazon, Apple oder Google im Kern die gleiche Musikauswahl. Bei der Auswahl und Menge an Songs gibt es nur in Nuancen Unterschiede zwischen den einzelnen Anbietern.
HBO Max für Deutschland unwahrscheinlich
Ganz anders sieht es im Markt der Videostreamingabos aus. Oftmals gibt es einen Film oder eine Serie nur bei einem Anbieter im Abo. Es kommt zwar vor, dass es den gleichen Film oder die gleiche Serie zugleich etwa bei Sky und Netflix oder bei Netflix und Amazon gibt, aber das ist eher die Ausnahme. Täglich kommen neue Filme oder Serien dazu, dafür verschwinden andere wieder. Es gibt auch international keine Möglichkeit, bei einem Anbieter alle verfügbaren Filme und Serien im Abo anschauen zu können.
Sowohl Warner Media als auch NBC Universal haben bisher keine Angaben dazu gemacht, ob die beiden geplanten Dienste HBO Max und Peacock auch nach Deutschland kommen. Die Wahrscheinlichkeit für einen baldigen Start von HBO Max in Deutschland ist derzeit allerdings äußerst gering. Seit Ende Oktober 2019 ist bekannt, dass Sky und Warner Media ihre langjährige Partnerschaft verlängert haben.
Auch künftig wird es HBO-Serien im Abo in Deutschland also nur bei Sky geben. Zudem wird auch die Erstausstrahlung neuer Filme des Filmstudios Warner Bros. weiterhin auf Sky erfolgen. Wir haben Sky gefragt, welche Laufzeit der Vertrag mit Warner Media hat. Der Anbieter will aber "über die Inhalte der Verträge mit Lizenzgebern keine Angaben machen". Falls Warner Media mit HBO Max nach Deutschland kommen würde, hätte der Dienst gegen Sky in allen wichtigen Belangen das Nachsehen. Wir haben bei Warner nachgefragt, aber keine Antwort erhalten.
Disney+ startet Ende März
Disney+ kommt dieses Jahr hingegen garantiert nach Deutschland und der Markteintritt des Hollywoodstudios in den Streaming-Markt wird diesen erheblich verändern – ganz anders als der Markteintritt von Apple. Im November 2019 ging Apple TV+ an den Start.

Da Apple ausschließlich auf selbst produzierte Inhalte setzt, konnte das Unternehmen sein Sortiment seit dem Start nur geringfügig auf mittlerweile zehn Serien erweitern. Das ist nichts gegen die derzeit über 1.250 Serien bei Netflix oder die mehr als 680 Serien bei Prime Video.
Das Gesamtsortiment von Apple TV+ kommt derzeit auf magere zwölf Einträge, während Prime Video über 4.300 Titel hat und Netflix auf über 8.100 Titel kommt.
Apple TV+ ist überteuert
Kaum ein Amazon- oder Netflix-Kunde wird sein Abo abbestellen und stattdessen zu Apple TV+ wechseln. Und für das mickrige Angebot von Apple TV+ ist der Preis von 4,99 Euro im Monat eindeutig überteuert. Wird der Abopreis in Bezug auf die Menge an Inhalten gesetzt, ist Apple TV+ in Deutschland 225 Mal so teuer wie Prime Video und 211 Mal so teuer wie Netflix bei Buchung des teuersten 4K-Abos.
Dabei blieb sogar unberücksichtigt, dass es bei Netflix und Prime Video viele Serien mit mehreren Staffeln gibt, während Apple nur eine erste Staffel aller Serien anbieten kann. Würde dabei noch die Menge der verfügbaren Serienstaffeln eingerechnet, fiele das Verhältnis für Apple noch weitaus schlechter aus. Apple hat zwar bereits weitere Staffeln beauftragt, aber die müssen erst einmal produziert werden. Es wird noch Jahre dauern, bis Apple ein zur Konkurrenz vergleichbar vielfältiges Angebot anbieten kann.
Disney nutzt seinen Pool aus Filmen und Serien
Ganz anders ist die Situation bei Disney. Das Hollywoodstudio kann für Disney+ auf einen Film- und Serienfundus zurückgreifen, der in mehreren Jahrzehnten angelegt wurde. In den USA erhalten Abonnenten Zugriff auf Disney-Klassiker wie das Dschungelbuch, Bambi und Pinocchio sowie die Animationsfilme der Pixar-Studios wie Toy Story, Findet Nemo, die Monster AG, Alles steht Kopf oder Coco. Außerdem sind alle Star-Wars-Produktionen sowie sämtliche Marvel-Verfilmungen mit dabei und etliche Spielfilme von 20th Century Fox wie Avatar oder die Filmreihe Fluch der Karibik.
Außerdem wird es die neue Star-Wars-Serie The Mandalorian exklusiv bei Disney+ geben. Im Serienbereich gibt es vor allem Kinderserien, weitere Star-Wars-Serien sowie Marvel-Verfilmungen. Zudem sind Serienklassiker wie Die Simpsons dabei, die es aller Voraussicht nach in Deutschland nicht mehr bei anderen Abodiensten geben wird.

Wer also künftig im Rahmen eines Abos etwa den neuen Animationsfilm Frozen 2 oder den aktuellen Star-Wars-Streifen sehen will, wird wohl ein Abo von Disney+ benötigen. So ganz klar ist das noch nicht, es wäre auch denkbar, dass bestehende Verträge die Pläne von Disney+ durchkreuzen und etwa neue Disney-Streifen doch zuerst weiterhin bei Sky erscheinen. Aber langfristig wird Disney solche Verträge nicht verlängern und dann kommen Zuschauer nicht mehr an Disney+ vorbei.
Sky-Abonnenten haben das Nachsehen
Die größten Einbußen durch den Markteintritt von Disney+ gibt es an dieser Stelle für den Pay-TV-Sender Sky, der ansonsten bisher bei aktuellen Kinofilmen führend gewesen ist und diese zuerst ausstrahlen durfte. Diese Exklusivität geht mit Disney+ verloren und Sky-Kunden müssten ein zusätzliches Abo abschließen, um etwa die neuen Animationsfilme, neue Star-Wars-Folgen oder aktuelle Marvel-Verfilmungen anschauen zu können.

Netflix und Prime Video boten die entsprechenden Filme meist erst nach Sky an. Langfristig wird sich das Sortiment aber auch bei Netflix und Amazon verschlechtern, weil die fast 700 Spielfilme von Disney+ dauerhaft fehlen werden.
In den USA besteht das Sortiment von Disney+ vor allem aus familientauglichem Material und es wäre sehr ungewöhnlich, wenn sich das Angebot hierzulande deutlich von dem in den USA unterscheidet. Im Spielfilmsegment kann sich das Portfolio von Disney durchaus sehen lassen, im Serienbereich ist der Anbieter noch schwach aufgestellt. Zwar haben Prime Video und Netflix derzeit deutlich mehr Filme und Serien im Sortiment, aber da sind auch viel zweit- und drittklassige Inhalte dabei.
Kunden von Disney+ werden hingegen vor allem bekannte und berühmte Hollywood-Filme bekommen, die es dann nicht bei der Konkurrenz geben wird. Und das wird dafür sorgen, dass es Disney auch in Deutschland gelingen wird, aus dem Stand heraus eine ordentliche Zahl an Kunden für sich zu gewinnen. In den USA konnte Disney innerhalb weniger Tage 10 Millionen Abonnenten verzeichnen.
Gute Chancen für Disney+
Der vergleichsweise günstige Monatspreis von 7 Euro für Disney+ könnte zudem dafür sorgen, dass Netflix- oder Prime-Video-Kunden den neuen Anbieter einfach parallel buchen, da die monatlichen Mehrkosten überschaubar sind. Wer aber schon lange das Gefühl hat, bei Netflix, Prime Video oder Sky alle hochwertigen Inhalte angeschaut zu haben, könnte gewillt sein, der etablierten Konkurrenz den Rücken zu kehren und ganz zu Disney+ zu wechseln.
Familien mit Kindern werden Disney+ mögen. Noch nie war es so preisgünstig möglich, auf so viel Disney- und Pixar-Material zuzugreifen. Bisher gab es Disney-Filme zwar bei der Konkurrenz, aber immer nur ausgewählte Titel. So findet man derzeit Coco sowie die Monster AG bei Netflix, nicht aber Nemo oder Alles steht Kopf.
Disney will zumindest langfristig das Sortiment ständig erweitern. In den USA kommt täglich neues Material dazu. Es soll die Ausnahme bleiben, dass Inhalte aus dem Abo entfernt werden, wie es in den USA bei Filmen von 20th Century Fox passiert ist. Der Grund dafür sind noch laufende Verträge mit Lizenznehmern. Sobald diese ausgelaufen sind, sollen aus Disney+ keine Inhalte mehr wegfallen.
Damit unterscheidet sich der Ansatz von Disney+ deutlich von der Konkurrenz. Bei Amazon, Netflix und Sky fliegen im Grunde täglich Inhalte aus dem Abo und es kommen andere dazu. Lediglich die vergleichsweise wenigen Eigenproduktionen sind dauerhaft verfügbar – allerdings ist es mitunter schwer, diese zu erkennen. Im Unterschied zu Netflix und Sky ist Amazon diesbezüglich transparenter für den Kunden.
Übersichtliche Situation bei Amazon
Amazon unterscheidet "bei Prime Video zwischen Amazon Exclusives und Amazon Originals", wie uns das Unternehmen auf Nachfrage mitteilte. Amazon Originals sind "entweder von Amazon mitentwickelte Formate oder solche, für die Amazon für gewisse Territorien alle Rechte erworben hat". "Amazon Originals verschwinden in der Regel nicht aus dem für Prime-Mitglieder verfügbaren Angebot", verspricht der Anbieter.
"Amazon Exclusives sind exklusiv erworbene Lizenzinhalte", die für den Streamingbereich gelten. Hierbei könne es vorgeschriebene Zeiträume geben, in denen diese Inhalte aus Prime Video genommen würden, weil es anderweitige Lizenzverpflichtungen gebe, erklärt Amazon die Situation. Üblicherweise kommen die Exklusivtitel danach wieder in das Sortiment. "Bei Amazon Exclusives kann es in Ausnahmefällen vorkommen, das Lizenzen nach Ablauf der Lizenz nicht verlängert werden", sagt Amazon.
Bei Netflix und Sky ist es verworrener
Weniger eindeutig ist die Situation bei Netflix, weil der Anbieter sowohl die selbst produzierten Inhalte als auch exklusiv lizenzierte Ware mit dem Hinweis Netflix Originals versieht. Die Eigenproduktionen müssen nicht aus dem Sortiment genommen werden, teilte Netflix auf Nachfrage mit. Anders sieht es bei Inhalten aus, die nur in bestimmten Regionen als Netflix Originals laufen, die könnten auch aus dem Sortiment verschwinden. Für den Abonnenten ist es nicht ohne weiteres erkennbar, zu welcher der beiden Gruppen ein Netflix Originals gehört.
Auch Sky setzt verstärkt auf Eigenproduktionen – mit ähnlichen Problemen wie bei Netflix. Die Sky-Eigenproduktionen tragen die Bezeichnung Sky Original, aber das bedeutet nicht, dass sich Abonnenten darauf verlassen können, dass die betreffenden Inhalte immer verfügbar sind. So war die Serie Babylon Berlin im März 2019 nicht im Sky-Abo enthalten, obwohl diese als Originaltitel gekennzeichnet ist. Bei Sky-Produktionen wie Das Boot, Der Pass und 8 Tage verspricht Sky hingegen eine dauerhafte Verfügbarkeit. Die Unterschiede zwischen den beiden Arten der Sky Originals erschließt sich für den Abonnenten nicht.
Besonderes Aushängeschild von Sky sind aber vor allem die HBO-Serien wie Game of Thrones oder Westworld. Bei diesen Inhalten ist es jedoch ein ständiges Kommen und Gehen. Serien verschwinden immer mal wieder für einige Zeit und kommen nach einigen Monaten wieder. Das betrifft neue Produktionen, aber auch ältere Serien wie The Wire oder Six Feet Under. Für Kunden wäre es wünschenswert, wenn es mit Sky einen Anbieter gäbe, bei dem alle HBO-Serien dauerhaft verfügbar wären. Ob sich das mit der neuen Lizenzvereinbarung zwischen Warner Media und Sky bessert, ist nicht bekannt. Eine Anfrage dazu ließ Warner unbeantwortet.
Ausblick
Disney+ wird den Markt der Videostreamingabos in Deutschland in diesem Jahr gehörig verändern. Den Wegfall von Inhalten werden Amazon, Netflix und Sky deutlich spüren. Besonders drastisch wird es für Sky sein, weil es dort langfristig nicht mehr alle neuen Hollywood-Blockbuster als erstes geben wird. Alle neuen Star-Wars- und Marvel-Verfilmungen sowie alle Animationsfilme von Disney und Pixar erhalten Streaming-Nutzer nur noch bei Disney+.
In den USA werden die Umwälzungen noch dramatischer ausfallen, weil dort weitere Hollywoodstudios mit eigenen Abodiensten starten. Dort wird es für Kunden also immer aufwendiger, ein möglichst breites Spektrum an Filmen und Serien bei einem Anbieter zu bekommen. Aller Voraussicht nach wird sich der Markt dann so entwickeln, dass Kunden Abos pausieren und nur dann buchen, wenn neue und für sie interessante Inhalte dazugekommen sind.
Vor allem im Filmbereich werden etablierte Anbieter wie Amazon und Netflix erhebliche Nachteile bemerken. Beide bemühen sich zwar, mit Eigenproduktionen ein eigenes Sortiment aufzubauen. Dabei handelt es sich bisher vor allem um Serien, Filme machen einen geringeren Anteil aus. Spielfilme kommen weiterhin zum Großteil von den klassischen Filmstudios. Und wenn diese ihre Inhalte abziehen, bleiben Amazon, Netflix und Co deutlich weniger Inhalte übrig.
- Anzeige Hier geht es zum neuen Apple TV 4K bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.