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Amazing CTO von Stephan Schmidt: Bloß nicht noch ein Buch über Tech-Skills

Wie wird aus einem guten Entwickler ein guter Manager? Das Buch Amazing CTO will mit 140 Tipps und 80er-Soundtrack eine Antwort geben – und macht das angenehm bullshitfrei.
/ Daniel Ziegener
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Muss der perfekte CTO ein Ratekenwissenschaftler sein? (Bild: Stephan Schmidt)
Muss der perfekte CTO ein Ratekenwissenschaftler sein? Bild: Stephan Schmidt

Amazing CTO beginnt mit einer persönlichen Anekdote. Buchautor Stephan Schmidt beschreibt, wie er an den ausgestellten Heimcomputern im Kaufhaus das Programmieren entdeckte, später eigene Spiele entwickelte und in den 80er Jahren Teil der Demoszene wurde. Und wie er später während des Internetbooms am Ende der Dotcom-Ära fast schon vom Webentwickler zufällig zum Head of Development aufstieg – und als Manager selbst zunächst ganz und gar nicht amazing war.

Schmidt schildert im Einstieg seines Buchs(öffnet im neuen Fenster) eine Entwicklung, von der auch viele Gesprächspartner im Golem.de-Newsletter Chefs von Devs berichten: Sich gut mit der Technik eines Unternehmens auszukennen heißt nicht automatisch, dass man auch ein guter Chief Technology Officer ist. Die Position erfordert, anders als der Name es andeutet, mehr als nur ein ausgezeichnetes Technologieverständnis.

"Hard Skills verschaffen dir eine Position. Soft Skills machen dich erfolgreich", schreibt der ehemalige CTO der Ebay-Tochter Brands4friends. Genau deshalb sei sein Buch keines über Hard Skills. Er nennt Amazing CTO selbstbewusst das "fehlende Handbuch zum Managen", gefüllt mit Ratschlägen, die er selbst auf dem Weg zu einem besseren CTO gesammelt hat. Aber was für Lektionen sind das?

Hits der 80er und das Beste von heute

Das Buch ist, so kündigt es Schmidt auch schon im Vorwort an, nicht als durchgehende Lektüre gedacht. Stattdessen ist es eine lose sortierte Sammlung aus 140 Regeln beziehungsweise kurzen Tipps. Kurz heißt in dem Fall, dass die meisten auf eine halbe Seite passen (und die kürzesten sogar fast in einen Tweet).

Schmidt konzipiert sein Buch so als Mixtape, das er auch gleich als begleitende Playlist auf Spotify(öffnet im neuen Fenster) anbietet. Von Kate Bush bis Dire Straits sortiert er die Regeln in neun Kapitel mit passenden Songs aus den 80er Jahren ein – der Zeit, in der er selbst das Coden entdeckte und seinen späteren Karriereweg eingeschlagen hat.

Wie ein Mixtape liest sich das Buch auch. Abschnitte oder Kapitel lassen sich skippen, man kann beliebig vor- und zurückspulen, ohne etwas zu verpassen. Wer Management-Deep-Dives erwartet, wird in diesem Buch nicht fündig. Es ist kein Konzept-Doppelalbum, sondern ein Mixtape mit Lieblingssongs – persönlich und subjektiv; sicher also auch Geschmacksfrage. Aber man merkt Schmidt auch über das Vorwort hinaus an, dass hinter vielen der Regeln echte Erfahrungen stecken.

Die Superkraft, niemandes Zeit zu verschwenden

Neben einigen Aussagen, denen wohl jeder zustimmen würde, sind unter den Regeln auch solche, über die sich wunderbar diskutieren lässt. So schreibt Schmidt, dass persönliche Gespräche "eine Superkraft" (Regel #3) seien, ohne die er nicht leben könne. Wöchentliche 1:1-Gespräche seien "das Schweizer Taschenmesser des Managements."

Das zu lesen, erinnert unweigerlich an die noch frische Schlagzeile, dass Nvidia-CEO Jensen Huang in einem Interview kürzlich das genaue Gegenteil sagte. Der Chef eines der wertvollsten Unternehmen der Welt hat die Einzelgespräche in seiner Unternehmenshierarchie überflüssig gemacht.

"Der Kardinalfehler besteht darin, 1:1-Gespräche für Status-Updates zu nutzen", konkretisiert Schmidt einen Punkt, dem wohl auch Huang zustimmen würde. Für solche Updates seien E-Mails besser geeignet. Vorgesetzte sollten die wertvolle Zeit mit ihren Mitarbeitern sinnvoll nutzen, statt sie zu verschwenden. Denn wie eine weitere Regel besagt: Ein CTO verschwendet nicht die Zeit seiner Mitarbeiter (Regel #20).

Stattdessen solle sie investiert werden – und zwar zur Hälfte in das eigene Team (Regel #130). "Ich höre der Mitarbeiterin im 1:1 zu und möchte ihre Ansichten und ihre Meinung zu den Dingen erfahren", schreibt Schmidt und macht mit vielen Regeln dieser Art klar, warum ihm der direkte Kontakt wichtiger ist als Status-Updates.

Soft Skills sind die neuen Hard Skills

Was das Beispiel der 1:1-Gespräche zeigt, zieht sich durch das ganze Buch: Schmidt glaubt an die Soft Skills. "Ein Anfänger denkt, es geht um Technik. Ein Experte weiß, dass es um den Menschen geht", schreibt Schmidt schon früh. Es ist ein Punkt, zu dem er immer wieder zurückkehrt.

Das heißt nicht, dass Schmidt sich auf konfliktfreie Heile-Welt-Kommunikation zurückziehen möchte. Im Gegenteil will er Konflikte durch eine klare Kommunikation vermeiden: "Menschen können keine Gedanken lesen." Deshalb müsse man seine Erwartungen klar kommunizieren.

Wenn man nicht gerade ein Raketenunternehmen wie SpaceX leite, sei die Technologie gar nicht so wichtig. Deshalb wisse der Amazing CTO auch, welche Technologie selbst gebaut werden müsse – und was man einfach einkaufen könne. Auch diese Frage bricht Schmidt im Stil seines gesamten Buchs auf einen Satz herunter, der in einen Tweet passt: "Bauen schafft einen Wettbewerbsvorteil, und wenn man die richtigen Dinge kauft, hat man mehr Zeit dafür."

Und so entlässt der Amazing CTO seine Angestellten

Ganz ohne Buzzwords kommt der ansonsten größtenteils angenehm bullshitfreie Management-Ratgeber dann doch nicht aus. Ein Amazing CTO habe Leidenschaft, für ihn sei der Job nicht nur ein Job. "Bei vielen CTOs versiegt die Leidenschaft, weil sie sich mit zu vielen Dingen beschäftigen, die ihnen nicht liegen, wie zum Beispiel endlose Meetings", schreibt Schmidt, einige Seiten nach dem Tipp zu regelmäßigen 1:1-Meetings.

Diese Nähe zu den Beschäftigten wird besonders dann wichtig, wenn man als Vorgesetzter seiner Verantwortung für sie nachkommen muss – etwa im Fall von Entlassungen. Auch diesem nach den letzten beiden Jahren unvermeidbaren Thema widmet Schmidt ein paar Worte.

Hier gerät der knapp gehaltene Stil allerdings an seine Grenzen – auch weil sich Schmidt an den Bedingungen des US-Arbeitsmarktes orientiert. Zwar gibt er in Stichpunkten einige Handreichungen zum empathischen Umgang mit den betroffenen Entwicklern, am Ende landet er aber bei der sofortigen Sperre des Slack-Accounts: "99,9 Prozent der Menschen sind gute Menschen, aber sperre Accounts wegen den 0,1 Prozent."

Kein Idealbild eines Coding- und Business-Rockstars

Anders als der Titel andeuten könnte, zeichnet Schmidt in seinem Buch kein Idealbild eines Coding- und Business-Rockstars – zum Glück. Er glaubt, dass jeder CTO das Potenzial hat, amazing zu sein. Auch deshalb erklärt der Autor eingangs seine Gedanken zur Unmöglichkeit einer geschlechtsneutralen Wortwahl. (Am Ende entscheidet er sich für die weibliche Form.)

Bis zum Schluss liegt der Fokus seines CTO-Handbuchs auf dem zwischenmenschlichen Management-Aspekt. Denn wer CTO wird, scheint die technischen Fähigkeiten schließlich schon unter Beweis gestellt zu haben.

Entsprechend spielt auch KI als technologisches Dauerthema des letzten Jahres (g+) eine untergeordnete Rolle, die nichts mit Programmieren zu tun hat: Neben einem kleinen Ratgeber zum Erkennen von ChatGPT-generierten Bewerbungsschreiben hängt Schmidt auch einen KI-generierten CTO-Blues-Song(öffnet im neuen Fenster) an. Das ist nett, auch wenn das Buch solche Gimmicks gar nicht nötig gehabt hätte.

Aber solche Stil- und Geschmacksfragen sind vielleicht gar nicht so wichtig, denn wie Schmidt ganz richtig auf den Punkt bringt: Nur zu denken, man "hätte es anders gemacht", sei ein Fehler, denn es gehe nicht um Lösungswege, sondern um Ergebnisse.

Amazing CTO ist vielleicht nicht das bahnbrechendste Management-Buch aller Zeiten (von denen empfiehlt Schmidt am Ende selbst noch 20 weitere), sondern ein kurzweiliges Mixtape aus guten Ideen und Inputs. Darin zu blättern, ist nicht nur für Chief Technology Officers (und die, die es noch werden wollen) interessant.

Das Epub von Amazing CTO kostet mindestens 25 US-Dollar(öffnet im neuen Fenster), Schmidt empfiehlt einen Preis von 30 US-Dollar. Wer möchte, kann mehr bezahlen. Eine kostenlose Leseprobe kann auf der Shopseite heruntergeladen werden.


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