Ruhekabinen für Lagerarbeiter: Amazon bietet Zen-Kabinen statt Toilettenpausen

Gestresst von Druck und Überwachung bei der Lagerarbeit für Amazon? Keine Zeit für die Toilette? Die AmaZen-Kabine hilft sicher beim Loslassen.

Ein Bericht von veröffentlicht am
Ein stilles Örtchen mitten in der Halle
Ein stilles Örtchen mitten in der Halle (Bild: Amazon)

Amazon bietet seinen Arbeitern neuerdings mitten in der Lagerhalle blaue Kabinen, in der sie sich "beruhigende Szenen und Geräusche anhören können". Die ZenBooth oder Mindful Practice Room genannte Kabine ist tatsächlich ein ernst gemeinter Teil des Working-Well-Programms, das Amazon am 17. Mai 2021 angekündigt hat. Einen Tweet des Amazon.com-Accounts hat der Konzern jedoch wieder gelöscht, nachdem sich Nutzer in über 8.000 Reaktionen über den Zynismus des Konzerns aufgeregt hatten.

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Das Video aus dem gelöschten Tweet ist weiter bei Youtube abrufbar. "Amazons Leila Brown nutzte ihren beruflichen Hintergrund aus der Sportmedizin und ihre Leidenschaft für alternative Therapien, um einen Raum zu schaffen, wo die Mitarbeiter sich auf ihre mentale Gesundheit konzentrieren können", hieß es in dem gelöschten Tweet über das Programm von Brown aus Florida, die für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zuständig ist. "Für mich geht es bei AmaZen um die Praxis der ganzheitlichen, geführten Achtsamkeit", sagte sie in einer Darstellung des Konzerns.

Laut Amazon ist Working Well eine Mischung aus "körperlichen und geistigen Aktivitäten, Wellnessübungen und Unterstützung für gesunde Ernährung". Beschäftigte würden in interaktiven Kiosken individuell durch Achtsamkeitspraktiken geleitet. Dafür gibt es einen PC mit einer Auswahl von Programmen, eine Pflanze und eine kuschelige Verkleidung an den Wänden, wie das Video kurz zeigt.

Amazon setzt auf Beruhigung und Eskalation

Amazon hat einen Gewerkschaftsanschluss im Logistiklager in Bessemer im Bundesstaat Alabama erfolgreich verhindert, darunter auch mit Entlassungen, sagen Kritiker. Statt sich zusammen mit den Kollegen über unmenschliche Arbeitsbedingungen aufzuregen, über Gewerkschaften, Streik oder gar Alternativen zum Kapitalismus zu sprechen, hat die Arbeiterschaft hier also endlich einen Raum, um sich zu beruhigen, kann wohl Walgesängen lauschen oder Meeresrauschen hören.

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Dabei birgt Meeresrauschen ein erhebliches Risiko: Will Evans vom The Center of Investigative Reporting twitterte unlängst Berichte von Arbeitern, die die Überausbeutung bei Amazon belegen, wo man nicht zur Toilette gehen könne, weil sonst der Akkord nicht geschafft werde. "Du musst das Pinkeln anhalten, oder du schaffst deine Zahlen nicht." Andere Quellen berichteten, dass davon zumeist Amazon-Fahrer betroffen seien. Amazon-Deutschland-Sprecher Stephan Eichenseher sagte Golem.de dagegen auf Anfrage: "Ganz klar: Wer auf die Toilette muss, geht auf die Toilette. Wer etwas anderes behauptet, war noch nie in einem Amazon-Logistikzentrum."

Kurz nach einem Disput zwischen Amazon mit dem US-Abgeordneten Mark Pocan hatte das Investigativportal The Intercept geleakte Dokumente einer Amazon-Logistics-Managerin veröffentlicht, in denen klargestellt wird, dass keine Tüten mit "menschlichen Fäkalien" in den Lieferzentren geduldet werden.

Meeresrauschen in der Zen-Kabine, während man in die Plastikflasche pinkelt, das widerspricht krass dem gesamten esoterischen Ansatz, folgt aber einem Zen-Leitsatz: "Die Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loslassen bedeutet, dass man sie sein lässt. Dein Leben ist ein Fluss. wenn du es näher betrachtest, dann wirst du sehen, dass sich alles in jedem Augenblick ändert." Man lässt also los, wird aber die Flasche nicht los.

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Loslassen mit Mikrofon

Selbst beim Loslassen ist man als Amazon-Lagerarbeiter aber nicht ungestört: Amazon-Beschäftigte in Deutschland klagten in dieser Woche darüber, dass jeder ihrer Arbeitsschritte getrackt werde. Anlass war die Anhörung im Europäischen Parlament zu Unternehmenspraktiken des US-Konzerns, zu dem Amazon nicht einmal einen Vertreter schickte.

"Auch wenn es um eine minimale Arbeitsunterbrechung geht, werden Beschäftigte angesprochen", sagte Orhan Akman, Verdi-Bundesfachgruppenleiter für Einzel- und Versandhandel. Jeder Fehler habe zudem ein sogenanntes Feedback zur Folge. Außerdem berichten Beschäftigte, dass alle Scanner standardmäßig mit Mikrofonen ausgestattet seien, was Abhören ermögliche. Amazon bestreitet den Vorwurf jedoch. Laut Amazon gibt es angeblich keine Überwachung durch Vorgesetzte. Doch "wie alle Unternehmen haben auch wir Erwartungen hinsichtlich der Leistung unserer Mitarbeiter", räumte ein Sprecher ein.

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berritorre 31. Mai 2021

Hier in Brasilien ist Amazon erst sehr spät eingestiegen. Warum? Weil es hier grosse...

berritorre 31. Mai 2021

So sieht es aus. Ein Feedback bei einem Fehler, OK, aber ich vermute mal, dass hier sehr...

berritorre 31. Mai 2021

Das erinnert mich an einen Kollegen in Deutschland, der immer sehr stolz darauf war...

interlingueX 30. Mai 2021

Oder es gibt Spargelsuppe aus dem Wassersack, da traut sich dann eh keiner mehr aufs Klo...



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