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Always Connected PC: Unter 700 US-Dollar, 7 mm und 700 Gramm

Computex 2017
Sieben Millimeter dünn, locker sieben Tage im Standby und das bei einem Gewicht von 700 Gramm und Preisen unter 700 US-Dollar: Vor allem die Qualcomm-Variante des Always-Connected-Windows-PC gefällt uns. Intels Vorstellung war dagegen eher peinlich.
/ Andreas Sebayang
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Das Referenzdesign für künftige Windows-10-on-ARM-Geräte ist sehr klein. (Bild: Qualcomm)
Das Referenzdesign für künftige Windows-10-on-ARM-Geräte ist sehr klein. Bild: Qualcomm

Es ist kein Netbook. Es ist kein Notebook. Und ein Windows-RT-System ist es auch nicht. Irgendwo dazwischen will Qualcomm seine Always Connected PCs auf Basis von Windows 10 on ARM und Qualcomms Snapdragon 835 positionieren. Und trotzdem soll sich ein solches System wie ein Windows-Rechner anfühlen, nur leichter: 700 Gramm sind angedacht. Eine attraktive Mischung, denn solche Werte kennen wir sonst nur von NEC-Notebooks(öffnet im neuen Fenster) , die es hierzulande nicht gibt. Und den lahmen Atom-basierten Netbooks fehlt es oft an der Konnektivität; die Zeiten der schönen Business-Netbooks mit Mobilfunkmodem sind lange vorbei.

Kein Windows RT 2.0

Die Windows-on-ARM-Plattform klingt ein wenig wie ein Reboot von Windows RT . Dieses hatte vor allem bei Rechnern für die Familie seine Reize: Die Plattform dürfte mangels Verbreitung kaum infizierbar sein, da sich auch die Schadsoftware-Entwickler dafür keine Arbeit machen und übliche Schadsoftware inkompatibel ist - allerdings beschwerte sich die Verwandtschaft schnell über den Mangel auch an legitimen Anwendungen. Qualcomm beeilte sich dann im Gespräch auch zu betonen, dass Windows on ARM nicht wie Windows RT 2.0 sei. Der Anwender soll sich keine Sorgen machen müssen, ob seine Anwendungen funktionieren oder nicht.

Der Always Connected PC bietet nämlich trotz ARM-Kernen eine x86er-Kompatibilität - laut Qualcomm zunächst allerdings nur mit 32-Bit-Anwendungen, obwohl Windows on ARM ein 64-Bit-Betriebssystem ist. Problematisch dürfte das selten sein. Exklusive 64-Bit-Programme sind meist aktuelle Spiele oder wirklich leistungsfähige Anwendungen. Für beides ist Qualcomms System-on-a-Chip auf ARM-Basis ungeeignet. In einigen Fällen haben 64-Bit-Programme Vorteile bei der Berechnungsgeschwindigkeit, unabhängig vom Arbeitsspeicher. Doch bei einem mobilen Rechner ist das kein typisches Einsatzszenario.

Die ARM-Kerne sind fix genug

Gezeigt hat uns Qualcomm Windows on ARM auf einem Entwicklersystem. Dabei wurde deutlich, dass die Ausführung von Programmen schnell genug ist. Excel und Word als UWP-Anwendungen liefen gut. Auch das Herunterladen eines Zip-Programms war kein Problem. Alles lief flüssig. Dazu gehörte auch das Decodieren eines 4K-UHD-Videos, was allerdings ohnehin kaum noch die eigentlichen CPU-Kerne beansprucht, da eine separate Beschleunigung in Hardware zum Zug kommt.

Windows 10 on ARM auf einem Snapdragon 835
Windows 10 on ARM auf einem Snapdragon 835 (01:15)

Prinzipiell wäre Qualcomm auch bereit für andere Betriebssysteme, wie das Unternehmen auf Nachfrage sagte. Das lässt Raum für Spekulationen. Gerüchte, dass Apple an einem ARM-basierten Notebook arbeitet, kommen immer wieder auf, doch fehlte dafür bisher schlicht die Plattform. Qualcomm sei jedenfalls bereit, auch für die x-86er-Linux-Welt, sagte der Chipentwickler.

Voraussetzungen für die neuen Windows-10-on-ARM-Geräte

Die Emulation wird nicht auf allen ARM-Geräten funktionieren. Zunächst steht natürlich die Partnerschaft zwischen Qualcomm und Microsoft im Vordergrund. Der Snapdragon 835 ist zwingende Voraussetzung für Qualcomms Plattform - und natürlich potenzieller Nachfolger der 800er-Serie. Die kleineren SoCs werden nicht unterstützt. Das gilt ärgerlicherweise auch für den Snapdragon 820.

Wer sich an alte Versprechungen von HP erinnert , weiß, dass das von uns getestete HP Elite x3 auch mal sehr produktiv eingesetzt werden sollte. Qualcomm sagte dazu nur lapidar, dass dies ein Smartphone sei und suggerierte damit, dass dieses Gerät nicht unter Windows on ARM fällt und die Emulationsschicht nicht kommt. Schade.

Ein paar Anpassungen fehlen in Windows 10 noch

Eine weitere Voraussetzung ist das Betriebssystem. Ohne das Fall Creators Update geht es nicht. Nur dieses System ist auf die neue Plattform vorbereitet. Der gezeigten Demo fehlten allerdings noch Anpassungen. Im Task Manager sind zum Beispiel die Little-Kerne von den Big-Kernen nicht zu unterscheiden. Laut Qualcomm werden die Little-Kerne als CPU 0 bis 3 gelistet. Die angezeigten Taktraten beziehen sich auch auf diese. CPUs 4 bis 7 sind hingegen die schnellen Kerne.

Zum Fall Creators Update und damit zu Windows 10 on ARM gehört auch eine eSIM-Unterstützung (Embedded Subscriber Identification Module). Dass Microsoft an der eSIM-Unterstützung arbeitet , ist lange bekannt. Diese eSIMs haben einige Vorteile, da die SIM-Karte im Prinzip virtualisiert und heruntergeladen wird. Das macht die Geräte unabhängiger von Netzbetreibern und als Tourist oder Geschäftsreisender muss der Anwender nicht mehr nach Telefon-Shops suchen. Er steigt im Prinzip aus dem Flugzeug und lädt sich seine SIM-Karte herunter. Unter Windows ist das etwas völlig Neues.

Wer auf eSIM setzt, kann durchaus normale SIM-Karten nutzen

Qualcomm sieht aber nicht zwingend den Einsatz einer Embedded-SIM-Karte im Wortsinne vor. In den ersten Versionen wird es einen SIM-Kartenschacht geben, in dem eine eSIM-Karte, eine sogenannte eUICC, steckt, die eSIM-Fähigkeiten hat und vom Hostsystem auch programmiert werden kann. Diese eUICCs funktionieren nicht in normalen SIM-Kartenschächten.

Der Grund für eine entnehmbare eSIM liegt darin, dass noch längst nicht in allen Ländern die Infrastruktur dafür vorhanden ist. Bei Ländern mit guten eSIM-Angeboten kann es aber durchaus passieren, dass das Angebot nur auf einigen Frequenzen sinnvoll nutzbar ist. Sollte das eigene Gerät diese nicht unterstützen, ist der Einsatz einer klassischen SIM-Karte eine sinnvolle Alternative, wenn der Anwender nicht auf langsamere Frequenzen ausweichen will.

Große Investitionen sind nicht zu erwarten. Qualcomm geht von Geräten aus, die im Bereich zwischen 400 und 700 US-Dollar verkauft werden. Im Vergleich zu den Notebooks, die in Elektronikmärkten verkauft werden, ist das natürlich viel - allerdings sind das in der Regel auch keine reisetauglichen Kleinstgeräte. Der Preis liegt eher im Bereich der Oberklasse-Smartphones, für die auch reguläre Anwender oft bereit sind, hohe Preise zu zahlen.

Keine Chance für Hardwareupgrades

Problematisch ist aber die Hardware an sich. Es handelt sich um ein geschlossenes Smartphone-System. RAM und SSD sind verlötet, es gibt keinen M.2-Slot und den Prozessor kann erst recht niemand austauschen. Das ist laut Qualcomm auch nicht als Option geplant. Wer die Hardware kauft, sollte sich vorher gut überlegen, was er braucht.

Zunächst sind für ein System 4 oder 8 GByte RAM geplant. Das klingt für die Zukunft durchaus knapp, wobei wir nicht wissen, wie effizient der ARM-Code von Windows ist, was die RAM-Auslastung angeht. Allerdings gibt es auch keine klassischen Smartphone-Einschränkungen. Thermisch vorgesehen ist eine passive Kühlung bei höherer Leistung. Das sei kein Problem, sagt Qualcomm. Ein Always Connected PC hat einfach mehr Fläche für die Kühlung des ohnehin recht wenig Hitze produzierenden Snapdragon 835 .

Neben den vielen Kompromissen gibt es aber interessante Vorteile. Der Rechner ist Qualcomms Plänen zufolge immer mit dem Internet verbunden und synchronisiert seine Daten. Das kennen bisher nur Smartphone-Nutzer. Zudem sind die Laufzeiten lang, da der Anwender ein schneller getaktetes Smartphone mit dem Platzangebot eines Notebooks oder Convertibles teilt. Da dürfte viel Platz für einen großen Akku vorhanden sein. Einen Arbeitstag soll so ein System ohne weiteres durchhalten. Und im Standby ist die Woche in der Praxis vermutlich auch möglich, wenn das Gerät nur ab und an beansprucht wird. Qualcomm selbst gibt Standby-Zeiten im Bereich von mehreren Wochen an.

Intel will mit Kokuna auch mitspielen

Bis es so weit ist, wird aber noch einige Zeit vergehen. Asus, HP und Lenovo sollen bereits an Produkten auf Basis von Windows on ARM arbeiten, doch wann diese erscheinen und wie sie aussehen werden, ist noch nicht bekannt. Gezeigt hat nur Qualcomm Handfestes. Spannend wird zudem, ob Microsoft unter der Surface-Marke einen Nachfolger der Surface-RT-Serie bringen wird. Der Konzern blieb diesbezüglich still und nutzte seinen recht großen Computex-Stand nicht für das Verbreiten weiterer Informationen.

Qualcomm selbst versicherte uns, dass die Plattform für Geräte noch vor Jahresende bereit sein wird. Wir rechnen aber eher mit Geräten zur CES 2018, insbesondere wenn es sich um Geschäftskundengeräte handeln sollte, die immer eine etwas längere Entwicklungszeit brauchen. Zur Ifa 2017 werden vermutlich noch keine Geräte verfügbar sein, Microsoft dürfte mit Windows 10 dann noch nicht bereit sein.

Intel hat nichts vorzuweisen

Im Vorfeld der Ankündigung von Qualcomm und Microsoft hat auch Intel auf der Computex sein Kokuna-Projekt angekündigt. Das wirkte auf der Keynote aber eher peinlich. Kokuna heißt: Intel-CPU und Intel-LTE-Modem, das natürlich eSIM-tauglich ist. Doch Details gab es nicht. Immerhin wurde Asus-Chef Jonney Shih auf die Bühne geholt, der dann ein zusammengeklapptes 2-in-1-Notebook in Richtung Publikum hielt. Der Intel-Vertreter gab sich sichtlich beeindruckt. Beim Zuschauer stellte sich hingegen ein Fremdschämen ein, da auf der Bühne letztendlich nur ein Plastik- oder Holzmodell gezeigt wurde.

Es war klar, dass Intel hier der Getriebene ist - durch die Qualcomm-Ankündigung. Es war nichts Vorzeigbares da, aber ins Gespräch wollte das Unternehmen trotzdem irgendwie kommen. Intels x86er-Lager wird derzeit von zwei Seiten sehr effizient angegriffen: Qualcomm auf der Energiesparseite und AMD auf Seiten der Leistungsfähigkeit , nur dass Intel sich mit Skylake X alias Core i9 schnell und deutlich wehren konnte. Bei Qualcomm sieht das offenbar anders aus.

Das Potenzial für den Windows-Dauerläufer ist da

Nach dem, was wir auf der Computex gesehen haben, verspricht der Jahreswechsel 2017/2018 sehr spannend zu werden. Der leichte Windows-Rechner, der immer online ist und beim Nichtstun kaum Energie benötigt, wird bald zur Realität. Und dank x86er-Kompatibilität sind die Windows-RT-Probleme ein Teil der Vergangenheit. Dass sich nur 32-Bit-Programme ausführen lassen, ist ein akzeptabler Kompromiss - zumal die Ausführung in der Demo sehr vielversprechend aussah. Sicher, ein Photoshop-Workflow wäre mit so einem Always Connected PC keine gute Idee. Aber für alles andere soll sich die neue 700-Gramm-Klasse gut eignen.

Das geht so weit, dass Qualcomm selbst das Ausführen alter Spiele für unproblematisch hält. Wir haben da allerdings durchaus Zweifel, da die Spieleprogrammierer der vergangenen Jahre nur Intel, Nvidia und AMD im Entwicklerfokus hatten. Trotzdem kann aus produktiver Sicht eine völlig neue Geräteklasse entstehen, die selbst die dünnsten Notebooks alt aussehen lässt. Und einen langen Support gibt es seitens Microsoft vermutlich auch, wenn die ARM-Version des Betriebssystems als nahezu vollwertiges Windows eingestuft wird. Bei seiner mobilen ARM-Plattform bricht Microsoft aber leider regelmäßig Versprechen , so dass hier einige Zweifel angebracht sind.


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