Alternativen gesucht: Paypal-Chaos offenbart gefährliche Zahlungsabhängigkeit
Vergangene Woche erlebte Deutschland ein digitales Bezahl-Chaos, als Paypals Sicherheitssysteme infolge eines missglückten Systemupdates ausfielen(öffnet im neuen Fenster) . Deutsche Banken stoppten daraufhin vorsorglich Lastschriften im zweistelligen Milliardenbereich, da sie nicht mehr überprüfen konnten, ob die Transaktionen berechtigt waren . Händler warteten tagelang auf Auszahlungen, während Verbraucher plötzlich nicht mehr wie gewohnt online bezahlen konnten .
Die Störung dauerte vom 23. bis 24. August 2025. Laut Paypal waren weniger als fünf Prozent deutscher Kunden betroffen(öffnet im neuen Fenster) . Doch die Nachwirkungen sind noch spürbar. Banken wie die Sparkassen und Volksbanken arbeiteten rund um die Uhr daran, die gestoppten Zahlungsströme wieder freizugeben.
Zwar kündigte Paypal Entschädigungen für betroffene Händler an, doch den Vertrauensverlust gibt es bereits. Zudem wird eine europäische Alternative gefordert .
Paypals bedrohliche Marktdominanz in Deutschland
Die Paypal-Störung traf Deutschland besonders hart, weil das Land eine gefährliche Abhängigkeit von dem US-Zahlungsdienstleister entwickelt hat. Mit einem Marktanteil von 28,5 Prozent im E-Commerce(öffnet im neuen Fenster) wickelt Paypal mehr als jeden vierten Online-Kauf in Deutschland ab. Das entspricht einem Umsatzvolumen von etwa 25 Milliarden Euro jährlich(öffnet im neuen Fenster) .
Noch beeindruckender sind die Nutzerzahlen: 35 Millionen Deutsche sind aktive Nutzer(öffnet im neuen Fenster) . Damit hat Paypal nicht nur eine marktführende Position, sondern praktisch eine Monopolstellung, die weit über übliche Wettbewerbsvorteile hinausgeht.
Entscheidend für die starke Verbreitung in Deutschland war die frühe Integration in Ebay. Seit dem Jahr 2004 konnten deutsche Nutzer Paypal verwenden(öffnet im neuen Fenster) . Ab 2005 verlangte Ebay von gewerblichen Verkäufern, Paypal als grundlegende Zahlungsmethode einzurichten. Wegen dieser Zwangsintegration erreichte Paypal die kritische Masse, die heute jeden Konkurrenten auf Abstand hält.
Deutschlands größte Onlineshops setzen auf Paypal
Die Zahlen zeigen das ganze Ausmaß der Abhängigkeit: Paypal ist in neun von zehn der größten deutschen Onlineshops(öffnet im neuen Fenster) verfügbar – kein anderer Zahlungsdienstleister erreicht diese Abdeckung annähernd. Optionen wie Vorauskasse, Lastschrift oder Kreditkarte haben den Nachteil, dass sie für jeden einzelnen Händler neu gepflegt werden müssen, nicht immer den gleichen Käuferschutz bieten und alle Kundeninformationen an den jeweiligen Shop übermittelt werden.
| Shop | Zahlungsmethoden |
|---|---|
| Amazon.de | Kreditkarte (Visa, Mastercard, Amex), Bankeinzug (SEPA-Lastschrift), Monatsabrechnung, Barclays Finanzierung, Amazon-Gutscheine, Amazon Pay, Zahlung per iDEAL, P24, Bancontact, Blik, Einkaufen mit Punkten, Geschenkkarten-Aufladung |
| Otto.de | Rechnung, Ratenzahlung, Lastschrift, Kreditkarte (Visa, Mastercard), Paypal, Vorkasse, OTTO Gutscheine |
| Zalando.de | Zalando.de Kreditkarte (Visa, Mastercard, Amex, Diners, Discover), Paypal, SEPA-Lastschrift, Vorkasse, Rechnung, Gutschein, Klarna |
| Mediamarkt.de | Finanzierung (BNP Paribas, Targo, Santander), Rechnungskauf (zum Beispiel Zinia), Paypal, Kreditkarte, Klarna (Rechnung, Raten), Apple Pay, Google Pay, Vorkasse, Geschenkkarte |
| Ikea.com | Kreditkarte (Visa, Mastercard, Amex), Girocard, Barzahlung (nur im Store), Ikea-Geschenkkarte, Klarna (Rechnungskauf), Paypal, Apple Pay, Google Pay, gegebenenfalls Ratepay für Online/Click&Collect, Vorkasse für Insel-Lieferungen |
| Apple.com | Kreditkarte, Apple Pay, Überweisung, Paypal, Finanzierung (Zinia), Apple Gift Card, Apple Account Guthaben, eventuell mehrere Methoden kombinierbar |
| HM.com | Apple Pay, Kreditkarte, Rechnung (Klarna), Paypal, eventuell weitere, je nach Land |
| Lidl.de | Kreditkarte, Paypal, Lastschrift, Rechnungskauf, Vorkasse, Lidl Ratenzahlung/Finanzierung, Apple Pay, Google Pay, Lidl Geschenkkarte, Click to Pay |
| AboutYou.de | Klarna Pay Later, Paypal, Kreditkarte (Visa/Mastercard), Sofortüberweisung (Klarna), Apple Pay, Google Pay |
| Shop-Apotheke.com | Rechnung (Klarna, Ratepay, Shop-Apotheke direkt), Lastschrift (Klarna, Shop-Apotheke direkt), Kreditkarte (Visa, Mastercard), Paypal, Klarna Sofortüberweisung, Vorkasse |
Obwohl der größte Onlinehändler Amazon Paypal nicht anbietet, wird die Dominanz des Zahlungsdienstleisters bei anderen Anbietern dadurch noch deutlicher. Bereinigt man den Gesamtmarkt um den Umsatz von Amazon, dürfte der Marktanteil von Paypal bei circa 33 Prozent bei allen anderen Händlern liegen.
Wero oder Klarna als Alternativen?
Mit Wero versuchen europäische Banken, eine echte Alternative zu schaffen. Die European Payments Initiative (EPI) vereint 14 europäische Großbanken und die beiden größten europäischen Zahlungsverkehrsdienstleister aus Deutschland, Frankreich und Belgien(öffnet im neuen Fenster) und erreicht bereits 43 Millionen aktive Nutzer in Europa.
In Deutschland haben sich erst 1,8 Millionen für den Dienst registriert(öffnet im neuen Fenster) . Obwohl das Unternehmen von den aktuellen Schlagzeilen rund um Paypal profitiert, ist der Dienst noch ziemlich unbekannt und kann nicht für Online-Shopping verwendet werden.
Die größte Hürde für europäische Paypal-Alternativen sind die inhärenten Netzwerkeffekte im Zahlungsverkehr. In zweiseitigen Märkten steigt der Nutzen für eine Seite, wenn die andere Seite wächst. Verbraucher möchten nur Zahlungsmethoden nutzen, die überall akzeptiert werden. Händler bieten wiederum nur Zahlungsmethoden an, die ihre Kunden bereits kennen und nutzen.
Wer neu in diesen Markt kommen möchte, muss beide Seiten gleichzeitig überzeugen. Das ist eine fast unmögliche Aufgabe.
Wero bietet technische Vorteile wie Echtzeitüberweisungen in unter zehn Sekunden und vollständige Datensouveränität innerhalb der EU. Doch das wird kaum ausreichen, um die etablierten Gewohnheiten von Paypal-Nutzern zu durchbrechen.
Ein weiteres Problem ist die Zersplitterung der europäischen Bankenlandschaft. Während Paypal als US-Unternehmen einheitlich in ganz Europa agiert, kämpfen europäische Initiativen mit nationalen Egoismen. Ursprünglich sollten 31 Banken an Wero teilnehmen, doch zwischen 2020 und 2024 zogen sich Länder wie Italien und Spanien zurück; deutsche Großbanken wie die Deutsche Bank, die Commerzbank und die DKB beteiligen sich bisher nicht an Wero(öffnet im neuen Fenster) .
Klarna: Etabliert, aber begrenzt
Klarna hat als einzige europäische Alternative eine relevante Marktposition erreicht. Das schwedische Unternehmen hat sich vom Buy-Now-Pay-Later-Anbieter zu einem umfassenden Zahlungsdienstleister entwickelt. Mit der Klarna Card und integrierten Banking-Funktionen bietet es ein vollwertiges Fintech-Ökosystem.
Doch auch Klarna leidet unter der Dominanz von Paypal. Der Dienst ist nur in sechs der größten zehn deutschen Online-Shops verfügbar, weniger als Paypal. Zudem konzentriert sich Klarna vorwiegend auf E-Commerce und kann die Universalität von Paypal als P2P-Zahlungslösung nicht ersetzen. Schließlich hat Klarna selbst mit operativen Herausforderungen in seinem Geschäftsmodell und seinen Geschäftspraktiken zu kämpfen.
Mobile Wallets als neue Konkurrenz
Apple Pay und Google Pay haben sich als ernsthafte Konkurrenten etabliert. In der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen, die mobiles Bezahlen nutzen, liegt der Anteil von Apple Pay bei 35 Prozent. Bei allen Nutzern von Mobile Payment liegt Apple Pay mit 28 Prozent vor Google Pay mit 25 Prozent(öffnet im neuen Fenster) .
Die Stärke beider Dienste liegt in der Integration in die jeweiligen Smartphone-Ökosysteme. Während Apple Pay auf allen Apple-Geräten funktioniert, läuft Google Pay auf über 3,5 Milliarden Android-Geräten weltweit. Beide Dienste profitieren davon, dass sie auf die bereits vorhandene Kreditkarten-Infrastruktur aufsetzen und keine neue Zahlungsinfrastruktur benötigen.
Doch die mobile Konkurrenz hat Grenzen. Apple Pay funktioniert nur im Apple-Ökosystem und Google Pay vorwiegend auf Android-Geräten. Wer als Händler nur einen der beiden Dienste anbietet, schließt automatisch große Kundengruppen aus. Aktuell bieten sechs der zehn größten Händler Apple Pay und vier Google Pay für Zahlungen in ihrem Onlineshop an. Paypal hingegen ist plattformunabhängig und erreicht alle Internetnutzer.
Der Autor meint: Digitale Souveränität als Staatsaufgabe
Das Paypal-Chaos hat deutlich gemacht, dass die Abhängigkeit Deutschlands von US-Zahlungsdienstleistern ein Sicherheitsrisiko darstellt. Politiker und Medien fordern bereits eine stärkere Unterstützung europäischer Alternativen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sich so viele Parteien mit unterschiedlichen Interessen auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können.
Ohne koordinierte Anstrengungen aller europäischen Akteure wird die Dominanz von Paypal weiter wachsen. Zumal die deutsche Bankenlandschaft nicht unbedingt für moderne IT-Systeme bekannt ist und es auch hier immer wieder Einschränkungen bei der Erreichbarkeit gibt.
Die größte Gefahr für Paypals Dominanz auf dem deutschen Markt geht wohl von den noch größeren US-Tech-Giganten Apple und Google aus. Paypal dürfte vorerst mit einem blauen Auge davonkommen. Dass solche vereinzelten Ausfälle von den Kunden verziehen werden, haben ähnliche Vorfälle bei Services wie Microsoft 365, Instagram oder Whatsapp gezeigt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Kunden von einem Service wirklich überzeugt sind. Die Marktanteile verraten, dass dies im Fall von Paypal gegeben sein dürfte.
Florian Hainzl ist Diplom-Betriebswirt (FH) und arbeitet als Business Intelligence Entwickler bei einem mittelständischen Hersteller im Bereich Messtechnik. Daneben schreibt er seit 2019 als freier Finanzjournalist.
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